Das Alphabetum vulgaris linguae graecaePanagiotis Toufexis über Martin Crusius

III Das lexikographische Werk

Druckseiten 95–124

Περὶ δὲ βιβλίων ἁπλῶν τῆς δημώδους φωνῆς ἢ λεξικοῦ, ἴσθι οὐδὲν τοιοῦτον τινὶ πεποίηται. Th. Zygomalas an M. Crusius, 15.11.1575 Attempto – »Ich wag ’s« Motto der Universität Tübingen

1 Vom theoretischen Plan zur praktischen Umsetzung: Hilfsmittel zum Erlernen der ›vulgaris lingua graeca‹

1.1 Die Zunahme des frühneugriechischen Materials im Jahr 1579

Im vorigen Kapitel haben wir versucht zu zeigen, dass Crusius’ Interesse an der ›vulgaris lingua graeca‹ mit aktuellen theologischen und politischen Ereignissen des 16. Jh.’s zusammenhängt und von ihnen eindeutig motiviert wird. Neugier und ein allgemeines enzyklopädisch-humanistisches Interesse mögen anfänglich eine große Rolle gespielt haben, ab einem gewissen Zeitpunkt sind sie aber nur Begleitumstände, Crusius’ Tätigkeiten streben konkrete Ziele an: wir haben versucht zu belegen, dass im Rahmen des theologischen Dialogs (und konkreter in der ersten Phase der hohen Erwartungen seitens der Tübinger Briefpartner) ein wesentliches Ziel in einer möglichen theologischen Belehrung der Griechen bestand. Crusius fasste allerdings nur theoretische Pläne, ihre Umsetzung im vollen Umfang war erstmal nicht möglich.

Stephan Gerlach, Crusius’ wichtiger Ansprechpartner und Kenner der Situation in Konstantinopel, war derjenige, der den einzigen ›offiziellen‹ Versuch, die Griechen über die lutherische Lehre zu belehren, S. 96initiierte: er schlug die Übersetzung des Compendium theologiae des Tübinger Theologen Jakob Heerbrand ins Griechische vor (WENDEBOURG 1986: 80). Der Plan wurde realisiert, wobei der Übersetzer im Jahr 1577 natürlich Crusius war. Diese Übersetzung wurde im Jahr 1582 sogar gedruckt1. Eine Übersetzung in die ›vulgaris lingua graeca‹ wurde jedoch nie in Erwägung gezogen, Crusius besaß zu diesem Zeitpunkt mit Sicherheit ohnehin keine hinreichenden Sprachkenntnisse, um diese Aufgabe zu bewältigen.

Gerlach kam im Dezember 1578 nach Deutschland zurück, seine Stelle übernahm ein anderer Botschaftsprediger im Dienste eines anderen Botschafters2. Mit diesem Nachfolger tritt der zwischenmenschliche Aspekt der Kommunikation in Konstantinopel zurück, was sich letztendlich auf den theologischen Dialog insgesamt negativ ausgewirkt hat (WENDEBOURG 1986: 121). Mit Gerlach in Tübingen waren die Theologen jedoch besser in der Lage, die ›Verhandlungen‹ mit dem Patriarchat zu führen.

Gerlachs Ankunft in Tübingen trug jedoch auch in anderer Hinsicht Früchte: er hatte in Konstantinopel mehrere griechischen Handschriften angeschafft und Crusius durfte diese auch für sich kopieren: in einen Arbeitsrausch versetzt, hat er vom 20.12.1578 bis zum

11.4.1579 »mit einer einzigen Feder« und neben seinen anderen Be-

schäftigungen mehrere griechische Texte für seine Zwecke abgeschrieben; diese Tätigkeit bezeichnet er in einem Brief an Theodosios Zygomalas, der diese Informationen enthält, in für ihn gewohnter Manier auch als eine Konsequenz seiner ›Philhellenia‹3.

S. 97Crusius selbst hatte aber, wie wir gesehen haben, in Konstantinopel auch Handschriften in Auftrag gegeben, die Gerlach ebenfalls mit nach Deutschland gebracht hat. Zum Einen handelt es sich dabei um zwei Werke zur jüngsten Geschichte des byzantinischen Reiches und des Patriarchats, beide in der ›vulgaris lingua‹, die später von Crusius als Bücher I und II der Turcograecia herausgegeben wurden. Gerlach hat Crusius am 19.12.15784 die erste und am 10.1.15795 die zweite Handschrift übergeben. Mit diesem Auftrag bestätigt Crusius sein (von uns bereits postuliertes) Interesse an aktuellen geschichtlichen Informationen über die Situation der Christen im Osmanischen Reich: die ›vulgaris lingua graeca‹ bietet in diesem Fall nachweislich den Zugang zu hochaktuellen Informationen.

Zum Anderen bekam aber Crusius (ebenfalls am 10.1.1579) auch Material in die Hände, das für ihn speziell als Hilfsmittel zum Erlernen der ›vulgaris lingua graeca‹ von Theodosios Zygomalas nach Crusius’ Wünschen konzipiert und angefertigt worden war. Es handelt sich um die von Crusius zuvor verschickten Wortlisten, die Zygomalas S. 98mit Erklärungen versehen zurückschickte6, und viele private Briefe bzw. Musterbriefe des Zygomalas, die dieser je nach ihrer Ausgangssprache (Frühneugriechisch oder Griechisch) entweder ins Griechische oder Frühneugriechische übersetzt hatte.7

Mitten in diese arbeitsreiche und für den ›Philhellenen‹ Crusius sicherlich spannende Zeit fiel im Februar 15798 der Besuch eines Griechen in Tübingen, der, obwohl des Schreibens und Lesens nicht mächtig, zusammen mit Crusius weitere 2607 Glossen und Vokabeln aus verschiedenen literarischen Texten9 bzw. aus Befragungen durch Crusius interpretiert hat10; wir wissen, dass Crusius dieses Material zusammen mit anderen umfangreichen Notizen über seinen Besucher sehr sorgfältig aufgezeichnet hat11.

Im Frühjahr 1579 also verfügt Crusius über umfangreiches sprachliches Material zur ›vulgaris lingua graeca‹, teils dank seiner Kontakte in Konstantinopel, teils wegen des zufälligen Besuches eines griechischen Muttersprachlers. Der theologische Dialog, der laut unserer Hypothese Crusius’ Interesse an der ›vulgaris lingua‹ fördert, läuft S. 99immer noch weiter, die Tübinger erwarten eine wichtige Antwort des Patriarchen12. Seit diesem Zeitpunkt hat Crusius die Möglichkeit, sich noch intensiver mit der ›vulgaris lingua graeca‹ zu beschäftigen: in seinem Material treffen wir sogar auf konkrete Hinweise, die auf den Anfang der Kompilierung eines alphabetisch geordneten Lexikons des Frühneugriechischen, unter Verwendung des gerade erwähnten primären Materials, deuten, die im Folgenden präsentiert und analysiert werden.

