V ›Graeci Homines‹
Druckseiten 159–244
Incepi eo uti praeceptore Barbarograecae linguae ÷ ut esset is mihi loco lexici (GH 9, in margine)
1 Einleitung
Im vorigen Kapitel war bereits die Rede von der Zusammenarbeit des Crusius’ bei der Glossierung von literarischen Texten mit seinen griechischen Informanten1; einen Überblick über diese Informanten hat MOENNIG 1997 bereits geliefert, der Fokus dieses Kapitels liegt auf der detaillierten Beschreibung der Informanten, die zur Entstehung des hier edierten Materials beigetragen haben2. Die Ausgabe des sprachlichen Materials wird erst durch die Beschreibung der Informanten vervollständigt, der Inhalt der Teilausgabe gewinnt hiermit sehr an Klarheit: fast jedes Lemma wird einem Informanten, d.h. einem spezifischen Sprecher des Frühneugriechischen zugeordnet. Gerade diesem Umstand verdankt das ›Alphabetum‹ seine besondere Stellung für die Erforschung des Frühneugriechischen im 16. Jh.
Der Zweck des Aufenthaltes dieser Griechen in Tübingen ist bekannt: fast alle sind auf der Suche nach Almosen (»ellemosynam«), um das Lösegeld für sich selbst oder ihre versklavten und von den Osmanen in Gefangenschaft gehaltenen Verwandten zu bezahlen; es handelt S. 160sich also keinesfalls, wie manchmal in der Literatur angeführt wird3, um Studenten des Crusius in Tübingen.
Wie ist die Beschreibung der ›Graeci Homines‹, der griechischen Besucher in Tübingen, heute mehr als 400 Jahre später, überhaupt möglich? – Dank der ausführlichen handschriftlichen Aufzeichnungen des Crusius’, die wohlsortiert in den Kodizes der UB Tübingen bis heute erhalten sind. Diese Aufzeichnungen4, Ergebnis der in der Literatur meistens in einem abwertenden Ton behandelten Pedanterie des Crusius’, sind jedoch für den Forscher der frühneugriechischen Sprache5 von größter Bedeutung. Meines Wissens existieren keine weiteren so ins Detail gehenden Beschreibungen griechischer Muttersprachler aus dem 16. Jh., vielleicht auch keine aus späteren Zeiten. Das gleiche gilt für das aus den Diskursen mit griechischen Muttersprachlern aufgeschriebene sprachliche Material, das sehr nah an die sonst nicht zu erfassende gesprochene frühneugriechische Sprache herankommt.
Den menschlichen Typus des Crusius’, der als Voraussetzung für eine solche Leistung gesehen werden kann, hat CANCIK (1999: 283-4) bereits sehr treffend beschrieben: »In dem Magister Martin Crusius zeigt sich der Philologe als Muster von Selbstkontrolle, genau, pünktlich, kleinlich, voll hingebender Unterwerfung unter antike Tradition und christliche Autorität, besessen von einem asketischen Arbeitsethos, mit einem unersättlichen Hang zur Fremd- und Selbstbeobachtung begabt.«
Dieser »unersättliche Hang zur Fremdbeobachtung« ist jedoch für den heutigen Forscher eine mehr als erfreuliche Eigenschaft des Crusius’: durch seine handschriftlichen Notizen sind wir in der Lage, uns ein fast vollständiges Bild der meisten seiner griechischen Besucher / Informanten zu machen. Dies wird hier versucht.
1.1 Das primäre handschriftliche Material
S. 161Der überwiegende Teil von Crusius’ Notizen über die ›Graeci Homines‹ ist Teil (fol. 83r-85v, pagg. 1-184) des Codex Mb 37 der Universitätsbibliothek Tübingen (SCHMID 1902: 70 ff.). Auf fol. 83r ist folgender Titel aus Crusius’ Hand zu lesen (s. Abb. 1):
GRÆCI HOMINES, QUI MECUM (.IN GERMANIA.) fuerunt diversis tem= poribus: ex quorum ore, ea, quae ad HODIERNAM CORRV= ptam Graecam lin= guam pertinerent, annotavi. M. Martinus Crusius, Tybingae Professor utriusque linguae. 1559. 1579. 1587.
