II Der Verfasser des ›Alphabetum‹ und seine Motive
Druckseiten 27–94
ἐπειδὴ γὰρ ἐγὼ, καίπερ γερμανὸς τὸ γένος, ἤτοι ἀλεμανὸς, ὢν, τὴν παλαιὰν ὑμῶν γλῶσσαν, ἐκ διδασκάλων ἐμψύχων τε καὶ ἀψύχων, μετρίως ἔμαθον. Mh 466.1, pag. 69: Crusius an Ioannes Zygomalas, 21.1.1575
1 Ein Humanist und sein spezielles Verhältnis zur griechischen Sprache
Der Verfasser des erwähnten lexikographischen Werkes, Martin Crusius, war seinerzeit »professor utriusque linguae« (Griechisch und Latein) an der Universität Tübingen1. Die griechische Sprache stellte für Crusius nicht nur den Gegenstand seiner beruflichen bzw. akademischen Tätigkeit dar; seine überaus guten Griechischkenntnisse waren für seine Zeit äußerst ungewöhnlich: »In gründlicher Kenntnis der griechischen Sprache, die er in mündlichem und schriftlichem Gebrauch gerne neben dem Latein anwandte, war er einer der ersten seiner Zeit. Dank einem guten Gedächtnis und einem außergewöhnlichen Fleiß erwarb er sich bald eine erstaunliche Fertigkeit in derS. 28 Handhabung des Griechischen« (WILHELMI 1980: 25)2.
Die Beschäftigung mit der griechischen Sprache war für Crusius außerordentlich wichtig: »Seine […] erklärte Liebe zur griechischen Sprache ist die wichtigste Konstante seines Lebens« (LUDWIG 1998a: 34). Crusius hat das Griechische für jede erdenkliche Gelegenheit3 benutzt, auch für manches, was aus heutiger Sicht unter die Rubrik ›Kuriosität‹ fallen würde: »Eine Kuriosität stellen die fast 7000 griechischen Predigten dar, die Crusius im Laufe der Jahrzehnte niedergeschrieben hat. Es handelt sich hier um Predigten, die in der Tübinger Stiftskirche in deutscher Sprache gehalten wurden. Crusius schrieb während beinahe 50 Jahren fast alle Predigten mit: simultan auf Griechisch, Mitschriften oder – zutreffender – Resumèes von erstaunlicher Präzision.« (WILHELMI 1997: 7)4.
Gerade mit seiner Produktion von griechischen Predigtnachschriften bestätigt Crusius meines Erachtens die zentrale Rolle des Griechischen für die Auslegung der Bibel im Rahmen des Luthertums dieser Zeit, die in der Forschung bereits mehrmals hervorgehoben wurde und hier nicht näher erläutert werden muss und kann. Man kann S. 29diese literarische Produktion in griechischer Sprache aus heutiger Sicht auch als »einzigartige Verbindung von Luthertum und humanistischem Sprachfetischismus« (CANCIK 1999: 262) ansehen, derartige heutige Wertungen vergessen jedoch oftmals eine für die damalige Zeit wichtige Tatsache: »Griechisch ist für ihn [scil. Crusius] und für viele seiner humanistischen Zeitgenossen nicht nur ein Gegenstand des Studiums, sondern auch ein wichtiger Teil des übrigen Lebens.« (LUDWIG 1998a: 82). Richtig ist aber, dass Crusius in seiner Begeisterung für die griechische Sprache nur von sehr wenigen Zeitgenossen, wenn überhaupt, übertroffen wird.
Im Bereich des Faches, das Crusius an der Universität Tübingen vertreten hat, der heutigen Klassischen Philologie (der die meisten seiner zahlreichen Veröffentlichungen zuzuordnen sind, s. oben Kap. I S. 22, Anm. 25) hat sein Werk keine bedeutende Wirkung gehabt: »Sein im engeren Sinne philologisches Oeuvre ist schmal und ohne Bedeutung« (CANCIK 1999: 264)5, in der Geschichte dieser Disziplin bleibt er heute eher eine Randfigur6. Otto KRESTEN hat in der Einleitung zur Edition eines Dokuments aus Crusius’ Nachlass7 die Bereiche genannt, in denen die Arbeiten und Leistungen von Crusius bis heute von erheblicher Wichtigkeit für die Wissenschaft sind: »Crusius’ Bedeutung liegt vielmehr darin, dass sein Interesse für das Griechentum nicht einfach mit der klassischen Gräzität endete, sondern sichS. 30 auch auf das Griechenland des 16. Jh. erstreckte.« (1970a: 17).8
Die ›pedantische‹ Gewohnheit des Crusius, über fast alles schriftliche Notizen im Sinne eines Archivs zu machen9, hat sich tatsächlich als unschätzbare Quelle für die Erforschung von historischen Ereignissen erwiesen, deren Zeuge er selbst war10. Crusius selbst hat zwar mit seinen »Annales Suevici« (s. dazu BRENDLE 2001) ein historiographisches Werk geliefert, aber an erster Stelle ist der theologische Dialog zwischen der Württembergischen Kirche und dem Patriarchen Jeremias II. von Konstantinopel (in den Jahren 1573-1581), der mit Hilfe der Aufzeichnungen von Crusius im Detail erforscht wurde (WENDEBOURG 1986)11, anzuführen. Dank dieses Dialogs hatte Crusius die Gelegenheit, eine umfangreiche private Korrespondenz mit griechischen Gelehrten zu führen.
S. 31Auf diese Weise hatte Crusius Zugang zu Informationen, die es ihm überhaupt erlaubt haben, seinen Blick auf einen Bereich zu richten, der normalerweise die Humanisten seiner Zeit überhaupt nicht interessiert hat: das ›zeitgenössische Griechentum‹. Dank der im Rahmen des Dialogs aufgenommenen Kontakte in Konstantinopel und mit Hilfe seiner umfangreichen Korrespondenz hat er mit ungebrochener Beharrlichkeit diesbezügliches Material gesammelt, von Venezianer Volksdrucken und Handschriften sowie Exempla von privaten Briefen in der ›vulgaris lingua graeca‹ bis hin zu Bildern und von ihm selbst nach Erzählungen von Griechen gezeichneten Skizzen der Klöster auf dem Berg Athos (HARLFINGER 1998: 308-9 [Tafel 2 und 3]).
KRESTEN (1970a: 17) hat die Breite und den Umfang dieser Beschäftigung sowie Crusius’ außergewöhnliche Stellung in seiner Zeit bereits vor über 30 Jahren betont: »Diese Bemühungen gehen weit über jene Kontakte hinaus, die viele der westlichen Humanisten mit emigrierten Griechen unterhielten. Sie wurzeln in einer tiefen Zuneigung dieses Mannes zu griechischer Kultur und zu griechischem Geiste. Es ist daher wohl nicht übertrieben, Crusius als ersten deutschen Philhellenen im modernen Sinne dieses Wortes zu bezeichnen.«
Der »moderne Sinn« des Wortes ›Philhellene‹, der eine solche Zuneigung zu »griechischer Kultur und zu griechischem Geiste« aller Zeiten umfasst (und legitimiert), ist zumindest in der deutschen Sprache12 eng mit dem griechischen Unabhängigkeitskrieg des 19. Jh. verbunden13; in dieser Zeit hat sich in sehr vielen europäischen Staaten S. 32(und auch in den jungen USA) eine gesellschaftliche Massenbewegung – gefördert erheblich vom Geist der Romantik14 – geformt, die sehr aktiv15 diesen Unabhängigkeitskampf unterstützt hat.
Diese Massenbewegung der ›Philhellenen‹ ist unter dem Begriff ›Philhellenismus‹ bekannt. In einem solchen gesellschaftlichen Milieu und als Teil der ›philhellenischen‹ Schriftproduktion16 hat sich zur gleichen Zeit eine literarische Strömung manifestiert, die sich u. a. mit der Erforschung der jungen neugriechischen literarischen Produktion17 beschäftigt hat. Dies ist etwas Neues, denn bis dato hatten sich die europäischen Gelehrten normalerweise18 nur mit der antiken Sprache und Kultur auseinandergesetzt und sich von ihr inspirieren lassen. Eine sehr intensive Beschäftigung mit dem ›modernen‹ Griechenland, die sich an das Studium der antiken Sprache und Literatur anschließt, lässt sich also in Europa erst in diesem Jahrhundert erkennen; ob sie ohne den griechischen Unabhängigkeitskampf zustande gekommen wäre, ist meines Erachtens zu bezweifeln.
S. 33Die Tätigkeiten des ›Einzelgängers‹ Crusius im 16. Jh. ähneln denen der ›Philhellenen‹ des 19. Jh. sehr, denn nur in seiner Person vereint sich im 16. Jh. das intensive Interesse an dem antiken und modernen ›Griechentum‹. Das Erkennen eines ›Philhellenen‹ in Crusius’ Person – obwohl Crusius nichts von einem Unabhängigkeitskampf wusste, einfach weil es einen solchen Kampf in dieser Zeit nicht gegeben hat – prägt schon seit den Anfängen des 20. Jahrhundertes die Forschung über ihn und wurde mehrmals als Motiv für seine Tätigkeiten angesehen. Crusius zeigte tatsächlich ein reges Interesse an den ›versklavten Christen‹ im Osmanischen Reich, dies hängt jedoch mit der aktuellen politischen Situation in Europa zusammen und muss auf einer anderen Ebene interpretiert werden.
Im Folgenden werden wir uns dieser ›Philhellenia‹, wie Crusius selbst sie nannte, widmen.
1.1 Crusius’ ›Philhellenia‹
Dass Crusius ein ›Philhellene‹ sei, ist unumstritten; wenn man nur in ein Paar Seiten seiner Tagebücher oder Veröffentlichungen blättert, wird man unweigerlich auf den griechischen Begriff φιλέλλην oder φιλελληνία treffen: diese Selbstbezeichnung, deren genaue Eigenschaften wir im Folgenden zu definieren haben, stellt meines Erachtens für Crusius einen extrem wichtigen Teil seines Selbstverständnisses, ja seiner Existenz dar. Wie lässt sich aber diese ›Liebe zu den Griechen19‹ (hier als Übersetzung des wohl von Crusius geschaffenen agr. φιλελληνία20 zu verstehen und in Anlehnung an die frühere Literatur) S. 34im 16. Jh. erklären? Diese Frage ist berechtigt, da zu Crusius’ Zeiten der Anreiz des griechischen Unabhängigkeitskampfes, der für die Philhellenen des 19. Jh. und deren Interessen maßgebend, ja die notwendige Voraussetzung war, überhaupt nicht vorhanden ist.
Der Forscher, der sich heute mit dem umfangreichen lexikographischen Werk des Crusius’ auseinanderzusetzen versucht und die Entstehungsgeschichte dieses Werkes erleuchten will, darf diese wichtige Frage nicht ignorieren. Er muss sie sogar präzisieren bzw. um andere Fragen nach Crusius’ angeblichen oder tatsächlichen ›Philhellenismus‹ erweitern. Wenn Crusius z. B. tatsächlich keinen externen Anreiz für seine außergewöhnlich intensive Beschäftigung mit dem ›zeitgenössischen Griechentum‹ gebraucht hätte, dann wäre er vielleicht Philhellene gewissermaßen ›von Geburt an‹. Oder könnte es sich um eine persönliche emotionale Disposition (im Sinne einer Besessenheit von allem, was mit der griechischen Sprache zu tun hat) des Crusius’ handeln, wie von WENDEBOURG (1994) vorgeschlagen wurde?
Gab es aber tatsächliche keine Anreize im 16. Jh., die Crusius zu dieser Beschäftigung hätten motivieren können? Wenn man Crusius’ ›Philhellenia‹ genauso wie die vielschichtige Massenbewegung des Philhellenismus’ im 19. Jh. behandelt, so werden seine Tätigkeiten unter der Voraussetzung seines vermeintlichen Philhellenismus als etwas für einen Philhellenen ›Selbstverständliches‹ eingestuft: die Suche nach externen Anreizen in Crusius’ Gegenwart wird entweder vernachlässigt oder sogar überhaupt nicht angestrebt, denn Crusius als der ›erste Philhellene‹ passt durchaus in das Bild der Philhellenen, das einige Forscher in früheren Jahren gepflegt haben.
1.1.1 Die bisherige Forschung
S. 35Die ältere Forschung (vor 1990) sah fast ohne Ausnahme in Crusius’ ›zeitgenössischen griechischen Studien‹ die Konsequenz seines ›Philhellenismus‹. Diese Ansicht wurde durch entsprechende Sekundärliteratur gestützt, deren wichtigste Arbeiten im Folgenden präsentiert und ausgewertet werden. Unsere Analyse zielt auf die Herausarbeitung der Hypothese, dass diese Interpretation unbefriedigend ist und dass wir nach anderen Motiven für Crusius’ Beschäftigung mit dem »Griechenland des 16. Jh.« insgesamt und seine lexikographischen Arbeiten21 speziell suchen müssen. Es wird sich zeigen, dass die Muster des 19. nicht für das 16. Jh. übernommen werden müssen, das 16. Jh. liefert andere Anreize für die Beschäftigung mit dem ›zeitgenössischen Griechentum‹. a. Die Anfänge und die Untermauerung der ›philhellenischen‹ These Am Anfang des vergangenen Jahrhunderts hat der Konstantinopolitaner Gelehrte Vassilios MYSTAKIDIS, der selbst in Tübingen studiert hatte, als erster Material über Crusius’ ›zeitgenössische griechische Studien‹ in mehreren Arbeiten bekannt gemacht und bisher unbekanntes Material herausgegeben22. MYSTAKIDIS selbst sah als eine Errungenschaft seiner diesbezüglichen Publikationen die Herausarbeitung der Tatsache, dass Crusius der »eifrigste« Philhellene im 16. Jh. S. 36war23; seine Arbeiten hätten gewiss als Anfangspunkt einer fundierten Untersuchung des primären Materials dienen können, natürlich auf der Basis einer erneuten Sichtung und Auswertung des von ihm nur in Auszügen herausgegebenen oder zitierten handschriftlichen Materials24, mit dem Ziel, Crusius’ Rolle im 16. Jh. für die Beschäftigung mit dem ›zeitgenössischen Griechentum‹ und dessen Sprache zu erleuchten.
Dieser Aufgabe hat sich im Jahr 1941 der griechische Theologe George Elias ZACHARIADES gewidmet. Obwohl der erwähnte theologische Dialog zwischen der Württembergischen Kirche und dem Patriarchat von Konstantinopel im 16. Jh. ZACHARIADES’ Ausgangspunkt darstellt, ist der größte (und originelle) Teil seiner Arbeit der Person Crusius’ und seinem ›Philhellenismus‹ gewidmet. Diese Arbeit mit dem Titel Tübingen und Konstantinopel. Martin Crusius und seine Verhandlungen mit der Griechisch-Orthodoxen Kirche25 ist, was die historischen Ereignisse dieser Zeit angeht, für den heutigen Forscher eher bedeutungslos26. In jeglicher Hinsicht entpuppt sich diese Untersuchung als eine größtenteils zusammenhanglose Anhäufung von S. 37Zitaten aus Crusius’ Schriften und übrigem Material: die einzige erkennbare Methode ist die Darstellung einer vorgefertigten ideologischen27 Interpretation von Crusius’ Absichten und den mit ihm verbundenen Ereignissen seiner Zeit, die ohne wesentliche Argumentation als ›bewiesene Wahrheit‹ präsentiert wird.
Es ist im dritten Kapitel (›Der Tübinger Vorkämpfer des Philhellenismus Martin Crusius‹) jener Arbeit, wo die These aufgestellt wird, dass Crusius (»zweifellos der größte Hellenist des 16. Jh.« [ZACHARIADES 1941: 51]) mehr oder weniger als Wegbereiter des Philhellenismus des 19. Jh.’s anzusehen sei28. Diese idealisierende, im Wesentlichen auf Crusius’ Selbstbezeichnung als ›Philhellene‹ basierende, mit den tatsächlichen historischen Umständen auf gar keine Fall zu vereinbarende und letzten Endes nirgendwo in dieser Untersuchung wirklich bewiesene Ansicht29 hat sich hartnäckig bis zur heutigen Zeit in der Forschung über Crusius etabliert.
S. 38ZACHARIADES’ These wurde jedoch nicht direkt, sondern durch den vielzitierten Artikel von Semni KAROUSOU mit dem Titel ›Martin Crusius, der erste Philhellene‹ (1973a)30 von der späteren Forschung rezipiert. KAROUSOU sieht in Crusius’ Person ebenfalls einen Wegbereiter anderer berühmter Philhellenen des 19. Jh.: »Zweieinhalb Jahrhunderte vor Lord Byron und der großen philhellenischen Welle am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts wagte er es, energisch für die griechische Nation einzutreten [Hervorhebung P. T.]« (1973a: 119, direkt im Anschluss an den hier gleich unten zitierten Absatz).
Crusius’ eigene Bezeichnung als ›Philhellene‹ wird hier auch angesprochen:
»Er war fast ein Philhellene von Geburt. ›Ich liebe das Griechische seit meiner Kindheit‹, schreibt er einmal, und anderswo meint er, dass die ständige Philhellenia ihn nicht in Ruhe lasse. ›Ich von Geburt Deutscher, habe nämlich immer die griechische Stimme geliebt und werde sie immer lieben.‹ ›Ich leide mit Euch‹, sagte er einmal, und in einem Brief an Theodosios Zygomalas zeigt er sich tief gerührt, weil sein Freund ihn beneidet um ein unschätzbares ›Ding‹ – die Freiheit. Crusius nannte sich auch selbst einen ›Philhellenen‹, bis zur ›Unersättlichkeit‹. Die griechischen Historiker der neueren Geschichte gehen weiter: sie nennen ihn den ersten Philhellenen der westlichen Welt. …« (1973a: 119).
Diese langen Zitate werden hier wiedergegeben, um zu zeigen, dass der allgemeine Tenor dreißig Jahre nach ZACHARIADES (1941) und S. 39trotz inzwischen vorhandener realistischerer Arbeiten (PFEIFFER 1968 und KRESTEN 1970a z.B. werden von Karousou nicht erwähnt) im Wesentlichen gleich bleibt. Gestützt auf MYSTAKIDIS und ZACHARIADES übermittelt KAROUSOU in ihren beiden Aufsätzen ebenfalls ein idealisierendes Bild des Crusius’; darin zieht sie eine Kontinuitätslinie zwischen ihm und Byron oder Hölderlin31 im 19. Jh. Auch für ihre Zeit war eine solche ideologische32 Auffassung möglicherweise unvermeidlich33, was uns aber hier interessiert, ist die Tatsache, dass Crusius ab diesem Zeitpunkt sehr häufig in der Literatur mit Verweis auf diesen Artikel endgültig als der ›erste deutsche Philhellene‹ angeführt wird34.
Dies hat dazu geführt, dass Crusius als Inbegriff des ›Philhellenen‹ verstanden wurde; seine, für seine Zeit völlig außergewöhnlichen, frühneugriechischen Studien wurden von den Forschern unter die Rubrik ›Philhellenismus‹ geordnet, was dazu führte, dass sie vor dem Hintergrund dieser bekannten ›Philhellenismus‹-Studien als ›normal‹ angesehen wurden, was seinerseits zu einer Stagnation der Forschung bezüglich dieser Studien und des daraus entstandenen Materials S. 40geführt hat35. Da Crusius obendrein sowieso »sicher mehr geschrieben [hat], als andere jemals lesen können« (CANCIK 1999: 280) und das meiste unveröffentlicht blieb, begnügte man sich mit den vorhandenen älteren Interpretationen seiner Person und seines Werkes und mit bereits veröffentlichten Zitaten aus Crusius’ Schriften. b. Die mögliche Irreführung durch das primäre Material Bevor wir uns mit der Problematik der Bezeichnung ›erster Philhellene‹ beschäftigen, ist es meines Erachtens angebracht herauszuarbeiten, aus welchen Gründen diese Forscher zu solchen Ergebnissen gekommen sind. Den wichtigen Aspekt einer ideologiegebunden Interpretation von historischen Ereignissen haben wir bereits angesprochen, im Folgenden soll der philologisch-textinterpretatorische Aspekt genauer herausgestellt werden. Als Beispiel haben wir einen Auszug aus einem griechischen Brief des Crusius’ in seiner Turcograecia ausgewählt:
πρὸ πολλοῦ μὲν ἤδη σπουδάσας, γνώριμός τινι τῶν ἐνετίησι διαγόντων ἑλλήνων γενέσθαι: τῆς μου προθέσεως ἀπέτυχον μέχρι δεῦρο οὐκ εἰδὼς τὸ αἴτιον, τί. ἔπειτα δὲ, πυθόμενος τὰ περὶ σου, σοφώτατε ἄνερ: ὡς ἕλληνός τε τὸ γένος ὄντος, καὶ τῆς ἑλληνικῆς παιδείας εὖ μάλα ἔχοντος, καὶ ἐν γενέβη ταύτης προεστῶτος σφόδρα ἐχάρην, ἐλπίζων, εἰ μὴ ἐκεῖθεν, ἐντεῦθεν γοῦν τοῦ προκειμένου ἐπήβολος γενήσεσθαι […] ἐπιθυμῶ τοίνυν, λογιώτατε κύριε, ὑπὸ σοῦ γνωσθῆναι: ὡς τῆς ἑλλάδος φωνῆς, καὶ τοῦ ἑλληνικοῦ ἔθνους (φεῦ τῆς αὐτοῦ ὑπὸ τοῖς βαρβάροις δουλείας) θαυμαστής τε καὶ φίλος, ὡς οὐδεὶς τῶν ὁμοεθνῶν μᾶλλον. (Turcograecia pag. 516, Crusius an Franciscus Portus, 2.9.1570)
Dies ist der erste Brief im Buch VIII der Turcograecia36. Der Empfänger ist Franciscus Portus aus Kreta, seinerzeit Professor für Griechisch S. 41an der Universität Genf37. Dieser Brief stammt nach Crusius’ Angaben38 aus dem Jahr 1570, drei Jahre vor dem erwähnten theologischen Dialog und ein Jahr vor Crusius’ nachgewiesenem Anfang des Erlernens der frühneugriechischen Sprache39.
