IV Texte in der ›vulgaris lingua graeca‹: Lese- und Lernstoff, Quellen der lexikographischen Arbeit
Druckseiten 125–158
Nec tamen etiam barbaries haec artificio suo caret: sed, si quis huic linguae assueverit: pulchram quoque ipsam suavemque, nec planè reijciendam, sentiet. Crusius über die ›vulgaris lingua graeca‹: Turcograecia, pag. *4r
1 Die Relevanz der Sammlung Venezianer Volksdrucke des Crusius’ für die lexikographische Arbeit
In der Zeit von 1564 bis 1590 war es Crusius gelungen, die »bedeutendste Sammlung an Neograeca des 16. Jahrhunderts diesseits der Alpen« (EIDENEIER 1994c: 126) zusammenzustellen; MOENNIG 1997 und EIDENEIER 1994a und b haben diese Sammlung vollständig dokumentiert, sowie ihre Entstehungshintergründe erhellt1. MOENNIG 1997 (46-47) hat basierend auf Crusius’ eigenen Aussagen bereits darauf hingewiesen, dass dieser schon 1575 (vier Jahre vor dem Anfang der Kompilation des ›Alphabetum‹, s. weiter oben, Kap. III, S. 79-81) eine S. 126nicht geringe Anzahl von frühneugriechischen Volksdrucken besaß, die er bereits mehrmals gelesen hatte.2
Der einfache Besitz von frühneugriechischen Volksdrucken und eine mehr oder weniger gründliche Lektüre konstituieren von alleine dennoch keineswegs ein intensives Studium der ›vulgaris lingua graeca‹. So gab es auch andere Gelehrte in Deutschland im 16. Jh., die durch Zufall oder bewogen durch ein ›enzyklopädisches‹ Interesse sich mit der ›vulgaris lingua graeca‹ beschäftigt haben und sogar nachgewiesenermaßen frühneugriechische Volksdrucke besaßen3. Crusius unterscheidet sich deutlich von anderen an ›Neograeca‹ interessierten Zeitgenossen, sowohl hinsichtlich des von ihm gesammelten Materials als auch in der langjährigen Fokussierung auf das Erlernen der ›vulgaris lingua‹.4 So kann man meines Erachtens mit Recht von einem intensiven Studium der ›vulgaris lingua‹ reden, dem auch Crusius seinen ›inoffiziellen‹ Ruf als ›Begründer der Neogräzistik‹ verdankt.
Wie bereits gesagt, fasste Crusius den Entschluss, die κοινὴν γλῶτταν zu lernen, kurze Zeit nach der Schlacht von Lepanto im Jahr S. 1271571 und in Einklang mit der damaligen politischen Stimmung. Seine einzige Möglichkeit dazu in dieser Zeit stellte die Lektüre der ihm vorhandenen Texte dar, ja man kann sogar behaupten, dass Crusius diesen Entschluss gefasst hat, weil er frühneugriechische Texte mehr oder weniger zufällig besessen hat. Bei der Begegnung mit einem griechischen Muttersprachler im Jahr 1579 in Tübingen und seiner Befragung anhand von literarischen Texten5 möchte Crusius all das erfahren, was er selbst nicht erfassen konnte und später in das ›Alphabetum‹ miteinbezogen wurde. Die eigene Lektüre spielte also eine vorbereitende Rolle und wird daher für die spätere Kompilierung des lexikographischen Werkes relevant.
Im Mittelpunkt steht hier neben einer kürzen chronologischen Dokumentation und Darstellung dieses Studiums der ›vulgaris lingua‹6 der Versuch, durch die Erforschung der Beschäftigung des Crusius mit den einzelnen Texten bzw. Exemplaren zu Ergebnissen über seine Prioritäten bei der Erforschung der ›vulgaris lingua‹ zu kommen. Dies ist wichtig, wenn man seine lexikographische Tätigkeit (d.h., vor allem seine Zusammenarbeit mit den griechischen Informanten) rückläufig betrachtet: das ›Alphabetum‹ enthält nur diese Glossen, die Crusius in eigener Regie ausgesucht und seinen Informanten zur Interpretation vorgelegt hat. Es ist dabei wichtig zu beantworten, ob Crusius alle Texte seiner Sammlung gleich behandelt hat oder ob es Texte gegeben hat, die von ihm als gewichtiger eingestuft wurden, und wenn ja, mit welchen Kriterien eine solche Gewichtung stattgefunden hat.
Von Bedeutung ist es darüber hinaus zu ermitteln, wie entscheidend die fremde Hilfe (d.h. die Hilfe der griechischen Informanten) bei seinem Studium des Frühneugriechischen war, oder, mit anderen Worten, wie viel er von den ihm vorliegenden Texten allein (ohne Hilfsmittel) verstehen konnte. Die Hilfe, die ihm dabei seine mehr als S. 128soliden Griechischkenntnisse geleistet haben, wird anhand von konkreten Beispielen illustriert.
Unsere Analyse begrenzt sich aus praktischen Gründen nur auf die Untersuchung der Sammlung Venezianer Volksdrucke des Crusius’.
2 Vom interessierten Leser zum Lexikographen: Die Entwicklung der Beschäftigung des Crusius mit der ›vulgaris lingua graeca‹
2.1 Die erste Lektüre der Texte ohne fremde Hilfe
2.1.1 Der Anfang des Erlernens des Frühneugriechischen im Jahr 1571
Crusius besaß frühneugriechische Texte seit dem Jahr 15647. Die erste nachgewiesene Beschäftigung des Crusius mit der frühneugriechischen Sprache fand, wie bereits erwähnt (s. oben Kap. II, S. 67 ff.), am Ende des Jahres 1571 statt. Zwei Monaten nach Eintreffen der Nachricht über den Sieg der christlichen Mächte in der Schlacht von Lepanto in Deutschland8 macht sich Crusius im Dezember 1571 an die Lektüre folgender Texte:
S. 129Datum Werk 1. 14-29.12.1571 DIDACHAI [A7]9 2. 29-30.12.1571 BATRACHOM. [A5] 3. 30.12.1571 APOKOPOS [A3] 4. 31.12.1571-1.3.1572 ALEXANDROS [A1]
Es handelt sich dabei um die Texte, die in dem heutigen Band der UB Jena mit der Signatur 4o Op. th. II, 43 erhalten sind. Die Reihenfolge der Lektüre verläuft anders als die Reihenfolge der in dem Band gebundenen Texte: die DIDACHAI stehen dort an erster Stelle, gefolgt vom APOKOPOS, den ALEXANDROS und am Ende die BATRACHOM.10 Crusius besaß in dieser Zeit mit Sicherheit zwei weitere Texte, das ANTHOS CH. und die *ILIAS, die er aber nicht gelesen hat, zumindest kann eine Lektüre nicht nachgewiesen werden.
Dieses kann aus rein praktischen11 Gründen geschehen sein, als sicher kann aber meines Erachtens gelten, dass zumindest der Erzählstoff der BATRACHOM. und des ALEXANDROS ihm auf Grund seiner Griechischkenntnisse bekannt gewesen sein mussten. Die BATRACHOM. ist sogar eine Übersetzung eines agr. Textes, der Teil der S. 130Homervorlesung von Crusius war12. Es liegt also die Vermutung nahe, dass ihm von den vier hier behandelten Texten einzig und allein der APOKOPOS in dieser frühen Zeit größere Interpretationsschwierigkeiten bereitet hat13. Die sprachliche Form der DIDACHAI nennt Crusius in Verwendung eines Zitats aus dem Kommentar von Eustathius Thess. zur Ilias14 (mit ziemlicher Sicherheit während dieser Lektüre15) Lingua haec non esse ἀκραιφνὴς, sed ὑποβάρβαρος. Was hiermit bezeichnet wird, ist die leicht archaisierende, kirchliche Prosa des Rartouros, die dem Crusius keine Schwierigkeiten bereitet haben sollte16. Der an theologischen Themen immer interessierte Crusius hat der Lektüre der DIDACHAI 15 Tage17 gewidmet, mit einem Lesetempo von einer Διδαχή pro Tag (d.h. von mindestens 10 Seiten Text, im Schnitt von 14 Seiten Text pro Tag). Das Ende der Lektüre wurde mit folgender Notiz auf der letzten Seite des Textes (pag. 187) angegeben:
Absolvi, ξὺν θεῷ, Esslingae (.quo Tybingensis Academia propter pestem secesserat.) in domo, mihi ab humaniß. socero Urbano Vetschero gratis concessa, perlegens .29. Decemb. 1571. M. Martinus Crusius, professor Graec. et Lat. Tybing. Tunc primum operam dare coepi Barbaro- Graecae linguae.18
S. 131Die Sprache der DIDACHAI liegt eindeutig viel ›höher‹19, sowohl als die tatsächlich gesprochene Sprache, als auch von der üblichen ›Schriftkoine‹ dieser Zeit. Die zahlreichen und den Inhalt präzise marginale zusammenfassenden Nebentitel aus der Hand des Crusius sind meines Erachtens ein eindeutiges Indiz dafür, dass Crusius bei der Lektüre der DIDACHAI keine besonderen Verständnisschwierigkeiten hatte. Das gleiche gilt auch für den nächsten Text, den Crusius 1571 gelesen hat, die BATRACHOM. (die Übersetzung ins Frühneugriechische der agr. Batrachomyomachia von Demetrios Zenos)20. Crusius fängt am gleichen Tag (nach Ende der DIDACHAI) mit der Lektüre an (29.12.1571) und ist am nächsten Tag fertig (30.12.1571). Er legt das gleiche Lesetempo vor wie bei den DIDACHAI (1 Tag für 14 Seiten oder 468 Verse); hier ist es die Vorlage des frühneugriechischen Textes, die agr. Batrachomyomachia, die Crusius das problemlose Verstehen des Textinhaltes ermöglicht. Er entdeckt sogar eine Abweichung der Übersetzung vom agr. Text:
In Homero contrà, Lichopinax occidit Borborocoeten. pag 12 (pag. 12, zu V. 379)21.