1.2 Hinweise auf die Existenz eines lexikographischen Werkes

Im dritten Buch seiner Turcograecia13 hat Crusius die erwähnten von Theodosios Zygomalas verfassten Briefe zusammen mit einer lateinischen Übersetzung und umfangreichen ›Annotationes‹ herausgegeben. In diesen ›Annotationes‹ des Crusius stoßen wir auf Verzeichnissen von sprachlichem Material zur ›vulgaris lingua‹, die die Vermutung nahe legen, dass Crusius dabei ein lexikographisches Werk benutzt haben muss. So lesen wir als Kommentar zu einer Stelle aus der frühneugriechischen Übersetzung des Zygomalas eines solchen Briefes folgende Anmerkung Crusius’ zur Form ὁποῦνε14 [lege ὁπού ’ναι]:

S. 100(in margine: ὁποῦ, omnis generis, nummeri casus) Οποῦνε) ὁποῦ ἔναι vel εἶνε qui est. ὁποῦμε, ὁποῦ εἶμαι, qui sum. ὁποῦσε, ὁποῦ εἶσε, qui es. ὁπούσουν, ὁποῦ εἴσουν, qui erant. ὁπούσουνε, qui eras. ὁποῦτο, qui erat. ὁπούβγαλε, ὁποῦ εὔγαλε, qui eduxit, quem eduxit. ὁπουμόλεγε, ὃ ἐμοὶ ἔλεγε, quod mihi dixit. ὁποῦπα, ὃν εἶπα, quem dixi. ὁπόχει, ὃς ἔχει, qui habet. ὁπούχεστο, ὃ εἶχεν εἰς τὸ, quod habebat in. Et abiecto ο: πὸ, qui, quae, quod, ποῦσε, ὁποῦ εἶσαι, qui es. ποῦναι, ὁποῦ εἶναι, qui est. ποῦτον, ὁποῦ, εἶτον, qui erat. (Turcograecia, pag. 240-1)

Hier treffen wir auf eine Reihe zusammengesetzter Wörter oder Wortgruppen, deren erstes ›Kompositum‹ das frühneugriechische unflektierbare Pronomen ὁπού bzw. πού darstellt15; diese werden von Crusius als Beispiel für die Verwendung des Pronomens ὁπού (bzw. πού) angeführt, wie der marginale Nebentitel zeigt. Diese Lemmata sind mit einer Explicatio in lateinischer oder griechischer Sprache versehen und werden in alphabetischer Reihenfolge aufgelistet, die sich allerdings nur auf das erste Kompositum (d.h. auf die ersten vier bzw. drei Buchstaben) bezieht.

Ein Lexikon oder eine Grammatik des Frühneugriechischen existiert zu dieser Zeit, wie wir gesehen haben, nicht; wenn wir auf solches Material in der Turcograecia treffen, müssen wir also nach der Provenienz dieses Materials fragen: hat Crusius vielleicht ein eigenes Lexikon des Frühneugriechischen verfasst?

Der erste Biograph Crusius’, Veit Müller16, liefert uns tatsächlich eine Information über ein Lexicon Barbarograecum aus Crusius’ Feder: Anno 1579 per Aprilem sibi ex literis Constantinopoli missis colle-S. 101 git Lexicon Barbarograecum … omnia Stuttgardiam mitens (S. 26). Müller stützt sich an dieser Stelle offensichtlich auf Crusius’ Autobiographie17. Dort ist Folgendes zu lesen: April .13. et .15. [scil. 1579] Costantinopolin scribo. Deinde, per hunc mensem Graecobarbaros, ex ea urbe missos, libellos lego: ac vulgaris Linguae Lexicon mihi colligo. (Mh 433a, fol. 73r)18.

Mit Hilfe von Crusius’ Tagebüchern bzw. Handschriften können wir diese Ereignisse einigermaßen rekonstruieren: die erwähnten Briefe vom 13.-15. April sind an mehrere Personen in Konstantinopel adressiert19 und betreffen allgemeine Themen des theologischen Dialogs. Der Subskription des Kod. Tyb. Mb 18 (s. SCHMID 1902: 41, auch DE GREGORIO 1991: 8) entnehmen wir, dass Crusius am 23. April 1579 die Lektüre der Historia Patriarcharum absolviert hat, am 24.-

30.4.1579 war er mit der Lektüre der erwähnten frühneugriechischen

Briefe und deren Übersetzungen beschäftigt (Subskriptionen in Kod. Tyb. Mb 30, s. SCHMID 1902: 56-7), vom 1.-3.5.1579 hat er weitere aus Konstantinopel geschickte Predigten und theologische Texte gelesen (ebd. 56).

Wir können also belegen, dass Crusius’ Angaben in seiner Autobiographie stimmen und er das neue ihm verfügbare Material im April S. 1021579 gelesen hat. Demzufolge muss Crusius auch in dieser Zeit mit der Kompilation eines Lexikons aus diesen Texten angefangen haben; dass er immer noch ein solches Lexikon für notwendig hielt, wissen wir aus einem der erwähnten Briefe des 13.4.1579: Crusius schreibt an Salomon Schweigger, den Nachfolger Gerlachs in Konstantinopel, und bringt gegen Ende folgendes Anliegen zur Sprache:

Postremò, petitio haec mihi incidit: ut mihi paradigmata Declinationum et coniugationum hodiernae Graecae (.corruptae.) [pag. 26] linguae, mittas (.quia disco eam, et iam non parvum videor mihi profecisse in ea intelligenda.) id est quomodo hodie coniugietur τὸ τύπτω et τύπτομαι, declinetur τὸ τιμή. ... Disce nomenclaturam huius vulgaris linguae: et tibi λεξικὸν in ea confice. Poteris Barbarograeca, ordine Alphabetico adscribere in Librum alicuius nostri excusi Lexici. (Mh 466.2, pag. 25-6, Crusius an S. Schweigger; 13.4.1579)

Crusius’ Äußerung, er habe bereits einige Fortschritte beim Erlernen dieser Sprache gemacht (non parvum … proficisse), hängt mit Sicherheit mit dem Besuch des Griechen Stamatios Donatos in Tübingen im Februar des gleichen Jahres zusammen20. Crusius möchte jetzt weitere Informationen zu elementaren grammatischen Fragen erhalten (Konjugation von Verben, Deklination von Substantiven) und fordert seinen Briefpartner auf, er möge frühneugriechisches Vokabular (»nomenclatura«) lernen.

Der nächste Satz Poteris BarbaroGraeca, ordine Alphabetico adscribere in Librum alicuius excusi nostri Lexici ist insofern eigenartig, als Crusius damit Schweigger auch gleich einen Vorschlag macht, wie er diese Aufgabe praktisch bewältigen könnte. Das zeigt zum Einen, dass dieses Anliegen für Crusius wichtig war (sonst hätte er sich keine solchen Gedanken gemacht) und zum Anderen, dass Schweigger in Crusius’ Augen bei weitem nicht so zuverlässig war wie sein Vorgänger S. 103Gerlach. Zu Schweigger hatte Crusius in der Tat keine spezielle Beziehung, dieser war nur ein ehemaliger Theologiestudent der Universität21. Es muss Crusius also bewusst gewesen sein, dass sein Anliegen für jemanden wie Schweigger ungewöhnlich und keineswegs attraktiv war; dass er mit der Aufgabe zugleich eine praktische Lösung mitteilte, sollte Schweigger unter diesen Umständen wohl eher dazu bringen, Crusius’ Anliegen zu verwirklichen.

Wenn wir Recht haben und Crusius tatsächlich solche Überlegungen angestellt hat, dann ist sein Vorschlag, die erlernten frühneugriechischen ›Vokabeln‹ (Barbarograeca) in alphabetischer Reihenfolge (ordine Alphabetico) in irgendein gedrucktes Lexikon hineinzuschreiben (adscribere in librum alicuius nostri excusi Lexici), als eine recht klug ausgedachte und praktische Lösung anzusehen. Ein solches gedrucktes Lexikon musste Schweigger im Ausland bei sich gehabt haben, die ›Vocabula‹ wären darin sicherer als in losen Blättern aufbewahrt.

Diese Analyse ist zum Teil spekulativ, sie wird aber durch einen weiteren, fast anderthalb Jahre später verfassten Brief von Crusius an Schweigger, in dem sowohl dieses Anliegen als auch diese Methode wiederholt werden, erheblich gestärkt:

Itaque si habes tecum Lexicon aliquod, seu Graecum, seu Latinum: [p. 303] adscribe hodierna vocabula ad margines, aut in peculiarem chartam: et mihi mitte: quia quaedam Barbarograeca edere paro, cum S. 104Latina conversione: sed complura ibi vocabula non intelligo. (Mh 466.2, pag. 302-3; Crusius an S. Schweigger; 29.9.1580)

Crusius nennt hier jedoch ein anderes Ziel: er strebt nicht mehr nur das bloße Erlernen dieser Sprache an, sondern die Herausgabe einiger frühneugriechischer Texte zusammen mit einer lateinischen Übersetzung (quaedam Barbarograeca edere paro, cum Latina conversione); dabei ist er mit Problemen beim Verstehen einiger darin enthaltener Wörter konfrontiert (sed complura vocabula non intelligo)22. Er schlägt Schweigger nochmals vor, frühneugriechische ›Vocabula‹ zu sammeln und an den Rändern irgendeines griechischen oder lateinischen Lexikons (oder auch auf eigens dafür verwendeten Blättern) aufzuschreiben und ihm zu schicken.