Crusius wünscht sich die Kontaktaufnahme mit ›Griechen‹ (ἐπιθυμία τοῦ γνωσθῆναι ἀνδρὶ ἕλληνι, marginaler Nebentitel am Anfang des Brieftextes); ein erster Versuch in Venedig blieb erfolglos, er wendet sich jetzt an Portus, von dessen griechischer Abstammung (ὡς ἕλληνός τε τὸ γένος) und hoher klassischer Bildung (τῆς ἑλληνικῆς παιδείας εὖ μάλα ἔχοντος) und Position an der Universität Genf er erfahren hatte, mit dem Ziel, seine Bekanntschaft zu machen. Er sei ein Verehrer und Liebhaber (θαυμαστὴς καὶ φίλος) der hellenischen Sprache (τῆς ἑλλάδος φωνῆς) und des hellenischen Volkes (τοῦ ἑλληνικοῦ ἔθνους) wie kein anderer seiner Landsleute (ὡς οὐδεὶς τῶν ὁμοεθνῶν μᾶλλον), dies ist auch der Grund dieser Kontaktaufnahme bzw. dieses Freundschaftsersuchens. Rhetorisch wird dieser Grund mit der in Klammern gesetzten Apostrophe φεῦ τῆς αὐτοῦ (scil. ἑλλ. ἔθνους) ὑπὸ τοῖς βαρβάροις δουλείας in ihrer Kraft erheblich gestärkt, der Gedanke schmerzhaften Mitleids ist in der parallelen lateinischen Übersetzung cuius sub Barbaris servitutem, crebro et magnopere doleo vielleicht noch stärker ausgedrückt.
Die Unterscheidung zwischen ›Griechen‹ einerseits (ἐπιθυμία τοῦ γνωσθῆναι ἀνδρὶ ἕλληνι / ὡς ἕλληνός τε τὸ γένος ὄντος) – in Bezug auf S. 42Crusius’ Wunsch zur Kontaktaufnahme mit zeitgenössischen ›Griechen‹ – und ›Hellenen‹ (τοῦ ἑλληνικοῦ ἔθνους) bzw. ›hellenischen‹ Sprache (τῆς ἑλλάδος φωνῆς) andererseits – in Bezug auf die Antike – ist hier beabsichtigt bzw. stellt einen ersten interpretatorischen Schritt dar; mit einer solchen Unterscheidung läuft man nicht Gefahr, die beiden Begriffe, die in Crusius’ Griechisch nicht unterschiedlich, sondern beide mit dem Substantiv ἕλλην bzw. dem Adjektiv ἑλληνικός -ή -όν ausgedrückt werden, als gleich zu behandeln.
Wir wissen nämlich sehr genau, dass Crusius auch in dieser Zeit, vor dem Anfang des theologischen Dialogs, von der Existenz griechischsprachiger Menschen im Osmanischen Reich Kenntnis hatte. Im Jahr 1557 war er sogar bereits in Memmingen einem solchen versklavten und sich auf einer Bettelreise befindenden ›Griechen‹ begegnet und hatte mit ihm einige Stunden verbracht40. Die Sprache dieses Griechen, die er damals wahrscheinlich zum ersten Mal gehört hatte, nennt er »hodiernam corruptam Graecam linguam« (GH 1), mit anderen Worten, er identifiziert sie als eine »verdorbene Form der griechischen Sprache«. Obendrein ist in protestantischen Kreisen die Existenz der orthodoxen Kirche in Konstantinopel bekannt, schließlich gab es bereits erste fruchtlose Kontaktversuche41.
Auch Venedig als Aufenthaltsort dieser Griechen war ihm bekannt, weil er bereits im Jahre 1564 Venezianer Volksdrucke als Geschenk von Tübinger Bekannten aus Venedig bekommen hatte42. Aus diesen Drucken kann Crusius die Schlussfolgerung ziehen, dass in Venedig tatsächlich Griechen leben. Es ist mit Hilfe dieser Volksdrucke, dass er ein Jahr nach diesem Brief (1571) zum ersten Mal die ›vulgaris lingua S. 43graeca‹ zu erlernen versucht. Die Kontaktaufnahme in Venedig blieb erfolglos, der in Genf lebende griechische Kollege (Professor des Griechischen) stellt gewiss eine vielversprechende Alternative dar.
Dass mit dem Begriff τὸ ἑλληνικὸν ἔθνος hingegen nicht diese ›Griechen‹, sondern die ›Hellenen‹ der Antike gemeint sind, und dass diese Hellenen erstmal die Verehrung und Liebe des Crusius’ haben, kann an dieser Stelle als sicher gelten. Im umgekehrten Fall würde die Verbindung mit der ἑλλάδος φωνή (die ohne jeglichen Zweifel43 hier für die antike griechische Sprache, die Crusius in Tübingen lehrt, steht) suggerieren, dass Crusius davon ausgeht, dass alle Griechen in seiner Zeit immer noch diese Sprache sprechen. Wie wir aber gerade gesehen haben, ist dies nicht der Fall.
Bei den erwähnten ὁμοεθνεῖς kann es sich demgemäß nur um andere deutsche Humanisten handeln, die ebenfalls die griechische Sprache beherrschen und die antike griechische Kultur verehren. Crusius versteht sich als der größte Verehrer (θαυμαστής) und Liebhaber (φίλος) unter seinesgleichen, aus diesem Grund wünscht er den Kontakt mit Portus, einem überaus gebildeten Herren (λογιώτατε κύριε). Hier versucht also Crusius, der deutsche Liebhaber der antiken Hellenen (oder mit Crusius’ eigenen Worten ausgedrückt, ein φιλέλλην) die Freundschaft eines griechischen Zeitgenossen, der obendrein genau wie er die griechische Sprache lehrt, zu gewinnen und teilt ihm diesen Wunsch brieflich mit.
Crusius betrachtet in der Tat jenen klassisch gebildeten Griechen und auch seine ungebildeten Zeitgenossen als Nachkommen der von ihm verehrten antiken. Er spricht nicht Crusius selbst laut und deutlich diese Tatsache an, wenn er von der »Gefangenschaft« (φεῦ τῆς δουλείας) dieser Hellenen unter den Barbaren (den osmanischen Türken) in seiner Apostrophe redet. Warum genau Crusius den S. 44Kontakt zu den zu seiner Zeit lebenden Griechen sucht, hat er selbst präziser an anderer Stelle seines Tagebuches erklärt: θαυμαστός με τῆς φωνῆς αὐτῆς, καὶ τῶν αὐτὴν ἐκ φύσεως ἐχόντων, ἔρως ἔχει (Mh 466.1, p. 69, Brief des Crusius’ an Ioannes Zygomalas, 21.1.1575). Im Mittelpunkt steht also immer die griechische Sprache und ihre ›natürlichen‹ Sprecher.
KAROUSOU 1973b: 36 zitiert in der griechischen Übersetzung ihres deutschen Aufsatzes genau diese Stelle aus der Turcograecia in der Originalsprache (»τῆς Ἑλλάδος φωνῆς καὶ τοῦ Ἑλληνικοῦ ἔθνους ... ὡς οὐδείς τῶν ὁμοεθνῶν«) als Beweis für Crusius’ unübertroffene φιλελληνία. Im entsprechenden Absatz des ursprünglichen deutschen Textes, der wie gesagt als Vortrag an der Universität Tübingen gehalten wurde44, lesen wir jedoch nur: »Ich von Geburt Deutscher, habe nämlich immer die griechische Stimme geliebt und werde sie immer lieben«. Die ›heikle‹ Übersetzung des ἑλληνικὸν ἔθνος ins Deutsche wird ganz ausgelassen, der griechische Leser kann hingegen seine eigene Interpretation leisten45.
In Crusius’ Äußerungen Beweise für die Kontinuität der griechischen Nation zu suchen, heißt nichts anderes, als die damalige Zeit nach späteren (bzw. heutigen) Kriterien zu interpretieren. Vor Jakob Philipps Fallmerayers Geschichte der Halbinsel Morea während des Mittelalters (1830) und der Infragestellung der Abstammung der Neugriechen46 ist jegliche derartige Diskussion sowieso zumindest neutral und von jeglicher nationalen Ideologie frei. Im 16. Jh. haben S. 45mit dem ersten Aufkommen der nationalen Selbstidentitäten sowieso solche Meinungen oder auch Feststellungen nicht sehr viel zu bedeuten.
Crusius kann sehr gut – befreit von heutigen Ideologien – die Ansicht vertreten, dass die heutigen Griechen, die eine korrupte Form des Griechischen sprechen, direkte – aber mit Sicherheit inzwischen barbarisierte – Nachkommen der antiken Hellenen sind: der Grund dieser Barbarisierung liegt auch für ihn eindeutig auf der Hand: es sind die Antichristen seiner Zeit, die Osmanen, die für diese Barbarei gesorgt haben. Diese Feststellung hat außerhalb dieser Zeit und des spezifischen kulturhistorischen Rahmens keine Wirksamkeit, ihre Übertragung auf die historischen Ereignisse des 19. Jh.s’ wird schlicht und einfach nicht den Tatsachen gerecht und ist meiner Meinung nach weder legitim noch legitimiert. c. Die Problematik der Bezeichnung ›erster Philhellene Europas‹ Die Problematik der Bezeichnung ›erster deutsche Philhellene‹ liegt in der Tatsache, dass der Begriff ›Philhellene‹ bzw. ›Philhellenismus‹ in der deutschen Sprache vom griechischen Freiheitskampf des 19. Jh. in der Zeit der Romantik47 so stark geprägt worden ist, dass manche Forscher, die sonst sehr kompetente Analysen von Teilaspekten des Werkes von Crusius liefern, es nicht lassen können – motiviert durch die Bezeichnung ›erster deutsche Philhellene‹ –, unhistorische Schlussfolgerungen über Crusius und seine Zeit zu ziehen: »Andererseits ist er [scil. Crusius] nicht nur der Historiograph Schwabens, sondern mit der GermanoGraecia und TurcoGraecia eine wichtige Quelle für die S. 46Geschichte Südosteuropas, der Reformation auf dem Balkan, den Kampf der Griechen gegen die Türken und das Echo, das dieser Religions- und Befreiungskrieg bei den Gelehrten Westeuropas hervorrief [Hervorhebung P. T.].« (CANCIK 1999: 281)48.
Dies mag eine vereinzelte Fehleinschätzung darstellen; aber auch in der neuesten und in den letzten Jahren einzigen Monographie über Crusius (SUCHLAND 2001, eine Dissertation an der Universität Würzburg) ist seine philhellenische Identität nicht nur im Titel (›… des Tübinger Philhellenen Martin Crusius …‹), sondern auch im Inhalt fest verankert.49.
In einem solchen Rahmen wird Crusius’ Interesse am zeitgenössischen Griechentum folgendermaßen beschrieben: »Die ›neuere‹ byzantinische Geschichte interessierte ihn [scil. Crusius] nicht weniger als die ältere Historie, und bei seinem persönlichen Kontakt mit Byzantinern konnten ihn weder deren soziale Probleme verborgen bleiben noch ihre kulturelle Situation im Osmanischen Reich.« (SUCHLAND 2001: 9). Diese hier genannten »Byzantiner« sind die Angehörigen des S. 47Patriarchats, mit denen Crusius korrespondiert, die »sozialen Probleme« und die »kulturelle Situation« der griechischen Christen im Osmanischen Reich sind allen Lesern bekannt, schließlich gelang es den Griechen im 19. Jh. mit ihrem Freiheitskampf sie zu überwinden.
MYGDALIS (1992) spricht eine weitere Komponente dieses Philhellenismus des Crusius an: die Liebe zu den zeitgenössischen Griechen als Mitchristen. Er weist auf eine Selbstbezeichnung des Crusius als »χριστιανὸς φιλέλλην« hin50, leider aber ohne die Quelle dieses Zitats zu nennen, so dass eine Überprüfung seiner Angaben und des Kontexts, in dem sie Crusius gemacht haben soll, nicht möglich ist51. Seine im direkt vorangehenden Satz angeführte Darstellung des theologischen Dialogs (»Die Universität Tübingen sandte den jungen Stephan Gerlach (1546-1612) nach Konstantinopel, um sich über die griechischen Verhältnisse zu orientieren« [1962: 63]), hat jedoch mit den tatsächlichen Ereignissen nichts zu tun, das Gleiche gilt ebenfalls für die Zuordnung der Bezeichnung ›Philhellene‹ zu S. Gerlach an gleicher Stelle.52
1.1.2 ›Philhellenia‹ statt ›Philhellenismus‹
Angesichts solcher Urteile aus bisherigen Untersuchungen von Crusius’ ›Philhellenismus‹ ist es meines Erachtens angebracht, Crusius’ Selbstbezeichnung als ›Philhellene‹ (φιλέλλην) bzw. seine ›Philhellenia‹ (φιλελληνία) etwas differenzierter zu betrachten. Das Ziel wird es sein zu zeigen, dass der Philhellenismus als in der Forschung etablierter Begriff, der eine Massenbewegung in der europäischen GesellschaftS. 48 des 19. Jh. beschreibt, für Crusius und seine Zeit nur teilweise gebraucht werden kann. Angesichts der Assoziationen53, die dieser Terminus quasi von alleine hervorruft, sollte er sogar vielleicht für diese Zeit ganz vermieden werden54. Nicht alle Philhellenen des 19. Jh., die im Rahmen des damaligen Philhellenismus aktiv tätig waren, teilen die gleichen Motive mit Crusius und anderen Gelehrten mit gleichen oder ähnlichen Interessen im 16. Jh.55
Bevor man aber den eben genannten Forschern gänzlich Unrecht gibt56, muss man sagen, dass es keine verbindliche Definition des Philhellenismus gibt, und das, obwohl der Philhellenismus als gesellschaftliches Phänomen bisher gut erforscht wurde.57 Für Crusius trifft nur die Definition »kultivierter Liebhaber altgriechischer Bildung« zu: dies hat bereits PFEIFFER 1968 mit seiner Analyse des Inhaltes der Turcograecia (112-126) gezeigt. PFEIFFER weist auf die Tatsache hin, dass das Schicksal der Griechen unter dem ›osmanischen Joch‹ im 16. Jh. die »Gemüter der Massen« überhaupt nicht bewegen konnte. Zu S. 49Crusius’ Zeit wird die öffentliche Meinung von der Gegenreformation und der Türkenfrage geprägt, sprich von der Frage, ob die Osmanen mit ihren Eroberungsfeldzügen in Wien aufgehalten werden können58. Für eine ›philhellenische‹ Bewegung (wie wir sie aus dem 19. Jh. kennen) hat dieses monumentale Werk nicht gesorgt, denn »den nicht Griechischkundigen reizte die Lektüre des Werkes wohl nur wenig« (PFEIFFER 1968: 125)59. PFEIFFER spricht sogar eine weitere sehr wichtige Tatsache an, die von der späteren Forschung überhaupt nicht berücksichtigt wurde: »Jahrhundertlang gilt das Werk weiterhin als Standardquelle für Informationen über das neue Griechenland und hält dadurch die deutschen Gelehrten geradezu von eigenen Forschungen ab.« (1968: 125).
Eine solche nicht idealisierende Interpretation von Crusius’ Werk ist also vorhanden, sie wird aber nicht wahrgenommen. Trotzdem wird Crusius fünf Jahre später60 als Wegbereiter der Philhellenen des 19. Jh. präsentiert. Dieses Bild Crusius’ setzt eine eindimensionale Deutung der philhellenischen Bewegung voraus, die sich überwiegend auf der Verehrung des klassischen Alterturms beruht. (s. dazu HERING 1994: 27).
Die Analyse von KAROUSOU (1973a & b) und allen ihr folgende Arbeiten gehen vorwiegend von einer solchen Auffassung des Philhellenismus des 19. Jh.’s aus, der als Folie vor die kulturhistorische Situation des 16. Jh.’s gehalten wird. Crusius als Humanist interessiert sich sowieso für die antike Kultur, die Forscher werden zusätzlich mit der Einzigartigkeit seiner Beschäftigung mit dem ›zeitgenössischen Griechentum‹ im 16. Jh. (das gewiss erklärungsbedürftig ist), konfrontiert; S. 50unterstützt durch Crusius’ eigene Bezeichnung als »φιλέλλην«, stellen sie sehr schnell die Verbindung zu intellektuellen Kreisen des 19. Jh. her, die als »Liebhaber altgriechischer Bildung« bekannt sind und auch den griechischen Unabhängigkeitskampf unterstützt haben. Sie präsentieren dann Crusius mehr oder weniger als einen Pionier des Philhellenismus »zweihundertfünfzig Jahre vor Byron und dem Philhellenismus-Boom zur Zeit des griechischen Befreiungskrieges« (SCHMALZRIEDT 1997: 46). Hat man diesen Vergleich gebracht, so ist der nächste Schritt zur Behauptung, dass Crusius es »wagte […], energisch für die griechische Nation einzutreten« (KAROUSOU 1973a: 119) ein sehr kleiner.
Crusius als ›ersten Philhellenen‹ zu feiern, weil er ein »Liebhaber altgriechischer Bildung« war, kommt nicht in Frage. Im Rahmen des humanistischen Programms61 ist so etwas selbstverständlich. Crusius wird von allen anderen Gelehrten des 16. Jh. dadurch ausgezeichnet, dass er sich intensiv in der Zeit des Späthumanismus als vielleicht einziger für das zeitgenössische Griechentum interessiert. Im 19. Jh. des Klassizismus und der Romantik interessieren sich viele ›Philhellenen‹ dafür, im 16. jedoch nur einer, Crusius. Obendrein nennt sich Crusius selbst ›Philhellene‹, man braucht den Vergleich mit dem 19. Jh. nicht zu ziehen, er ist schon da.
Crusius war jedoch in seiner Zeit ein deutscher Philhellene, nicht der erste, aber sicherlich der eifrigste. ›Philhellene‹ zu sein, heißt für ihn die griechische Sprache zu studieren und zu lehren. Dafür spricht die Verwendung des Terminus φιλέλλην in dem bereits erwähnten Brief aus der Turcograecia oder auch am Anfang der Korrespondenz mit dem Patriarchat von Konstantinopel im Jahr 157362. Als im Rahmen des bereits erwähnten theologischen Dialogs ein Anlass für denS. 51 ersten brieflichen Kontaktversuch mit dem Patriarchat von Konstantinopel gesucht wird (um diesen ersten Kontaktversuch nicht von vornherein als gezielte Anwerbung zu diskreditieren), ist es gerade diese ›Philhellenia‹ des Crusius’, die dem Patriarchen als Grund für die Entsendung des ersten (von Crusius persönlich verfassten und in seinem Namen geschickten) Briefes mitgeteilt wird63:
ἕτερον δ’ αἴτιον, τοῦτο: ὅτι διαπαντὸς φιλέλλην ὢν, τὸ πλεῖον τῆς ζωῆς μου, ἀμφὶ τὴν ἑλλάδαν γλῶσσαν καὶ παιδείαν ἔσχον: καὶ κατὰ τὴν μικράν μου δύναμιν, ἐν τοῖς τοῦ οὐιρτεβεργικοῦ τοπάρχου διδασκαλείοις (.ἅπερ ἐν πόλει τυβίγγῃ τυγχάνει.) τὰ ἑλληνικὰ μαθήματα φυτεύω. (Mh 466.1, pag. 3, Crusius an den Patriarchen Ieremias II.; 7.4.1573)
Warum bezeichnet Crusius sich selbst in diesem Brief als »φιλέλλην«? Nicht, weil er sich bereits flüchtig mit der ›vulgaris lingua graeca‹ beschäftigt hat, indem er einige frühneugriechische Volksdrucke im Jahr 1571 gelesen hat64, sondern weil er als Lehrer des Griechischen in Tübingen tätig ist und den »größten Teil seines Lebens« mit dem Studium des Griechischen verbracht hat65. Das Argument der Verwendung von »φιλέλλην« im heute geläufigen Sinne hält für diese Stelle nicht stand.
Der Terminus φιλέλλην ist sogar in Crusius’ späterer Korrespondenz mit dem Patriarchat nicht nur für ihn selbst reserviert, wie aus folgendem Brief zu entnehmen ist:
ἀντασπάζονταί σου τὴν τιμιότητα οἱ παρ’ ἡμῶν ἱεροδιδάσκαλοι (οἷς τὰ σὰ πρὸς μὲ γράμματα ἀνέγνων) καὶ πάνυ φιλικῶς ὁ κύριος θεοδώρητος, S. 52ὁ σνέπφιος; μάλα φιλέλλην, καὶ νῦν τοποτηρητὴς τοῦ καγκελλαρίου ἡμῶν (ἔτι ἀποδημοῦντος) ὤν. (Μh 466.1, pag. 649, Crusius an Theodosius Zygomalas; 27.6.1578)
Der Theologe Dietrich (Theodoricus) Schnepff ist aber auf keinen Fall ›Philhellene‹ im Sinne Crusius’; was hier angesprochen wird, sind meines Erachtens seine Griechischkenntnisse66, vielleicht zusätzlich seine Wohlgesonnenheit gegenüber den griechischen Briefpartnern.