S. 132Fast zehn Jahre nach dieser ersten Lektüre führt Crusius eine für seine Zeit einmalige Innovation zu seiner Homer-Vorlesung22 des Jahres 1581 ein: vom 4. April bis zum 2. August 1581 baut er die frühneugriechische BATRACHOM. des Zenos in den Unterricht der agr. Batrachomyomachia ein (s. auch HOFMANN 1982: 143): danach ediert er den Text der BATRACHOM. mit einer lateinischen Übersetzung in der Turcograecia (s. weiter oben, Kap. II, S. 69, Anm. 104), dazu gehören seine ›Praefatio‹ und ›Annotationes‹ für beide Texte23(pag. 390-99). Am Ende dieser ›Praefatio‹ (Turcograecia, pag. 389) lesen wir:
… praesertim quia huius conversionem etiam hodierna vulgarique lingua Graeca impertiar (quam lingua optarem, ab aliquo antea in Germaniam introductam esse) ut, quantum hodierna quae et ipsa in suo genere satis pulchra est) à vetere recesserit, satis videre possitis. Cuius licet nondum intelligentissimus sim (disco enim ipse adhuc) faciam tamen tantum, quantum pro tenui mea intelligentia potero. Vos pro humanitate vestra, et erga me charitate, boni consuletis. Recitata Tybingae in Aula vetere 3. die April. 1581 ἐν ἀκροατηρίῳ πλητόντι (sic).
Diesen Worten des Crusius können wir entnehmen, dass er auch fast 10 Jahre nach der ersten Lektüre der BATRACHOM. immer noch seine Schwierigkeiten mit dem frühneugriechischen Text hatte24. S. 133So sehr sich Crusius bei der Lektüre der DIDACHAI Zeit gelassen hat, umso eiliger verläuft die Lektüre sowohl des APOKOPOS (an nur einem Tag, dem 30.12.1571, direkt nach der BATRACHOM.) als auch des ALEXANDROS. Für dieses Werk braucht er nur 4 Tage (vom 31.12.1571 bis 3.1.1572), für 100 Seiten Text oder 2944 Verse. Dass es sich in beiden Fällen eher um eine eilige Lektüre oder ein Überfliegen gehandelt hat, bestätigt der von Crusius benutzte Terminus (»percucurri«, »percurrere«)25.
Dabei kann als sicher gelten, dass Crusius sich bei dieser Lektüre die ihm unverständlichen Wörter durch Unterstreichung im Exemplar selbst oder in anderer Form notiert hat.26 Von den vier im Jahr 1571 von Crusius gelesenen Texten werden von ihm selbst in seinen Publikationen ausschließlich die DIDACHAI des Rartouros immer als der ›Anfang‹ seines Studiums der ›vulgaris lingua‹ erwähnt27. Die Lektüre der übrigen Texte wird verschwiegen. Dies kann nicht daran liegen, dass die anderen Werke anonym wären28 und Crusius den namentlich bekannten Alexios Rartouros ›bevorzugte‹. Vielmehr kann man hier meines Erachtens eine Präferenz des Crusius nicht nur für die eindeutig höhere (und für ihn eindeutig verständliche) Stilstufe der DIDACHAI als auch für deren moralischtheologischen Inhalt erkennen. Alexios Rartouros wird sogar am Ende einer chronologischen Liste aller griechischer Autoren genannt, deren S. 134Werke Crusius selbst besitzt29, ein deutliches Zeichen seiner Bevorzugung von den anderen ihm bekannten.
2.1.2 Die intensivere Beschäftigung im Jahr 1575
Hat Crusius bis auf die DIDACHAI und eventuell die BATRACHOM. sich im Jahr 1571 eher oberflächlich mit der Sprache der ihm vorliegenden Texte beschäftigt, so mag dies daran liegen, dass ihm in dieser Zeit keinerlei Hilfsmittel zur Verfügung standen.
Die nächste dokumentierte Beschäftigung des Crusius mit der ›vulgaris lingua‹ im Jahr 1575 findet in einer völlig neuen Situation statt, bedingt durch den laufenden theologischen Dialog zwischen der Leitung der Württembergischen Kirche und Patriarch Jeremias II. von Konstantinopel (s. ausführlich weiter oben, Kap. II, S. 69 ff.). Crusius hat folgende Texte gelesen:
Datum Werk 1. 6.-18.9.1575 *ILIAS30 [B5] 2. 18-21.9.1575 APOLLONIOS [A4] 3. 21.-29.9.1575 ANTHOS CH [A2]
4. 29-30.9.1575 PENTHOS TH. [A10]
5. 30.9-1.10.1575 SPANOS [A13]
Neben der verschollenen *ILIAS handelt es sich hier um die in dem heutigen Band der UB Tübingen mit der Signatur DK I 6 4° sich befindenden Texte. Wichtig ist der genaue Zeitpunkt, zu dem diese Lektüre stattfand. Wie wir gesehen haben, befindet sich der theologische Dialog im Jahr 1575 in der Phase der großen Erwartungen. Crusius fängt mit Sicherheit aus diesem Optimismus heraus mit der S. 135erneuten Lektüre seiner Sammlung frühneugriechischer Texte an, u. a. auch mit den in 1571 ›vernachlässigten‹ *ILIAS und ANTHOS CH. Als erstes widmet sich Crusius der Lektüre der *ILIAS; die Lektüre der übrigen Texte verläuft auch in diesem Fall leicht anders als die Reihenfolge der in dem Band gebundenen Texte: der APOLLONIOS, der als letzter in dem Band der UB Tübingen vorkommt, wird vorangestellt, die andere Werke werden jedoch in der Reihenfolge, in der sie heute in dem Band vorkommen, gelesen31. Dies ist gewiss keine zufällige Wahl: Crusius ist mit dem Inhalte beider Texte32 durch seine Kenntnisse der griechischen Sprache und Literatur sehr gut vertraut.
Für die sehr umfangreiche *ILIAS (109 Seiten im Druck von 1526) braucht Crusius 13 Tage (weniger als 10 Seiten pro Tag)33. Wieso wissen wir heute noch, wie lange er dafür gebraucht hat, obwohl das Exemplar verschollen ist und er in seinen Tagebüchern34 keine diesbezügliche Informationen hinterlassen hat? Auch für den Fall eines solchen Verlustes hat Crusius gesorgt: er überträgt alle seine Notizen aus diesem heute verschollenen Exemplar in ein zweites, das er am
16.1.1581 bekommen hat:
In alio Exemplari, huic simili, ego M. Martinus Crusius, hoc opus mihi à die .6. Septemb. usque ad .17. Septemb. eodem 1575. anno perlegeram: et haec, quae ad margines huc transtuli (.à 17. Decemb. usque ad 20. eiusdem, 1581.) tunc ibi annotaveram.35 Perlegeram à 17. usque ad. 18. Septemb. 1575. in alio Exemplari. Ibi haec annotaveram in marginibus: quae .20. Decemb. 1581. in hoc Exemplar transcripsi. Die Mercurii. Μαρτῖνος ὁ Κρούσιος, ἐν Τυβίγγῃ ἑκατέρας γλώσσης διδάσκαλος. καὶ ταῦτα μὲν δὴ ταῦτα: δόξα τῷ θεῷ.36
Man kann meines Erachtens nur schwer ein besseres Beispiel für die Behutsamkeit finden, die Crusius bei dem Umgang mit seinen Büchern und mit den von ihm darin gesammelten Informationen zeigte. Im Nachhinein war diese Art von ›Βackup‹ der Informationen – obendrein Zeichen einer pedantischen Natur – angesichts des Verlustes des ersten Exemplars die richtige Entscheidung. Beim APOLLONIOS hat Crusius definitiv große Schwierigkeiten beim Verstehen einzelner sprachlicher Formen des Textes gehabt: er schenkt ihm nur 4 Tage für 60 Seiten (1894 Verse) Text und notiert (vielleicht ein bisschen resigniert) am Anfang folgendes:
Dialectus difficilis: quod valde à Graeca lingua recessit: et crases plurimae sunt, quae nota Apostrophi carent. Lexico etiam opus esset.37
Solche »starken Abweichungen« (»Dialectus … valde à Graeca recessit«) sind angesichts der dialektal geprägten Sprache des APOLLONIOS (KECHAGIOGLOU 2004: 1079-1217) aus heutiger Sicht nicht besonders verwunderlich. Auf alle Fälle erkennt Crusius den dialektischen Charakter der ihm vorliegenden sprachlichen Formen und ist trotzdem in der Lage, dem Inhalt des Textes zu folgen, wie folgende Notiz (auch auf dem Titelblatt des Exemplars) beweist:

Extrahierten Text anzeigen
Identifizierung des Ursprunges der im ANTHOS CH. gesammelten Sentenzen bedeuten40.