Dieses Drängen erklärt sich, wenn wir in Betracht ziehen, dass Crusius in dieser Zeit intensiv mit der Übersetzung der genannten frühneugriechischen Texte ins Lateinische beschäftigt war23. Wie sollen wir aber die wiederholte Erwähnung des Vorschlags, ›Vocabula‹ an den Rändern eines Lexikons aufzuschreiben, verstehen? In diesem zweiten Brief hat Crusius seinen ersten Vorschlag nicht bloß wiederholt, er beschreibt damit die von ihm selbst verwendete Methode der Erstellung eines alphabetisch geordneten Glossars des Frühneugriechischen, die im Folgenden beschrieben und analysiert wird.

2 Crusius’ ›Autographon‹

2.1 Der Thesaurus cornucopiae aus Crusius’ Bibliothek

S. 105D. Harlfinger24 entdeckte im Jahr 1995 in der ›Beinecke Rare Book and Manuscript Library‹ der Universität Yale ein Exemplar des Thesaurus cornucopiae25, einer Ausgabe des Aldus Manutius aus dem Jahr 1496, das aus der Bibliothek des Martinus Crusius stammt26. Dieser Band ist mit folgenden Angaben im Katalog der Bibliothek27 eingetragen:

Author: Manuzio Aldo, 1449 or 50-1515 Title: Thesaurus cornu copiae / [compiled by V. Camers and others; edited by A. P. Manuzio] Published: [Venice : Aldus Manutius Romanus, August 1496] Description: 19 ff., 270 numb. ff; 32 cm. Local notes: […] BEIN Zi +5551 Copy 3: With copious annotations in Greek by Martin Crusius (1526-1607). Without capital M at the beginning of the last line on leaf 100b. […]

Der Thesaurus cornucopiae besteht aus mehreren Teilen: nach einem Prolog lesen wir eine kleine Abhandlung auf Griechisch (Αἰλίου Διονυσίου περὶ ἀκλίτων ρημάτων), gefolgt von einer langen (foll. 1-177v) Sammlung von Exzerpten unterschiedlicher Länge aus Werken griechischer Grammatiker28 mit dem Titel Ἐκ τῶν Εὐσταθίου καὶ ἄλλων ἐνδόξων γραμματικῶν, Βαρίνου Κάμηρτος ἐκλογαὶ κατὰ στοιχεῖον; der S. 106Terminus κατὰ στοιχεῖον bedeutet hier, dass diese Exzerpte in alphabetischer Reihenfolge – nur nach den ersten beiden Buchstaben des jeweils ersten Wortes29 – eingeordnet sind. Die übrigen ca. 100 foll. enthalten andere kleinere Abhandlungen, die nur zum Teil ebenfalls κατὰ στοιχεῖον eingeordnet sind. Auf eine ausführlichere Analyse des Inhaltes des Thesaurus muss im Rahmen dieser Arbeit leider verzichtet werden.

Dass es sich bei den zitierten »copious annotations in Greek« aus der Feder des Crusius um ein »lexicon of sixteenth century Greek« handelt, wurde bereits im Katalog einer Ausstellung von griechischen Inkunabeln der Beinecke Library erstmals festgehalten (BABCOCK/SOSOWER 1994: 67, Nr. 76, und Abb. des fol. 1r auf S. 71):

76. MARTIN CRUSIUS’ LEXICON OF SIXTEENTH CENTURY GREEK. One of

Darmarios’ customers was the Tübingen professor Martin Crusius. A leading figure in Greek studies in sixteenth century Germany, Crusius drew enormous audiences to his lectures on Greek literature. Even native Greeks came to Tübingen to study with him. Crusius amassed an extensive Library that included many manuscripts – he even claimed that he dreamed about acquiring Greek manuscripts. Crusius called himself the first professor of Modern Greek, and produced a dictionary of the Greek spoken in his day. He compiled his lexicon by taking this copy of the 1496 Aldine dictionary and supplying in the margins next to every word the modern Greek equivalent. Crusius conscientously records the names of the Greek students who helped him.

Diese Beschreibung ist leider an einigen Stellen falsch: Crusius hatte nie griechische Studenten in Tübingen, seine Besucher waren durch Europa reisende Griechen, die bei ihm in Tübingen für kürzere oder etwas längere Zeit zu Besuch waren(s. weiter unten, Kap. V, S. 179 ff.). Die Namen die Crusius auf pag. 1r (s. hier Abb. 1, S. 109 und S. 107BABCOCK/SOSOWER 1994: 76) notiert, sind demgemäß nicht die seiner Studenten, die ihm angeblich geholfen haben, sondern die seiner griechischen Informanten.

Noch wichtiger aber ist für uns die Tatsache, dass auch die lexikographische Methode des Crusius’ falsch beschrieben wird: wie ein einfacher Vergleich30 sofort zeigt, haben die marginalen und interlinearen Eintragungen des Crusius’ nichts31 mit den im Thesaurus enthaltenen Lemmata bzw. dem Text zu tun. Crusius nutzt den Thesaurus also keineswegs als Basis für das Thesaurieren der frühneugriechischen Lemmata, indem er etwa für jedes griechische Lemma des Thesaurus eine äquivalente frühneugriechische ›Übersetzung‹ lieferte.

Bei den marginalen und interlinearen Eintragungen des Crusius in dem Thesaurus handelt es sich jedoch in der Tat um eine alphabetische Auflistung der von Crusius gesammelten frühneugriechischen Glossen und Vokabeln, wie folgende marginale Notiz aus der Hand des Crusius auf pag. 1r des Thesaurus (s. Abb. 1, S. 109) bestätigt:

Die .20. April. 1579. coepi ego M. Crusius, Tybingae Barbarograeca ad margines adscribere, ex vulgari lingua Graeca, in quibusdam coniecturam secutus. Item ex Stamatio Donato Cyprio, idiota Graeco: qui 21. Febru. 79. mecum Tybingae erat. Item ex Theodosio Zygom. 1581. ubi Graeca explicatio est. Item antea ex Argyris etc.

Wenn wir zu der erwähnten Stelle aus Crusius’ Autobiographie (s. hier weiter oben, S. 100-1) sowie zu unseren Ausführungen dazu zurückkehren und diese mit der hier präsentierten Eintragung am Anfang des Thesaurus vergleichen, kommen wir zu folgendem Ergebnis: Crusius liest, wie wir gesehen haben, um den 20. April herum seine in Konstantinopel für ihn angefertigten Handschriften und fängt an, genau wie er in seinem Brief an den Botschaftsprediger in Konstantinopel vorgeschlagen hatte, an den Rändern dieses griechischen Lexikons32S. 108 exzerpierte ›Vocabula‹ (Barbarogareca) aufzuschreiben; diese Glossierung frühneugriechischer Texte basiert teilweise auf Vermutungen über die tatsächliche Bedeutung der sprachlichen Formen (in quibusdam coniecturam secutus)33.

Die von Stamatios Donatos im Februar 1579 interpretierten Wörter und Vokabeln wurden in einem zweiten Schritt miteinbezogen, gefolgt von weiterem Material von Theodosios Zygomalas34 und anderen Informanten aus dem Jahr 1581. Aber auch in den nächsten Jahren (bis zum Jahr 159135) folgten weitere Informanten; aus dem »etc.« am Ende dieser Notiz können wir den Schluss ziehen, dass dieses Material ebenfalls mit in das lexikographische Werk einbezogen wurde.