Auch für die These, dass Crusius einer, aber nicht der einzige und bestimmt nicht der ›erste‹ deutsche Philhellene sei, spricht folgender Auszug aus seinem Tagebuch:
Inserviat sic τοῖς φιλέλλησι τῶν Γερμανῶν (.μάλιστα δ’ ἐμοὶ, τῷ φιλελληνεστάτῳ.) (Mh 466.2, p. 319, Eintrag aus dem Jahr 1580, Plan für einen Brief an Gabriel Severos)
Ist einmal Crusius’ Korrespondenz mit griechischen Gelehrten in Konstantinopel und anderswo etabliert, so verwendet er diesen Terminus auch, um seine Freundschaft gegenüber seinen Briefpartnern zu signalisieren. Dass die sich selbst überhaupt nicht als »Ἕλληνες/Hellenen« (sondern als Ρωμαῖοι/Ρωμιοί bzw. Γραικοί) bezeichnet haben, kann wohl auch als ein weiteres Missverständnis in der Kommunikation zwischen Deutschen und Griechen in der frühen Neuzeit gelten (s. dazu auch EIDENEIER 1982).
Was wir hier herausstellen wollen, ist die Ansicht, dass Crusius bereits ein Philhellene war, bevor er überhaupt Kontakt mit dem Patriarchat in Konstantinopel67 aufgenommen hatte; falls es zum theologischen Dialog, der diesen Kontakt ermöglichte, nicht hätte kommen und Crusius seine Turcograecia nicht hätte schreiben können, wäre er in dieser Hinsicht trotzdem immer noch ein PhilhelleneS. 53 geblieben.
Ist er aber vielleicht ein eifriger Philhellene (im Sinne seines außergewöhnlichen Interesses für das zeitgenössische Griechentum) gerade deswegen geworden, weil er Kontakt mit den zeitgenössischen Griechen aufgenommen hat und ihre tatsächliche, leidvolle Situation unter türkischer Herrschaft erfahren hat? Ist er sozusagen ein früher Sympathisant der im ›osmanischen Joch‹ lebenden Griechen, wie seine angeblichen ideologischen Nachfahren des 19. Jh.’s?68
Wäre dies der Fall, so würden auch andere Personen in Crusius’ Umfeld, Stephan Gerlach (s. WENDEBOURG 1986: 35) und Salomon Schweigger (s. ENGELS 1955) (die beiden Tübinger Theologen, die als Prediger des Gesandten des Kaisers in der Hohen Pforte nacheinander in Konstantinopel und anderswo sich ein Bild der »Hellenen« im Osmanischen Reich gemacht haben) ebenfalls die Voraussetzung erfüllen, nach Crusius’ Beispiel auch ›Phil-Hellenen‹ zu werden. Jedoch: »Von beiden Gewährsleuten (scil. Crusius’) erschienen später auch schriftliche Berichte. Sie enthalten vieles über die Sitten der Türken und Griechen und zeigen, dass die beiden Theologen durch ihre Erfahrungen in Konstantinopel nicht gerade zu Philhellenen wurden.« (PFEIFFER 1968: 114).
Wirklichkeit und ideale Vorstellungen nehmen auch in diesem Fall getrennte Wege. Was die Kultivierung der Antike und besonders der griechischen Sprache69 angeht, stellt Crusius, wie wir gesehen haben, einen besonderen Fall dar. So wundert uns überhaupt nicht, dass in seiner Turcograecia »schon jetzt, hundert und dreißig Jahre nach dem Fall Konstantinopels, die Vorstellung von einem griechischen Staat paradieshafte Züge annimmt. […] Solche Idealvorstellungen, von denen Crusius hier im Irrealis träumt, wurden später zu geglaubten S. 54Hoffnungen der Philhellenen« (PFEIFFER 1968: 117, die Rede ist hier von Crusius Epistola dedicatoria in der Turcograecia, pag. *5v-6r).
Crusius lebt aber in einer anderen Zeit als die europäischen Philhellenen des 19. Jh.’s; sie haben es mit einem bröckelnden Osmanischen Reich zu tun, der griechische Unabhängigkeitskampf ist bereits entflammt, es existiert die berechtigte Hoffnung auf eine Befreiung der Griechen. Crusius hingegen »hofft nicht unmittelbar auf eine Befreiung des Landes« (PFEIFFER 1968: 118).
PFEIFER spricht hier eine Stelle aus der bereits genannten Epistola dedicatoria in Crusius’ Turcograecia an, die für die Art und Weise, in der Crusius die φιλελληνία versteht, sehr erhellend ist:
Sunt enim talia certè conservanda; sicut olim venerandus Argentorati & magni nominis Theologus, D. Caspar Hedio (quem frequentes S. oracula explicantem audiebamus) cuidam, qui in Turcica 1542 anni expeditione concionator castrensis futurus erat: inter alia hoc quoque praeceptum φιλελλήνως dedit. Ubi Dominus Zebaoth, inquit, successum dederit: ut vetustas in Ungariae, Thraciae, Graeciae, Bibliothecas venerint, atque adeo Constantinopolin: curet modis omnibus, ne optimis libris damnum inseratur … (Turcograecia *6r)
Der »φιλελλήνως«70 gegebene Rat des Theologen aus Crusius’ Straßburger Zeiten71 an den gerade in den Türkenfeldzug ziehenden Feldprediger galt nicht den Mitchristen, die dort eventuell lebten, sondern den äußerst wertvollen griechischen Büchern. Solche wertvollen Bücher gäbe es noch in der Turco-Graecia (d. h. in den griechischsprachigen Regionen des Osmanischen Reiches) zu retten72. In Crusius’ Zeiten ist eine Befreiung des heruntergekommenen »Hellas« vom S. 55mächtigen Osmanischen Reich unvorstellbar, er kann nur für Mitleid und Wohlwollen plädieren (PFEIFER 1968: 118).
Hier kreuzen sich in der Tat die Wege des Crusius’ und der späteren Philhellenen: die Osmanen stellen im 16. Jh. eine globale Gefahr dar, von der sich die öffentliche Meinung in Europa zu Recht bedroht fühlt; Crusius gehört natürlich auch dazu. Die Beobachtung der ›versklavten‹ Griechen hat auch mit Sympathie, aber viel mehr noch mit der konkreten Vorstellung zu tun, dass deren Schicksal auch in Europa möglich wäre, falls die Osmanen nicht aufgehalten werden könnten. Die späteren Philhellenen kannten solche Befürchtungen nicht.
1.2 Fazit
In Crusius’ ›Philhellenia‹ finden wir viele Motive des späteren Philhellenismus und der späteren Philhellenen wieder, der gesamte kulturhistorische Rahmen erlaubt aber meines Erachtens keineswegs das Ziehen einer Verbindungslinie zwischen Crusius und den späteren Philhellenen im Sinne von Crusius als dem ›ersten Philhellenen Europas‹. Seine ›Philhellenia‹ gilt hauptsächlich der Kultivierung der griechischen Sprache und Kultur und ist verbunden mit seiner hingebungsvollen Beschäftigung mit der griechischen Sprache bis zur völligen Selbstaufgabe.
Diese Hingabe nimmt laut WENDEBOURG (1994) die Form einer mit rationalen Argumenten nicht zu erklärenden Besessenheit an. Eine solche Interpretation geht aber meines Erachtens von einer zweckfreien Beschäftigung des Crusius’ mit dem Griechischen aus, etwas was, wie wir weiter unten sehen werden (S. 75 ff.), für Crusius’ Fall nicht zutrifft. Vielmehr glaube ich (mit MOENNIG 1997: 49, Anm. 48), dass diese persönliche Disposition Crusius’ eine conditio sine qua non für seine Beschäftigung mit der ›vulgaris lingua graeca‹ darstellt. Crusius baut auf seinen bisherigen positiven Erfahrungen mit der Kultivierung der griechischen Sprache auf, das Erlernen der ›heutigen‹ S. 56griechischen Sprache verfolgt gewisse Ziele, die wir im Folgenden zu erleuchten versuchen werden.
Dies schließt überhaupt nicht aus, dass Crusius mit den griechischen Mitchristen, die unter osmanischer Herrschaft lebten und mit denen er korrespondiert, sympathisiert. In der Korrespondenz mit ihnen verwendet Crusius den Terminus »Philhellenia« auch – aber nicht ausschließlich – in der Bedeutung ›Liebe zu euch, unseren griechischen Mitchristen‹.73 Dies verbindet Crusius eher mit den späteren ›Philhellenen‹, vor allem mit denen, die sich mit Wohltätigkeitsaktivitäten zugunsten der kämpfenden Griechen beschäftigt haben74.
Als sicher kann meines Erachtens jedoch gelten, dass Crusius ›Philhellenia‹ kein adäquates Motiv für seine ›frühneugriechischen Studien‹ (vor allem für seine in dieser Arbeit behandelten lexikographischen Studien) darstellt. Sie strebte völlig andere Ziele als der ›Philhellenismus‹ des 19. Jh. an, bedingt durch das unterschiedliche kulturhistorische Umfeld. Die Motive des Lexikographen Crusius müssen in einer anderen Richtung gesucht werden; dafür müssen wir aber zuerst seine Beziehung zur ›vulgaris lingua graeca‹ präzisieren.
2 Crusius und die ›vulgaris lingua graeca‹
S. 57Für lange Zeit war Crusius’ Turcograecia und das darin enthaltene sprachliche Material das einzige Indiz für Crusius’ Beschäftigung mit dem Frühneugriechischen; Buch VI75 der Turcograecia enthält u. a. einen Nachdruck der frühneugriechischen Batrachomyomachia des Demetrios Zenos’76 mit einer lateinischen Übersetzung und ›Annotationes‹ des Crusius’. Solche ›Annotationes‹ sind in der gesamten Turcograecia verstreut, das in ihnen vorhandene sprachliche Material wurde von Johannes Meursius verzettelt und in seinem Glossarium graeco-barbarum (Leiden 21614) thesauriert77. Die große Rolle der Turcograecia als Quelle für die frühneugriechische Philologie hat bereits BECK in seiner Literaturgeschichte herausgestellt (1971: 17)78.
Inwieweit Crusius’ Turcograecia andere Gelehrte von weiteren Forschungen abgehalten hat79 und wie sie überhaupt von interessierten Kreisen rezipiert wurde, sind offene Fragen, die im Rahmen dieser S. 58Arbeit leider nicht beantwortet werden können. Die moderne philologische Wissenschaft wurde, wie bereits erwähnt, durch die unsystematischen Arbeiten von MYSTAKIDIS80 auf dem umfangreichen Nachlass des Crusius’ aufmerksam; einen guten Überblick über die Forschung bis dato über Crusius aus der Sicht der Neogräzistik bietet uns EIDENEIER (1994a & c).81
Die bisherige Forschung hat Crusius’ Informanten und die Ergebnisse ihrer Zusammenarbeit mit dem deutschen Humanisten nicht als potentielle Quelle für die Erforschung der gesprochenen Sprache des 16. Jh.’s angesehen. Dies hängt sicherlich mit dem Umstand zusammen, dass das diesbezügliche Material für lange Zeit nicht systematisch erforscht wurde. Otto KRESTEN (1970a und b) hat meines Wissens als erster einen kurzen, aber systematischen Überblick über Crusius’ Besucher geliefert, der Schwerpunkt seiner Arbeiten lag aber außerhalb der Auswertung des sprachlichen Materials82.
Neuere Forschungen83 haben den philologischen Teil der ›frühneugriechischen Studien‹ des Crusius’ präzisiert und zusätzliches umfangreiches Material ans Licht gebracht. Crusius’ Rolle in der Entwicklung der ›frühneugriechischen‹ Studien in Europa wurde in EIDENEIER S. 59(1994a & c) geschildert; dort wird ebenfalls das vorhandene sprachliche Material in der Form von Glossen und Vokabeln in seiner wesentlichen Natur beschrieben. Die wichtige Fragestellung zur zukünftigen Beschäftigung mit dem von Crusius gesammelten sprachlichen Material wurde dort (1994c: 129) ebenfalls formuliert. In EIDENEIER 1994b wird festgehalten, dass Crusius die größte Sammlung griechischer Venezianer Volksdrucke jenseits der Alpen im 16. Jh. besaß.
MOENNIG 1997 liefert eine objektive, bis ins kleinste Detail dokumentierte und vollständige Darstellung des Interesses des Crusius’ an der ›vulgaris lingua graeca‹. Mit Hilfe von Crusius’ handschriftlichen Tage- und Notizbüchern hat MOENNIG mehrere Aspekte dieser Beschäftigung herausgearbeitet: den Anfang des Erlernens des Frühneugriechischen seitens des Crusius’ (Dezember 1971) (S. 49), das Erwerbsdatum der erhaltenen Exemplare seiner Sammlung (S. 44-45 und passim), Crusius’ Bemühungen um den Erwerb dieser Exemplare (passim). MOENNIG nutzt als erster Forscher im Bereich der Neogräzistik systematisch den handschriftlichen Nachlass des Crusius’, um Informationen über verlorene Exemplare der Sammlung (S. 71-2), Preise von Venezianer Volksdrucken im 16. Jh. (S. 64) und vieles mehr mit großer Sachlichkeit zu sammeln und auszuwerten, ohne von dem idealisierten Bild, das die älteren Darstellungen in der Literatur gezeichnet hatten, beeinflusst zu werden. Seine Arbeit wird mit einer Übersicht über die in Tübingen bei der Glossierung dieser Exemplare tätigen griechischen Informanten abgeschlossen (S. 66 ff.), Crusius’ Verzeichnis dieser Besucher aus dem Notizbuch ›Graeci Homines …‹84 wird herausgegeben (S. 72-5).
Es war auch MOENNIG, der darüber hinaus Crusius’ Interesse für die ›vulgaris lingua graeca‹ mit kulturhistorischen und aktuellen kulturpolitischen Ereignissen in Verbindung gebracht hat85. Unsere Ablehnung eines puren ›philhellenischen‹ Interesses des Crusius’, die S. 60weiter oben ausführlich dargestellt wurde, hat ihren Ursprung gerade in dieser – in Einzelheiten von ihm nicht detaillierter herausgearbeiteten – Aussage MOENNIGS.
TOUFEXIS 200286 schließt sich an die genannten Arbeiten von MOENNIG und EIDENEIER an. In dieser Arbeit wird die Existenz des ›Alphabetum‹ innerhalb des Arbeitskreises ›Neograeca Medii Aevi‹ bekannt gemacht und ein erster Überblick über den Umfang und die Provenienz des sprachlichen Materials gegeben. Im Vordergrund steht die These, dass es sich dabei um ein persönliches lexikographisches Werk handelt, das aus praktischen Erwägungen erstellt wurde und nicht zur allgemeineren Nutzung oder sogar Publikation gedacht war. Als Argument für diese These wird unter anderem auch die Tatsache vorgebracht, dass Crusius sprachliches Material aus seinen Träumen mit in sein ›Alphabetum‹ einbezogen hat.
Mit der Analyse solchen Materials befindet man sich bereits im Bereich der Mentalitätsgeschichte, in Bezug auf Crusius’ Streit mit Nicodemus Frischlin hat Hubert CANCIK (1999) eine für das Verstehen des Menschentypus Crusius’ meines Erachtens sehr überzeugende Analyse eines Traums geliefert, den Crusius in seinem Tagebuch aufgezeichnet hat.
Diese Vorarbeiten der letzten zehn Jahre waren für die hier vorliegende Arbeit von großem Nutzen. Durch die Ergebnisse von EIDENEIER 1994 a, b & c und MOENNIG 1997 waren keine weiteren heuristischen Arbeiten notwendig, das gesamte Material lag bereits gut sortiert vor87. Von der ersten Interpretation zur Entstehung dieses Materials (MOENNIG 1997) hat die Suche nach weiteren Motiven erheblich profitiert. Die Entdeckung des ›Alphabetum‹88 hat aber S. 61gewiss dazu beigetragen, dass Crusius’ gesamte Beschäftigung mit der ›vulgaris lingua‹ eine neue Dimension gewonnen hat. Mit dem lexikographischen Werk kann und muss man den Willen des Verfassers zur weiteren Ver- und Auswertung des sprachlichen Materials verbinden, die zugrunde liegenden Motiven und die angestrebte Ziele werden im Folgenden geschildert.
3 Crusius’ Motive im Zusammenhang mit den historischen Ereignissen seiner Zeit
In dieser Arbeit rechnen wir also Crusius nicht mehr dem Kreis der ›Philhellenen‹ zu, die sich mehr oder weniger aus Sympathie für die Ideale der kämpfenden Griechen – projiziert auf die eigenen gesellschaftlichen Bedürfnisse im 19. Jh. – für deren Sprache und Literatur interessiert haben. Oberflächlich gesehen ist dieses Interesse des Crusius’ mit dem späteren Philhellenismus verwandt, seine Bemühungen um das Erlernen der ›vulgaris lingua graeca‹ wurzeln jedoch in seiner Gegenwart. Den Ansporn dazu liefern aber nicht wie im 19. Jh. die Griechen mit ihrem Kampf selbst. Dieser Ansporn hat seine Ursache im Konfessionsstreit des 16. Jh., d. h. im Interesse des deutschen Protestantismus an den im Osmanischen Reich lebenden griechischen Christen89. Dieses Interesse, das vor Crusius vorhanden war, stellt die kulturhistorischen Rahmenbedingungen für Crusius’ Beschäftigung mit dem ›zeitgenössischen Griechentum‹ dar.
Gehen wir im Rahmen einer solchen Interpretation von einem externen Anreiz für Crusius’ Studien aus, so können wir uns keineswegs mit einer ›psychologischen‹ Interpretation, die in Crusius einenS. 62 emotionalen, ›besessenen‹ Liebhaber des ›Griechentums‹ im allgemeinen Sinne bzw. dessen Sprache sieht (WENDEBOURG 1994 bzw. 1986:47 ff.), zufrieden geben. Diese Analyse beruht hauptsächlich auf Crusius’ eigenen Äußerungen in seiner Korrespondenz mit griechischen Gelehrten seiner Zeit; sie nimmt alle diese Äußerungen wörtlich, vergisst aber, diese sowohl in den breiteren Rahmen des humanistischen Programms90 zu integrieren als auch den engeren Hintergrund der rhetorischen schriftlichen Ausdrucksweise des Humanisten Crusius’ und seiner griechischen Briefpartner91 zu berücksichtigen.
In der folgenden Analyse werden wir versuchen, die unserer Meinung nach tatsächlichen Motive des Crusius’ für das Erlernen der S. 63›vulgaris lingua graeca‹ (der ›griechischen Gemeinsprache‹) oder – zutreffender gesagt – der Sprache, die die ungebildeten griechischen Christen im Osmanischen Reich sprechen bzw. verstehen, darzustellen. Hierbei haben externe Anreize immer eine entscheidende Rolle gespielt, ohne Crusius’ ›Liebe zur griechischen Sprache‹ aber hätten diese Anreize meines Erachtens keine intensive Beschäftigung mit dem ›zeitgenössischen Griechentum‹ bewirkt.
3.1 Die Turco-Graecia als Teil der ›Türkenfrage‹
3.1.1 Öffentliche Meinung und Türkenfrage im 16. Jh.
Dass ein externes Ereignis den ersten Anreiz für Crusius’ Interesse an der ›vulgaris lingua graeca‹ geboten hat, wurde bereits von MOENNIG (1997: 49) dokumentiert: Crusius erfährt am 28. Oktober 1571, dass die christlichen Mächte in der Schlacht von Lepanto (Ναύπακτος) siegreich waren; am 14. Dezember beginnt er mit der Lektüre der frühneugriechischen Drucke, die er seit 1564 in seiner Bibliothek hatte.92
Dies kann in der Tat kein Zufall sein, die Verbindung liegt auf der Hand. MOENNIG geht außer in diesem Satz der Frage nicht weiter nach, vielleicht weil der Schwerpunkt seiner Analyse auf der Rekonstruktion von Crusius’ frühneugriechischer Bibliothek liegt. Man muss sich jedoch fragen, welcher Ansporn genau Crusius zu dem Griff nach seinen frühneugriechischen Texten bewogen hat oder, mit anderen Worten, was Crusius sich von dieser Lektüre erhofft hat, zumal es sich S. 64bei den ihm zu diesem Zeitpunkt verfügbaren Texten hauptsächlich um Dichtungen handelt, die mit den aktuellen Ereignissen nichts zu tun haben93.
Die Interdependenz zwischen Zeitgeschichte und das Interesse an einer ›Fremdsprache‹ (als mögliche Quelle zur Beschaffung von Informationen) stehen im Zentrum der hier versuchten Antwort. Mit einem solchen Interpretationsversuch betreten wir jedoch ein sehr weites Feld, das allein mit den Methoden der Philologie meines Erachtens nicht zu erforschen ist. Daher haben die folgenden Ausführungen keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sie stellen vielmehr eine subjektive Analyse dar. Eine wenn auch unvollkommene und subjektive Analyse ist jedoch wichtig, wenn man die frühere Forschung kritisiert hat und eine eigene Interpretation vorschlagen will. Diese muss dann konsequenterweise dargestellt werden, auch wenn die Gefahr besteht, dass sie am Ende als nicht überzeugend (weil nicht in allen Aspekten durch die Quellen oder Sekundärliteratur abgesichert) abgelehnt werden könnte. Im gesamten 16. Jh. und besonders hartnäckig in seiner ersten Hälfte hat sich in der öffentlichen Meinung Europas der ›Türke‹ als der Erzfeind der Christenheit etabliert.94 Das expandierende Osmanische Reich entwickelte sich zu einer Weltmacht, die bedrohlich nahe an das christliche Europa kam. Der Aufmarsch der türkischen Truppen begann mit der Eroberung Belgrads (1521) und der Insel Rhodos (1522) (was die Stabilisierung der Macht des Osmanischen Reiches in Südosteuropa bedeutete), nach der Schlacht von Mohács im Jahr 1526 und der Belagerung Wiens 1529 galten die Osmanen in der europäischen öffentlichen Meinung als eine unbesiegbare Macht (GÖLLNERS. 65 1978: 280).