Der Umweg der Übersetzung über das Italienische ins Frühneugriechische, von dem, wie bereits erwähnt, er nichts ahnen konnte, hat nur begrenzt den Zugang des Crusius zu den Originaltexten verhindert. Diese Originale gelten natürlich nur für den Leser Crusius und haben keinen ›allgemeinen‹ Charakter41. Crusius hatte aber hiermit eine Orientierung über den Gesamtinhalt der Sentenzen und konnte auf diese Weise ihm unbekannte lexikalische und andere Elemente des Frühneugriechischen besser verstehen. Die Hypothese, die hier formuliert wird und weiter unten (S. 145 ff.) mit konkreten Beispielen untermauert wird, besagt, dass Crusius bei der Lektüre eines von dialektischen Elementen ›bereinigten‹ Textes42, der obendrein inhaltlich indirekt auf antike Vorlage zurückgeht, durchaus in der Lage war ohne fremde Hilfe nicht nur den Gesamtinhalt, sondern auch den Sinn von einzelnen sprachlichen Formen zu erfassen43.
Eine ›Kuriosität‹ stellt die Lektüre eines kurzen Abschnittes des Textes im Rahmen einer Vorlesung Crusius’ an der Tübinger Universität im Dezember des Jahres 1605 und Januar des Jahres 1606 (s. S. 139weiter unten, [A2] 3 aa).) dar. Was den professor utriusque linguae in diesem hohen Alter bewogen hat, das ANTHOS CH. in seiner Vorlesung einzubeziehen, wird wohl unbekannt bleiben. Diese Lektüre stellt aber seine letzte nachgewiesene Beschäftigung mit der vulgaris lingua dar. Der nächste Text, den Crusius 1575 gelesen hat (PENTHOS TH.), scheint als ›Pflichtlektüre‹ in weniger als zwei Tagen (23 Seiten Text [626 Verse]) abgewickelt worden zu sein. Seine Stärke bei der Identifizierung von Zitaten aus dem Alten Testament beweist Crusius auch in diesem Fall:
Notiz des PENTHOS TH. Crusius Psalm 70.944
ἐν τῷ καιρῷ τοῦ γήρους μας μὴ ἀπορρίψῃς με εἰς καιρὸν
μηδὲν μᾶς ἀπορρίψης, / γήρους,
τὸ ἔλεος σου ἀφ᾿ ἡμῶν μηδὲν ἐν τῷ ἐκλείπειν τὴν ἰσχύν
τὸ ἀποκρύψῃς (423-4)45 Psalm. 7146 μου μὴ ἐγκαταλίπῃς με.
Den ›Schlüssel‹ zu dieser Identifizierung stellt natürlich der (fast) identische erste Vers (423) des PENTHOS TH. dar: die mit den Psalmen identischen Sprachformen (γήρους, ἀπορρίψῃς) sowie die sicherlich vom Psalm übernommene Konstruktion ἐν τῷ [καιρῷ] (dort ἐν τῷ ἐκλείπειν) haben es in diesem Fall für den in solchen Sachen ›geschulten‹ Crusius sicherlich sehr leicht gemacht, die ›Quelle‹ dieser VerseS. 140 zu identifizieren. Mit dem SPANOS, der als letzter Text 1575 in Angriff genommen wurde, begab sich Crusius auf die schlüpfrigen Wege (s. EIDENEIER 1977, ANGELATOS 1992) der byzantinischen Satire in der Form einer Parodie. Crusius’ erster Interpretationsversuch der Provenienz des Textes schlägt fehl:
διαβολὴ εἰς τοὺς σπανοὺς, διὰ τοὺς αὐτῶν εἰς τοὺς ἕλληνας δεινοτάτας ἀδικίας, ut puto, πάμπολλα ἀκάθαρτα, καὶ βδελυκτά. (Notiz auf dem Titelblatt des SPANOS, s. weiter unten, Anhang 1, [A13] 2i), S. 339.)
Was Crusius hier mit σπανούς meint, wird mit Hilfe des folgenden Briefes an S. Gerlach vom 16.4.1576 evident:
Quaere, libellus ὑβριστικὸς, cuius inscriptio est σπάνος (sic), excusus .1562. Venetiis, quam causam editionis suae habeat, quia ita insectetur Hispanos. (Mh 466.1, pag. 314)
Anscheinend kennt Crusius die neugriechische Bedeutung des Wortes σπανός (›bartlos‹) nicht47 und interpretiert es ohne weitere Hilfe erwartungsgemäß48 als Ἱσπανός, obwohl im Text, den er schon gelesen (oder besser gesagt überflogen) hat, keinerlei Hinweise für eine solche Interpretation vorhanden sind; als Grund für die im Text gegen den σπανός (›Spanier‹ für Crusius) erhobenen Verhöhnungen nennt er διὰ τοὺς αὐτῶν εἰς τοὺς ἕλληνας δεινοτάτας ἀδικίας49, ohne jedoch sicher zu sein (ut puto). Diese Unsicherheit führt zu der Bitte an Gerlach S. 141(seinen Gewährsmann in Konstantinopel), der Sache auf den Grund zu gehen50. Die richtigen Informationen über den SPANOS bekam Crusius erst im Jahr 1580 aus Venedig:
Viscerus 9. Novemb. 1580 Venetiis mihi M. Crusio scripsit, non esse in Hispanos ὑβριστικὸν: sed σπανοὺς dici, quibus barba tenuis raraque est. puto, χρῶμα esse Graecorum, Hispanos metuentium.51
Die Sätze »puto, χρῶμα esse Graecorum, Hispanos metuentim.« zeigen jedoch, dass Crusius misstrauisch blieb, er dachte weiterhin diese Erklärung sei eine Ausrede der Griechen aus Angst vor den Spaniern. Crusius verwendet hier mit »χρῶμα esse« eine Konstruktion, die mit dem linguistischen Terminus ›code-switching‹ bezeichnet werden kann: ein griechisches Substantiv (χρῶμα) tritt an die Stelle des erwarteten lateinischen »color«52. Mit dieser nicht allgemein verständlichen Konstruktion wollte er aller Wahrscheinlichkeit nach seine ablehnende Meinung über die Griechen geheim halten oder mindestens nicht klar ausdrücken53, vielleicht weil sie mit ihm als φιλέλλην nicht zu vereinbaren war.
Dass Crusius mit dieser Art satirischer Literatur insgesamt ziemlich überfordert war, zeigt folgende Notiz auf S. 44 seines Exemplars:
φεῦ τῆς φλυαρίας, καὶ μιαρίας, καὶ ἀσεβείας.
2.1.3 Fazit
Crusius las in zwei Runden alle ihm bis zum Jahr 1575 verfügbaren Texte. In seinem schon zitierten Brief an Gerlach (MOENNIG 1997: 47) werden auch der *BELISARIOS und die LOGOI DID. erwähnt. Beide S. 142Exemplare sind heute verschollen, wir können aber meines Erachtens davon ausgehen, dass Crusius sie zusammen mit den anderen Texten gelesen hat. Die komplette Liste aller von Crusius bis dahin gelesenen Texte sieht wie folgt aus:
Datum Werk 1. 14-29.12.1571 DIDACHAI [A7] 2. 29-30.12.1571 BATRACHOM. [A5] 3. 30.12.1571 APOKOPOS [A3] 4. 31.12.1571-1.3.1572 ALEXANDROS [A1] 5. 6.-18.9.1575 *ILIAS [B5] 6. 18-21.9.1575 APOLLONIOS [A4] 7. 21.-29.9.1575 ANTHOS CH [A2]
8. 29-30.9.1575 PENTHOS TH. [A10]
9. 30.9-1.10.1575 SPANOS [A13]
10. — *BELISARIOS?
11. — *LOGOI DID.? Crusius war, wie gezeigt, ohnehin in der Lage, den Inhalt der von ihm gelesenen Texte zu erfassen, dank seiner ausgezeichneten Kenntnisse der griechischen Sprache. Mit dialektischen Texten (wie den APOLLONIOS oder den APOKOPOS) hat er erhebliche Schwierigkeiten gehabt, Prosa-Texte wie das ANTHOS CH. und die DIDACHAI hat er viel besser rezipiert. Das gleiche gilt auch für Texte, die Übersetzungen aus dem Griechischen (BATRACHOM.) darstellen od. zum größten Teil antike Stoffe wiedergeben (*ILIAS, APOLLONIOS, ALEXANDROS). Der direkte Vergleich mit dem älteren ›ursprünglichen‹ Text konnte ihn zur Identifizierung einzelner sprachlicher Formen führen. Sein Augenmerk richtet er besonders auf die Texte, die einen moralischermahnenden Charakter haben (wie das ANTHOS CH. und die DIDACHAI). Letzteres ist der einzige Text, bei dem wir mit Sicherheit davonS. 143 ausgehen können, dass Crusius ihn in seiner Gesamtheit verstanden hat, da sie mit keinem von den griechischen Informanten des Crusius gelesen wurden.