Über den eigentlichen Titel des ersten Abschnitts des Thesaurus cornucopiae (s. Abb. 1) hat Crusius »1. Alphabetum vulgaris Linguae Graecae« geschrieben, den Titel seines lexikographischen Werkes. Die Verwendung des Wortes ›Alphabetum‹ zeigt einerseits, dass das exzerpierte Material alphabetisch geordnet wird, und andererseits, dass Crusius hier an erster Stelle an eine Art ›Lehrbuch‹ denkt, das ihm als Stütze beim Erlernen der ›vulgaris lingua‹ bzw. Übersetzen der frühneugriechischer Texte in der Turcograecia behilflich sein kann: mit anderen Worten, es handelt sich hier keineswegs um ein zur Veröf- Abb. 1: Fol. 1r des Thesaurus cornucopiae mit Notizen aus Crusius’ HandS. 109 Bild fentlichung gedachtes lexikographisches Werk, sondern um ein persönliches lexikalisches Hilfsmittel36. Die Nummerierung (»1. Alphabetum«) bzw. die Notiz »Alphabeta 4.« am rechten Rand bedeuten, dass Crusius nicht ein, sondern vier ›Alphabeta‹ in den Thesaurus eingefügt hat: in vier unterschiedlichen Teilen des Buches ordnet er alphabetisch frühneugriechische Lemmata von Α-Ω ein. Dies geschah teils aus rein praktischen Gründen, die weiter unten erläutert werden, teils um die unterschiedlichen Quellen seines ›Alphabetum‹ voneinander getrennt zu halten.

Der Wunsch nach einem lexikalischen Hilfsmittel für teilweise unverständliche Texte treibt Crusius dazu, sein ›Alphabetum‹ zu kompilieren. Zu diesem Zweck hat er über 17.500 Lemmata & Explicationes gesammelt und mit einer besonderen Methode alphabetisch geordnet; sie stellen das Ergebnis seiner langjährigen Bemühungen dar, die ›vulgaris lingua‹ zu erlernen, und stammen zum überwiegenden Teil aus seiner Zusammenarbeit mit griechischen Informanten (s. ausführlich hier weiter unten, Kap. V, S. 184 ff.). Seine Methode wird im Folgenden anhand eines konkreten Beispiels beschrieben.

2.2 Crusius’ Methode

S. 110Das ›Alphabetum‹ stellt also nichts Anderes als ein alphabetisches Verzeichnis des von Crusius gesammelten Materials dar. Crusius fängt erst dann mit der Erstellung des lexikographischen Werkes an, als ihm erhebliche Mengen sprachlichen Materials zur Verfügung stehen (2607 Lemmata von Donatos, einige Hundert in den ›10. Blaetter‹ des Zygomalas [s. TOUFEXIS 2002: 124], eine nicht geringe Zahl exzerpierter Glossen aus den übersetzten Briefen). Auch die Art und Weise, in der Teile davon vorhanden waren (das Material von Donatos wurde z. B. von Crusius partiell zusammen mit vielen anderen Notizen aufgezeichnet; vgl. eine exemplarische Abbildung aus der Handschrift des Crusius’ weiter unten, Kap. VI, S. 246.) sind die Faktoren, die für jemanden wie Crusius, der sich nachweislich ernsthaft mit der betreffenden Sprache beschäftigen wollte, eine systematische Reorganisation notwendig gemacht haben.

Eine solche Reorganisation wird mit dem Alphabetisieren des vorhandenen Materials geleistet, das folgendermaßen vonstatten ging: statt Blätter oder Lagen Papier zu verwenden, um die Wörter darauf in alphabetischer Reihenfolge festzuhalten, nutzt Crusius die Ränder eines bereits alphabetisierten griechischen lexikographischen Werkes als eine Art ›Schablone‹ für das Alphabetisieren. Hiermit löst er das in Antike und früher Neuzeit bekannte Problem des Alphabetisierens ohne Zettelkartei (s. ALPERS 2001: 18, DALY 1967: 85 ff.) und spart nebenbei Zeit und Papier. Darüber hinaus hat er den Vorteil, dass er selbst nicht kalkulieren muss, wie viel Platz für die Lemmata jedes einzelnen Buchstabens gebraucht wird37, die Seiten des Thesaurus können ihm als Orientierung dienen.

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ΑΓ
– ἀγόρι, ἄρσεν, mas. | – ἀγορουσμένη, num emptio?
… | – ἀγορὰ, ἀπολύτρωσις.
– ἀγορασθῆναι, redimi,
…
λυτρωθῆναι.
Ἀγάλλεσθαι … | – ἀγορασμένο, emptus.
… | – ἀγουρίδες, ὄμφακες. — ἄγουρα,
idem.
…
– ἀγουρὸ, ἀγρός.
Ἅγημα … …… | – ἀγραμματεῖς, indocti. ἀγραμματῆς,
indoctus
…
– ἀγριαλέκτορα, sylvestris gallus.
… – ἀγρίμια, capreolae.
– ἀγριώνω, efferare, ἀγριαίνω. | – ἀγρίμιν, ἄγριον τι ζῶον. Wildbrett.
– ἀγριομάραντο, pastinaca | … | – ἀγριοδαμάλια, ferrae vaccae.
– ἀγριοβόδιν, bos sylvestris.
sylvestris. | …
– ἀγριογαδάρια, onagri.
– ἀδερφὸς μείζων, amicus,
– ἄγριον ἀγρίμη, ζῶα ἄγρ. | – ἀγριομένο, exasperatus, ferus.
non frater naturalis.
… | – ἀγριόπετρα, lapis agrestis.
Ἄγχίνους … … | – ἀγριοχοιρίδη, asper.
– ἀγριοχοίρια, σύαγροι.
…
– ἀγριοχοιρίδη, aper.
…
– ἀγριῶτην, feritas.
… | – ἀγύρευτος, ἀζήτητος.
… | – ἀγυρίζω, ambulo.
…
– ἀγώγιον, naulum.
… | – ἀγώμουνα, ego eram.
… | – ἀγώρη, mas.
Ἀδέκαστος … …
ΑΔ
………………… | ……………… | ………………………
Legende
αβγ = ALEXANDROS (1579, 1582, 1584) | αβγ = THESAVROS (1580, 1585)
αβγ = ΑNTHOS CH. (1579, 1582, 1585, | αβγ = THESEIS (1581, 1582, 1584, 1587)
1586, 1587) | αβγ = DONATOS (Befragung) (1579)
αβγ = APOLLONIOS (1579, 1587) | αβγ = CALONAS (Befragung) (1581)
Tab. 1: Transkription des oberen Teils von Fol. 3r des ›Alphabetum‹ im Thesaurus
Cornucopiae
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Abb. 2: | Fol. 3r des Thesaurus

Mit Hilfe der vorigen Tabelle und der entsprechenden Abbildung einer Seite des Thesaurus wird im Folgenden eine Analyse der Methode des Crusius’ versucht.

Diese Methode hat sich für Crusius besonders von dem Moment an bewährt, da er mehr als eine Quelle bzw. mehr als einen Informanten benutzt hat: er war in der Lage, seinem ›Alphabetum‹ sukzessive Material hinzuzufügen, ohne sich dabei besondere Gedanken über das Alphabetisieren machen zu müssen. In Tabelle 1 haben wir versucht, ein Teil einer mehr oder weniger typischen Seite des ›Alphabetum‹ mit drucktechnischen Mitteln zu simulieren, das Original ist in Abb. 2 (S. 112) dargestellt. In der mittleren Spalte ist in kursiver und größerer Schrift das jeweils alphabetisierte erste Wort der Lemmata des Thesaurus zu lesen, die anderen Spalten und die obere Reihe repräsentieren die entsprechenden Ränder mit den frühneugriechischen Lemmata des ›Alphabetum‹.