Diese ständige Bedrohung, die sich zu einer regelrechten Türkenfurcht entwickelte, führte zu einem ›seelischen Trauma‹ in der europäischen Bevölkerung. So wundert es uns nicht, dass die Türkenfrage auch innerhalb der Reformation eine große Rolle spielt: sowohl Luther als auch Melanchthon waren, was die Zukunft Europas angesichts der osmanischen Feldzüge angeht, eher pessimistisch (GÖLLNER 1978: 182). Die türkischen Siege wurden als »metaphysische Schau« gewertet, in diesem Zusammenhang wurde der Türke als ›Gottesgeißel‹ bzw. Gottesstrafe angesehen (BOHNSTEDT 1968: 25-31); in Luthers Denken scheint sich sogar die Identität von Papst, Türke und Antichrist gefestigt zu haben (GÖLLNER 1978: 179). Crusius, der »ein glühender, streitbarer Anhänger der Reformation« (WENDEBOURG 1994: 119) war, hat nachweislich solche Ansichten geteilt95.
Diese Türkenfurcht hat erwartungsgemäß zu einer umfangreichen Produktion von so genannten ›Turcica‹, d. h. von allerlei gedruckten Nachrichten über die Türkenkriege bzw. Informationen über die Türken selbst, geführt: von dünnen Broschüren (›Newe Zeitung, Avis, Avviso‹) bis zu umfangreichen Reiseberichten von Pilgern, Kriegsteilnehmern oder auch ›Forschungsteams‹ die in Begleitung von Diplomaten in Konstantinopel gewesen sind (GÖLLNER 1978: 11-15). Solche Werke genossen zu Crusius’ Zeiten enorme Popularität, Crusius selbst besaß nachweislich mehrere solcher Werke96. In seinem Tagebuch S. 66befinden sich des öfteren, verstreut zwischen den anderen Eintragungen, diesbezügliche Nachrichten, die von ihm mit der Überschrift ›Nova‹ bezeichnet werden und fast ausschließlich mit den türkischen Feldzügen zu tun haben97. Wir können also mit einer gewissen Sicherheit behaupten, dass er sich ganz im Geiste seiner Zeit mit dieser ›Türkenfrage‹ beschäftigt hat.
Nicht zuletzt wegen der Türkengefahr wurden die byzantinischen Historiker, als potenzielle Quelle von Informationen über die Türken, ›entdeckt‹ (REINSCH 1994). Im Jahr 1562 liegt das erste Corpus integrum totius Byzantinae Historiae schon gedruckt vor, die Arbeit des ersten Herausgebers Hieronymus Wolf wird von David Höschel im ausgehenden 16. Jh. fortgesetzt98. Die politische Aktualität dieser byzantinischen Geschichte, die bereits von Hieronymus Wolf betont wurde (ebd. 56), hat wohl auch dazu geführt, dass in vielen Fällen lateinische, aber auch italienische oder französische Übersetzungen von byzantinischen Geschichtswerken lange vor der Edition der griechischen Originaltexte gedruckt worden sind (ebd. 51). Dies beweist m. E., dass nicht nur die Humanisten, sondern generell auch die breitere Öffentlichkeit an dieser Materie interessiert war.
Wenn aber der ›Türke‹ als gefürchteter potentieller Herrscher über die Christenheit, ja als Gottesstrafe angesehen wird, so ist es auch völlig verständlich, dass man sich bemüht hat, so viel wie möglich über diejenigen Christen zu erfahren, die bereits dieses Schicksal erlitten hatten. So hält im Jahr 1569 der Rostocker Humanist David Chytraeus eine Vorlesung in seiner Universität »Über den heutigen S. 67Zustand der Kirchen in Griechenland, Asien, Afrika, Ungarn, Böhmen etc.«99, die sehr populär wurde und im Jahr 1574 in Straßburg gedruckt wurde100.
3.1.2 Der erste Anreiz Crusius’ zur Beschäftigung mit der ›vulgaris lingua graeca‹
Wir kehren aber zurück zu Crusius’ erstem nachgewiesenen Interesse für die ›vulgaris lingua graeca‹, zwei Monate nach dem Eintreffen der »εὐαγγέλια« vom Sieg der christlichen Mächte gegen die bis dato als unbesiegbar geltende türkische Armee. Der »Mythos von der Unbesiegbarkeit der Türken« schien mit dem glänzenden Sieg von Lepanto endlich widerlegt worden zu sein (GÖLLNER 1978: 280)101. Die Einzelheiten des Sieges wurden auch sofort bekannt und Crusius erwähnt sie auch:
Octob. 7 [1571] (.die Domenico.) Turcica classis potentissima, à foederatis christiani nominis (papa, Hispano et Venetiis) ad insulas Echinadas devicta est […] Captae sunt .180. naves, caesi fortè 24.000 hostes, capti .5.000. liberati .4.000. captivi Christiani. (Auszug aus Mh 433b, foll. 57v-58r, zitiert nach MOENNIG 1997:49)
Mehrere Tausende captivi Christiani sind also in dieser Schlacht befreit worden; dieser Kampf fand ad insulas Echinadas statt. Wir können sicher sein, dass Crusius den Ort dieser Seeschlacht geographischS. 68 dem antiken Griechenland zurechnet102; ob er unter diesen befreiten ›captivi Christiani‹ auch versklavte Griechen vermutet hat, lässt sich allerdings nicht beweisen.
Der Griff jedoch nach den seit 1564 in seiner Bibliothek vorhandenen frühneugriechischen Texten und die Lektüre des ersten Textes (die DIDACHAI des Alexios Rartouros, einer Sammlung von Predigten in einer leicht archaisierenden, kirchlichen Prosa), lässt jedoch meines Erachtens eine solche Spekulation zu. Es könnte der Wunsch nach weiteren Informationen über die im Osmanischen Reich lebenden Christen gewesen sein, deren Existenz Crusius nach der Nachricht über diesen christlichen Sieg noch markanter zu Bewusstsein gekommen war103, der die Verbindung zwischen der Schlacht von Lepanto und der Lektüre der ›vulgaris lingua graeca‹ hergestellt hat.
Crusius wusste, wie wir gesehen haben, zu diesem Zeitpunkt bereits, dass Griechen in Venedig zu finden sind, von dort stammten die frühneugriechischen Volksdrucke, die er in seiner Bibliothek hatte. Den Kontakt mit diesen und mit anderen Griechen seiner Zeit hat er bereits gesucht, einen Griechen aus Fleisch und Blut hat er bereits 1557 kennen gelernt (s. weiter unten Kap. V, S. 169-70 und KRESTEN 1970a). Wenn die christlichen Mächte gerade an einem Ort, wo die ›vulgaris lingua graeca‹ gesprochen wird, den türkischen Erzfeind zum ersten Mal glorreich besiegen, warum sollte sich Crusius nicht inmitten dieser euphorischen Stimmung dieser Sprache widmen und einige der bei ihm vorhandenen frühneugriechischen Volkdrucke studieren? Obendrein stellte sich heraus, dass einer dieser Texte eine frühneugriechische Übersetzung der griechischen Batrachomyomachia darstellte,S. 69 jener Batrachomyomachia, die Teil des Homer-Unterrichts von Crusius an der Universität Tübingen war104.
Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Crusius im Jahr 1571 motiviert durch ein außerordentliches Ereignis der Zeitgeschichte, die erste Niederlage der mächtigen Osmanen durch die christlichen Mächte, sich zum ersten Mal ernsthaft mit dem Studium der ›vulgaris lingua graeca‹ befasst hat. Diese Tätigkeit hängt mit diesem Ereignis unmittelbar zusammen und wird von der allgemeinen Euphorie, die dieser Sieg in die von Türkenfurcht geplagte Bevölkerung gebracht hat, und der Aktualität, die jegliche Information zu den Osmanen und den in osmanischer Gefangenschaft lebenden Christen genossen hat, getragen. Es scheint so zu sein, dass Crusius auch in dieser aktuellen Stunde der Zeitgeschichte die Verbindung zur griechischen Sprache gesucht hat, in diesem Fall in der Form frühneugriechischer Venezianer Volkdrucke und der Sprache, die darin zu lesen war105.
3.2 Der theologische Dialog (1573-1581) – Die ›vulgaris lingua graeca‹ als mögliches Vehikel zur Bekehrung - Belehrung der griechischen Mitchristen
Am Anfang dieses Kapitels wurde bereits angedeutet, dass Crusius’ Interesse am Griechenland des 16. Jh. vom theologischen Dialog zwischen der Württembergischen Kirche und dem Patriarchat von Konstantinopel oder, zutreffender gesagt, dem Patriarchen Ieremias II. S. 70Tranos in den Jahren 1573-1581106 erheblich profitiert hat. Im Rahmen dieses Dialogs hatte Crusius Zugang zu Informanten und Informationen, die erst das aus ihm gemacht haben, was er heute ist: den ersten deutschen Humanisten, der sich für das ›zeitgenössische Griechentum‹ interessiert hat.
Zwar hatte Crusius Informationen über Griechen aus in Venedig lebenden Deutschen bekommen107 – von dort bekam er im Jahr 1564 auch seine ersten frühneugriechischen Exemplare –, diese Informationen stellen aber nur einen Bruchteil des diesbezüglichen Materials dar, das heute in seinem Nachlass erhalten ist bzw. von ihm selbst in der Turcograecia veröffentlicht wurde. Ob Crusius dieses Material jemals ohne den externen Anstoß dieses Dialogs hätte sammeln können oder wollen, ist meiner Meinung nach zu bezweifeln.
Das soll heißen, dass dieser theologische Dialog in zweierlei Hinsicht im Mittelpunkt unserer Analyse steht: zum einen als Kommunikationsmöglichkeit, die Crusius einen Kanal zu griechischen Gelehrten und damit zu Material über das zeitgenössische Griechentum geöffnet hat; zum anderen als übergeordneter Anlass, der dieses Interesse geweckt und immer wieder gefordert hat. Das intensive Erlernen der ›vulgaris lingua graeca‹, das in der Erstellung eines persönlichen lexikographischen Hilfsmittels seinen Höhepunkt fand, strebt wiederum gewisse Ziele an, die ihrerseits sowohl mit der Entwicklung des theologischen Dialogs als auch mit der Person Crusius’ und seinen persönlichen Zielen zu tun haben.
3.2.1 Der theologische Dialog und Crusius’ Stellung zu ihm
S. 71Zu diesem theologischen Briefwechsel kam es, weil der vom Kaiser Maximilian II. im Jahr 1573 in die Hohe Pforte gesandte Botschafter Reichsfreiherr David Ungnad aus Kärnten, ein anscheinend hoch qualifizierter und begabter Diplomat, aus einer Familie kam108, die sich der reformatorischen Bewegung angeschlossen hatte und selber bewusst nach lutherischer Lehre lebte109. David Ungnad brauchte für sich selbst und sein zahlreiches Personal einen Pfarrer: für ihn war es selbstverständlich, dass es sich dabei um einen evangelischen Prediger handeln musste. Er wandte sich an den Kanzler der Universität Tübingen, der wiederum dieses Anliegen unterstützt und veranlasst hat, dass der Theologe Stephan Gerlach110, der Crusius’ Schüler war und über sehr gute Griechischkenntnisse verfügte, im Juni 1573 die Reise nach Konstantinopel antrat und dort im August desselben Jahres ankam (WENDEBOURG 1986: 30-37).
Es war Crusius, der auf die Idee kam, diese Gelegenheit für eine Kontaktaufnahme mit dem Patriarchat von Konstantinopel zu nutzen; aus diesem ersten Kontakt entwickelte sich ein sich über mehrere Jahre hinziehender Briefwechsel zwischen den beiden Kirchen, der von der lutherischen Seite mit der Absicht geführt wurde, in Konstantinopel einen Zeugen für die Wahrheit der eigenen GlaubenslehreS. 72 gegen Rom zu finden111; im Jahre 1581 ging er erfolglos zu Ende. Crusius war zwar die treibende Kraft hinter diesem Dialog, die wichtigen Entscheidungen haben aber höhere Würdenträger der Kirche und nicht er getroffen112, die Durchführung dieser Entscheidungen lag jedoch ab einem gewissen Zeitpunkt (1575-6) in Crusius’ Händen113 (WENDEBOURG 1986: 81).
Wenn wir das ›Profil‹ des Crusius’ nach dem hier bereits Gesagten kurz zusammenfassen (›glühender‹, streitbarer Lutheraner, perfekter Kenner und Verehrer der griechischen Sprache, scharfer Beobachter der Zeitgeschichte, besonders was die Türkenfrage angeht), erkennen wir vielleicht besser die Brisanz und die immensen Möglichkeiten, die diese Kommunikationsmöglichkeit für ihn bedeutet hat. Crusius hat alles versucht, damit dieser Briefwechsel ein Erfolg wird, er war immer von einem unverwüstlichen Optimismus sowohl gegenüber den Griechen als auch gegenüber seinen Tübinger Kollegen geprägt, auch S. 73zu dem Zeitpunkt, wo die tatsächliche Lage der Dinge keinen Anlass dazu geboten hatte (WENDEBOURG 1986: 95).
Darüber hinaus gab es einen weiteren Grund, aus dem sich Crusius’ hohes Interesse an dem Briefwechsel erklären lässt: diese ganze Angelegenheit stellte eine hervorragende Möglichkeit zur eigenen Profilierung dar. Crusius, Mitglied der weniger priviligierten Artistenfakultät der Universität114, hatte hiermit engste Kontakte zu den in der Hierarchie der Universität an erster Stelle stehenden Theologen sowie zum Kanzler selbst, aber auch zum Hof des Herzogs Ludwig in Stuttgart. In seiner Tätigkeit war er sogar unersetzlich: er hat alle Briefe der Griechen ins Lateinische übersetzt, damit sie auch von den des Griechischen nicht kundigen Teilnehmern des Dialogs rezipiert werden konnten, und umgekehrt alle von Tübingen nach Konstantinopel geschickten Briefe und andere für den Verlauf des Dialogs wichtigen Texte ins Griechische übersetzt115 und dafür sogar gelegentlich Honorare bekommen116. Im Folgenden werden wir versuchen nachzuweisen, dass Crusius’ Interesse an der frühneugriechischen Sprache und, konkreter, seine intensiven Versuche, diese Sprache zu erlernen, als Teil seiner Bemühungen für die Verständigung zwischen den beiden Kirchen einzuordnen sind. Die Intensität dieser Bemühungen hängt unmittelbar mit dem Stand der Informationen über die griechischen Mitchristen S. 74zusammen. Je deutlicher Stephan Gerlach die theologischen ›Irrtümer‹ (aus lutherischer Sicht, versteht sich) der Griechen in ihrem Glauben und deren Gründe ausmalt, desto mehr bemüht sich Crusius, ihre gesprochene Sprache zu erlernen und verlangt nach entsprechenden Hilfsmitteln (und übrigem Material). Wir haben es, mit anderen Worten, mit (in der Tat) bescheidenen Bekehrens- bzw. Belehrungsversuche von Gerlach und Crusius zu tun, die allerdings von der theologischen Forschung bereits deutlich konstatiert worden sind117.
Gleichzeitig verfolgt aber Crusius in seiner Kommunikation mit Gerlach und den griechischen Beamten des Patriarchats ein weiteres Ziel: die Sammlung von geschichtlichen Informationen über die orthodoxe Kirche und ihren Status in der türkischen Gefangenschaft. Es sind diese Bemühungen, die zu der Veröffentlichung der Bücher I118 und II119 der Turcograecia geführt haben; wir müssen also neben dem bereits erwähnten theologischen Schwerpunkt ein aus aktuellen Anlässen der Zeitgeschichte (Türkenfrage) motiviertes Interesse konstatieren. Crusius folgt gewissermaßen dem Beispiel anderer Gelehrter seiner Zeit (wie des bereits erwähnten Rostocker David Chytraeus), das von ihm erworbene diesbezügliche Material setzte jedoch gewisse Sprachkenntnisse voraus120.
S. 75Im Rahmen einer solchen Hypothese können Crusius’ Bemühungen, die ›vulgaris lingua graeca‹ zu erlernen, nicht mehr als zweckfrei angesehen werden. So sicher wir aber über die anfänglichen Motive des Crusius anhand seiner Äußerungen in seinem Tagebuch sind, desto schwieriger wird es sein, sein Interesse nach dem Ende des Dialogs im Jahr 1581 bzw. die Veröffentlichung der Turcograecia im Jahr 1584 eindeutig zu erleuchten und zu begründen. Wir müssen meines Erachtens davon ausgehen, dass dieses Studium der ›vulgaris lingua graeca‹ sich verselbständigt hat und von Crusius aus persönlichen Gründen gepflegt wurde. Die Rolle der Griechen, die ab 1579 in regelmäßigen Abständen bei ihm in Tübingen zu Besuch waren und ihm immer wieder neue Informationen gegeben haben, war dazu durchaus ausschlaggebend.
3.2.2 Pläne für die Belehrung der griechischen Mitchristen im Rahmen des theologischen Dialogs
Eine Beschreibung aller Ereignissen, die zu den bereits erwähnten Plänen geführt haben, ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich bzw. nicht wünschenswert: sie würde die Darstellung des geschichtlichen Verlaufs in den Vordergrund stellen, etwas was bereits von WENDEBOURG (1986) geleistet wurde. Den Aufhänger für uns stellt eine Entdeckung Stephan Gerlachs in Konstantinopel dar; er teilte im November 1575 dem Kanzler der Universität mit, »dass die Griechen, und zwar ihre repräsentativen Vertreter, sehr viele Irrtümer in zentralen Fragen hegten« (WENDEBOURG 1986: 77). Dies macht aus der Sicht Gerlachs und dementsprechend auch Crusius’ eine Belehrung der Griechen über den aus lutherischer Sicht richtigen Glauben notwendig; dies ist nur durch ›fehlerfreie‹, von den Griechen zu verstehende theologische Schriften möglich.
Crusius erfuhr von dieser ›Entdeckung‹ Gerlachs mit einer gewissen Verspätung (Ende April 1576, s. WENDEBOURG 1986: 84 f.) und entwickelte ziemlich schnell einen eigenen Vorschlag für die Lösung S. 76dieses Problems121. Aber auch davor hatte Crusius an die ›vulgaris lingua graeca‹ gedacht und sie als Vehikel für die Verbreitung der lutherischen Lehre unter der Griechen in Betracht gezogen: ein theoretischer Plan des möglichen Modus Operandi ist in seinem Tagebuch zu lesen122. a. Der Hintergrund der Pläne: die Unbildung der Griechen und der
Versuch, mehr über die ›vulgaris lingua graeca‹ zu erfahren Crusius hatte bis zum Jahr 1573 (dem Anfang des theologischen Dialogs bzw. des Aufenthaltes von S. Gerlach in Konstantinopel) nur eine vage Vorstellung von dem tatsächlichen Stand der Dinge bezüglich der griechischen Sprache im Griechenland des 16. Jh.123 Es war Stephan Gerlach, der in seinem ersten Brief aus Konstantinopel (11.10.1573) als erstes auffälliges Charakteristikum der Griechen ihre Unbildung ausmachte; er stellte fest, dass nur sehr wenige von ihnen die reine griechische Sprache (»pura Graeca lingua«) beherrschten; die Griechen seien mit ihrer »vulgaris lingua« zufrieden und zeigten sogar eine Abneigung gegen die »pura lingua«, die sie als überflüssig betrachteten124. Diese Feststellung kann sicherlich von uns relativiert werden, indem wir sie als Ergebnis eines ersten ›kulturellen Schocks‹ seitens Gerlachs interpretieren; was uns hier vielmehr interessiert, ist S. 77die Erkenntnis, die Gerlach und auch Crusius sehr früh über die Griechen gewonnen haben müssen: die griechischsprachige Bevölkerung, oder mit Luthers Worten der ›gemeine Mann‹ lässt sich unter solchen Umständen nur über die ›vulgaris lingua‹ erreichen. Die offizielle Kommunikationssprache mit dem Patriarchen und seinen Beamten war dagegen erwartungsgemäß das Griechische125, der erste offizielle Annäherungsversuch seitens der Tübinger Theologen fand mithilfe einer griechischen Übersetzung der ›Confessio Augustana‹ statt126.
i. Die erste Anfrage Crusius’ über die ›vulgaris lingua‹ in Konstantinopel und die Antwort des Theodosios Zygomalas Dass Crusius’ Interesse an der ›vulgaris lingua graeca‹ auch von solchen Erwägungen gesteuert wurde, schließe ich aus seinem ersten Versuch im Frühjahr 1575 mithilfe seines Gewährsmannes in Konstantinopel127 bzw. des ihm noch namentlich unbekannten Protonotars des Patriarchats Hilfsmittel über die ›vulgaris lingua graeca‹ zu S. 78erlangen. Es folgt der entsprechende Wortlaut des griechischen Briefes des Crusius’128:
ἕτερον δὲ, εἰ ἄρα τέχνη, περὶ τῆς σήμερον καὶ δημώδους ἑλλάδος φωνῆς, καὶ λεξικόν τι, συγγέγραπται: ἢ καὶ ἡ καινὴ διαθήκη τοῦ σωτῆρος ἡμῶν, εἰς τήνδε τὴν διάλεκτον μετεβλήθη: καὶ πόθεν ἂν τούτων τυχεῖν δυνηθείην. βουλοίμην γὰρ ἂν καὶ τῆς καινουργηθείσης ταύτης (.ἧς ἤδη μικράν τινα γεῦσιν ἔχω.) μέχρι του γνῶσιν (.μόνον τοῦ συνιέναι τὰ ἐν αὐτῇ ἐκδοθέντα.) τῇ παλαιᾷ καὶ γνησίᾳ ἑλληνικῇ γλώσσῃ συνάπτειν: ὡς οὐ καλὸν ἔμοιγε δοκοῦν, τὰ ἀρχαῖα εἰδότα πη, τῶν παρὰ πόδας πάντη ἀμαθῶς ἔχειν. οὐ γὰρ οὖν σοίγε, κύριε, διὰ τούτων ἐπαχθὴς ἂν εἶναι θέλοιμι: τῷ δὲ γερλαχίῳ, συμβουλῆς τινος ἢ μετρίας βοηθείας, εἰς τὸ τούτων, ἐπήβολον με ποιεῖν, ὑπὸ τῆς χρηστότητός σου μεταδίδοσθαι. (Mh 466.1, pag. 71-73; Brief von Crusius an den Protonotar des Patriarchats; 21.1.1575)
Crusius fragt in diesem Brief nach der Existenz eines lexikographischen Werkes (λεξικόν τι) bzw. einer Grammatik (τέχνη) der σήμερον καὶ δημώδους ἑλλάδος φωνῆς; sein Wunsch sei es die ältere und ursprüngliche griechische Sprache (παλαιᾷ καὶ γνησίᾳ ἑλληνικῇ γλώσσῃ) in Verbindung (συνάπτειν) mit der neueren (τῆς καινουργηθείσης ταύτης) zu bringen, von der er bereits eine kleine Ahnung habe (ἧς ἤδη μικράν τινα γεῦσιν ἔχω)129; Crusius nennt jedoch ein eher bescheidenes Ziel für das Erlernen der ›vulgaris lingua‹: er möchte nur das in dieser Sprache Gedruckte erfassen können (μόνον τοῦ συνιέναι τὰ ἐν αὐτῇ ἐκδοθέντα). Ihm als Kenner der griechischen Sprache (τὰ ἀρχαῖα εἰδότα πη) schien es nicht angemessen, das spätere Griechische überhaupt nicht zu beherrschen (τῶν παρὰ πόδας πάντη ἀμαθῶς ἔχειν).