Der Weg zur Beherrschung der ›vulgaris lingua‹ führte für Crusius über die Erlernung der Bedeutung einzelner Wörter, ohne weitere lexikalische Hilfsmittel war ein solches Unterfangen aber unmöglich. Crusius nutzte die vorhandenen Kontakte und versuchte, solche Informationen zu bekommen. Erst der Besuch griechischer Informanten brachte die Lösung des Problems der fehlenden Hilfsmittel und machte, wie im folgenden demonstriert wird, aus dem interessierten Leser einen Lexikographen der ›vulgaris lingua graeca‹.
2.2 Die Lektüre der Texte mit den Informanten: Entstehung des primären lexikographischen Materials
2.2.1 Die Erweiterung der Sammlung Venezianer Volksdrucke
So sehr Crusius im Jahr 1575 für die Beschaffung von Hilfsmitteln zum Erlernen der ›vulgaris lingua‹ seine Hoffnungen auf S. Gerlach nach Konstantinopel gesetzt hatte, umso glücklicher muss er gewesen sein, als er im Jahr 1579 binnen zweier Monate sowohl die ›Explicationes‹ des Theodosios Zygomalas erhalten54 als auch einen griechischen Besucher, den er als Informanten55 für das Frühneugriechische nutzen konnte, empfangen hat56.
S. 144Mit Hilfe des ersten Informanten, Stamatios Donatos, konnte Crusius auf die von ihm im Jahr 1575 geleistete Arbeit zurückgreifen und ›offene‹ Fragen klären. Zusammen mit ihm hat er allerdings sich auf die Lektüre von drei Texten (APOLLONIOS, ANTHOS CH., *BELISARIOS), die er bereits 1575 studiert hatte, beschränkt. Je nach Länge der Aufenthaltsdauer der einzelnen Besucher hat Crusius mit jedem seiner insgesamt 14 Informanten zwischen 1 und 12 Werke gelesen und interpretiert. Die Dauer des Aufenthalts und die Bereitwilligkeit des jeweiligen Informanten waren die Faktoren, die den Umfang der geleisteten Arbeit beeinflusst haben57. Hier werden wir versuchen, diese Arbeit aus der Perspektive der verwendeten Texte unter besonderer Berücksichtigung des bis jetzt über die Präferenzen des Crusius Gesagten darzulegen.
Nach dem Jahr 1575 hat sich Crusius’ Interesse an der ›vulgaris lingua‹ rapide gesteigert. Fast kein Brief nach Konstantinopel verlässt Tübingen ohne Fragen über die frühneugriechische Sprache oder Bitten um Besorgung von neuen Texten. Seine Sammlung von Venezianer Volksdrucken wurde dank seiner intensiven Bemühungen (s. MOENNIG 1997: passim) um folgende Titel58 beachtlich erweitert:
Erwerbsdatum Werk
1. 28.12.1578 *PALAIA NEA DIATH.[B8]
2. 28.12.1578 THESAVROS [A14]
3. 28.12.1580 PORTOLANOS [A11]
4. 06.09.1580? *RE SKOTSIAS [B9]
5. 06.09.1580? *TAGIAPIERA [B10]
6. vor 1581 *HIST. PHIL. PER. [B4]
S. 145Erwerbsdatum Werk 7. 16.07.1581 ILIAS [A9] 8. 16.07.1581 SOSANNA [A12] 9. 16.07.1581 THESEIS [A15]
10. vor 1582 *GAIDAROS [A3]
11. 23.04.1582 *BIOS AG. NIKOL. [B2]
12. 23.08.1588 *HISTORIA [A8]
13. 23.08.1588 DIAL. ANTHR. CHAR. [A6]
14. 18.05.1989 *IMPERIOS [B6]
Von den erhaltenen Exemplaren dieser Liste hat Crusius alle bis auf den PORTOLANOS59 und den DIAL. ANTHR. CH.60 kurze Zeit nach dem Erwerb alleine gelesen61. Da nach 1579 regelmäßig in Tübingen griechische Besucher eintrafen, hatte diese selbständige Lektüre nun mehr vorbereitenden Charakter für die Lektüre mit dem Informanten.
2.2.2 Die Glossierung der Texte: Inhalt
Der Schwerpunkt der folgenden Analyse liegt in den sprachlichen Formen, die Crusius als interpretationswürdig eingestuft und entweder alleine oder mit Hilfe seiner Informanten erklärt hat.
Dazu wird ein Abschnitt des Textes von ANTHOS CH. benutzt, der von KAKOULIDI-PANOU (1971: 293. 295) ediert wurde, in dem Crusius für alle darin enthaltene Sentenzen eine ›Quelle‹ identifiziert hat62; in der folgenden Tabelle wird der Text zusammen mit allen von Crusius identifizierten ›Originaltexten‹ sowie den mit Hilfe seiner Informanten S. 146ermittelten Glossen (nicht nur die marginalen oder interlinearen Glossen aus dem Exemplar selbst, sondern auch die in GH niedergeschriebenen Glossen) präsentiert63:
Ziel der folgenden Analyse wird es sein, die Herangehensweise des Crusius bei der (lexikalischen) Erforschung des Textes festzulegen: Welche Konstituenten möchte er interpretiert haben, mit Hilfe welcher Elemente kam er zur Identifizierung der Quelltexte, was und wozu hat welcher Informant beigetragen? Alle diese Informationen sind auch für die spätere lexikographische Arbeit relevant, denn schließlich hat Crusius die hier gewonnenen Lemmata und Explicationes in sein ›Alphabetum‹ übertragen. a. Die Hindernisse auf dem Weg zur Beherrschung der frühneugrie-
chischen Sprache Das ANTHOS CH. stellt, wie bereits erwähnt, eine Übersetzung aus dem Italienischen dar und ist das erste frühneugriechische Prosawerk, das in Venedig 1529 gedruckt wurde. Es erlangte große Popularität mit 5 Ausgaben im 16. Jh. (LAYTON 1994: 191) und wurde unter Umständen auch als Schulbuch genutzt (KAKOULIDI-PANOU 1971: 269; s. auch KAKOULIDI/PIDONIA 1994.). Ob ANTHOS CH. und andere frühneugriechische Prosatexte in dieser Zeit die tatsächlich im 16 Jh. gesprochene griechische Sprache widerspiegeln (KAKOULIDI-PANOU 1971: 268) oder ob es sich viel eher um eine diastratische, dialektfreie ›Koine der Erzähler‹ handelt (EIDENEIER 1999: 124), ändert nichts an der Tatsache, dass der Text für jemanden wie Crusius, der über solide Griechischkenntnisse verfügte, generell zugänglich war.
»Zugänglich« soll hier nicht als ›völlig problemlos‹ verstanden werden. Ein Nicht-Muttersprachler des Griechischen, der in der Regel mit ›sorgfältigen‹ Ausgaben griechischer Texte zu tun hatte, sah sich bei der Lektüre des ANTHOS CH. (und der meisten, wenn nicht aller, S. 147Venezianer Volksdrucke dieser Zeit) mit folgenden ›Problemen‹ konfrontiert:
α) Missachtung der Regeln der Orthographie, vor allem zu-
sammengesetzte Wörter64:
ναστέκεις [lege νὰ στέκεις], μετό [μὲ τό], μετόν [μὲ τὸν],
παραναστέκεις [παρὰ νὰ στέκεις] (I); διεκείνην [δι’ ἐκείνην]
(III); χίλιαις [χίλιες] (IV); μεταῖς [μὲ τές] (V); κάλιον
[κάλλιον](VI)
β) Veränderte Formen des Frühneugriechischen (im Ver-
gleich zu früheren Formen des Griechischen)
ἀπάνω (für ἐπάνω), ἔναι (für ἐστί = neugr. εἶναι), ὁμπρός
[lege ὀ-](ἔμπροσθεν, ἐμπρός) (I); ἀφεντία (VII) (für
αὐθεντία)(V); ἀκόμη (für ἀκμήν) (II, III, V, VI, VII)
γ) ›Reine‹ frühneugriechische Formen:
ναστέκης [lege νὰ στέκης] (II); τὸ πανῆ [-ί] (V); ἤσθεν
[εἶσθαιν] (VII) Wir gehen davon aus, dass Crusius für die Fälle der ersten (α) und zweiten (β) Kategorie und die Interpretation von einzelnen Wortformen oder Phrasen von seinen Griechischkenntnissen Gebrauch machen und auch ohne fremde Hilfe eine hinreichende Interpretation erzielen konnte.
Basierten die frühneugriechische Texte auf altgriechischen Vorlagen (entweder über ein konkretes Übersetzungsverhältnis oder – wie im einzelnen Fall des ANTHOS CH. – über eine dazwischenliegende Fassung in einer dritten Sprache), so wurde die Erläuterung von Wortformen um einiges einfacher. Nur für die Fälle der dritten (γ) Kategorie war Crusius angesichts des nicht existierenden Lexikons des S. 148 BildAbb.: Auszug aus S. 8 des ANTHOS CH. Frühneugriechischen auf die Hilfe von Informanten angewiesen. Konkrete Beispiele aller Kategorien werden im Folgenden anhand des vorliegenden Abschnittes aus ANTHOS CH. analysiert.