In unserer Wiedergabe dieser Seite des ›Alphabetum‹ bzw. des Thesaurus haben wir darüber hinaus versucht, die Provenienz jedes Lemmas, so weit sie feststellbar war, durch unterschiedliche Unterstreichungen erkennbar zu machen: die Legende liefert Informationen über die einzelnen Texte bzw. Informanten und das Jahr der Glossierung(en)38. In KAP. IV wird am Beispiel der erhaltenen Venezianer Volksdrucke des Crusius’ gezeigt, wie genau die Glossierung mit Hilfe der Informanten vorgenommen wurde und wie oft bzw. mit wie vielen Informanten Crusius jeden Text gelesen hat. Wir gehen davon aus – und unsere Analysen haben diese Annahme fast überall bestätigt –, dass Crusius regelmäßig das auf diese Weise gewonnene sprachliche Material in das ›Alphabetum‹ übertragen hat.

Fol. 3r enthält nur 10 Lemmata des Thesaurus, aber 64 Lemmata des ›Alphabetum‹. Crusius orientiert sich an den Anfangsbuchstaben S. 114der griechischen Lemmata – auf dieser Seite ΑΓ und ΑΔ – und fügt entsprechende frühneugriechische Lemmata am oberen, inneren (in diesem Fall linken), äußeren (in diesem Fall rechten) und vereinzelt auch am unteren Rand hinzu; die Mehrzahl der Lemmata wird jedoch erwartungsgemäß am breiteren äußeren Rand aufgelistet.

Nur bei den am rechten Rand verzeichneten Lemmata der oberen Hälfte der Seite, die mit den Buchstaben - ΑΓ - anfangen, erstreckt sich die Alphabetisierung auf sämtliche Buchstaben; für die Lemmata der unteren Hälfte, die mit – ΑΔ – beginnen, ist dies nicht der Fall; die Alphabetisierung erstreckt sich überall auf die zwei Anfangsbuchstaben, nur in einzelnen Gruppen von Lemmata auch auf mehrere Anfangs- bzw. vereinzelt sogar auf sämtliche Buchstaben.

Crusius hat, wie bereits gesagt, sukzessive aus mehreren Quellen und über mehrere Jahre hinweg Lemmata in sein ›Alphabetum‹ hinzugefügt; dies führt dazu, dass an den Rändern vieler Seiten des Thesaurus nicht mehr genügend Platz ist, um zusätzliche Wörter an der richtigen Stelle hinzuzufügen. Der Sinn der ganzen Methode war jedoch, wenigstens das Alphabetisieren nach den ersten beiden Buchstaben beizubehalten39; die Lemmata müssen also zumindest auf derselben Seite aufgezeichnet werden; wenn am ›richtigen‹ Rand kein Platz vorhanden ist, weicht Crusius von diesem ab und schreibt das oder die Lemmata dort auf, wo gerade überhaupt noch Platz vorhanden ist: Das Lemma »ἀγορουσμένη, num emptio?«, das eigentlich nach »ἀγορασμένο, emptus.« an den oberen Teil des rechten Randes gehörte, wird von Crusius am oberen Rand eingefügt, so nah wie möglich an der ›richtigen‹ Stelle.

Crusius versucht, immer ›in der Nähe‹ der ›richtigen‹ Reihenfolge zu bleiben, vgl. z. B. die mitten im griechischen Text des Thesaurus interlinear aufgeschriebenen Lemmata »ἀγρίμια, capreolae.« und »ἄγριον ἀγρίμη, ζῶα ἄγρια.«. In begrenztem Maße wird der innere (in

S. 115 BildOben: fol. 86r (rechter Rand), Unten: fol. 87r (unterer Rand) des

Abb. 3:

Thesaurus

diesem Fall linke) Rand benutzt: das Alphabetisieren beginnt dort erneut von oben nach unten, in der Horizontale stimmen jedoch die Lemmata bis zum dritten oder vierten Anfangsbuchstaben mit den Lemmata des gegenüberliegenden Randes überein.

Dieses Vorgehen ist jedoch nicht immer möglich: auf Seite 86v (vgl. Abb. 3) treffen wir auf das Lemma »καμίλαυγι, pileus patriarchicus. 87.A.« (am rechten Rand); die Zahl »87.A.« stellt in diesem Fall einen Querverweis auf fol. 87r dar; dort schreibt Crusius am unteren Rand, der normalerweise leer bleibt, »86 b. plura καλ. καμ. καν.« und fügt eine Reihe von mehreren Wörtern hinzu, die mit diesen Buchstaben-

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kombinationen anfangen und für die in fol. 86v nicht genügend Platz
war.
Aus unserer Analyse hat sich ergeben, dass gerade hierin das große
Problem dieser lexikographischen Methode bestand; die Lemmata des
von Crusius benutzten ersten Teils des Thesaurus bestehen, wie bereits
erwähnt, aus alphabetisch geordneten Exzerpten aus Werken ver-
schiedener Grammatiker: diese Exzerpte sind unterschiedlich lang,
jeder Buchstabe enthält mal mehr, mal weniger Lemmata bzw. Ex-
zerpte; die Zahl der Lemmata und ergo die verfügbaren Seiten pro
Buchstabe stehen in keiner Korrelation zur Anzahl des thesaurierten
Materials: zu welchem Problem dies für das ›Alphabetum‹ führt, wol-
len wir mithilfe folgender Tabelle veranschaulichen:
Anzahl der | Anzahl der
Foll. im | Lem. pro Fol.
Buchstabe | verfügbaren | Lem. des
Thesaurus | (hochgerechnet)
Seiten | ›Alphabetum‹
Ἔψιλον | 40v-67v | 54 | 1001 | 18,53
Κάππα | 85v-96v | 22 | 1232 | 56
Πῖ | 122r-150r | 59 | 1443 | 24,45
Σίγμα | 153r-158r | 10 | 838 | 83,8

nügen, bei den fast genau so umfangreichen Einträgen unter πῖ ist der errechnete Mittelwert aus dem umgekehrten Grund sehr niedrig.

Das Erscheinungsbild der einzelnen Seiten zu diesen Buchstaben ist bei weitem nicht so ausgewogen, wie von dieser Tabelle vermittelt: die Ränder vieler Seiten, die zum Buchstaben πῖ gehören, sind manchmal leer oder umfassen nur ein Paar Lemmata, bei σίγμα treffen wir hingegen mehrmals auf über hundert Lemmata pro Seite (fol. 154r = 137 Lemmata, fol. 156r = 114).

Fassen wir das bereits Gesagte zusammen: Im April 1579 verfügt Crusius über mehrere Tausend frühneugriechische Lemmata unterschiedlichen Ursprungs, die an verschiedenen Stellen verzeichnet sind. Um diese als Lernmaterial für die ›vulgaris lingua graeca‹ zu nutzen, muss er sie alphabetisch organisieren. Eine ›konventionelle‹ Alphabetisierung mit Hilfe von Lagen oder einzelnen Blättern wäre ohne Zweifel eine zeitraubende Prozedur, eine praktische Lösung musste her.

Im Thesaurus finden wir nur sehr wenige anderweitige handschriftliche Anmerkungen des Crusius: Crusius besaß das Buch seit 156440, angesichts der spärlichen Notizen können wir zu dem Schluss kommen, dass sein Inhalt weder besonders spannend noch besonders wichtig für ihn war. Die stark beschriebenen Ränder hätten ohnehin für jemanden wie Crusius keine besondere Erschwernis bei der Lektüre des Inhalts des Buches dargestellt, lediglich die weitere Kommentierung der griechischen Formen wäre nicht möglich gewesen. Auf der anderen Seite war das frühneugriechische Material darin viel sicherer als auf ungebundenen losen Blättern, bzw. Lagen aufbewahrt.