Dass es sich bei diesem Anliegen jedoch um etwas mehr als das allgemeine Interesse eines Humanisten an der gesprochenen Sprache130 gehandelt haben könnte, zeigt meines Erachtens die zusätzlicheS. 79 spezifische Frage nach dem Vorhandensein einer Übersetzung des Neuen Testaments ins Frühneugriechische (ἢ καὶ ἡ καινὴ διαθήκη τοῦ σωτῆρος ἡμῶν εἰς τήνδε τὴν διάλεκτον μετεβλήθη) und nicht eines anderen griechischen Textes (z.B. eins der homerischen Werke). Der Grund für diese Annahme ist m.E. die allgemein bekannte große Bedeutung der Übersetzung der Bibel in die ›Volkssprache‹ für die lutherische Lehre131. Crusius schreibt zwar hier privat an den Protonotar des Patriarchats, dessen Namen er noch nicht kennt, dieser Brief muss jedoch meines Erachtens im Rahmen des theologischen Dialogs, zu dem er auch eindeutig gehört, interpretiert werden132.
Die Vermutung, dass Crusius’ Interesse an der ›vulgaris lingua graeca‹ in Korrelation mit der Entwicklung des theologischen Dialogs steht, erhärtet sich, wenn wir Crusius’ spätere entsprechende Bemühungen in Betracht ziehen. Direkt nach dem Empfang der ersten positiven Nachrichten aus Konstantinopel133 intensiviert er seinen Einsatz: er liest aus dem aus diesen positiven Nachrichten entstandenen Optimismus heraus (vom 6.9.-1.10.1575) sehr gründlich weitere S. 80frühneugriechische Texte seiner Sammlung134; wir wissen, dass er bei dieser Lektüre große Schwierigkeiten beim Verstehen einzelner sprachlicher Formen hatte. Er stellt in diesem Zusammenhang explizit die Notwendigkeit eines Lexikons für diese Sprache fest (S. weiter unten, Kap. IV, S. 136).
Dass in dieser Zeit kein solches Lexikon existierte135, erfuhr Crusius von Theodosios Zygomalas’ in der Antwort auf den bereits zitierten Brief136. Theodosios Zygomalas macht jedoch darüber hinaus einen für Crusius wahrscheinlich unerwarteten Vorschlag:
(Crusius’ Notiz in margine: Περὶ τῆς δημώδους φωνῆς, καὶ πρόκλησις αὐτοῦ) Περὶ δὲ βιβλίων ἁπλῶν τῆς δημώδους φωνῆς ἢ λεξικοῦ, ἴσθι οὐδὲν τοιοῦτον τινὶ πεποίηται. οὔτε τὰ τῶν διαθηκῶν ἐσαφηνίσθη. πόλιν γὰρ εἰπεῖν οἰκοῦμεν ἣν πλάτων ὁ θεῖος ἔκτισε. καὶ ὅτι οὔτε ὁ μισθός ἐστιν οὐδεὶς τούτων ἕνεκα, οὔτ’ ὁ κοπιάσων. ἄν δέ τις τῶν αὐτόθι πλουσίων, καὶ βοηθεῖν ἡμῖν ἐθελόντων, τοιαῦτα βούλεται, πεμψάτω τὸν μισθὸν, καὶ ἔργον ποιήσομεν. καὶ δι’ ἔτους ἑνὸς, συνυπουργούντων μοι καὶ ἄλλων σπουδαίων ἐνταῦθα μισθῷ τελειώσω καὶ ὑμῖν πέμψω μεθ’ ὅσης τῆς προθυμίας κοινωφελῆ ἐσόμενα. εἰ δὲ καὶ σιτηρέσιον σχῶ παρὰ τοῦ περιβλέπτως κρατοῦντος ἐν ὑμῖν, οὐ μόνον ταῦτα ἐκπληρώσω, καὶ πᾶν ὃ προστάσσητε, συμβοηθοῦντος μοι καὶ τοῦ κυρίου μου πατρὸς, Ἰωάννου Ζυγομαλᾶ τοῦ ῥήτορος, τοῦ τὴν ἑλληνικὴν καὶ λατινικὴν παιδείαν εἰδότος, (ἣν ἡ πενία με διεκώλυσε σπουδάσαι, εἰ δὲ βοηθείας τύχοιμι νέος ὤν, ἤδη τριακοντούτης, καὶ ταύτην σπουδάσω, Γερμανοῖς τε τὴν χάριν ἀναγράψω, καὶ ἔσται χάρις χαρίτων, ὡς βοηθήσουσιν ἕλλησιν ἤδη βαρβαρωθεῖσι, ταῖς καιρικαῖς ἀνωμαλίαις) ἀλλὰ μετὰ τοῦ ἁπλοῦ λεξικοῦ [pag. 183] καὶ τῆς σαφηνείας παλαιᾶς τε καὶ νέας διαθήκης, καὶ ἄλλων, γνωρίσω ὑμῖν πέμψας ἱστορικὸν νέον, ἀκριβῆ τῶν γινομένων, καὶ σαφῆ, καὶ σύντομον S. 81ὡς δυνατὸν διηγούμενον τὴν διάβασιν. (Mh 466.1, pag. 182-3, Th. Zygomalas an Crusius, 15.11.1575, empfangen am 18.1.1576)
Th. Zygomalas bietet hier explizit und anscheinend ohne jegliche Berührungsängste Crusius seine Dienste gegen Bezahlung an. Er sei in der Lage, binnen eines Jahres (καὶ δι’ ἔτους ἑνὸς) in Kooperation mit anderen Gelehrten vor Ort (συνυπουργούντων μοι καὶ ἄλλων σπουδαίων ἐνταῦθα) alle diesbezüglichen Wünsche zu erfüllen; die Voraussetzung dafür sei natürlich, dass ein wohlhabender Auftraggeber aus dem Ausland (τις τῶν αὐτόθι πλουσίων) ihm dabei helfen möchte und die notwendige Bezahlung aufbrächte (καὶ βοηθεῖν ἡμῖν ἐθελόντων, τοιαῦτα βούλεται, πεμψάτω τὸν μισθόν, καὶ ἔργον ποιήσομεν).
Bis hierhin handelte es sich um einen gewiss ambitionierten Plan, der sich allein vom Umfang der zu leistenden Arbeit her sehr schwer verwirklichen ließ. Was aber folgt, macht meines Erachtens die wirklichen Absichten des Zygomalas’ deutlich: falls er in der Zukunft den entsprechenden Lohn von »dem bei euch in bewundernswerter Weise Herrschenden«137 (τοῦ περιβλέπτως κρατοῦντος ἐν ὑμῖν), in Deutschland also, bekäme – und mit der Unterstützung seines Vaters, der die lateinische Sprache beherrschte (συμβοηθοῦντος … τοῦ κυρίου μου πατρός … καὶ λατινικὴν παιδείαν εἰδότος) –, wäre er in der Lage, darüber hinaus alles Gewünschte (οὐ μόνον ταῦτα ἐκπληρώσω, καὶ πᾶν ὃ προστάσσητε), einschließlich eines bisher unbekannten historischen Werkes (ἱστορικὸν νέον …)138, zu verfassen. Er sei sogar bereit, die lateinische Sprache zu lernen, und da er noch jung sei, sei dieses S. 82Unternehmen gut möglich (εἰ δὲ βοηθείας τύχοιμι νέος ὤν, … καὶ ταύτην σπουδάσω).
Hier geht es meiner Meinung nach hauptsächlich um Geld, was, wie bereits Gerlach in seiner Kommunikation mit dem Vater von Theodosios, Ioannes feststellen konnte (WENDEBOURG 1986: 73-4), des öfteren als Motiv der Griechen in Konstantinopel vorgekommen war. Ohne ausschließen zu wollen, dass Zygomalas tatsächlich zu einer solchen Reise bereit gewesen wäre139, glaube ich vielmehr, dass dieses als ein Signal an Crusius gedacht war, frei nach dem Motto ›Wir wissen, was Sie interessiert, und beliefern Sie nur nach angemessener Bezahlung‹: eine durchaus realistische und meiner Meinung nach legitime Haltung. Das ganze ist aber in einem überaus freundlichen Ton verfasst, was, wie wir sehen werden, Crusius positiv beeinflusst hat.
Bevor wir uns der Analyse des Antwortbriefes des Crusius’ widmen, ist es meines Erachtens hilfreich und notwendig, die Ereignisse bis zu diesem Zeitpunkt zusammenzufassen. Crusius hat durch Gerlach erfahren, dass in Konstantinopel bzw. Griechenland die ›lingua pura‹ überhaupt nicht verbreitet ist. Dies führt zu einer Steigerung seines Interesses für die ›vulgaris lingua‹ und zwar auch in einem Bereich, der eng mit der Verbreitung der lutherischen Lehre zusammenhängt (Übersetzung des Neuen Testaments in die Volkssprache). S. 83Er versucht darüber hinaus, über Gerlach und Th. Zygomalas in Konstantinopel diesbezügliches Material zu bekommen.
Aus diesen Bemühungen des Crusius’ haben wir den Schluss gezogen, dass sein Interesse mit Sicherheit mit dem positiven Verlauf des theologischen Dialogs bis zu diesem Zeitpunkt und dem daraus entstandenen Enthusiasmus und Optimismus zusammenhängt.
ii. Crusius Antwort auf das Angebot des Zygomalas Aus dem eben beschriebenen Angebot des Th. Zygomalas heraus hat Crusius zwei Pläne entworfen; einen konkreten, der auch verwirklicht wurde und im Grunde genommen zur Erstellung des ›Alphabetum‹ geführt hat, und einen theoretischen, der nur als eine Art Argumentationshilfe formuliert und nicht in die Tat umgesetzt wurde; den konkreten Plan werden wir in diesem, den theoretischen, der Crusius’ Motive eindeutig zur Schau stellt, im nächsten Abschnitt präsentieren und analysieren.
Crusius’ Antwort auf Theodosius Zygomalas besteht aus zwei Schreiben: in dem ersten und längeren (Mh 466.1, pagg. 276-290) geht es hauptsächlich um theologische Themen. Der Enthusiasmus des Crusius’ schlägt sich jedoch in der rhetorischen Form dieses Briefes nieder: der Brief des Theodosios hat Crusius in einer wegen der Krankheit seiner Tochter schwierigen und traurigen Situation getroffen, mit der Lektüre dieses Schreibens und den ersten Anzeichen einer Genesung seiner Tochter habe ihm Gott jedoch eine doppelte Freude bereitet140. Zwar spricht Crusius auch in diesem Schreiben gelegentlich sein Anliegen, mehr über die ›vulgaris lingua graeca‹ zu erfahren, an, der Schwerpunkt dieses Briefes liegt jedoch in der allgemeinen Kommentierung der Antwort des Zygomalas und muss hier in seinerS. 84 Gesamtheit nicht wiedergegeben werden.
Diesem Schreiben legte Crusius jedoch einen kleineren, am nächsten Tag (16.4.1576) verfassten Brief bei, der auf das Angebot des Zygomalas zurückkommt bzw. Crusius’ konkrete Vorstellungen näher erläutert. Er wird im Folgenden in seiner Gesamtheit wiedergegeben:
[in margine: Extrà] V. Τῷ σοφῷ καὶ λογιοτάτῳ ἀνδρὶ, κυρίῳ Θεοδοσίῳ τῷ Ζυγομαλᾷ, πρωτονοταρίῳ τῆς ἐν Κωνσταντίνου πόλει μεγάλης τοῦ πατριαρχείου ἐκκλησίας, τῷ φιλτάτῳ. [in margine: Intus] Πάλιν ἐν Χριστῷ χαίρειν. Οὐκ ἐᾷ με παύεσθαι ἡ φιλία. Αὖ δὴ ἄκουε, φίλτατε. Εἴ μοι περιουσία χρημάτων εἴη: πάντων ἄν σε ἰδίᾳ χορηγίᾳ δεῦρο (.ἐπείγε σφόδρα τῶν ἡμετέρων θαυμαστὴς καὶ φίλος εἶ.) οὐ μὴν ἀγνοοῦντος, οὐδὲ ἄκοντος, τοῦ παναγιωτάτου κυρίου πατριάρχου, μεταπεμψαίμην: ἵνα Λεξικὸν τῆς ἰδιωτικῆς ὑμῶν γλώττης ξυγγράψειας: καὶ τὰς ἁγίας γραφὰς, καὶ ἄλλα ταύταις συνῳδὰ, εἰς τὴν γλῶτταν ταυτηνὶ μεθερμηνεύσειας. Νῦν δ’ ἀδύνατος, ἐγώ. Ἐπεὶ δὲ σφόδρα πενίαν τὴν αὐτόθι ὀδύρῃ: οὐ διστάζω, μὴ οὐ συμφέρειν ἂν: εἰ τῷ λαμπροτάτῳ ἡγεμόνι ἡμῶν, τὴν περὶ τῆς διαβάσεως, ἧς μέμνησαι (.ἆρα τῆς τῶν τούρκων εἰς Εὐρώπην, καὶ ὧν ἐν αὐτῇ διεπράξαντο;) ἱστορίαν προσφωνῶν πέμψειας. Ἔγνωκεν ὅγε ἤδη ὑμᾶς, ἐξ ὧν ἐμοὶ ἐπεστάλκατε: ὁ εὐσεβὴς, καὶ δίκαιος, καὶ εὖ πεπαιδευμένος ἥρως. τῷ ὄντι ἔγωγε, εἰ δυνηθείην, προθέλυμνον ἂν (.ὁμηρικῶς φάναι.) ἐκσπάσαιμι τὴν ἐνοχλοῦσαν ὑμῖν ἔνδειαν: καὶ (.κατὰ Θέογνιν.) ῥυπτήσαιμι φέρων [pag. 292] τῆλ’ εἰς μεγακήτεα πόντον. Πέμπω δέ σοι μικρὸν (.οὐ γὰρ ἄρχοντες, ἡμεῖς γε.) δῶρον, χρυσίνους β΄. ῥηνείους: καὶ δέομαι σου σφόδρα (.ὅπερ εὐχερές σοι, καθημέραν μικρὸν λαβόντι.) κατὰ λέξιν ἑρμηνεύειν μοι τὰς κοινὰς λέξεις ταύτας, τοσαύτας ἄλλαις (.ἑλληνικαῖς, ἢ λατίναις, ἢ ἰταλικαῖς.) προσγράφοντα: καὶ μοι διὰ κυρίου Γερλαχίου μετ’ οὐ πολὺ ἀναπέμπειν. ποιήσω ἔγωγ’ αὖ, ἃ ἂν δυνηθῶ ὠφελῆσαι. Πάλιν ἔῤῥωσο φίλτατε: καὶ ταχυτέρᾳ πρὸς πάντα τὰ ἐμὰ ἀποκρίσει εὔφραινέ με. Ἐν Τυβίγγῃ, τῇ ιε΄. Ἀπριλίου, τοῦ αφοϚ΄. ἔτους. Ὁ ἀληθῶς σοι φίλος, Μαρτῖνος ὁ Κρούσιος.(Mh 466.1, pag. 291- 2, Crusius an Th. Zygomalas, 15.4.1576)
S. 85In diesem Schreiben spricht Crusius konkret drei Punkte an, die das bisher über sein Interesse an der ›vulgaris lingua graeca‹ Gesagte meines Erachtens bestätigen:
α) Hätte er selbst die finanzielle Möglichkeit, würde er Zygomalas
gerne nach Tübingen holen; das Ziel dieser theoretischen Über-
legung wird ebenfalls sehr deutlich genannt.
β) Da er selbst aber kein Vermögen besitze, aber Zygomalas doch
helfen möchte, würde er ihn an den »glänzenden Herrscher«
(λαμπροτάτῳ ἡγεμόνι) vermitteln, falls Zygomalas das in sei-
nem Brief genannte historische Werk schreiben würde.
γ) Er selbst schickt an Zygomalas Geld, mit dem Auftrag (oder der
Bitte), die beigefügten Wortlisten mit Interpretamenten zu ver-
sehen. Der erste und dritte Punkt hängen unmittelbar zusammen und werden daher weiter unten zusammen analysiert; der zweite bestätigt meines Erachtens unsere bisherige Analyse über die öffentliche Meinung und die Türkenfrage im 16. Jh. und die Rolle solcher Überlegungen in Crusius’ Handeln. Die von Zygomalas in seinem Brief unklar formulierte διάβασις wird von Crusius mit den türkischen Feldzügen nach Europa und deren Konsequenzen in Verbindung gebracht (ἆρα τῆς τῶν τούρκων εἰς εὐρώπην [scil. διάβασιν] καὶ ὧν ἐν αὐτῇ διεπράξαντο;); Zygomalas sollte diese ›Historia‹ dem λαμπροτάτῳ ἡγεμόνι widmen (προσφωνῶν), dieser sei bereits aus der bisherigen Korrespondenz über die Griechen informiert (ἔγνωκεν ἤδη ὑμᾶς, ἐξ ὧν ἐμοὶ ἐπεστάλκατε).
Crusius denkt hier ohne Zweifel an den Herzog von Württemberg, Ludwig, nennt aber dessen Namen und Funktion nicht. Täte er dies, so würde er die Griechen über die tatsächliche Stellung der Tübinger in Deutschland aufklären141, was deren hohe Erwartungen unter Umständen enttäuschen würde. Somit lässt er die Griechen hoffen S. 86und bringt sein eigenes Anliegen hervor. Er belässt es bei der eher vagen Formulierung λαμπρότατος ἡγεμών bzw. ὁ εὐσεβὴς, καὶ δίκαιος, καὶ εὖ πεπαιδευμένος ἥρως142 und lässt seine griechische Briefpartner ihre eigenen Schlussfolgerungen daraus ziehen.
Diese Formulierung zeigt meines Erachtens eindeutig, dass Crusius keineswegs mit naiven Vorstellungen, sondern mit konkreten Zielen und durchdachten Wünschen die Korrespondenz mit seinen griechischen Briefpartnern führte. Darüber hinaus war er von einem praktischen Geist geprägt. Wenn es sowieso kein Lexikon des Frühneugriechischen gibt und Th. Zygomalas ihm seine Dienste gegen Bezahlung angeboten hat, so nutzt Crusius dieses Angebot und sendet erneut Wortlisten (über Gerlach) an Zygomalas143, diesmal zusammen mit der entsprechenden Bezahlung und konkreten Anweisungen: καὶ δέομαι σου σφόδρα (.ὅπερ εὐχερές σοι, καθημέραν μικρὸν λαβόντι.) κατὰ λέξιν ἑρμηνεύειν μοι τὰς κοινὰς λέξεις ταύτας, τοσαύτας ἄλλαις (ἑλληνικαῖς, ἢ λατίναις, ἢ ἰταλικαῖς) προσγράφοντα.