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b. Die Hilfe durch die griechischen Originaltexte Crusius hat für alle 7 ›Sententiae‹ (I-VII) aus dem ANTHOS CH., die hier (s. oben Tab. 1, S. 149) präsentiert werden, einen seiner Meinung nach möglichen Quelltext aus dem Alten Testament ermittelt68. Crusius hat diese Sequenz mit dem Nebentitel ψόγος γυναικῶν69 zusammengefasst, diese Bezeichnung kommt dem Inhalt des § 25 von Sirac. sehr nahe. Die sprachliche Affinität der von Crusius ermittelten ›Originaltexte‹ mit dem Text des ANTHOS CH. ist von Fall zu Fall größer oder geringer. Am meisten Ähnlichkeiten mit ANTHOS CH. weisen die Exzerpte aus Sirac. auf, der für II und III von Crusius ermittelt wurde, am wenigsten die für VII70.
Crusius könnte also erst mit Hilfe der eng mit dem alttestamentarischen Text verwandten Sentenzen II und III des ANTHOS CH. das Kapitel 25 des Sirac. als möglichen Originaltext lokalisiert haben; die enge Affinität von Sentenz II mit Sirac. 25.16 könnte dann zum Vergleich von Sentenz I auch mit dem vorangegangenen Absatz von Sirac. (25,15) geführt haben.
Nur der erste Teil aus Sirac. 25.15 stimmt mit Sentenz I überein: οὐκ ἔναι κακοσύνη ἀπάνω71 εἰς τοῦ φιδίου72 = οὐκ ἔστιν κεφαλὴ73 ὑπὲρ S. 151κεφαλὴν ὄφεως74; der zweite Teil wird ähnlich eingeleitet (καὶ οὐδὲν ἔναι / καὶ οὐκ ἔστιν), der Inhalt ist jedoch unterschiedlich. Was die Identifizierung des ›Ursprungs‹ dieser Sentenz für die lexikalische Erforschung des frühneugriechischen Textes gebracht hat, können wir an dem interlinearen ὑπὲρ in I als Erklärung für das frühneugriechische ἀπάνω εἰς (φιδίου) erkennen: diese Glosse ist hier eindeutig aus dem Vergleich mit dem alttestamentarischen Text (und nicht mit Hilfe eines Informanten) entstanden.
Mit dem Originaltext im Kopf müsste Crusius also eigentlich in der Lage gewesen sein, die νά-Sätze von Sentenz I neben den Infinitivkonstruktionen des alttestamentarischen Textes zu stellen und die Entsprechung zu diesen festzustellen, auch wenn die Anorthographie75 des Textes diese Aufgabe deutlich schwieriger gemacht haben dürfte. Eine Ahnung über die Semantik der ihm anscheinend unbekannten frühneugriechischen Form (νὰ) στέκης konnte Crusius mit Hilfe des Infinitivs des alttestamentarischen Textes (συνοικῆσαι) haben, die interlineare Glossierung (quam habitare) ist dann als äquivalent zu ἢ συνοικῆσαι zu analysieren und wurde ebenfalls höchstwahrscheinlich ohne fremde Hilfe erzielt.
In dem Fall von III wiederum war keine zusätzliche Glossierung notwendig. Man darf also den Schluss ziehen, dass Crusius den Gesamtinhalt dieser Stelle erfasst hatte: das sowohl in III als auch in Sirac. 25.24 vorkommende ἀποθνῄσκομεν in der Konstruktion καὶ δι’ αὐτήν / ἐκείνην (ὅλοι) ἀποθνῄσκομεν πάντες stellt in diesem Fall ein deutliches Zeichen der bereits erwähnten sprachlichen Affinität dar.
Dies mag purer Zufall sein, ein Einfluss des alttestamentarischen Textes auf die Übersetzung des ANTHOS CH. aus dem Italienischen wäre jedoch auch denkbar. Diese Hypothese ist allerdings solange nicht überprüfbar, bis das Verhältnis des griechischen Textes zu dem S. 152italienischen Original endgültig geklärt ist76.Wie dem auch sei, die Verwandtschaft der hier vorliegenden, von Crusius ermittelten alttestamentarischen Zitate mit dem Text von ANTHOS CH. ist meines Erachtens eindeutig.
Auch in dem Fall von Sentenz V hätte Crusius mit Hilfe des Originaltextes die Bedeutung von ihm unbekannten Wörtern entdecken können: die interlineare Notiz ἀπὸ ἱματίων am Ende des Satzes stammt aus dem Originaltext (dort ἀπὸ γὰρ ἱματίων) und ist gewiss als Interpretationsversuch – nach Vergleich mit dem Originaltext – des ebenfalls unterstrichenen (ἀπὸ) τὸ πανῆ des ANTHOS CH. zu verstehen77. Der neugriechische σάρακας (ebenfalls teilweise unterstrichen im Exemplar des Crusius) entspricht den σής des Originals, das Wort wird ebenfalls zusammen mit einer lateinischen Erklärung (tinea) im Exemplar niedergeschrieben.78
Von hier aus wurde dann σάρακας als Lemma in das ›Alphabetum‹ übertragen:
σάρακας, cossus, vermis, tinea. [1.153r iv ≈ σ]
Diese Erweiterung der Explicatio fand bestimmt während der Kompilierung des ›Alphabetum‹ statt, das ursprüngliche ›tinea‹ wird mit zwei Synonymen ergänzt und kommt somit an dritter und letzter Stelle. c. Der Beitrag der Informanten Wie bereits erwähnt, war Crusius ohne andere Hilfsmittel für die Interpretation von ›reinen frühneugriechischen Formen‹ auf die Mitarbeit griechischer Informanten angewiesen. Obwohl er für ANTHOS S. 153CH. mit der Hilfe von fünf unterschiedlichen Informanten rechnen konnte79, haben sich nur zwei davon intensiver mit dem Text beschäftigt: Stamatios Donatos und Gabriel Calonas80. Die interpretierten Glossen von Calonas wurden direkt von Crusius interlinear oder marginal auf dem Exemplar niedergeschrieben, die von Donatos als Wortlisten in GH.
Ohne auf die Ergebnisse des nächsten Kapitels vorgreifen zu wollen, werden wir hier unsere Aufmerksamkeit auf die sicher mit Hilfe des Informanten gewonnenen Erklärungen frühneugriechischer sprachlicher Formen richten, mit dem Ziel, deren Genauigkeit zu prüfen. Einige Hintergrundinformationen über die Zusammenarbeit des Crusius mit seinem ersten Informanten, Stamatios Donatos, aus dem das hier präsentierte Material stammt, sind an dieser Stelle notwendig.81
Donatos war des Lesens und Schreibens nicht mächtig, Crusius muss also den Text des ANTHOS CH. in Anwesenheit des Informanten (laut?) gelesen und bei unbekannten oder interpretationswürdigen sprachlichen Formen seinen Informanten durch Wiederholung des betreffenden Wortes gefragt haben. Donatos hat dann eine Antwort geliefert und Crusius sie in seinem Notizbuch notiert82. Dass Crusius auch das Griechische ›reuchlinisch‹ und nicht erasmisch ausgesprochen hat, muss als Voraussetzung für diese Zusammenarbeit gehaltenS. 154 werden83.
Eine Konsequenz dieser Arbeitsmethode ist es also, dass die Erläuterungen von Donatos kontextbezogen sind: sie ›gelten‹ nur für die von Crusius angefragte Stelle aus dem spezifischen frühneugriechischen Text. Wenn Crusius einen längeren Teil des Textes (im Fall von ANTHOS CH. die gesamte Sentenz, im Fall eines Gedichtes den ganzen Vers) laut vorgelesen hat, dann war vielleicht Donatos besser in der Lage, die angefragte sprachliche Form aus dem Kontext heraus zu interpretieren und eine präzise Erläuterung zu liefern; im anderen Fall (der Anfrage nur des Wortes ohne Angabe des weiteren Kontexts) war die Glossierung gewiss schwieriger84, die Erläuterungen des Informanten müssen dann weniger präziser und von genereller Natur gewesen sein.
War der Informant selbst des Lesens und Schreibens mächtig (wie z. B. Andreas Argyrus, s. weiter unten, Kap V, S. 212-3), so war er auch in der Lage selbst den Text zu lesen und seine Erklärung besser mit dessen Inhalt abzustimmen. Dies hat auch A. Argyros gemacht, wie wir folgender Notiz des Crusius’ entnehmen können: Sequuntur Vocabula || ferè 300||, quae mihi praecipue à D. Andrea exposita sunt: saepe contextum libellorum inspiciente. (GH 68).
Nach Vergleich der auf GH mit Hilfe von Donatos niedergeschriebenen Glossen mit dem Text des ANTHOS CH. finden wir den Eintrag S. 155(aus Seite 14 des Notizbuches des Crusius) »ὁμπρός85, antea.«, was mit Sicherheit die Stelle der hier präsentierten Sentenz I des ANTHOS CH. ὁμπρὸς εἰς τῆς γυναικός entspricht. Der Informant hat hier das frühneugriechische ὀμπρός (ἐμπρός) als Adverb analysiert und daher die Bedeutung »antea« ›vorher, früher‹ geliefert. Diese ist zwar die häufigste Bedeutung von ὀμπρός86, trifft aber als Erklärung von ὀμπρὸς εἰς τῆς γυναικός von ANTHOS CH. 8a.7 nicht zu: ὀμπρός wird hier in Kombination mit εἰς als Präposition verwendet, um eine Komparation in der Bedeutung »kein Zorn ist größer als der Zorn einer Frau« (καὶ οὐδὲν ἔναι μανία ὀμπρὸς εἰς τῆς γυναικός) auszudrücken87.