Wie müssen wir uns nun die lexikographische Arbeit konkret vorstellen? Bis auf die weiter oben präsentierten habe ich keine weiteren Aufzeichnungen Crusius’ bezüglich der Erstellung des ›Alphabetum‹ finden können. Ich stelle mir daher die Arbeit der Erstellung des ›Alphabetum‹ basierend auf eigenen Beobachtungen am primären S. 118 BildAbb. 4: Fol. 178r des Thesaurus, Anfang des ›2. Alphabetum‹ Material folgendermaßen vor: hat Crusius einen frühneugriechischen Text alleine gelesen, dann konnte er sein ›Alphabetum‹ griffbereit halten und die thesaurierte Glosse mit der von ihm selbst ermittelten Explicatio sofort (an der entsprechenden Stelle) ins ›Alphabetum‹ übertragen. Einen solchen Fall könnte z. B. das Lemma »ἀγορουσμένη, num emptio?« am oberen Rand unserer Beispielseite des ›Alphabetum‹ darstellen. In ANTHOS CH.41 pag. 57a, 25 lesen wir: Ὁ νόμος εἶπεν: ἡ δουλοσύνη εἶναι ἀγορουσμένη τοῦ θανάτου.

Die Wahrscheinlichkeit, dass das Lemma des ›Alphabetum‹ tatsächlich aus ANTHOS CH. stammt, ist sehr groß. Die Form ἀγορουσμένη ist auffällig (in KR nicht belegt), der Gesamtkontext des Satzes erlaubt es uns, den Schluss zu ziehen, dass es sich hier um eine durch Vermutung (coniecturam42) von Crusius selbst erhobene Explicatio handelt. Crusius liest das ANTHOS CH. alleine, die interpretationsbedürftige Form ἀγορουσμένη wird mit Hilfe des Kontexts inter- Abb. 5: Fol. *11v des Thesaurus; Liste der Grammatiker und Notiz überS. 119 Bild

die vier ›Alphabeta‹

pretiert, die Glosse und die ermittelte Explicatio wird in einem zweiten Schritt in das ›Alphabetum‹, das in der Nähe liegt, übertragen.

Die Glossierung mit Hilfe der Informanten, die ausführlich in KAPITEL IV (s. weiter unten, S. 125 ff.) beschrieben wird, fand mit S. 120ziemlicher Sicherheit ausschließlich an den Exemplaren statt. Crusius hat in einem zweiten Schritt die Lemmata aus den Exemplaren in das ›Alphabetum‹ übertragen, dabei hat er vielleicht geringfügige Änderungen vorgenommen. Die Glossierung mit Hilfe des Informanten vollzog sich in einem ziemlich schnellen Tempo, das ›Alphabetum‹ wurde dabei mit Sicherheit nicht benutzt.

Ein wesentliches letztes Detail steht noch aus: die Einteilung des ›Alphabetum‹ in vier Abschnitte: sie enthalten Lemmata aus allen Buchstaben des Alphabets, die erneut von Α-Ω alphabetisiert werden43. Damit löst Crusius einigermaßen das bereits beschriebene Problem des fehlenden Platzes, die lexikographische Arbeit wird aber durch den Umstand erschwert, dass die ab fol. 178r verwendeten Seiten des Thesaurus nur sehr begrenzt alphabetisierte Lemmata enthalten; Crusius muss also den notwendigen Platz selbst ungefähr kalkulieren und die Überschriften für die thesaurierten Buchstaben (Α, Β, Γ usw., s. Abb. 6) selbst schreiben, der Thesaurus kann nicht mehr als ›Schablone‹ benutzt werden. Dieser Schritt war aber notwendig, damit er das immer noch anwachsende frühneugriechische Material ebenfalls im Thesaurus thesaurieren kann.

Dabei muss auch eine Differenzierung der unterschiedlichen Quellen eine Rolle gespielt haben, eine endgültige Antwort auf diese Frage war aber bisher nicht möglich. Im zweiten ›Alphabetum‹ hat Crusius einige ›Explicationes‹ des Fr. Portus sowie mehrere türkische Wörter aus dem Reisebericht des Nicolaus de Nicolay44 und anderen ›Turcica‹ S. 121aufgezeichnet. Das dritte und vierte ›Alphabetum‹ enthält viele ›Explicationes‹ in griechischer Sprache, dabei könnte es sich unter Umständen um die ›Explicationes‹ des Theodosios Zygomalas handeln. Dies zeigt eindeutig, dass die Untersuchung der genauen Quellen des ›Alphabetum‹ eine komplizierte Aufgabe darstellt, die in der Zukunft fortgesetzt werden muss.

2.3 Fazit

Bevor ich aus dem bereits Gesagten ein Fazit ziehe, möchte ich einen kurzen Abschnitt aus dem Prolog des Aldus Manutius in seinem Thesaurus cornucopiae anführen45, der m. E. auch für Crusius’ ›Alphabetum‹ von Relevanz ist:

Nam ita flare Caecian scribit Aristoteles, ut non propellat nubes, ut alli venti. Sed, ut ad sese vocet, ac trahat. Sic mihi evenit. mihi ipse malum peperi. immensa mihi paravi incommoda, immensos labores. Sed me ipse consolor: vel quod gratissimas esse video lucubrationes meas, ac plurimum prodesse omnibus, maiorique in dies emolumento futurum: vel quod multi ἐκ τῶν βιβλιοτάφων iam liberant e carceribus libros: venalesque exponunt. [f. *iir] Ecce habetis opus oppido perutile & necessarium; quem κέρας ἀμαλθείας, quem κήπους ἀδώνιδος, quem iure thesaurum appellaverim. In eo enim fere omnia reposita sunt: quae desiderare quis possit ad perfectam absolutamque cognitionem literarum graecarum: & eorum praecipue quae leguntur apud poetas […] [f. *iir-iiv][Aristotle tells us that Caecias, the wind, blows in such a way that the clouds are not driven away, as they are in other winds, but rather that he draws and summons them towards himself. This is exactly what happened to me: I have begot my own misfortune. I have provided myself with trouble and overburdened myself with great labours. My only consolation is the assurance that my labours are helpful to all, and that the fame and S. 122the use of my books increase from day to day, so that even the ›bookburiers‹ are now bringing their books out of their cellars and offering them for sale. […] Here in this Thesaurus, you will find a work especially useful in our times and in our society. I have ventured to name it Cornucopiae and The Garden of Adonis, and it can rightly be called a treasure, for it contains practically everything that anyone could desire in order to achieve perfect knowledge of Greek literature. The book includes, in particular, explanations of words which the Greek poets use […](LEMKE 1958: 11-12)

Die Behauptung des Aldus Manutius über seinen Thesaurus Cornucopiae: »In eo enim fere omnia reposita sunt: quae desiderare quis possit ad perfectam absolutamque cognitionem literarum graecarum« trifft in gewissem Sinne auch für das ›Alphabetum‹ des Crusius zu: Crusius sammelt an einem Ort alle Informationen über die ›vulgaris lingua graeca‹, die er (und wahrscheinlich jeder andere) braucht, um diese Sprache zu erlernen, und ordnet es zur besseren Anwendung alphabetisch an. Er nutzt das gleiche Motiv wie Aldus, wenn er in der Turcograecia seine Beschäftigung mit der ›vulgaris lingua graeca‹ folgendermaßen beschreibt:

Talia interdum per occasionem annotabo; quem admodum et in praecedente Historia feci: ut πρῶτος (absit gloriatio et invidia) introductor BarbaroGraecae linguae in nostram Germaniam. Quod si non ubique κατορθώσω: veniam mihi ὡς πρωτοπείρῳ, benigne dari peto. Mihi quidem hanc linguam, ἀόκνως καὶ ἀρπαλέως αὐτομαθήσοντι: diu nullum adiumentum aut certe exiguum, invenienti: Deus novit, quanto labore, investigatione, ratiocinatione opus fuerit. (Turcograecia, pag. 185)

Das ›Alphabetum‹ stellt ein solches adiumentum dar; dass Crusius es nicht erwähnt, hängt meines Erachtens gerade mit dem Charakter dieses lexikalischen Hilfsmittels zusammen. Es handelt sich um ein Lexikon mit einer persönlichen Systematik, konzipiert und durchgeführt von jemandem, der seine Bemühungen und sich selbst – treffender, als wir es jemals hätten machen können – mit den WortenS. 123 ἀόκνως καὶ ἀρπαλέως αὐτομαθήσοντι bezeichnet hat.