Diese »wortwörtliche Interpretation mit anderen griechischen, lateinischen oder italienischen Wörtern«, die Crusius hier von Zygomalas verlangt, gleicht der späteren Glossierung der Texte mithilfe der griechischen Informanten und stellt ebenfalls das primäre Material des ›Alphabetum‹ dar144. Für jemanden, der ernsthaft die ›vulgaris lingua graeca‹ erlernen möchte und keine anderen Hilfsmittel besitzt, stellt dies die einzige Alternative dar. In dieser Sendung von ›Vocabula‹, wie Crusius sie selbst nennt, sehe ich den Beweis, dass Crusius das Erlernen der ›vulgaris lingua‹ schon zu dieser Zeit ernsthaft in Erwägung gezogen hatte.
S. 87Mit welchem Ziel möchte er aber diese Sprache erlernen? Auch darüber liefert uns dieser Brief deutliche Hinweise. Wie bereits erwähnt, greift Crusius im zweiten Punkt seines Schreibens den Vorschlag des Zygomalas über einen möglichen Aufenthalt im Ausland im Irrealis auf: die Erstellung eines Lexikons des Frühneugriechischen (ἵνα Λεξικὸν τῆς ἰδιωτικῆς ὑμῶν γλώττης ξυγγράψειας) und die Übersetzung der Heiligen Schriften bzw. anderer diesbezüglicher Werke (καὶ τὰς ἁγίας γραφὰς, καὶ ἄλλα ταύταις συνῳδὰ, εἰς τὴν γλῶτταν ταυτηνὶ μεθερμηνεύσειας) werden als ideelle Ziele dieser Ideen explizit genannt.
Das Lexikon und die Übersetzung der heiligen Schriften ins Frühneugriechische (Crusius hatte beide bereits in seinem ersten Brief an Zygomalas erwähnt) könnten natürlich von ihm wegen seines allgemeines Interesses an Sprachen bzw. theologischen Themen miteinander in Verbindung gebracht werden; im Folgenden werden wir zeigen, das dies nicht der Fall ist. Crusius denkt an eine Übersetzung der Heiligen Schriften in die ›gesprochene Sprache‹, weil dies bereits als Mittel für Reformationsbewegungen in Europa gedient hatte. Eine Übersetzung der Heiligen Schrift ins Frühneugriechische würde in diesem Zusammenhang den ersten Schritt für eine reformatorische Bewegung in Griechenland darstellen145; ein Lexikon wird gebraucht, wenn man keinen griechischen Übersetzer zur Verfügung hat und trotzdem eine solche Übersetzung anstrebt. b. Ein von Crusius erarbeiteter, theoretischer Plan für die Bekehrung
der Griechen im Rahmen des theologischen Dialogs Nach dem Empfang und der Lektüre der Briefe von Theodosios und Ioannes Zygomalas und drei Tage vor dem Verfassen seiner eben S. 88präsentierten Antwort darauf schreibt Crusius am 13.4.1576 folgende Notiz in sein Tagebuch (Mh 446.1, pag. 226, s. auch Abb. 2, S. 90). Bei dieser ganzseitigen Notiz handelt es sich mit Sicherheit um ein persönliches Konzept des Crusius’ für die Fortführung des theologischen Dialogs, das von ihm alleine verfasst wurde und nicht für eine allgemeine Nutzung oder weitere Beratungen gedacht war: der Ausdruck ut Crusio soli 13. Feb. (scil. 1576) videbatur lässt keinen Zweifel daran. Crusius fasst die Informationen bzw. die wichtigsten, vom Vater Zygomalas in aller Deutlichkeit geäußerten, Wünsche (vgl. die Überschrift Δεήσεις τῶν Ζυγομαλῶν) seiner Konstantinopolitaner Briefpartner in Punkt eins und zwei zusammen: die Griechen bitten um eine schriftliche Empfehlung ihrer Dienste an D. Ungnad und S. Gerlach und um ihre Vermittlung seitens der Tübinger an den Kaiser und Herzog (παρὰ τῷ καίσαρι, καὶ τῷ πρίγκιπι)146, zum Zweck einer ihre Armut147 lindernden finanziellen Unterstützung. Der vierte Punkt, Crusius’ Idee, dem Patriarchen ein Geschenk zu machen, wurde ein Jahr später (im Mai 1575) tatsächlich verwirklicht (WENDEBOURG 1986: 106).

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Abb. 2: Crusius’ theoretischer Plan über Theodosios Zygomalas (Mh 466.1, p. 226).
S. 91Wir kommen jetzt zum dritten Punkt, der uns besonders interessiert und im Folgenden näher erläutert und analysiert wird. Crusius erkennt in Th. Zygomalas eine für die Fortführung des theologischen Dialogs wichtige Person und formuliert acht Argumente, die für seine engere Einbeziehung in diese Sache sprechen. Dabei denkt Crusius sowohl an das bisher Geschehene bzw. von Th. Zygomalas in seinem Brief Vorgeschlagene als auch an die mögliche zukünftige Rolle des Zygomalas.
Theodosios Zygomalas soll nach Crusius’ Meinung aus folgenden Gründen enger mit in die Angelegenheit einbezogen werden: Theodosius hat Gerlach die Idee vorgeschlagen, dem Patriarchen die ›Confessio Augustana‹ zu übergeben (WENDEBOURG 1986: 45) und wurde vom Patriarchen zusammen mit anderen mit dem Verfassen der Antwort darauf beauftragt (ebd., S. 69) (3. Argument); er und sein Vater haben den Wunsch geäußert, sich gegen Bezahlung um griechische Bücher für die Tübinger Seite zu kümmern und ein historisches Werk über die Türken zu liefern (4. Argument); er scheint nicht feindselig gegen die lutherische Lehre eingestellt zu sein (8. Argument).
Crusius’ scheint seine gute Meinung über Theodosios Zygomalas jedoch hauptsächlich durch dessen Schreiben(s. hier weiter oben, S. 80 ff.) gebildet zu haben, wie die folgenden Argumente beweisen: Zygomalas habe eine vortreffliche Meinung von den Deutschen (2. Argument); er scheine entschlossen zu sein, alle Tübinger Wünsche zu erfüllen (5. Argument) bzw. einen Aufenthalt in Tübingen hinzunehmen (7. Argument), dies zeige auch seine vorzügliche Ermunterung für die Tübinger Studenten (s. weiter oben, Anm. 139) (6. Argument).
Diese Argumente wurden unter Umständen auch aus Crusius’ Optimismus heraus formuliert. Für unsere Untersuchung von größter Bedeutung ist jedoch Crusius’ erstes Argument über die Griechischkenntnisse (bene Graecè scribit: et novit vulgarem linguam Graecam, latinam discere paratus), in Kombination mit der Fortführung seiner Argumentationslinie: nach all diesen Argumenten, die für die Einbeziehung des Theodosios in die Tübinger Sache sprechen, zeigt CrusiusS. 92 zwei Alternativen auf: zum einen könne man Theodosios Zygomalas in Konstantinopel (Byzantii μένοντα) gegen Bezahlung anwerben (precio conduci); zum anderen – und hierin werden meines Erachtens die tatsächlichen Bestrebungen Crusius’ offenbar – könne man ihn nach Tübingen holen (Tybingam μετοικοῦντα) und ihn die lutherischen Schriften ins Frühneugriechische übersetzen lassen (nostrae Religionis libros, in vulgarem Graecam convertere).
Das von ihm im nächsten Satz erwähnte Beispiel (sicut D. Ioann. Ungnadius in Sclavonicam curabat) zeigt allerdings ohne jeglichen Zweifel, woran genau Crusius hierbei denkt: die bereits erwähnte (s. Anm. 108, S. 71) in den sechziger Jahren des 16. Jh.’s von Johannes Ungnad (dem Onkel des aktuellen Botschafters in Konstantinopel) angestrebte Verbreitung der Reformation bei den Südslawen und die Gründung einer Druckerei in Urach bei Tübingen für die Herstellung von slowenischen und kroatischen reformatorischen Drucken in kyrillischer Schrift (EHMER 1995, GÖLLNER 1978: 219). Crusius denkt also eindeutig an eine Belehrung der Griechen mithilfe von theologischen-reformatorischen Schriften in der ›vulgaris lingua graeca‹ übersetzt aus der Feder des Zygomalas148.
Wie wir aber gesehen haben, hat Crusius dem Theodosios Zygomalas solche Vorschläge nur im Irrealis mitgeteilt. Die praktischen Schwierigkeiten eines solchen Unternehmens waren so groß, dass Crusius diesen Plan nie öffentlich erläutert hat: er blieb bloß in seinem Tagebuch formuliert, als Teil einer aus seiner Sicht gutmütigen Absicht (oder aus unserer Sicht eines persönlichen Traumes) für die von S. 93ihm so sehr wegen ihrer Sprache geliebten ›Griechen‹149. In dieser Absicht sehe ich aber das erwähnte tatsächliche und ursprüngliche Motiv des Crusius für das Erlernen der ›vulgaris lingua graeca‹ bestätigt.
Angenommen, dass unsere Analyse stimmt und Crusius ernsthaft an eine Bekehrung der Griechen gedacht hatte und deswegen die ›vulgaris lingua graeca‹ erlernen wollte, wäre nicht ein solches Bestreben eigentlich naiv und zum Scheitern verurteilt? Die spätere Erfahrung des Patriachen Kyrillos Loukaris und seines kalvinistischen Glaubensbekenntnisses, das schließlich seinen Tod bedeutete, scheint dies zu beweisen (s. dazu u. a. PODSKALSKY 1988: 162-180).
Aus heutiger Sicht bzw. mit unserem heutigen Wissen ist ein solches Urteil tatsächlich vertretbar, es kann und darf aber nicht auf Crusius’ Zeit übertragen werden. Crusius als bekennender Lutheraner hätte auch den kleinsten Funken einer Hoffnung für die Belehrung der Griechen genutzt, ohne dabei zu zögern oder, wie wir es heute machen würden, seine Anstrengungen an der erbrachten Leistung zu messen. Es ist in einem solchen Geist, dass er im Prolog seiner Turcograecia über sein Bestreben die ›vulgaris lingua graeca‹ bekannt zu machen, schreibt: Sic nostris etiam hominibus hanc linguam (hactenus à nemine nostrum, quod sciam, tentatam) pro parte mea notam facere volui: quod fortè suo tempore aliquam utilitatem attulerit. (Turcograecia pag. *4r).
3.3 Fazit
Mit diesen Ausführungen sollte gezeigt werden, dass, wenn man die primären Quellen näher betrachtet und gründlich analysiert, zu anderen, von der bisherigen Forschung abweichenden Ergebnissen über Crusius’ ›Philhellenia‹ kommen kann. Nach einer solchen Analyse ist S. 94man gezwungen, den philhellenischen Charakter der frühneugriechischen Studien des Crusius’ in den Hintergrund zu stellen und nach anderen Motiven zu suchen. Voraussetzung dafür ist die differenzierte Betrachtung des crusianischen Terminus ›Philhellene‹ in der engeren Bedeutung ›Freund der Hellenen‹ bzw. ›derjenigen, die von Natur aus die griechische Sprache sprechen‹.
Crusius’ Griechenlandbegeisterung hängt unmittelbar mit aktuellen Ereignissen der Zeitgeschichte des 16. Jh.’s zusammen und wird von ihnen sowohl gefordert als auch gesteuert. Ein außerordentliches Ereignis in Bezug auf die sogenannte ›Türkenfrage‹ führt zu Crusius’ erster Beschäftigung mit der ›vulgaris lingua‹, ein längerer theologischer Dialog mit dem Patriarchat von Konstantinopel festigt dieses Interesse. Im Rahmen dieses Dialogs bekommt Crusius die Gelegenheit, Näheres über die griechischen Mitchristen zu erfahren, diese Informationen führen zu einer intensiveren Beschäftigung mit der ›vulgaris lingua‹, die konkretere Ziele anstrebt.
Anhand Crusius’ eigener Äußerungen in seinem Tagebuch ist es möglich, diese Ziele zu rekonstruieren: Crusius dachte an eine Belehrung der griechischen Mitchristen mithilfe von theologischen Schriften in der ›vulgaris lingua‹, behält aber diese Pläne für sich und lernt die Sprache ›privat‹; er hat keinen Versuch unternommen, seine Pläne zu verwirklichen, hat diese Sprache gelernt in der Hoffnung, dass dies sich in der Zukunft eventuell als nützlich erweisen wird.
»Quod forte suo tempore aliquam utilitatem attulerit«, Crusius’ Glaube an die Zukunft und den möglichen Nutzen seiner Anstrengungen kann im Zusammenhang unserer Analyse auch als eine konkrete Hoffnung für die griechischen Christen interpretiert werden. Crusius selbst erwähnt solche Ziele nur auf den persönlichen Seiten seines Tagebuches, unsere Arbeit strebt aber ähnliche, sozusagen in seinem Sinne konzipierte Ziele an: das von ihm gesammelte Material für die heutige Wissenschaft nutzbar zu machen und seine tatsächlichen Leistungen auf diesem Gebiet zu präsentieren und zu würdigen.
Fußnoten
- Zu Crusius’ Biographie s. u. a. KLÜPFEL 1968, WIDMANN 1957. Eine lückenlose Bibliographie einschließlich aller weiteren biographischen Arbeiten zu Crusius ist bei WILHELMI 2002: 261-271 zu finden. ↑
- Andere Forscher sind jedoch kritischer mit der Beurteilung von Crusius’ Beschäftigung mit der griechischen Sprache: CANCIK (1999: 262) nennt ihn einen fleißigen Gelehrten, unermüdlichen Schreiber und versatilen Imitator halbtoter Sprachen. Dies hängt gewiss mit dem Schwerpunkt seines Aufsatzes (Crusius’ Streit mit Nicodemus Frischlin) zusammen, zeigt aber gleichzeitig, dass Crusius nicht nur positiv beschrieben werden kann. ↑
- Neben den in Humanistenkreisen üblichen Hexametern und anderen Dichtungen in griechischer Sprache sollte man hier die Verwendung der griechischen Sprache in der Korrespondenz mit anderen Gelehrten sowie in privaten Aufzeichnungen und Notizen in seinem handschriftlichen Tagebuch hervorheben. Über die Griechischstudien deutscher Humanisten s. auch u. a. HARLFINGER 1989 und LUDWIG 1998a. Über die mehrsprachigen Texte des Crusius’ in seinem Tagebuch, s. FAUST 1972 und anhand eines konkreten Beispiels weiter unten, Kap. V, S. 230-3. ↑
- Ein vollständiges Verzeichnis aller Predigtnachschriften Crusius’ ist bei WILHELMI 2002: 26 ff., zu lesen. ↑
- Ähnlich auch WYSS 1965: 2, zitiert in WILHELMI 1980: 25. ↑
- LUDWIG (1998a) hat ausführlich Crusius’ Darstellung der griechischen Studien im 16. Jh. analysiert sowie seine Rolle bei der Verbreitung der Griechischstudien in (Nord)Europa (1998b) gewürdigt. Im eigentlichen Bereich der Klassischen Philologie ist er hauptsächlich wegen seiner Sammlung griechischer Handschriften (die den Kern der Handschriftensammlung der Universitätsbibliothek Tübingen ausmacht) sowie seines Homer-Kommentars und seiner im 16. Jh. sehr populären griechischen Grammatik bekannt. Einen eher negativen Ruhm hat Crusius wegen seines Streits mit Nicodemus Frischlin (1547-1590) erworben; s. STAHLECKER 1942, HOLTZ /MERTENS 1999, CANCIK 1999. ↑
- Des Berichts von Leontios Eustratios, eines Besuchers Crusius’ im Jahr 1590, über das Patriarchat von Konstantinopel im ausgehenden 16. Jh. ↑
- In diesem Zusammenhang vgl. auch LUDWIG 1998a: 11: »[…] man nahm […] kaum zur Kenntnis, was er [scil. Crusius] in seinen gräzistischen Werken geschrieben und für die gräzistischen Studien geleistet hatte. Eine Ausnahme bildeten nur die Byzantinisten und Neogräzisten, die seine Turcograeciae libri octo, Basel 1584, als Quelle für sonst nicht überlieferte Texte schätzen, weshalb dieses Werk sogar in Facsimile gedruckt wurde.« ↑
- Die in der bisherigen Literatur über ihn mehrmals kritisiert wurde, s. LUDWIG 1998a: 11. ↑
- So kommt z. B. HOFMANN 1982: 41 zu sonst nicht überlieferten Informationen bezüglich des Ranges der Artistenfakultät innerhalb der Universität Tübingen anhand von Crusius’ Skizzen von offiziellen Veranstaltungen der Universität. In einer meteorologischen Arbeit hat TELELIS (1998) das Klima von Tübingen zwischen 1596-1605 erforschen können, weil Crusius in seinem Tagebuch für jeden Tag die aktuelle Wetterlage notiert hat. ↑
- »Der Gräzist [scil. Crusius] führte nämlich vom ersten Tag der Kontakte zwischen Württemberg und Konstantinopel an genau darüber Buch: Fast vollständig kopierte er die damit in Verbindung stehenden Briefe, sei es, daß sie zwischen den beiden Polen, sei es, daß sie innerhalb Deutschlands gewechselt wurden, oder paraphrasierte sie wenigstens, und er notierte die Überlegungen und Maßnahmen der Lutheraner im Hintergrund« (WENDEBOURG 1986: 14-5). Eine kürzere Darstellung der Ereignissen und Crusius’ Rolle liefert WENDEBOURG 1994. ↑
- Vgl. Deutsches Fremdwörterbuch, begonnen von H. Schulz, fortgeführt von Otto Basler, Bd. 2, Berlin 1942 s. v. Philhellene: »‚Griechenfreund‘ Parteiname und Schlagwort aus der Zeit des griechischen Befreiungskampfes (1821-29), das bes. seit 1825 in Westeuropa geläufig ist. […] Daneben aber gilt das Wort, vereinzelt belegt, schon vorher, so bei Wieland 1798 im Sinn des ›Freundes der alten Griechen‹ […]« Crusius nutzt nur das Wort Philhellenia, der Begriff Philhellenismus wurde demgemäß gegen Ende des 18. Jh.s gebildet. ↑
- Einen sehr guten Überblick über diese Thematik bietet HERING 1994. ↑
- Zur Verehrung der Antike in dieser Zeit s. EIDENEIER 1982. In Deutschland haben Winckelmann, Goethe und Hölderlin wesentlich dazu beitragen; Goethe hat nachweislich das in dieser Zeit bekannt gewordene neugriechische Volkslied gekannt und sogar geschätzt (DIETRICH 1929, POLITIS 1984: 107-121). Was uns hier interessiert ist die Tatsache, dass im 19. Jh. neugriechische Sprache und Literatur ›entdeckt‹ und neben oder zusammen mit der antiken literarischen Produktion erforscht werden. ↑
- Vor allem mit Spenden, die europäischen freiwilligen Kämpfern zu Gute gekommen sind, s. HERING 1994: passim. ↑
- Einen Überblick ebenfalls bei HERING 1994: 58 ff. mit ausführlicher Bibliographie. ↑
- Vorwiegend des griechischen Volksliedes, mit den ersten Sammlungen von Fauriel und von Haxthausen. Vor allem Fauriels Publikation (1824) hat »dem Philhellenismus in ganz Europa Auftrieb gegeben und den Griechen hohe Sympathien nicht nur in Literatenzirkeln eingebracht« (HERING: 1994: 63-4). Zur intensiven Beschäftigung mit dem neugriechischen Volkslied in dieser Zeit s. POLITIS 1984, MAVROGEORGI im Druck). ↑
- Crusius stellt in dieser Hinsicht die Ausnahme im 16. Jh. und im deutschsprachigen Raum dar. ↑
- Die Frage, ob Crusius die im 16. Jh. lebenden ›Griechen‹ oder die antiken ›Hellenen‹ oder beide ›liebt‹, wird uns im Folgenden beschäftigen; sie stellt eine wichtige Komponente auf dem Weg nach der Suche von Crusius’ tatsächlichen Motiven zur Beschäftigung mit der ›vulgaris lingua graeca‹ dar. ↑
- Das Wort ist im online TLG (http://www.tlg.uci.edu, zuletzt am 25.10.2005 angesehen) nicht belegt, es handelt sich hier wohl um eine Substantivierung des altgr. Adj. »φιλέλλην«. Ob diese Substantivierung bereits vor Crusius verwendet wurde, oder ob Crusius das Wort erschaffen hat, habe ich nicht feststellen können. Über die Bedeutung des altgr. Wort φιλέλλην in der Antike (im Kontext der Philhellenismusforschung) s. PFEIFFER 1968: 8-10, HERING 1994: 27 (eine Wiederholung der Darstellung von PFEIFFER); diese Analyse ist für den heutigen Forscher nicht befriedigend, da sie keine Antwort auf die Frage nach der Rezeption des altgriechischen Wortes während des Humanismus und der Neuzeit liefert. ↑