Hier könnte meines Erachtens ein solcher Fall vorliegen, in dem Donatos ohne Zugang zu dem Gesamtkontext der Sentenz eine allgemeinere und keine spezifische Erklärung für die angefragte sprachliche Form geliefert hat. Hat Crusius vielleicht die aus früherer Lektüre des Textes88 als ›unbekannt‹ notierte89 sprachliche Formen – ohne auf den Gesamtkontext zu achten – bei Donatos angefragt, da er den Gesamtinhalt sowieso durch die Identifizierung der ›Originaltexte‹ kannte? Im ›Alphabetum‹ kann man drei Lemmata für ὀμπρός ausfindig machen:
1. ὀμπρὸς, ἔμπροσθεν, πρίν. [1.111r iv o] 2. ~, ultra, coram, ante. [1.111r iv o] 3. ~, ἔμπροσθεν. [4.252r iv o]
Die ›Explicatio‹ aus ANTHOS CH. wurde, wie man sehen kann, gar nicht oder zumindest nicht ›eins zu eins‹ in das ›Alphabetum‹ übernommen. In 1. und 2. zieht Crusius den eigentlich erwarteten VergleichS. 156 mit dem Altgriechischen und interpretiert ὀμπρός mit ἔμπροσθεν90, bei 2. kann man ohne weiteren Kontext nicht entscheiden, ob es sich um ὀμπρός in der Funktion einer Präposition oder eines Adverbs handelt91. Es ist erst die Kombination dieser drei Lemmata, die uns (und Crusius) einen breiteren Überblick über die Funktion dieser sprachlichen Form liefern kann, aus heutiger Sicht ist aber diese Art der mehrfachen Erklärung sprachlicher Formen ziemlich unpräzise und problematisch.
Der Beitrag von Donatos beschränkt sich in diesem Text hauptsächlich auf Fragen der Semantik einzelner Wörter: πανί wird entsprechend seiner Etymologie mit »pannus, tela« interpretiert, καλοσύνη (sowohl καλός als auch die Endung -οσύνη sind belegt im Griechischen) und ἀφεντία (als αὐθεντίαν mehrmals im Alten und Neuen Testament belegt) stellen eigentlich keine besondere Schwierigkeiten weder für Crusius noch für seinen Informanten dar. Allein die frühneugriechische Form des Infinitivs εἶσθαιν wäre vielleicht für Crusius ohne die Hilfe eines Muttersprachlers unzugänglich. Die vorgebrachte Analyse hat gezeigt, dass Crusius mit Hilfe seiner soliden Griechischkenntnisse und der geringen Unterstützung seines Informanten den Text von ANTHOS CH. sehr gut verstanden haben muss. Der Informant musste lediglich bei der Semantik einzelner Wörter Hilfe leisten, seine Interpretationen waren jedoch aus heutiger Sicht nicht immer präzise genug. Dies hing aller Wahrscheinlichkeit nach mit der Arbeitsmethode des Crusius und der insgesamt ›komplizierten‹ Konstellation92 zusammen. Diese Konstellation wird imS. 157 nächsten Kapitel beschrieben.
Fußnoten
- MOENNIG 1997 bietet uns auf der Basis der handschriftlichen Tagebücher des Crusius zuverlässige Informationen über die zeitliche Abfolge des Erwerbs der einzelnen Exemplare der Sammlung des Crusius, über verschollene Exemplare seiner Sammlung, über sein beständiges Interesse zum Erwerb von weiteren Exemplaren und über seine Zusammenarbeit mit griechischen Muttersprachlern bei der Interpretation (Glossierung) dieser Exemplare. Seine Schlussfolgerungen stellen die Grundlage der detaillierten Analyse, die hier versucht wird, dar. ↑
- S. hier weiter unten (S. 134 f.) und vgl. den Brief, den er im Jahr 1575 an Stephan Gerlach nach Konstantinopel geschrieben hat (MOENNIG 1997:47). ↑
- David Höschel, der Herausgeber der Alexias von Anna Komnene, besaß ebenfalls eine umfangreiche, bis heute erhaltene Sammlung von frühneugriechischen Venezianer Volksdrucken (s. dazu EIDENEIER 1994c: bes. 103 f.). Im Gegensatz zu Crusius kann man bei ihm keinerlei Bemühungen um Erweiterung seiner Sammlung und bis auf einige Glossen und Randbemerkungen, die nicht über die Maße des Üblichen in dieser Zeit hinausgehen, keine Zeichen einer intensiveren Beschäftigung mit der ›vulgaris lingua‹ erkennen. Über Höschels Beschäftigung mit dem Frühneugriechischen habe ich keine weiter Literatur finden können; REINSCH (1994: 59) kommt aus Höschels Konjekturen zu entsprechenden Stellen der Alexias von Anna Komnene zum Ergebnis, dass er »von der gesprochenen Sprache des Volkes« keine Kenntnisse hatte. ↑
- Von der ersten Beschäftigung mit der ›vulgaris lingua‹ in 1571 bis zu der letzten nachgewiesenen Zusammenarbeit mit einem griechischen Informanten im Jahr 1590 hat Crusius fast 20 Jahre mehr od. weniger intensiver Beschäftigung mit dem Frühneugriechischen verbracht. Die letzte nachgewiesene Beschäftigung mit der ›vulgaris lingua graeca‹ fand im Jahr 1605/1606 statt, s. hier weiter unten, S. 138-9. ↑
- Dazu ausführlich weiter unten im Kap. V, S. 159 ff. ↑
- Die mit Hilfe von MOENNIG 1997 und des Materials, das hier im Anhang 2 weiter unten (S. 323 ff.) präsentiert wird, zu rekonstruieren sein wird. ↑
- MOENNIG 1997: 46. Es ist sehr wohl denkbar (obwohl es nur als Spekulation gelten kann), dass ein Bekannter von Crusius (in diesem Fall Engelbert Milander), der Crusius’ besondere Zuneigung zur griechischen Sprache gut kannte, ihm als Geschenk aus Venedig diese relativ billigen griechischen Drucke geschickt hat. Diese Hypothese erhärtet sich aus der Tatsache, dass Crusius als erstes die *ILIAS des Loukanis bekommen hat (s. unten [B5]), von Seiten des Absenders eventuell als ›curiosum‹ für Crusius, den Homer-Spezialisten gedacht. ↑
- Am 28. Oktober 1571, s. MOENNIG 1997: 49. Die Nachricht erreichte Crusius in Esslingen, wohin die gesamte Universität zeitweilig »propter pestem« umgezogen war (s. GERMANOGRAECIA 267). Crusius wohnte dort bei seinem Schwiegervater Urbanus Vetscherus (TG 250). ↑
- Die hier verwendeten Abkürzungen werden im Anhang 2: Verzeichnis der Texte weiter unten, S. 323 ff., aufgelöst. Die Nachweise der Lektüre werden ebenfalls dort angeführt. An der Fußzeile jeder einzelnen Seite wird die Nr. des behandelten Exemplars angegeben. ↑
- Die Texte wurden bereits in Tübingen in dieser Reihenfolge gebunden, wie aus folgender Notiz aus der Hand Crusius’ am Recto des Deckels zu entnehmen ist: Hic sunt: 1. διδαχαὶ ῥαρτούρου 2. ἀπόκοπος μπεργαδή 3. Ἀλέξανδρος ὁ Μακεδών 4. Βατραχομυομαχία. Crusius hat zwar am Titelblatt der DIDACHAI den Preis für das Binden (Binderlohn 10. fl.) notiert, ohne aber das Datum zu vermerken, so dass wir nicht wissen können, ob die Texte in dieser Reihenfolge schon 1571 zusammengebunden waren. Die Texte wurden einzeln und nicht kontinuierlich von Crusius paginiert. ↑
- Crusius war, wie bereits erwähnt (Anm. 8), in Esslingen in dieser Zeit und hätte deshalb nicht seine gesamte Bibliothek mitnehmen können. ↑
- Über die frühneugriechische Batrachomyomachia, s. weiter unten Anm. 20. ↑
- Zum APOKOPOS und Crusius’ Versuche in späterer Zeit, bei seiner Interpretation Hilfe zu bekommen, s. TOUFEXIS 2002. ↑
- S. weiter unten, Anhang 2, S. 333, Anm. 12, wo auch die Quelle identifiziert wird. ↑
- Crusius besaß dieses Werk schon seit dem 28.6.1560, s. WILHELMI 2002: 307, Nr. 264. ↑
- Dies ist meines Erachtens auch der Grund, warum Crusius für die Interpretation der DIDACHAI keine Hilfe von seinen griechischen Informanten gebraucht hat. ↑