Meines Erachtens können wir das ›Alphabetum vulgaris linguae graecae‹ innerhalb des Thesaurus Cornucopiae auch als Vollendung der φιλελληνία des Crusius – immer im Sinne seiner hingebungsvollen Beschäftigung mit der griechischen Sprache – betrachten: die alt- und frühneugriechische Sprache in einem Band verbunden, als eine Art Nachschlagewerk für beide. Crusius nutzt eine eigenartige Methode, um ein persönliches lexikalisches Hilfsmittel zu erstellen. Sein ›Alphabetum‹ war für einen einzigen Benutzer, ihn selbst gedacht; die letztendlich komplizierte Kompilationsmethode würde es für jeden anderen potentiellen Nutzer sehr schwierig machen, sich im ›Alphabetum‹ zurechtzufinden.

Fußnoten

  1. Compendium theologiae methodi questionibus tractatum … Idem a Martino Crusio … Graece versum. – Wittenberg: Johann Krafft (Crato Erben), WILHELMI 2002: 314, Nr. 320. ↑
  2. Der ebenfalls ehemalige Tübinger Theologiestudent Salomon Schweigger (s. ENGELS 1955, WENDEBOURG 1986: 120-2) im Dienst des Botschafters Joachim von Sintzendorff (WENDEBOURG 1986: 116). ↑
  3. ὅρα δὲ πηλίκον ὑπὸ φιλελληνίας μόχθον ἠνεσχόμην νεωστὶ, μετὰ τὴν τοῦ γερλαχίου ἐπάνοδον. ἀπὸ τῆς κ΄. τοῦ ἔγγιστα δεκεμβρίου, ἕως τῆς ια΄. τοῦ νῦν ἀπριλίου, ἀπεγραψάμην ἐμαυτῷ τὰ τρία ταῦτα: τὸ χρονικὸν κωνσταντίνου τοῦ μανασσῆ (= Kod. Tyb. Mb 35, s. SCHMID 1902: 67-8), τὸν γρηγόριον εἰς τὸ ᾆσμα τῶν ᾀσμάτων (= Kod. Tyb. Mb 37, XIII, s. SCHMID 1902: 73), καὶ τὸ χρονικὸν θεοδοσίου τοῦ μελιτινοῦ (= Kod. Tyb. Mb 20, pagg. 1-460, s. SCHMID 1902: 44), μετὰ τῶν πατρίων τῆς κωνσταντινουπόλεως (= Kod. Tyb. Mb 20, pagg. 1-146, s. SCHMID 1902: 44, für Crusius’ Handschriften sind unterschiedliche Paginierungen gewöhnlich): καὶ ταῦτα πάντα, ἑνὶ καλάμῳ χηνείῳ, προσέτι καὶ ὁσημέραι τέως δύο ὥρας ἐν τῇ ἀκαδημίᾳ διδάσκων καὶ ἄλλα ἀσχολούμενος. (Mh 466.1, 2, pag. 33; Crusius an Theodosios Zygomalas, 13.4.1579). ↑
  4. Decemb 19. mihi […] tradidit: … et Historiam Patriarcharum Constantinop. ab Urbis occupatione: translatam εἰς κοινὴν φράσιν ὑπὸ μανουὴλ μαλαξοῦ πελοποννησιακοῦ .3. Taleris (Mh 466.1, pag. 704, 19.12.1578) (= Kod. Tyb. Mb 18, s. SCHMID 1902: 40-41, viel ausführlicher DE GREGORIO 1991: 6 ff.). ↑
  5. Historia de rebus, ab urbis expugnatione gestis, manu D. Theodosii Zygom. descripta. Sunt .5. Quaterniones, forma 4a. (= Buch I der Turcograecia, Kod. Par. Suppl. gr. 1152, s. DE GREGORIO 1996a: 245-6) […] (Mh 466.1, pag. 711, 10.1.1579). ↑
  6. Explicatio Vocabulorum BarbaroGraecorum, quae Domino Theodosio miseram. Forma 8a. Sind .10. blaetter. (Mh 466.1, pag. 711, 10.1.1579). (s. auch TOUFEXIS 2002: 123, Anm. 30), heute nicht mehr erhalten. Crusius’ entsprechender Brief an Zygomalas ist weiter oben, Kap. II, S. 84 zu lesen. ↑
  7. Exercitia quaedam Barbarograecae linguae, in propriam translata. Item Barbarograecae conversae Epistulae. Sunt .3. Quaterniones, forma 4a. (Mh 466.1, pag. 711, 10.1.1579) (= Buch III der Turcograecia, Kod. Tyb. Mb 30, s. SCHMID 1902: 55 ff.). ↑
  8. Vom 21.2.1579, einen Monat also nach der Übergabe der erwähnten Handschriften und in der Zeit, als Crusius mit der Abschrift anderer Handschriften beschäftigt war, s. weiter oben, Anm. 3. ↑
  9. Aber mit Sicherheit nicht die gerade aus Konstantinopel geschickten, die Crusius (wie wir seinen Notizen auf den Handschriften entnehmen können) erst ab April des gleichen Jahres gelesen hat. ↑
  10. Es handelt sich um den Griechen Stamatios Donatos, s. weiter unten Kap. V, S. 184 ff. ↑
  11. Über Crusius’ spezielles ›Notizbuch‹ zu seinen Besuchern s. weiter unten, Kap. V, S. 61 ff. ↑
  12. Die am 21.5.1579 in Tübingen eintraf und von WENDEBOURG als »Vorbote des Scheiterns« bezeichnet wird (1986: 127). ↑
  13. TURCOGRAECIAE LIBER TERTIUS: Varias Graecorum inter se EPISTOLAS, ab anno CIƆ.IƆ.LVI usque ad CIƆ.IƆ.LXXX Christi, variis in locis scriptis, tribus partibus distinctas habens: quarum PRIMA vulgares, purius conversas: ALTERA puriores, in vulgarem linguam traductas: TERTIA verò mixtas, seu Ecclesiastico stylo scriptas, continet: Graecè et Latinè à MARTINO CRUSIO, in Academia Tybingensi V.L. Professore, editus. Unà cum copiosis eiusdem Crusii Annotationibus. Mir ist keine Arbeit bekannt, die diese hochinteressanten intralingualen Übersetzungen des Zygomalas untersucht hat. ↑
  14. Der griechische Text lautet: ἠξίωσε, συστήσαι (sic) σοι ἑαυτὸν, φίλον ἐμὸν ὄντα, seine frühneugriechische Übersetzung: νὰ σοῦ τὸν καλομαρτυρήσω, καὶ νὰ τὸν βοηθήσω, ὁποῦνε φίλος μου (Turcograecia, pag. 240). ↑
  15. Crusius’ Quellen waren zum größten Teil Venezianer Volksdrucke, die eher von einer Anorthographie als Orthographie geprägt sind. Er übernimmt jedoch die Wörter bzw. Wortgruppen aus diesen Quellen ohne jegliche Veränderung oder Verbesserung der Orthographie, wie wir in diesem Fall sehr anschaulich sehen können. Welche Konsequenzen dieser Umstand für die Erschließung des Materials heute hat, wird weiter unten, Kap. VI, S. 248 ff., diskutiert. ↑
  16. Oratio de vita et obitu […] D. Crusii, Tybingensis Academiae per annos octo et quadraginta Professoris […] habita Tubingae […] 1608.– Tübingen: Philipp Gruppenbach, 1608 (WILHELMI 2002: 261, Nr. 290). ↑
  17. Martinorum duorum. patris et filii, Krausiorum Bottenstainensium, Chronologia cum historiis permultis, Libris quinque comprehensa, Martino Crusio conscriptore, Tybingae (WILHELMI 2002: 216, Nr. 275 und 276). ↑
  18. Für die Überlassung dieser Information aus der Autobiographie des Crusius bin ich U. Moennig zu großem Dank verpflichtet. ↑
  19. An Salomon Schweigger, 13.4.1579 (Mh 466.2, pagg. 21-28; auf pag. 27-8 mit einer kleinen Liste von ›Vocabula‹); an Theodosios Zygomalas, 13.4.1579 (ebd., pagg. 29-39); an den Patriarchen Ieremias im Namen des Theologen Jakob Heerbrand (ebd., pagg. 39-43, 14.4.1579) und im eigenen Namen (ebd., pagg. 43-47, 14.4.1579); an Ioannes Zygomalas (ebd., pagg. 47-49, 14.4.1579); an den Logotheten des Patriarchats Hierax (ebd., pagg. 50-51, 14.4.1579); an den Metropoliten von Melenike Methodios (ebd. 52-3, 15.4.1579). ↑