- Diese Arbeiten waren aber den Forschern früher nicht bekannt. ↑
- Als wichtige für die Aspekte, die hier untersucht werden, sind hauptsächlich vier Artikel zu nennen (1898, 1915, 1922a & b). Eine komplette Auflistung aller Arbeiten von Mystakidis hat PATRINELIS (1964) zusammengestellt. MYSTAKIDIS’ fragwürdiges Vorgehen hat bereits KRESTEN (1970a: 28, Anm. 57) angesprochen, eine solche »eklektizistische Art« bei der Behandlung von Stellen aus Crusius’ Werk ist vielleicht für seine Zeit verständlich, wurde aber auch später in Bezug auf Crusius praktiziert. ↑
- »Ὁ Κρούσιος ἦτο ὑπερμεσοῦντος τοῦ IΣΤ αἰῶνος ὁ ἐνθερμότερος φιλέλλην, ὡς ἤδη ἀπὸ τοῦ 1890 νομίζω ὅτι ἀπέδειξα διὰ τῶν διαφόρων δημοσιευμάτων μου …« (MYSTAKIDIS 1922: 6). ↑
- LEGRAND 1889 stützt sich für seine biographische Arbeit über Ioannes und Theodosios Zygomalas auf Material, das ihm Mystakidis zur Verfügung gestellt hat (s. Legrands »Avis au lecteur« am Anfang seiner Arbeit). ↑
- Eine Vorahnung des enthusiastischen Tons, mit dem diese Arbeit geschrieben ist, liefert uns einzig und allein der Titel dieser Untersuchung: » … Crusius und seine [Hervorhebung P. T.] Verhandlungen mit …«. WENDEBOURG (1986) spricht hingegen in ihrem Titel von der »Leitung der Württembergischen Kirche«, was auch den tatsächlichen Gegebenheiten entspricht. ↑
- Auch der in der theologischen Literatur nicht kundige Leser erkennt ohne große Mühe die methodologischen und anderen Schwächen der Arbeit von ZACHARIADES, jegliche Zweifel werden nach der Lektüre von WENDEBOURG 1986 und im Vergleich mit den dort beschriebenen und dokumentierten Ereignissen sofort beseitigt. ↑
- Folgende Stelle macht meines Erachtens den ideologischen Hintergrund dieser Arbeit sehr deutlich: »Seine [scil. Crusius’] Versuche, den protestantischen Glauben unter den gebildeten Ständen Griechenlands zu verbreiten, mussten natürlich scheitern. Aber er weckte das gegenseitige Verständnis im griechischen und im deutschen Volk, wie es auch heute [scil. 1941] vorhanden ist.« (22). ↑
- »Crusius säte dieses Ideal in den kargen Boden Tübingens und die Männer des 19. Jahrhunderts ernteten die Früchte. Er bahnte sich als erster den Weg, die anderen folgten ihm nur. […] Wenn wir deshalb von Philhellenismus reden, denken wir an Crusius, seinen Urheber, den Vorkämpfer dieser Bewegung, der in der Tat viel für die Befreiung Griechenlands getan hat. Die Beweise dafür sind sein Handeln und seine Bemerkungen in den veröffentlichten und unveröffentlichten Schriften« (76). Zu dem Wert solcher Beweise s. die nächste Anm. ↑
- KRESTEN (1970a: 17, Anm. 20) hat ebenfalls erkannt, dass die Arbeit von ZACHARIADES mit großem Engagement geschrieben, aber nicht frei von Fehlern ist, sieht aber in ihr den Philhellenismus von Crusius systematisch belegt und interpretiert. ZACHARIADES bringt in der Tat eine Vielzahl (insgesamt 261, S. 78-101) von Stellen aus Crusius’ Schriften als vermeintliche Belege vor, allerdings ohne jegliche Interpretation und nicht in der Originalsprache, sondern in der Form von kurzen Resumèes in neugriechischer Sprache. Das einzige, was in den meisten Fällen bewiesen wird, ist die Tatsache, dass Crusius mit vielen griechischen Gelehrten über mehrere Themen korrespondiert hat. ↑
- Bei dem weiter unten zitierten Aufsatz handelt es sich um einen Vortrag, den S. Karousou, Abteilungsdirektorin am Nationalmuseum in Athen, »anlässlich der Verleihung der Würde eines Ehrendoktors der Philosophie durch den Fachbereich Altertums- und Kulturwissenschaften an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen« am 14. Juni 1971 gehalten hat. Dies mag auch den enthusiastischen Ton der Autorin einigermaßen erklären; eine erweiterte Übersetzung dieses Artikels auf Griechisch ist 1973 in Athen erschienen (KAROUSOU 1973b). ↑
- Der Bezug auf Hölderlin ist wegen der Stadt Tübingen, wo KAROUSOU geehrt wird, sozusagen unvermeidlich. ↑
- Weil die ›griechische Nation‹ im Jahr 1971 (und vielleicht teilweise heute noch) ohne eine (heftige) anti-türkische Haltung (in Sätzen wie: »Unwissenheit als Begleiterscheinung der Versklavung und Entvölkerung lag wie eine schwarze Wolke auf dem größten Teil der in der entlegensten Orten verstreuten griechischen Bevölkerung« [KAROUSOU 1973a: 108]) und eine formelhafte Verehrung der glorreichen griechischen Vergangenheit nicht vorstellbar ist. ↑
- Und als Thema für einen Vortrag einer Ehrendoktorin der Universität Tübingen sicherlich mehr als gelungen. ↑
- FAUST 1972, der vor KAROUSOU eine kompetente Darstellung der Mehrsprachigkeit von Crusius dargeboten hat, nimmt keinen Bezug auf Crusius’ ›Philhellenismus‹, obwohl seine Darstellung auch auf handschriftlichem Material basiert, in dem Crusius mehrmals sich selbst als ›Philhellenen‹ bezeichnet. ↑
- Erst ab 1990 kam Bewegung hinein, dank eines von der DFG geförderten Forschungsprojektes; s. hier weiter unten, S. 58, Anm. 83. ↑
- Die Überschrift des Buches lautet: Turcograeciae Liber octavus: alias aliquot Epistolas, extra Constantinopolin, inter Tybingensis Academiae Professorem Martinum Crusium & Graecos, commutatas habens: Graecè et Latinè ab ipso Crusius editus, una cum eiusdem Annotationibus. (Turcograecia 515 ff.). ↑
- Über Portus s. MANOUSSAKAS/PANAGIOTAKIS 1981: 8, Anm. 8 mit Bibliographie zu seiner Biographie. ↑
- Das Tagebuch Crusius’ fängt mit dem Jahr 1573 an, Ereignisse früheren Datums sind damit nicht überprüfbar. Dass Crusius einen älteren Brief vordatiert hat, würde ich ausschließen; dass er den Brief für die Veröffentlichung in der Turcograecia eventuell redaktionell bearbeitet hat jedoch nicht. Zu Crusius’ redaktioneller Herangehensweise in der Turcograecia s. WENDEBOURG 1986: 359 ff. ↑
- S. dazu ausführlich hier weiter unten, S. 67. ↑
- Über die Einzelheiten dieser Begegnung s. KRESTEN 1970a: 18 und hier weiter unten, Kap. V, S. 169-70. ↑
- Zu diesen Kontaktversuchen zu Zeiten Melanchthons und die erste Hälfte des 16. Jh.’s s. HERING 1981. Diese Kontaktversuche waren Crusius bekannt: in der Turcograecia, p. 484 wird Melanchthons Brief an den damaligen Patriarchen Ioasaph II. genannt, der Anfang dieses Briefes wird sogar zitiert. ↑
- S. MOENNIG 1997: 46 und weiter unten, Kap. IV, S. 128, Anm. 7. ↑
- In der parallelen lateinischen Übersetzung einfach Graeca lingua genannt. Als Graeca lingua wird für Crusius immer und nur die griechische Sprache bezeichnet. ↑
- S. weiter oben Anm. 30, und S. 38 wo der ganze Text zitiert wird. ↑
- Sowohl der deutsche als auch der griechische Aufsatz enden mit dem folgenden in Idealisierung der Person Crusius’ kaum zu übertreffenden und sicherlich von niemandem ernst genommen Absatz: »Wenn man seine Schriften liest und an seine Taten denkt, wird man sich nicht wundern, dass er bei den heutigen Griechen nicht nur als Philhellene, sondern fast wie ein Heiliger verehrt wird.« Trotzdem schreibt SCHMALZRIEDT 1997: 50 Anm. 7 über KAROUSOU 1973a: »Als Ganzes ein gutes Resümee zum Thema Crusius und Griechenland«. ↑
- Zu Fallmerayer und dessen Wirkung s. u. a. THURNHER 1993. ↑
- Die Beziehung zwischen dem Philhellenismus und dem griechischen Unabhängigkeitskampf im 19. Jh. wurde von HERING (1994) erforscht. In seinem Artikel zeigt er, dass der Philhellenismus eine sehr komplexe gesellschaftliche Bewegung in Europa des 19. Jh.’s darstellt, die sehr viele Facetten hat und nicht zwangsweise mit der gesellschaftlichen Schicht der ›literarisch Gebildeten‹ in Verbindung gebracht werden muss. ↑
- Dass es sich im Jahr 1584 sowie im gesamten 16. und 17. Jh. keinen nenneswerten griechischen »Religions- und Befreiungskrieg« gegeben hat, der in Westeuropa rezipiert wurde, sei hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt. ↑
- Als stellvertrend für die gesamte Monographie kann man folgenden (langen) Satz zitieren: »Crusius hat, obwohl gleich Goethe und Hölderlin niemals im Lande seiner Sehnsucht gewesen, dennoch das Wort ›Philhellenismus‹, dessen sich bereits Herodot bedient hatte, mit neuem Inhalt erfüllt, indem sich sein Philhellenismus nicht mehr einseitig dem klassischen Griechenland der Antike zuwandte, sondern sein Interesse galt in besonderem Maße auch den augenblicklichen politischen, sozialen und kulturellen Verhältnissen der unter dem türkischen Joch stehenden griechischen Welt sowie den Menschen, die unter diesen Verhältnissen lebten. Die griechisch-byzantinische Kultur zu pflegen und zu wahren ist ihm höchste Aufgabe und Pflicht« (SUCHLAND 2001: 3, allererste Seite der Einleitung der Arbeit); s. auch SCHMALZRIEDT 1997: 47, auf der gleichen Schiene wie Karousou und Suchland: »Crusius ist nicht nur Schöpfer der Sache, sondern auch des Wortes ›Philhellenismus‹ (zweihundertfünfzig Jahre vor Byron und dem Philhellenismus- Boom zur Zeit des griechischen Befreiungskrieges).« ↑
- »Den modernen Sinn dieses Wortes ›φιλέλλην‹ findet man zum erstenmal bei Martin Crusius (1526-1607), der sich selbst ›φιλελληνέ αστατος‹ (sic) und ›χριστιανὸς φιλέλλην‹ genannt hatte«. (MYGDALIS 1962: 63). ↑
- Die unverständliche Form ›φιλελληνέ αστατος‹ kann meines Erachtens mit Sicherheit nicht aus Crusius’ Feder stammen. Es handelt sich aller Wahrscheinlichkeit nach um einen falsch lektorierten Superlativ von φιλέλλην (φιλελληνέστατος). S. auch das Zitat aus dem Tagebuch des Crusius’, hier weiter unten, S. 52. ↑
- S. dazu hier weiter unten, S. 53. ↑
- Die nachweislich zu Fehleinschätzungen und Fehlinterpretationen, wie wir gesehen haben, führen. ↑
- Der crusianische Terminus ›Philhellenia‹ stellt eine hervorragende Alternative für diese frühe Phase des Philhellenismus dar und wird deswegen in dieser Arbeit für Crusius und seine Zeit verwendet. PFEIFFER (1968) spricht im Titel seiner Dissertation zu Recht nur von einer ›Frühphase des europäischen Philhellenismus‹. ↑
- Wie David Chytraeus, Johannes Sambucus, Johannes Löwenklau, David Höschel, die nachweislich über solche Themen mit Crusius korrespondiert haben. ↑
- Dass dies trotz der teilweise scharfen Formulierung nicht mein Ziel ist, möchte ich explizit betonen. ↑
- »Seit dem griechischen Unabhängigkeitskrieg schillert die Bedeutung des Begriffes ›zwischen dem kultivierten Liebhaber altgriechischer Bildung, dem aus kühler Überlegung bestimmte Griechen fördernden Staatsmann und dem Anhänger einer politischen Restauration des von den Türken unterworfenen Griechentums‹« (HERING 1994: 27; Das Zitat in diesem Passus stammt aus der unveröffentlichten Habilitationsschrift von Gerhard Grimm, Studien zum Philhellenismus, Teil 1, München 1965, S. 2.) ↑
- Dies ist meines Erachtens auch der Grund für die Wahl des Wortes Turco-Graecia seitens des Crusius. Dahinter steht der Versuch, ein aktuelles gesellschaftliches Thema aufzugreifen, in dem man die Geschichte des von den Türken eroberten geographischen Raums der früheren ›Hellas‹ schildert. S. weiter unten, S. 63 ff. ↑
- Die Turcograecia war in den Zeiten Crusius’ tatsächlich eher ein publizistischer Misserfolg. S. GÖZ 1933: 722, Anm. 6 und KRESTEN 1970a: 21. ↑
- Von KAROUSOU 1973a, s. hier weiter oben, S. 38 f. ↑
- S. dazu sehr überzeugend und ausführlich LUDWIG 1998a. ↑
- WENDEBOURG 1986: 38 f. beschreibt ausführlich den historischen und theologischen Rahmen, zu dem die gesamte Korrespondenz der Württemberger Theologen und natürlich der weiter unten zitierte erste Brief Crusius’ an den Patriarchen gehört. ↑
- Nicht als erste, sondern als zweite Begründung. Der erste Grund sei die Freude über die Nachricht, dass immer noch im Osmanischen Reich Christen leben. (s. WENDEBOURG 1986: 18). ↑
- S. hier, weiter unten, S. 67 und Kap. IV, S. 128 ff. ↑
- Man sollte nicht vergessen, dass Crusius seinen Ruf nach Tübingen seiner extrem populären griechischen Grammatik verdankte. S. dazu HOFMANN 1982: 145. ↑
- S. z. B. die Kurzbiographie Schnepffs, bei WILHELMI 2002: 380 (»Major Domus am Tübinger Stift und Präzeptor (Griechisch)«) sowie die Abb. seiner griechischen Schrift (ebd. 209, Schnepff unterschreibt eine Handschrift auf Griechisch ). ↑
- Bevor er sich also überhaupt über das ›zeitgenössische Griechentum‹ aus erster Hand hätte informieren können. ↑
- Und wie von SUCHLAND 2001: 3 suggeriert wird. ↑
- In LUDWIG 1998a kann man Crusius’ Ideen zur Stellung von ›Hellas‹ in Deutschland in einer hervorragenden Darstellung verfolgen. ↑
- PFEIFFER interpretiert das Adv. als »Freund der Griechen«, wobei mir nicht klar ist, ob er die Alt- oder die Neugriechen des 16. Jh. meint; ich glaube jedoch, dass hier eindeutig die Bedeutung »Freund der Hellenen bzw. der antiken Kultur« zugrunde liegt. ↑
- Crusius hat in Straßburg von 1545-1551 bei Johannes Sturm studiert. ↑
- S. auch PFEIFFER 1968: 118, wo diese Stelle ausführlich analysiert wird. ↑
- Seit dem Jahr 1579 bekommt auch Crusius die Gelegenheit, reisende Griechen in Tübingen zu empfangen und ihnen praktisch zu helfen. Gleichzeitig wird ihm aber von ihnen beim Erlernen der ›vulgaris lingua graeca‹ geholfen, eine ausschließliche philanthropische Motivation liegt nur teilweise vor. S. weiter unten Kap. V, 159 ff. ↑
- Eine wichtige Frage ist weiterhin, ob wir alle Äußerungen Crusius’ wortwörtlich nehmen sollen, oder ob darin auch ein gutes Stück Rhetorik vorhanden ist. Crusius’ späteres Interesse für die in Tübingen anwesenden Griechen und seine Bemühungen um ihre finanzielle Unterstützung könnte für den ersten Fall sprechen. Diese Meinung lässt sich relativieren, wenn man wiederum sein mehrmals geäußertes Misstrauen gegenüber anderen Besucher (s. z. B. MOENNIG 1997: 63) mit in Betracht zieht. S. auch die vorige Anm. ↑
- pagg. 371- 407 der Turcograecia; Überschrift in pag. 371: Turcograecia liber sextus: Batrachomyomachiam Homeri, à Demetrio Zeno Zacynthio, vulgari lingua Graeca conversam: item que Carmina quaedam Graeca Crusiana, à Symeone Cabasila Hierodiaceno, Constantinopoli vulgariter exposita, continens: Graecè et Latinè à Martino Crusio, in Academia Tybingensi V. L. Professore, editus, unà cum prolixa eiusdem Crusii in Batrachomyomachiam Praefatione et Annotationibus. ↑
- Zur frühneugriechischen Batrachomyomachia s. weiter unten, Kap. IV, S. 131, Anm. 20, wo auch weitere Bibliographie angeführt wird. ↑
- S. MOENNIG 1994b: 169. Mir ist keine ausführliche Untersuchung dieses lexikographischen Werkes von Meursius bekannt, so dass ich an dieser Stelle nichts über Meursius’ Vorgehensweise sagen kann. Zu Meursius und sein Glossarium bietet REINSCH 1994: 52 einen sehr kurzen Überblick. ↑
- »Vielleicht gibt es in dieser Zeit [scil. 16.-18. Jh.] nur einen einzigen Ansatz zu zweckfreier Beschäftigung mit Sprache und Literatur der ›Graeco-Barbari‹, die Turco-Graecia des Martin Crusius […]« (BECK 1971: 17). ↑
- S. hier weiter oben, S. 49. In den Anfängen des 18. Jh.’s zitiert Io. Tribbechovius in seiner Brevia linguae ρωμαϊκῆς sive graecae vulgaris elementa (Jena 1705) mehrmals Stellen aus der Turcograecia, Crusius stellt für ihn eindeutig eine wichtige Instanz in dieser Thematik dar. ↑
- S. z.B. MYSTAKIDIS 1898: 288, wo exemplarisch ein sehr kleiner Teil aus Vokabeln, die Crusius mittels Befragung des Stamatios Donatos (über ihn s. ausführlich weiter unten, Kap. V, S. 184 ff.) gewonnen hatte, ohne wesentliche Kommentierung präsentiert werden. ↑
- BAKKER/VAN GEMERT (2002) haben einen frühneugriechischen Text ediert, der nur dank Crusius’ Fürsorge in einer einzigen Handschrift überliefert wurde. ↑
- Vgl. KRESTEN 1970a: 18, Anm. 25: »Die Angaben, die Crusius über seinen Besucher sind so amüsant, dass sie hier auszugsweise wiedergegeben werden sollen … « ↑
- Im Rahmen des von der DFG geförderten Projektes ›Neograeca in Germania‹ (1991-1995) unter Leitung von Hans Eideneier und Mitarbeit von Ulrich Moennig und Helma Winterwerb. Als Ergebnis dieses Projektes wurde neben vielen Veröffentlichungen ein Verzeichnis aller frühneugriechischen und liturgischen Drucke des 16.-18. Jahrhunderts in Bibliotheken des deutschsprachigen Raums erstellt (EIDENEIER/MOENNIG/WINTERWERB 2000, dort auch eine Auflistung aller weiteren Veröffentlichungen des Projektes). ↑
- S. mehr dazu weiter unten, Kap. V, S. 161 ff. ↑
- 1997: 49. S. ausführlich hier weiter unten, S. 61 ff. ↑
- Dabei handelt es sich um einen Vortrag im Rahmen des internationalen Kongresses Neograeca Medii Aevi IV in Nicosia auf Zypern im Jahr 1997. ↑
- Daher wurden auch keine eigenen heuristischen Arbeiten angestrebt, s. weiter oben, Kap. I, S. 21-2. ↑
- Durch D. Harlfinger, s. weiter unten, Kap. III, S. 105 ff. ↑
- Die Kontakte des Protestantismus mit der Orthodoxie bzw. die geistigen Auseinandersetzungen zwischen den beiden im 16.-18. Jh. hat HERING (1981) herausgearbeitet. WENDEBOURG (1986), die den wichtigsten Kontakt im 16. Jh. (in dem Crusius maßgeblich beteiligt war) untersucht hat, liefert ebenfalls einen Überblick (18-30) über die Stellung der beiden Kirchen zueinander. Unsere Ausführungen basieren hauptsächlich auf diesen beiden Arbeiten. ↑
- S. dazu die berechtigte Kritik von LUDWIG (1998a: 47) zu WENDEBOURGS pauschale Analyse von Crusius’ humanistischem Programm. ↑