- Vom 14. - 29.12.1571, s. weiter unten unter [A7] 3ai). ↑
- S. Anhang 2, weiter unten, [A7] 3 a i κη), S. 335. ↑
- Das Urteil von ZARIDI 1998: 190 »H γλώσσα των Διδαχών, όπως και η γλώσσα του έργου του Iωαννίκιου Καρτάνου, στο μεγαλύτερο μέρος τους αποτελούν δείγματα της κοινής ομιλουμένης του 16ου αιώνα. Στον Ραρτούρο βέβαια το περισσότερο λόγιο ύφος και η τάση για χρήση λογιότερων γλωσσικών τύπων είναι στοιχεία εμφανή και μαρτυρούν την επίδραση που είχαν στο έργο του η εκκλησιαστική του ιδιότητα, η θεολογική του παιδεία και γενικά η εκκλησιαστική γλώσσα« scheint meines Erachtens weniger differenziert ausgefallen zu sein als die tatsächliche sprachliche Form der beiden Werke. Die »λογιότεροι γλωσσικοί τύποι« in den Didachai ziehen meines Erachtens eine sehr deutliche Trennlinie zwischen beiden Werken. ↑
- Zu der Batrachomyomachia und deren Verbreitung in der Zeit vor und nach Crusius s. EIDENEIER 1994c und CARPINATO 1988 und 1997. ↑
- S. weiter unten, Anhang 1, S. 331, Anm. 132, wo der komplette Text beider Texte wiedergegeben wird. ↑
- Die agr. Batrachomyomachia wurde in dieser Zeit noch für ein echtes Werk von Homer gehalten und war demgemäß Bestandteil der Homer-Vorlesung des Crusius an der Universität Tübingen. Crusius’ Vorlesungen zu Homers ›Ilias‹ und ›Odyssee‹ waren zu seiner Zeit sehr populär, dafür musste sogar der benutzte Hörsaal erweitert werden, s. LUDWIG 1998a: 37 und WILHELMI 1997: 6. ↑
- Dies ist ein interessantes Detail für das Verständnis des Crusius für diese Herausgabe. Der agr. Text der Batrachomyomachia wird nicht in die TURCOGRAECIA miteinbezogen, seine Annotationes dazu aber doch. ↑
- Das ganze Zitat gehört allerdings eindeutig zu dem Topos der ›captatio benevolentiae‹ des Lesers und ist daher mit Vorsicht zu verwenden. Ich meine jedoch, dass der selbstbewusste und sich selbst gern in den Vordergrund bringende Crusius es sicher betont hätte, falls er den Text ohne Schwierigkeiten hätte lesen können. ↑
- S. weiter unten,Anhang1, S. 328 [A3] 3ai) und [A1], 3ai α), S. 326. ↑
- Des Öfteren findet man in allen seinen Exemplaren bloße Unterstreichungen von Wörtern, ohne Angabe einer Explicatio. ↑
- Sowohl in seiner Autobiographie (s. MOENNIG 1997: 49) als auch in der GERMANOGRAECIA 267 (s. LUDWIG 1998A: 37-8). ↑
- Z. B. werden Demetrios Zenos als Verfasser der BATRACHOM. und Bergadis als Verfasser des APOKOPOS eindeutig von Crusius als solche in seinen Notizen genannt, s. unten [A3] 2 i & ii), und [A5] 2 i). ↑
- Von Crusius in seiner am Anfang der GERMANOGRAECIA gesetzten Rede »De conservanda lingua Graeca« (GERMANOGRAECIA pag. 2 ff.). Über diese Rede ausführlich LUDWIG 1998a: 43-4. WILHELMI 2002 erwähnt diesen Katalog bei seiner Rekonstruktion der Bibliothek Crusius’ nicht. ↑
- Vom 17.-18.9.1575 liest er nur den letzten Teil des Werkes, der den Titel »Ἅλωσις Τροίας« trägt. ↑
- Über die Umstände der Bindung des Bandes habe ich keine Informationen finden können. ↑
- Mit Homer war Crusius, wie bereits erwähnt, bestens vertraut, der Apollonios von Tyra hingegen stellt eine der populärsten Erzählungen des Mittelalters dar. Er war als Volksbuch in zahlreichen Ausgaben auch im 16. Jh. verfügbar (s. KECHAGIOGLOU 2004: 867 ff. mit weiteren Bibliographie, über den antiken Apollonius s. KORTEKAAS 1984, ARCHIBALD 1991). S. auch die Notiz des Crusius im Exemplar des APOLLONIOS mit den Informationen aus einem solchen Druck weiter unten [A4] 2 iv, S. 329 ff.). ↑
- Crusius war jedoch ein sehr beschäftigter Mann (s. dazu z. B. SCHMALZRIEDT 1997), wir müssen also davon ausgehen, dass er nur begrenzte Zeit pro Tag dazu hatte. ↑
- Crusius’ Tagebücher fangen zwar mit dem Jahr 1573 an, sie enthalten aber bis auf Briefe und andere Nachrichten zum erwähnten theologischen Dialog wenige nachhaltige Informationen über die Beschäftigung des Crusius mit dem Frühneugriechischen. Zu Crusius’ Tagebücher generell s. GÖZ 1921 und STAHLEKER 1942. ↑
- Pag. 289 (am unteren Rand) des Exemplars, s. weiter unten [A9] 3i α). ↑
- Vorletzte Seite des Exemplars, nummeriert als pag. 20 (Ende der Alosis tes Troias), s. weiter unten [A9] 3i β). ↑
- Am Titelblatt des Exemplars, s. weiter unten [A4], 2 iii). ↑
- Des sehr populären Fior di Virtu. Zum italienischen Original s. KOLIADΙ- MOU/STEVANONI 1994. ↑
- Zu Anthos Chariton s. KAKOULIDI-PANOU 1971, KOLIADIMOU 2002, KAKOULIDI/PIDONIA 1994. ↑
- Dass es sich um ein Florilegium von Sentenzen handelt, wird im Prolog des Werkes explizit erwähnt: οὕτως καὶ ἐγὼ ἐγύρευσα καὶ ἐμάζωξα καὶ ἐσύναξα ἀπὸ τὰ βιβλία ὁποὺ λέγουν διὰ τὲς χάριτες καὶ ἐλαττώματα, καὶ θέτω καὶ ἀποδείχνω τὴν χάριν καὶ ὀρθώνω την μὲ τὲς γραφὲς τῶν φρονίμων καὶ μὲ τὴν θείαν Γραφήν. (ANTHOS CH. 1a.06-13 zitiert nach KAKOULIDI-PANOU 1971: 289). ↑
- Crusius kann sich geirrt oder eine mögliche Stelle gewählt haben, die nicht unbedingt die ursprüngliche war. Ein exemplarischer Vergleich der Sentenzen des ANTHOS CH. und der von Crusius identifizierten ›Originaltexte‹ wird hier weiter unten (S. 145 ff.) vorgenommen. ↑
- In dem Sinne eines Textes, der in der ›Koine der Erzähler‹ dieser Zeit verfasst wurde, s. EIDENEIER 1999: 124. ↑
- Was die einzelnen sprachlichen Formen angeht, so werden im nächsten Unterkapitel (c. Die Glossierung der Texte: Inhalt) die Einzelheiten der Glossierung einer Passage des ANTHOS CH. und der Zusammenarbeit des Crusius mit seinen Informanten untersucht (s. weiter unten, S. 145 ff.). ↑
- Zitiert nach der Ausgabe von A. Rahlfs, Septuaginta, Bd. 2, 9. Ausgabe, Stuttgart: Württembergische Bibelanstalt, 1935 (Nachdr. 1971): 1-164. ↑
- Diese Parallele wird von ZORAS 1970 bei seiner Ausgabe des Penthos Thanatou nicht erwähnt. S. auch NIKAS 1993 wo über das Werk und den Autor sowie über die Verwendung von Zitaten aus dem Neuen und Alten Testament in PENTHOS TH. berichtet wird. ↑
- Die leichte Abweichung (Psalm 71 statt 70) der von Crusius angegebenen Stelle ergibt sich aus der damals gültigen Zählung und darf daher nicht als ›Fehler‹ des Crusius gewertet werden. ↑
- Bei Hesych. (Ψ 192) »ψιλὰ τὰ γένεια· σπανοπώγων« und Suid. (EI 324) »Εἰς Τροιζῆνα δεῖ βαδίζειν: ἐπὶ τῶν κακογενείων καὶ σπανοπωγώνων εἴρηται. Πώγων γάρ ἐστι λιμήν εἰς Τροιζῆνα.« finden sich die einzigen möglichen Hinweise auf die ngr. Bedeutung des Wortes σπανός. ↑
- Σπανός ist in der Bedeutung »aus Iberien, aus Spanien« in späteren Texten belegt (s. LSJ s.v. Ἱσπανός, Σπανός). ↑
- Was genau Crusius mit den »schlimmsten Ungerechtigkeiten der Spanier gegen die Griechen« gemeint hat, kann ich nur schwer interpretieren. ↑
- Die Anfrage in Konstantinopel verlief erfolglos, wie folgende Information von S. Gerlach beweist: Libellos BarbaroGraecos non curant. Ideo περὶ σπάνου (sic) nihil sciunt. (Mh 466.1, pag. 492, 29.10.1576) ↑
- S. weiter unten, [A13], 2ii). Cf. dort auch die Informationen von A. Argyros, 2 iii). ↑
- Für die Bedeutung »Ausrede« von »color«, s. L-S s.v. color II B 2 b. ↑