  20. S. dazu seine Notiz am Ende der Aufzeichnungen über Donatos, weiter unten Kap. V, S. 204. ↑
  21. WENDEBOURG (1986: 120-122) weist auf die Tatsache hin, dass Schweigger nicht nur eine völlig andere Persönlichkeit als Gerlach war, sondern auch bei weitem kein so großes Engagement für den theologischen Dialog zeigte. Schweigger war kein akademischer Typ wie Gerlach (er hat die Universität Tübingen sogar ohne einen ordentlichen Abschluss verlassen), sondern eher ein abenteuerfreudiger Charakter, der eine künstlerische Begabung hatte und sie auch nutzte. Seine im Jahr 1608 in Nürnberg gedruckte Ein newe Reyssbeschreibung auss Teutschland nach Constantinopel und Jerusalem (Teiledition in STEIN 1986) enthält mehrere von ihm selbst angefertigte Zeichnungen. ↑
  22. Crusius arbeitet bereits an der späteren Turcograecia, s. WENDEBOURG 1986: 359 ff. ↑
  23. Vgl. dazu Crusius Brief an David Chytraeus: Ὅλος νῦν εἰμὶ ἐν τῷ λατινιστὶ μεταβάλλειν τὴν κοινῇ γραικῇ γλώσσῃ ξυγγραφείσαν [p. 345] πολιτικήν τε καὶ πατριαρχικὴν ἱστορίαν, σὺν καὶ παραπλησίοις ἄλλοις: ὧν ἐκ τῆς Κωσταντίνου, διὰ τοῦ καλοῦ Γερλαχίου ἔτυχον. (Mh 466.2, pag. 344-5; Crusius an David Chytraeus; 14.12.1580). Die Übersetzung fand vom 12.12.1580-10.2.1581 statt, s. SCHMID 1902: 41). WENDEBOURG (1986: 360) zeigt, dass David Chytraeus’ erneute Veröffentlichung (im Jahr 1580) seiner Oratio de statu (s. Kap. II, S. 66-67, Anm. 99) Crusius unter Konkurrenzdruck setzte und schließlich zum Plan der Veröffentlichung der Turcograecia führte. Diese Schlussfolgerung WENDEBOURGS wird von dem hier zitierten Brief an Chytraeus erheblich gestärkt. ↑
  24. Für die Bekanntmachung seines Fundes und die Überlassung des Mikrofilms bin ich D. Harlfinger zu großem Dank verpflichtet. ↑
  25. Im Folgenden Thesaurus. ↑
  26. S. WILHELMI 2002: 189, Nr, 32 = Nr. 690 (S. 358) mit den bibliographischen Angaben. ↑
  27. In der Online Version, abrufbar unter telnet://newmpg.library.yale.edu:06520 (zuletzt am 8.7.2005 eingesehen). ↑
  28. Die Namen dieser Grammatiker findet man auf fol. *11v (hier Abb. 5, S. 119). ↑
  29. Gelegentlich, aber nicht konsequent wird auch der dritte Buchstabe berücksichtigt. ↑
  30. S. dazu die Tabelle auf S. 111, hier weiter unten. ↑
  31. Bis auf die ersten beiden Anfangsbuchstaben. ↑
  32. Mit einer Breite von 4 cm, s. TOUFEXIS 2002: 127. ↑
  33. Man kann gewiss das lat. conjecturam hier auch in der Bedeutung ›Konjenktur‹ auffassen, in diesem Falle würde Crusius die thesaurierten Glossen und damit den Text einigermaßen ›textkritisch‹ verbessern; ohne dies ausschließen zu wollen, glaube ich, dass er zu diesem Zeitpunkt bei den Bedeutungen einiger sprachlicher Formen immer noch nicht sicher und daher tatsächlich auf Vermutungen angewiesen war. ↑
  34. S. TOUFEXIS 2002: 123-4 mit Beispielen dieser ›Explicationes‹ des Zygomalas. ↑
  35. S. die tabellarische Übersicht weiter unten, Kap. V, S. 179-80. ↑
  36. S. TOUFEXIS 2002: 129-131 mit weiteren Argumenten, die diese These untermauern. ↑
  37. S. z.B. die Beispiele aus Handschriften in DALY 1967: 88 und bes. 89. Mit einem ähnlichen Problem wurde auch im 18. Jh. der englische Dichter und Lexikograph Samuel Johnson konfrontiert, als er seine erste handschriftliche Fassung seines berühmten A Dictionary of the English Language verwerfen musste, weil sie unbrauchbar wurde. S. REDDICK 1990: 42-45. ↑
  38. Die verwendeten Abkürzungen werden weiter unten, Kap. IV, S. 325 ff. erklärt. Die meisten Lemmata ohne Unterstreichung stammen tatsächlich aus den Briefen, die in Kod. Tyb. Mb 18 überliefert sind. ↑
  39. Weil nur dann die Benutzung der Lemmata des Thesaurus als Orientierung für das Suchen nach Lemmata des ›Alphabetum‹ nutzbar wären. Hier haben wir für vier Buchstaben, bei denen die Einträge in modernen neugriechischen Lexika zu den etwas längeren gehören, die Zahl der verfügbaren Seiten des Thesaurus mit der Anzahl der darin aufgeschriebenen Lemmata des ›Alphabetum‹ verglichen, mit dem Ziel, einen Mittelwert der pro Seite an den Rändern aufgeschriebenen Lemmata zu ermitteln. Obwohl die Anzahl der frühneugriechischen Lemmata in allen vier Fällen relativ hoch ist, schwankt der Mittelwert zwischen 18,53 für ἔψιλον und 83,8 für σίγμα; der Grund liegt schlicht und einfach in der Tatsache, dass im Thesaurus für den Buchstaben σίγμα zufällig sehr wenige (10), für ἔψιλον hingegen sehr viele (54) Seiten zur Verfügung stehen. Für den ›großen‹ Buchstaben κάππα (1232 frühneugriechische Lemmata) müssten sogar nur 22 Seiten ge- ↑
  40. Erwerbsnotiz auf dem Titelblatt des Exemplars. ↑
  41. Zu ANTHOS CH. s. ausführlicher weiter unten, Kap. IV, S. 145 ff. ↑
  42. S. Crusius’ Notiz weiter oben, S. 109. ↑
  43. Das 1. Alphabetum endet auf fol. 177v; das 2. Alphabetum fängt auf fol. 217r an, das 3. auf fol. 217r und das 4. auf fol. 224r. S. auch Abb. 5, S. 119. ↑
  44. Es gibt mehrere Ausgaben im 16. Jh., hier wird der Titel der Ausgabe von 1577 zitiert: Vier Bucher Von de Raisz vnd [und] Schiffart in die Turckey: Mit ein vnnd sextzich (!) Man vnnd Weibliche Figuren, nach dem leben abgesetzt, nach verenderung vnd gestalt der Lender, vnd gebrauch der selber, mit beschreibung jres art vnd leben, so wol inn Frid als Kriegzeiten; Neben anzeigung etlicher namhaft* / beschrieben durch Hern N. Nicolai, Bürtig auß dem Delphinat, Kammerling vnd Geograff Ko. M[ajestä]t inn Franckreich. - [S.l.] : Silvius, 1577; bei WILEHLMI 2002 nicht als Teil der Bibliothek des Crusius verzeichnet. ↑
  45. Zusammen mit der Übersetzung ins Englische von A. LEMKE (1958). ↑