In diesem ›Titelblatt‹ sind die wichtigsten Informationen zum darauf folgenden Inhalt bereits enthalten: die Rede wird von Griechen (»Graeci Homines«) sein, die bei Crusius in Deutschland (»mecum in Germania«) in den Jahren 1557 und 1579-1587 gewesen waren. Mir ist nicht völlig klar, warum hier das Jahr 1587 als Ende der Aufzeichnungen angegeben wird: der letzte von Crusius in diesem Kodex erfasste Besucher war im Jahr 1589 in Tübingen (s. die Tabelle hier weiter unten, S. 164-6)6. Der Zweck der Aufzeichnungen ist jedenfalls in aller Klarheit angegebenen: »ex quorum ore, ea, quae ad hodiernam corruptam Graecam linguam pertinent, annotavi«. S. 162 BildAbb. 1: Titel des Notizbuches, fol. 83r Nach einem leeren Blatt (fol. 83v) folgt auf foll. 84r-85v ein ebenfalls von Crusius angefertigter Katalog der Namen seiner griechischen Besucher, teilweise versehen mit der entsprechenden Paginierung in dieser Handschrift oder mit dem Datum des Besuches, so dass man von einer Art Inhaltsverzeichnis oder Namensregister sprechen kann. Ein zweiter Katalog weiterer griechischer Besucher ist auf pag. 183 (mit der Überschrift Plures Graeci, qui ad me M. Crusium Tybingae venerunt, quibus eleemosynam ab Universitate impetravi) zu lesen. Beide Kataloge wurden von MOENNIG (1997: 72 ff.) herausgegeben.
S. 163Die eigentlichen Aufzeichnungen über die ›Graeci Homines‹ beginnen auf fol. 85r in chronologischer Reihenfolge. Sie werden pro Besuch und nicht pro Person aufgeteilt, d.h. dass Personen, die zusammen angereist waren, zusammen beschrieben werden. Ein gesondertes ›Titelblatt‹ mit den wichtigsten Informationen zu jedem Besuch (Name der Personen, Herkunft, Tag oder mindestens Jahr der Ankunft in Tübingen) wird manchmal auf einem Recto-Blatt vorangestellt; fol. 85r stellt ein solches Titelblatt für den ersten Besucher (›Nikolaos Kalis‹ aus Koroni, s. weiter unten S. 169-70) dar. Die Verso- Seite dieses Blattes ist leer, Crusius fängt im nächsten Recto-Blatt mit seinen Aufzeichnungen über Kalis an; ab hier ist auch eine Paginierung aus seiner Hand vorhanden, auf die im Folgenden verwiesen wird.
Auf eine detaillierte Beschreibung des gesamten Kodex (die den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde) muss hier verzichtet werden (s. die Beschreibung von SCHMID 1902: 76-77, eine neuere Beschreibung ist von D. R. Reinsch in Vorbereitung, s. HARLFINGER 1998: 296). Das gleiche gilt für die Untersuchung der Entstehungsgeschichte dieser Handschrift und ihrer Zusammensetzung aus den einzelnen Notizen7.
In der folgenden Tabelle werden die wichtigsten Daten über die erfassten Besucher (Name, Datum des Besuchs, Seitenumfang) und eine sehr grobe Einteilung des Inhaltes mit Hilfe Crusius’ eigener Überschriften angegeben.

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Auf pag. 165 folgt ein Catalogus mearum è Constantinopoli, et è Graecia, rerum: quas precipuè à D. D. Patriarcha Hieremia, et à Dominis Zygomalis accepi […]; es handelt sich um ein Verzeichnis von Briefen, die Crusius (oder andere Personen) nach Konstantinopel geschickt oder aus Konstantinopel bekommen hat (pagg. 167-171), von Handschriften, die Crusius aus Konstantinopel erworben hat (pagg. 173- 174, s. SCHMID 1902: 77) und eine Auflistung anderer Gegenstände aus Konstantinopel (pagg. 175, 177-180).
Zur Transkription und Zitierung der Handschrift s. weiter unten, S. 183.
2 Die Informanten und das lexikographische Werk: intendierte Befragung?
Crusius hat mit seinen griechischen Informanten zwei unterschiedliche Methoden benutzt, um das gewünschte Ergebnis, das Erlernen der ›vulgaris lingua graeca‹, zu erreichen: die Glossierung von literarischen Texten, die bereits weiter oben (Kap. IV, S. 125 ff.) analysiert und dargestellt wurde, und die Befragung während eines Gespräches, die sich auf die Auskünfte seiner Informanten auf seine Fragen stützt. In diesem Kapitel werden wir uns mit der zweiten Methode beschäftigen, da nur das daraus entstandene Material herausgegeben wird.
Die Befragung von Informanten stellt im Rahmen der heutigen Sprachwissenschaft ein bewährtes Verfahren für die Datenerhebung dar. Wenn man die heutige wissenschaftliche Bedeutung der Wörter ›Befragung‹8 und ›Informant‹9 mit der konkreten Situation der Begegnung des Crusius mit seinen griechischen Besuchern im 16. Jh. vergleicht,S. 168 kann man bemerkenswerte Parallelen feststellen. So hat Crusius auch mittels direkter und expliziter Fragen an seine Informanten linguistische Daten erhoben, sein Ziel war die Erforschung einer ihm unbekannten Sprache. Einerseits war die Wahl seiner Informanten zufällig (da er selbst keinen Einfluss auf die Herkunft seiner Informanten nehmen konnte), andererseits hat er die gewonnenen Daten aus der gesprochenen Sprache seiner Informanten verschriftlicht, d.h. zu Papier gebracht. Das Ganze ähnelt einer, mit heutigen Begriffen ausgedrückt, Situation der Feldforschung, in der »Material für ein spezielles Korpus ›vor Ort‹, […], d.h. in Kontakt und Kommunikation mit einer Sprechergemeinschaft bzw. einem Sprecher«10 erhoben wird.