- Über die Verwendung des Griechischen in Crusius’ Tagebücher als ›Geheimsprache‹ s. auch FAUST 1972. ↑
- Die ersten ›Explicationes‹ aus der Hand des Theodosios Zygomalas kamen am 10. Januar 1579 in Tübingen an, S. TOUFEXIS 2002: 123, Anm. 30. ↑
- Über die Verwendung des Terminus »Informant« in dieser Arbeit s. weiter unten, Kap. V, S. 177-8. ↑
- MOENNIG 1997 (72 ff.) ediert die komplette Liste aller griechischen Informanten des Crusius. Eine Tabelle mit allen Informanten und den gelesenen Texten ist weiter unten, S. 179-80 zu lesen. Der erste griechische Informant mit dem Namen Stamatios Donatos kam in Tübingen am 21. Februar 1579 an. Über ihn ausführlich weiter unten, S. 184 ff. ↑
- Ausführliche Informationen weiter unten, Kap. V, S. 184 ff. Eine eventuelle Wiederholung von Informationen ist unvermeidlich, wird aber hoffentlich kein allzu großes Problem für den Leser darstellen. ↑
- Laut MOENNIG 1997 und dem Material, das hier weiter unten (, Anhang 1, S. 323 ff.) präsentiert wird. Aufgelistet werden hier nur die Texte, von denen wir wissen, dass Crusius sie mit Hilfe von griechischen Informanten interpretiert hat. Nicht glossierte Exemplare werden weiter unten, S. 351 ff. aufgelistet. ↑
- Der PORTOLANOS war vermutlich wegen seines speziellen Vokabulars nur mit Hilfe eines Informanten lesbar. ↑
- Für den DIAL. ANTHR. CH. konnte er in kurzer Zeit nach dem Erwerb des Exemplars mit der Hilfe eines griechischen Informanten rechnen: er hat das Exemplar am 28.3.1588 bekommen und am 5.6.1588 zusammen mit Nikolaos Rallis gelesen. ↑
- Die Lektüre-Nachweise sind weiter unten an entsprechender Stelle ab S. 323 zu lesen. ↑
- Über die Daten der Lektüre des ANTHOS CH. von Crusius und die Zusammenarbeit mit den Informanten s. weiter unten unter [A2], Anhang 1, S. 326. ↑
- Der Text aus dem Exemplar des Crusius wird in Abb. 1 auf S. 148 abgebildet. Der Inhalt der Seite wir auf S. 149 mit drucktechnischen Mitteln wiedergegeben. ↑
- Dabei handelt sich um eine sekundäre Schwierigkeit, die durch das mangelnde Lektorieren der Venezianer Volksdrucke – bedingt durch die nicht standardisierte Orthographie für das Frühneugriechische dieser Zeit – verursacht wurde (s. EIDENEIER: 2000). ↑
- Ecclesiasticus sive Siracides (Sapientia Jesu filii Sirach), zitiert nach der Ausgabe von A. Rahlfs, Septuaginta, vol. 2, 9. Ausgabe. Stuttgart: Württemberg Bible Society, 1935 (Nachdr. 1971): 377-471 ↑
- Diese Notiz bezieht sich auf Sentenzen I-II, gemeint sind dabei zwei Absätze (§§ 15-16) von Sirac. ↑
- Ecclesiastes, zitiert nach der Ausgabe von A. Rahlfs, Septuaginta, vol. 2, 9. Ausgabe. Stuttgart: Württemberg Bible Society, 1935 (Nachdr. 1971): 238-260. ↑
- Für die Sentenzen I-III und VII aus § 25 des Ecclesiastes sive Siracides (Sapientiae Jesu filii Sirach), für V-VI aus § 42 des gleichen Werkes, und für die Sentenz IV aus Ecclesiastes § 7. ↑
- Notiert als marginale Notiz am Exemplar, S. Abb., S. 148. ↑
- Die angegebene Stelle (25.22) aus Eccl. sive Sirac. ist die einzige aus § 25 dieses Werkes, die einigermaßen mit dem Text des ANTHOS CH. übereinstimmt. Ich vermute, dass hauptsächlich der erste Teil aus dem ANTHOS CH. (ἀκόμη ἂν ἤθελε ἤσθεν εἰς αὔτην ἀφεντία) als hinreichend äquivalent zu ἐὰν ἐπιχορηγῆ τῷ ἀνδρί αὐτῆς von Crusius gehalten wurde, so dass der nicht übereinstimmende Rest (ἤθελεν ἤσθεν ἐναντίον τοῦ ἀνδρός αὐτῆς ≠ ὀργή καὶ ἀναίδεια καὶ αἰσχύνη μεγάλη) außer Acht gelassen wurde. ↑
- ἀπάνω als Präposition der Komparation in Verbindung mit εἰς, s. KrE s.v. ἐπάνω II Α΄ 2 β & γ). ↑
- »Kein Übel ist größer als die Schlange« (eigene Übersetzung). ↑
- »Kopf« hier meton. für ›Gift‹. ↑
- »Es ist kein Gift so stark wie Schlangengift« (Revidierte Lutherübersetzung 1984). ↑
- Die Zusammensetzung von νὰ bzw. παρὰ νὰ mit στέκης und die Nichtbezeichnung in der Endung des Verbs des Konjunktivs [-εις statt -ης]. ↑
- Die Ausgabe aller Versionen des ANTHOS CH. zusammen mit den italienischen Quellen von Toula Koliadimou (Dissertation in der Aristoteles Universität Thessaloniki) könnte leider nicht berücksichtigt werden. ↑
- πανῆ bzw. πανί wurde auch mit Hilfe eines griechischen Informanten erläutert und wird daher weiter unten (iii. Der Beitrag des Informanten) behandelt. ↑
- Auch diese Glossierung fand aller Wahrscheinlichkeit nach ohne Mitwirkung eines Informanten statt. ↑
- Alle diesbezüglichen Informationen sind weiter unten, unter [A2], S. 326 ff. angeführt. S. auch die Tabelle mit der Übersicht über die Informanten im Kap. V, weiter unten S. 179. ↑
- Crusius' Hauptinformanten werden im Detail weiter unten im Kapitel ›Graeci Homines‹ präsentiert und analysiert. Über die Daten der Zusammenarbeit s. auch weiter, unter [A2], S. 326 ff. ↑
- Über Donatos im Detail s. weiter unten, S. 184 ff. ↑
- Donatos sprach jedoch weder Latein noch Griechisch, es war also noch ein weiterer Schritt seitens des Crusius notwendig, nämlich der der Übersetzung des von Donatos Gesagten ins Lateinische bzw. einer anderen Sprache (Griechisch). Über die Sprachkenntnisse von Donatos und seine Kommunikation mit Crusius s. weiter unten, Kap. V, S. 190. ↑
- Zu Crusius’ Aussprache des Griechischen s. DRERUP 1930: 325 f., allerdings mit der Einschränkung, die hier weiter unten (Κap. IV, Anm. 29, S. 175) ausgeführt wird. ↑
- Selbst der Gelehrte Franciscus Portus, der von Crusius per Brief Wortlisten mit der Bitte um Erläuterungen bekommen hatte, fand diese Aufgabe schwierig: ἦν μὲν οὖν μοι δι’ εὐχῆς, ἰδεῖν τὴν βίβλον, ἐξ ἧς ταύτας τὰς λέξεις ἐξελέξω. ἴσως γὰρ ἄν σοι πάσας ἐξηυκρινησάμην, καὶ ἀκριβέστερον ἡρμηνευσάμην, ἐκ τῶν προηγουμένων, καὶ παρεπομένων, συλλογισάμενος. νῦν δὲ οὔτε τὴν βίβλον οἶδα, ἥτις ἐστίν, καὶ αἱ πλεῖσται λέξεις ἀδιορθώτως, ὡς δοκεῖ, καὶ δισκρίτως ἔχουσιν, καὶ ἔνιαι αὐτῶν βαρβαρικαί τε, καὶ ἀλλόκοτοι δοκοῦσιν εἶναι. (Mh 466.2, p. 323-4). ↑
- Crusius notiert alle sprachlichen Formen genau in der Form, in der sie im Original vorkamen ohne Korrekturen vorzunehmen. Der spiritus asper in ὁist hier im Original vorhanden. ↑
- S. Kr s.v. ἐμπρός. ↑
- Vgl. auch die ngr. Funktion von μπρος σε als Präposition der Komparation, s. Triant s.v. μπρος Ι 2β. ↑
- Vom September 1575, s. weiter unten, unter [A2] 3α. Die Befragung des Donatos fand im Februar 1579 statt. ↑
- Die Unterstreichung des ὀμπρός am Exemplar könnte dann als Hinweis auf eine solche Notiz interpretiert werden. ↑
- Vgl. aber auch folgendes Lemma aus BATRACH. 11.20: : ὁμπρός του, ἔμπροσθεν αὐτοῦ. [ὀμπρός του (354)], das mindestens für 3. als Quelle gedient haben kann. ↑
- Vgl. folgende mögliche Quellen: GH 17: ὄμπρος της, coram hac. DONATOS (Präp.), THESEIS 48.04: (ὁμπρὸς) σταμάξη, ante currum. (Präp.). ↑
- Gemeint ist hier die mehrsprachige Kommunikation der Informanten mit Crusius, die die Verständigung generell schwierig gemacht hat. Ein eventuelles Missverständnis über den Herkunft des Stamatios Donatos wird weiter unten, S. 184 f. diskutiert. ↑