- So können wir für Crusius’ Äußerung »Alles Griechische macht mir Freude wie Spielzeug den Kindern« (Πάντα τὰ ἑλληνικά με τέρπει, ὡς ἀθύρματα παῖδας, Mh 466.1, pag. 656, enthalten in einem Brief Crusius’ an Symeon Kabasilas, 28.6.1578; die Übersetzung steht im Titel von WENDEBOURGS Aufsatz), den WENDEBOURG 1994: 119 wortwörtlich interpretiert und als Beweis für Crusius’ Liebe zur griechischen Sprache (»ein wunderbares, hinreißendes Spiel«, ebd.) anführt, zeigen, dass Crusius aller Wahrscheinlichkeit nach diesen Ausdruck von einem früheren Brief des Ioannes Zygomalas an ihn selbst übernommen hat: τὰ σὰ ἐξαίρω καὶ ἐπαίνοις καταστέφω σοφώτατα γράμματα, ὡς καὶ τὰ τῶν παίδων ἀθύρματα τοῖς πατράσιν ἀρέσκειν φιλεῖ, τοῦτο οὐδ’ ὅλως προσίεμαι. Mh. 466.1, pag. 495, Ioannes Zygomalas an Crusius, 20.10.1576. Crusius selbst relativiert dieses Lob: ἔπαινος τῶν γραμμάτων ὑπερβολικός (marginale Notiz an gleicher Stelle). Ioannes Zygomalas könnte hier wiederum möglicherweise eine Stelle aus Johannes Chrysostomos verwendet bzw. ins Positive gedreht haben: τὰ μὲν παιδικὰ ἀθύρματα τοῦ πατρὸς διὰ τὴν ῥαθυμίαν αὐτῶν τέλεον ἀφανίζοντος, αὐτοὺς δὲ εἰς τὸ κλαίειν διηνεκῶς καθιστῶντος. (In Matthaeum 57.319.34). Hier geht es nicht so sehr um die letztendlich nicht zu klärende Frage, ob Crusius tatsächlich diese Stelle des Zygomalas’ übernommen hat oder nicht, sondern vielmehr um die Hervorhebung der Tatsache, dass allein eine (oder auch mehrere) Stellen aus Crusius’ Schriften, die aus heutiger Sicht ungewöhnlich und kurios erscheinen, für das Attestieren einer emotionalen Beschäftigung mit dem Griechentum nicht reichen. Zu der Stellung der griechischen Sprache bei Crusius s. auch LUDWIG (1998a: passim). ↑
- »The connection between the εὐαγγέλια concerning the Christian victory in the battle of Lepanto and Crusius’ learning spoken Greek seems to me obvious. Crusius’ decision to learn spoken Greek is, in my view, in keeping with contemporary political climate which on another level found an expression in the impressive collection of Turcica in Western Europe« (MOENNIG 1997: 49). Dieser Anfang wird weiter unten (Kap. IV, S. 128 ff.) genauer dokumentiert, die Einzelheiten dieser ersten Beschäftigung werden ebenfalls dort analysiert. ↑
- Die Texte, die Crusius gelesen hat, werden weiter unten, Kap. IV, S. 129 aufgelistet. Wichtig ist dabei, dass der erste von Crusius gelesene Text (die DIDACHAI des Alexios Rartouros) einen theologischen - moralischen Schwerpunkt hat. ↑
- S. dazu GÖLLNER 1978: 22, SCHULZE 1978: 52-66, BOHNSTEDT 1968. ↑
- S. PODSKALSKY 1988: 103: Crusius referiert (nach David Herlicius) in seinem Tagebuch und in der Turcograecia (494), dass das Weltende für das Jahr 1597 zu erwarten sei (die Berechnung basiert auf dem Gründungsjahr des Türkischen Reiches und des Papsttums). ↑
- Den umfangreichen Reisebericht von Pierre Belon in der Ausgabe von 1555 (WILHELMI 2002: 284, Nr. 73: Belon, Pierre: Les observations des plusieurs singularitez et choses memorables, trouvèes en Grèce, Asie, Indèe, Egypte, Arabie, et autres pays estranges … Lib. I-III. – [Antwerpen] … Erw. Datum: Tübingen 27.3.1564.), die topographischen Werke von Pierre Gilles über Konstantinopel (WILHELMI 2002: 310, Nr. 292 De Bosporo Thracico libri III. – Lyon: Rouillius, 1561 … und Nr. 293 De topographia Constantinopoleos, et de illius antiquitatibus libri quator. – Lyon: Rouillius, 1562 … Erw. Datum: 9.7.1579), und Francescho Sansovinos Historia Universale dell’ origine et imperio de Turchi. – Venedig: Bonelli, 1573 (WILHELMI 2002: 350, Nr. 620, Erw. Datum: 6.9.1580). ↑
- Eine Untersuchung der Funktion und Sprache solcher ›Nova‹ anhand Crusius’ Tagebuch liefert GLONING 1991. ↑
- S. ausführlich und mit weiterer Bibliographie REINSCH 1994. ↑
- Der deutsche Titel zitiert nach WENDEBOURG 1986. Zu dieser Rede von Chytraeus, s. ENGELS (1939/40), zu ihrer Stellung in den Beziehungen zwischen Orthodoxie und Protestantismus HERING 1981: 837-8. Zu David Chytraeus insgesamt s. GLASER/STUTH 2000, KELLER 1994 und PAULSEN 1897. ↑
- Oratio, cum post reditum ex Austria ad chronici lectionem reverteretur: in qua, de statu ecclesiarum hoc tempore in Graecia, Asia, Ungaria ... narrationes exponuntur. – Arg., 1574. ↑
- Dieser Sieg hat für eine allgemeine Euphorie und dementsprechend für eine erhebliche literarische Produktion in ganz Europa gesorgt (GÖLLNER 1978: 148- 154), die Zahl der ›Turcica‹ erreicht in den Jahren 1570-72 sogar eine Rekordhöhe (ebd. 18). Zu Lepanto und seine Rezeption von der öffentlichen Meinung in Europa s. BRYER 1991, MONDFELD 1973 ↑
- Dazu lässt der lateinische (bei Plinius und Ovid belegt, s. L-S s.v.) bzw. griechische (bei Herodot und Thukydides belegt, s. LSJ s.v. Ἐχῖναι, αἱ) Begriff Echinades keinen Zweifel zu. Die Seeschlacht fand tatsächlich bei diesem Kleininselkomplex statt, diese wurden von den Venezianern der Bucht von Naupaktos (ital. Lepanto) zugerechnet, daher auch die heute geläufige Bezeichnung ›Schlacht von Lepanto‹. ↑
- In Einklang jedoch, wie wir gesehen haben, mit dem allgemeinen kulturhistorischen Umfeld. ↑
- S. HOFMANN 1982: 143 und weiter unten, Kap. IV, S. 131-2. ↑
- Diese ›Türkenfrage‹ ist anscheinend bei Crusius immer präsent, auch dort, wo man sie nicht vermuten würde: am 22. September 1575 liest Crusius einen frühneugriechischen Text, das ANTHOS CH., und notiert zu diesem Datum Folgendes: quo die Baro. Herbartus Aurspersius, Carmiolae protector, à Turcis caesus est. (s. weiter unten Anhang 1, S. 327 2ii) und 3aiβ). Eine unterbewusste Verbindung zwischen den Türken und der Lektüre der ›griechischen Sprache, die im Osmanischen Reich gesprochen wird‹, ist hier sehr wahrscheinlich. ↑
- Zu diesem Dialog s. ausführlich und basierend auf Crusius’ Tagebüchern WENDEBOURG 1986; eine komprimierte, auf die theologische Auseinandersetzung fokussierte Darstellung bietet PODSKALSKY 1988: 102-117. Unsere Darstellung hier beruht, was den geschichtlichen Verlauf und die theologischen Motive dieses Dialogs angeht, fast ausschließlich auf WENDEBOURG 1986. ↑
- S. z. B. die vielfältigen Informationen, die Hieronymus Vischer, ein Tübinger Student in Venedig an Crusius übermittelt hat (MOENNIG 1997: 54-7, 64-6). ↑
- So war Johannes Ungnad, Onkel von David Ungnad, bekannt, weil er eine Druckerei für die Verbreitung der Reformation unter den Südslawen eröffnete (s. EHMER 1995, WENDEBOURG 1986: 31, Anm. 6, HERING 1981: 833, Anm. 66, GÖLLNER 1978: 219). Crusius hat von diesen Bestrebungen, wie wir sehen werden, gewusst, sie werden von ihm in Zusammenhang mit dem hier behandelten theologischen Dialog erwähnt. ↑
- S. WENDEBOURG 1986: 31-33; ebd. wird erklärt, wie es für den Protestanten Ungnad möglich war, eine solch hohe Stellung zu erlangen. ↑
- Über ihn s. WENDEBOURG 1986: 35 und passim. Gerlach hat während seines Aufenthaltes in Konstantinopel ein Tagebuch geführt, das erst nach seinem Tod von seinem Enkel Samuel Gerlach im Jahr 1674 in Frankfurt herausgegeben wurde. Da Crusius Gerlachs Tagebuch nicht kannte, wurde dieses auch in dieser Arbeit nicht berücksichtigt. ↑
- PODSKALSKY 1988: 116; dass die Lutheraner in ihrem Enthusiasmus auch an eine Kirchenunion gedacht haben, ist ebenfalls sicher. Der komplette Hintergrund kann natürlich im Rahmen dieser Arbeit nicht erleuchtet werden, HERING 1981 (für die Beziehungen von Orthodoxie und Protestantismus insgesamt) und WENDEBOURG 1986: 18-30 liefern die notwendigen Informationen. Von besonderem Interesse ist für uns die Tatsache, dass bereits Melanchthon im Jahr 1559 versucht hatte, mit dem Patriarchat von Konstantinopel in Kontakt zu treten, was ebenfalls fruchtlos blieb (HERING 1981: 830). Crusius war dieser Kontaktversuch bekannt (s. oben, Anm. 41), was wiederum bedeutet, dass er sich vermutlich in seinem Versuch durch das Beispiel Melanchthons legitimiert bzw. ermutigt sah. ↑
- S. WENDEBOURG 1986: 47. Es war der Kanzler der Universität Tübingen Jacob Andreae, eine sehr wichtige theologische Persönlichkeit dieser Zeit, der die wichtigen Entscheidungen nach Beratung mit dem letztverantwortlichen Herzog von Württemberg Ludwig getroffen hat. ↑
- Crusius hat von Anfang an eine zentrale Funktion gehabt; dies ist auch der Grund, warum er fast alle Briefe Gerlachs aus Konstantinopel (auch die an andere Personen adressierten) gelesen und in seinem Tagebuch ganz oder in der Form von Resumèes aufgezeichnet hat. ↑
- Zu der Stellung der Artistenfakultät innerhalb der Universität Tübingen s. HOFMANN 1982: 40-43. ↑
- So sind z. B. die führenden Theologen Württembergs und Crusius im Mai 1577 ins Kloster Bebenhausen bei Tübingen in Klausurtagung gegangen, um eine Antwort für den Patriarchen zu verfassen; die dort verfassten Schreiben hat Crusius ins Griechische übersetzt (WENDEBOURG 1986: 105). Zwar waren die Tübinger Theologen des Griechischen kundig, Crusius war jedoch der einzige, der schnell, zuverlässig und rhetorisch wirksam griechische Texte verfassen konnte. ↑
- So z. B. quadraginta florenos für die Übersetzung ins Griechische eines theologischen Werkes: Mh 466.1, pag. 579. ↑
- S. WENDEBOURG 1986: 95-6 und 101-2; es ist Gerlach, der ein Programm zur ›Heilung der Glaubenskranken‹ entworfen hatte. Bis auf Crusius teilten jedoch die übrigen Tübinger Theologen dieses Anliegen Gerlachs nicht. ↑
- HISTORIA POLITICA CONSTANTINOPOLEOS, à CIƆ. CCCXCI. usque ad CIƆ. IƆ. LXXIIX annum Christi: Latina à Martino Crusio Tubing. Professore facta. (Überschrift der lateinischen Übersetzung, kein Titelblatt wie bei den anderen Büchern der Turcograecia üblich). ↑
- TURCOGRAECIAE LIBER SECUNDUS: HISTORIAM PATRIARCHICAM, seu Ecclesiasticam, post Constantinopolin à Turcis expugnatam, ad nostra usque tempora continens: Graecè et Latinè à MARTINO CRUSIO Tybingensi V. L. Professore, editus. Unà cum copiosis eiusdem Crusii Annotationibus. ↑
- Vgl. auch die Befragung des Griechen Andreas Argyrus im Jahr 1581, die eindeutig mit dem Ziel der Veröffentlichung dieses Materials in der Turcograecia durchgeführt wurde (weiter unten, Kap. V, S. 216-7). ↑
- Diesen Vorschlag, der die von Crusius angefertigten und hier bereits erwähnten Predigtnachschriften in griechischer Sprache mit einschließt, kann man bei WENDEBOURG 1986: 85 lesen. ↑
- Und wird im Folgenden präsentiert; allerdings wurde dieser Plan nie ernsthaft als Lösung in Erwägung gezogen, da er mit großen praktischen Schwierigkeiten verbunden war. ↑
- Seine Vorstellung basierte auf dem Besuch von Nikolaos Kalis im Jahr 1557 und der Lektüre im Jahr 1571 einiger Venezianer Volksdrucke seiner Sammlung. S. weiter unten S. 128 ff. und 169-70 ↑
- Paucissimi eorum (ut nec vulgus) puram Graecam linguam intelligunt: sed vulgari contenti, illam, ut supervacuam, fastidiunt. (Mh 466.1, pag. 10, Gerlach an Andreae, 11.10.1573.). S. auch WENDEBOURG 1986: 42. ↑
- Graeci nostri, indocti sunt: purae linguae Graecae, praeter Patriarcham cum paucis, ignari omnes. (Mh 466.1, pag. 9, Gerlach an S. Hailand, 11.10.1573). ↑
- Am 15.9.1574 wurde dieses Bekenntnis des lutherischen Glaubens (s. dazu u.a. REINHARD 1981) in einer vorhandenen griechischen Übersetzung nach Konstantinopel gesendet; die griechischen Briefpartner wurden um eine Stellungnahme zu den darin angesprochenen theologischen Themen gebeten (s. WENDEBOURG 1986: 46.). Im Juli 1575 erfahren Crusius und die anderen Tübinger Briefpartner, dass die Übersetzung in Konstantinopel angekommen und dem Patriarchen übergeben worden ist (WENDEBOURG 1986: 62 f.). Der Bericht Gerlachs (vom 28.6.1575, s. WENDEBOURG 1986: 66) über die anfänglich wohlgesonnene Aufnahme des protestantischen Glaubensbekenntnisses durch die Griechen hat in Tübingen für großen Optimismus gesorgt. ↑
- Er schickt an Gerlach Wortlisten aus Texten seiner Sammlung, die er gerne mit einem Interpretament versehen zurück haben wollte (TOUFEXIS 2002: 122, Anm. 21), und bekommt von ihm weitere Venezianer Volksdrucke (MOENNIG 1997: 47). Ebd. wird auch der lateinische Brief des Crusius an Gerlach vom 20.3.1575 zitiert. ↑
- Empfänger ist Theodosios Zygomalas, Crusius kennt aber seinen Namen noch nicht, der Brief ist nur an τῷ τοῦ παναγιωτάτου Κωνσταντινουπόλεως Πατριάρχου νοταρίῳ, κυρίῳ λογιοτάτῳ ἐν Χριστῷ adressiert. ↑
- Crusius meint hier seine erste Lektüre der Venezianer Volksdrucke im Jahr 1571. ↑
- Was, wie wir gesehen haben, für diese Zeit überhaupt nicht üblich war. ↑
- »… er [scil. Luther] will die ungelehrten Laien zu den Quellen des göttlichen Wortes führen. Luther tritt auch als Lehrer, als Gelehrter und sprachkundiger Wissenschaftler auf, vor allem aber tritt er auf als Theologe, als Prediger und schließlich als Reformator. Der gemeine Mann aber kann die Bibel nur in seiner, der Volkssprache lesen. Darum muß Luther das Evangelium in die Sprache des Volkes übertragen.« (GELHAUS 1989: 1). ↑
- Dieser Brief stammt aus der Zeit zwischen der Entsendung des Augsburger Glaubensbekenntnisses und dem ersten Bericht Gerlachs darüber. Crusius kann also anscheinend nicht untätig bleiben, er überbrückt die lange Zeit des Wartens und eröffnet gleichzeitig neue Gesprächsthemen, sowohl mit seinen griechischen Ansprechpartnern als auch mit seinem Gewährsmann in Konstantinopel. S. auch WENDEBOURG 1986: 58. Dieses Schreiben belegt ebenfalls, wie sehr Crusius an der Fortführung des theologischen Dialogs interessiert war, ja wie sehr er von dieser Sache gepackt worden ist. ↑
- Am 17.8.1575, s. WENDEBOURG 1986: 66 und weiter oben, Anm. 126. ↑
- Zu den Einzelheiten s. weiter unten, Kap. IV, S. 134 ff. ↑
- Die Corona Preciosa, die Crusius selbst besaß, war für Crusius’ Zwecke nutzlos (s. weiter oben, Kap. I, S. 17, Anm. 13.) ↑
- Auch Gerlach liefert die gleiche Information: Lexicon et Grammatica in BarbaroGraeca lingua non extat: nec ullus Biblicus liber. Mh 466.1, pag. 157, 27.11.1575, empfangen am 18.1.1576. ↑
- Dieser Passus muss in Zusammenhang mit einem Brief gleichen Datums des Ioannes Zygomalas, Vaters des Theodosios, an Crusius (s. WENDEBOURG 1986: 72 und 74) interpretiert werden. WENDEBOURG (ebd.) verweist anhand dieser Stellen auf die Tatsache, dass die beiden Griechen an den Kaiser des deutschen Reiches denken, was ihre vollkommene Unkenntnis der derzeitigen geographischen, politischen und konfessionellen Verhältnisse in Deutschland verrät. ↑
- Was Zygomalas mit der erwähnten διάβασις meint, ist mir unklar. Das gleiche galt auch für Crusius, der in seiner Antwort diesen Punkt spezifiziert haben möchte. ↑
- Zusammen mit diesem Brief an Crusius sendet er ein weiteres Schreiben an die »akademische Jugend Tübingens« adressiert (WENDEBOURG 1986: 72, weist darauf hin, dass es sich dabei um eine Adaptation eines früheren Schreibens des Michael Hermodoros Lestarchos handelt), dessen Inhalt sich mit folgendem Zitat aus diesem Schreiben zusammenfassen lässt: ἀπολέσαντες γὰρ ἡμεῖς βασιλείαν, καὶ σοφίας ἠστερήθημεν, βαρβαρωθέντες ἐν βαρβάροις χρονίως, καὶ ἀνανεύειν ταῖς δυστυχίαις κωλυόμενοι (Mh 466.1, pag. 198). In einem solchen Zusammenhang wird der Wunsch nach einer Verbesserung der eigenen Situation durch Migration ins ›freie Ausland‹ plausibler. Dieser Wunsch beruhte allerdings auf völlig falschen Vorstellungen über dieses Ausland und wäre daher wahrscheinlich sowieso nicht realisierbar gewesen. ↑
- Ἦν μὲν ἐγὼ, ὅτε ἀνεγίνωσκον αὐτὰ, ἐν λύπῃ καὶ φόβῳ: τῶν τέκνων μου τοῦ μικροτέρου ἐπιθανάτως νοσοῦντος. Ἀνεγνωσμένων δέ μοι τῶν εὐκτοτάτων γραμμάτων ὑμῶν: ὁ χρηστότατος Θεός δισσῇ με ἀνέλαβε χαρᾷ. Μιᾷ μὲν, τῇ ἀναγνώσει τῶν γλυκυτάτων γραμμάτων: ἑτέρα δὲ τῇ μετ’ ὀλίγον σωτηρίας ἐλπίδι τοῦ παδίου. Mh 466.1, pag. 276. 15.4.1576. ↑
- Über die Unkenntnis der Griechen diesbezüglich s. weiter oben, Anm. 137. ↑
- WENDEBOURG 1986: 369-70 zeigt eindeutig, dass Crusius die gleiche Taktik bei der Veröffentlichung der griechischen Briefe in seiner Turcograecia verwendet: er ändert oder lässt alle Aussagen der Griechen aus, die Hinweise auf den Kaiser des Deutschen Reiches beinhalten. ↑
- Über die erste solche Sendung, s. weiter oben, Anm 127. ↑
- Vgl. die einleitende Notiz des ›Alphabetum‹, weiter unten, Κap. ΙΙΙ, S. 107. ↑
- So entwirft z. B. Antoine Léger in der Zeit des Patriarchen Kyrillos Loukaris (1570-1638) in Konstantinopel ein Dreipunkteprogramm zur Reform der orthodoxen Kirche: den ersten Punkt stellt eine Übersetzung der Heiligen Schrift in die Volkssprache dar. S. PODSKALSKY 1988: 167, Anm. 689. ↑
- Über diesen Brief des Ioannes Zygomalas und die genaue Äußerung dieser Wünsche s. WENDEBOURG 1986: 70-1. Es ist für Crusius’ Umgang mit den Griechen bezeichnend, dass er das Wort »Kaiser« in dieser privaten Notiz verwendet, im Gegensatz zu der bereits erwähnten und absichtlichen Umschreibung dieses Begriffs bei der ›offiziellen‹ Korrespondenz mit den Griechen. S. auch oben, S. 85. Vielleicht aber ist hier mit καίσαρι der Kanzler der Universität Tübingen, J. Andreae, gemeint. ↑
- Wie ausgeprägt Crusius’ sprachlicher Instinkt ist, kann man an dem hier verwendeten Begriff » (paupertati τῶν) γραικῶν « (für ›Griechen‹) erkennen. Th. Zygomalas spricht in seinem Brief von »λεξικόν νέας κοινῆς ἁπλῆς φωνῆς Γραικῶν« (Mh 466.1, pag. 178); Crusius, der diesen Begriff für die ›heutigen Griechen‹ bisher nicht verwendet hatte und wahrscheinlich nicht kannte, übernimmt ihn sofort in seiner eigenen Argumentation als Bezeichnung für die ›heutigen Griechen‹. Über die frühere diesbezügliche Verwendung des Begriffs ›Ἕλλην‹ von Crusius s. hier weiter oben, S. 40 ff. ↑
- Wie ähnlich Crusius und Gerlach in dieser Sache gedacht haben, beweist Gerlachs späterer Vorschlag, der in einem Brief an J. Andreae formuliert wurde, eine im Rahmen des theologischen Dialogs von den Tübinger Theologen formulierte theologische Schrift in die gesprochene Sprache zu übersetzen und es in Griechenland verbreiten zu lassen (WENDEBOURG 1986: 88). ↑
- Vgl. Crusius’ Ausdruck über die Griechen in einem Brief an Lucas Osiander: gens mihi propter ipsorum linguam, quam profiteor hic, dilectissima. (Mh 466.1, pag. 260, 24.4.1576). ↑