Crusius hat sich natürlich nicht zu den Informanten begeben, sondern diese sich zu ihm, was als durch die damaligen historischen Umständen bedingt erklärt werden kann. Es gab jedoch andere Gelehrte, die ›vor Ort‹ Kontakt mit griechischen Sprechern hatten und sich überhaupt nicht mit der von ihnen gesprochenen Sprache beschäftigt haben. Weder S. Gerlach noch S. Schweigger (die zwei Kontaktmänner des Crusius’ in Konstantinopel), die zudem an der Quelle der Informationen über die ›vulgaris lingua graeca‹ sitzen, zeigen das geringste persönliche Interesse an dieser Sprache, sie kommen bloß den Wünschen des Crusius’ entgegen und versorgen ihn mit entsprechendem Material11.
Dieser hier vielleicht unerwartete und gewiss gewagte Vergleich hat zwei Ziele: überprüft werden soll, ob Crusius die Befragung seiner Informanten tatsächlich mit dem Ziel der Kompilierung des ›Alphabetum‹ im Auge durchgeführt hat oder ob tatsächlich das lexikographischeS. 169 Werk erst als Folge der Befragung des ersten Informanten und des daraus hervorgegangenen umfangreichen Materials entstanden ist, im Sinne einer Sortierung und Reorganisation des vorhandenen Materials aus praktischen Erwägungen.
Was die Erforschung der ›vulgaris lingua graeca‹ angeht, stellt Crusius, wie erwähnt, einen besonderen Fall dar (s. dazu weiter oben, Kap. II, S. 32-3). Schon bei seiner ersten kurzen Begegnung mit einem griechischen Muttersprachler, im Jahr 1557 in Memmingen12, hat er Barbarograeca Peloponnesiaca, sicut ipse [scil. Nikolaos Kalis] pronuntiabat aufgeschrieben (GH 1-5). Dies geschieht mehr als 20 Jahre vor der ersten intensiven Befragung eines anderen Griechen13 und in einer Situation, in der der konkrete Ansporn der Kommunikation mit anderen Griechen14 noch nicht bestand; Crusius interessiert sich für die von seinem Besucher gesprochene Sprache (»Barbarograeca«) und zieht daraus wichtige Erkenntnisse über die griechische Sprache in ihrer Gesamtheit und ihre diachronische Entwicklung:
Delectabar admodum: videns accentuum rationem adhuc consentire cum veteri ratione: et Grammaticos bene de nobis meritos esse, tum demum sensi: qui ita diligenter praecepta tonorum tradidissent. (GH 2, senkrechte Notiz in margine)
Crusius rezipiert den vom Informanten realisierten dynamischen Akzent, stellt seine Korrelation mit dem ihm bekannten (wohl aus den Texten und durch die alten Grammatiker) griechischen Akzent fest (»accentuum rationem … consentire cum veteri ratione«) und lobt die Grammatiker, die die Lehre über die Akzentuierung des Griechischen S. 170über die Jahrhunderte hinweg richtig überliefert haben (»Grammaticos … tradidissent«). Das war sicherlich der erste Kontakt des Crusius mit dem Frühneugriechischen (s. TG 323 »Unde prima mihi occasio τῆς κοινῆς τῶν γραικῶν γλώσσης contigit …«) und vermutlich auch das erste Mal, dass er gesprochenes Griechisch (wenn auch in einer aus seiner Sicht ›barbarischen‹ Form) von einem griechischen Muttersprachler akustisch rezipiert hat.
Die Tatsache, dass Crusius im Jahr 1557 eine (begrenzte) ›linguistische Befragung‹ eines griechischen Informanten durchgeführt hat15, beweist meines Erachtens, dass er schon immer über alle Aspekte der griechischen Sprache interessiert war, auch in einer Zeit, in der überhaupt keine externe Anstöße dafür existierten. Solche externe Anstöße waren aber, wie wir in Kap. II (S. 27 ff.) gezeigt haben, für die intensive Beschäftigung des deutschen Humanisten mit der ›vulgaris lingua‹ maßgebend.
3 Die Verschriftlichung der Befragung: Probleme der schriftlichen Wiedergabe des gesprochenen Frühneugriechischen
Man stelle sich folgende Situation vor: am Vormittag des 21. Februar 1579 trifft ein Grieche in Tübingen ein; er sucht das Haus des Tübinger Professors Martin Crusius und präsentiert das Empfehlungsschreiben des Straßburger Theologen Ioannes Pappus; daraufhin wird er freundlich aufgenommen, es ist die Zeit des ›prandium‹, Crusius bittet seinen Gast zu Tisch; beide Männer essen und diskutieren dabei in sehr freundlicher Stimmung, der Grieche bleibt fast eine Woche in Tübingen und hilft dem deutschen Professor beim Erlernen der frühneugriechischen Sprache, indem er die Bezeichnung von verschiedenen Gegenständen in seiner Muttersprache nennt und Crusius’ Fragen S. 171zur Bedeutung einzelner Wörter aus literarischen Texten beantwortet. Der deutsche Professor macht, wie es sich von selbst versteht, ausführliche Notizen darüber und schreibt gründlich alle Wörter, so wie er sie gehört hat, nieder.16
Aus heutiger Sicht von Sprachschulen, Tandem-Sprachunterricht und dergleichen ist eine solche Begegnung so gut wie selbstverständlich, so dass ich nicht in der Lage bin zu beurteilen, wie seltsam oder einzigartig eine solche Begegnung und ›linguistische Befragung‹ für Crusius’ Zeit war. Als sicher kann jedoch gelten, dass der Forscher von dem hier herausgegebenen Material in seiner soeben exemplarisch beschriebenen Entstehung an einigen Stellen mit Schwierigkeiten konfrontiert ist. Dies hängt mit einem grundsätzlichen Problem der handschriftlichen Quellen zusammen, das im Folgenden geschildert wird.
Es ist allgemein bekannt, dass der Vergleich des Sprachpaars Neugriechisch - Deutsch Phoneme ergibt, die die andere Sprache jeweils nicht besitzt (s. dazu ganz elementar RUGE 2001: 17). Diese Tatsache tritt heute besonders deutlich beim Deutschunterricht für Griechen bzw. Griechischunterricht für Deutsche hervor. Hier interessieren uns natürlich die im Deutschen nicht vorhandenen neugriechischen Phoneme.
Dass Crusius trotz seiner Griechischkenntnisse manchmal Schwierigkeiten bei der akustischen Rezeption des von seinen Informanten Gesagten hatte, wissen wir mit Sicherheit aus Fällen wie im folgenden Beispiel aus GH 49:
Είπλα (.nescio, num rectè perceperim.) trabs. Fort. Γίπλα.17
Der hier zum Ausdruck gebrachte Zweifel (»nescio …«) an der akustischen Rezeption des von seinem Informanten Gesagten geht mit der merkwürdigen sonst nicht belegten Form Είπλα einher. Die alternative, durch Vermutung18 (»Fortasse«) zustande gekommene Form γίπλαS. 172 ist bei dem Lexikon von Kriaras und anderswo mit der hier angegebenen Bedeutung »trabs« nicht belegt. Von hier wird das Lemma in das ›Alphabetum‹ in seinen beiden Formen übertragen:
γίπλα, aut εἴπλα, trabs. [1.33r iv γ] εἴπλα, trabs. Fort. γίπλα. [1.46v ii ε]
Die Form εἴπλα muss meines Erachtens von vornherein als Konstrukt des Crusius verworfen werden19. Geht man von der hier angegebenen Explicatio »trabs« aus (L-S »B. any thing made of beams or timbers 2. a roof«) und variiert man den Anfangsbuchstaben der merkwürdigen Form γίπλα, wird man bei KR s.v. δίπλα, ἡ (›3. δοκάρι στέγης‹) fündig20. In diesem Fall kann man also von einem eindeutigen Problem mit der akustischen Rezeption des frühneugriechischen /ð/ seitens des Crusius ausgehen, das mit Sicherheit als Folge des Fehlens dieses Frikativs im Deutschen zu interpretieren ist.
Es scheint demzufolge so zu sein, dass Crusius nicht in der Lage war, alle Laute des Frühneugriechischen akustisch zu rezipieren, genauer gesagt stellt die akustische Rezeption gewisser Konsonantenlaute das für ihn größte Problem dar. Für die Darstellung und Auswertung der Interaktion zwischen Crusius und seinen griechischen Informanten und des daraus stammenden sprachlichen Materials werden ergo aus heutiger Sicht folgende Fragen relevant:
a) welche Konsonantenlaute des Frühneugriechischen konnte
Crusius überhaupt nicht bzw. nur mit Mühe rezipieren, weil sie
S. 173in seinem eigenen phonologischen System21 nicht vorhanden
waren?22
b) wie sehr können wir uns auf Crusius’ schriftliche Aufzeich-
nungen des Frühneugriechischen stützen? War er überhaupt in
der Lage, Besonderheiten der Aussprache seiner griechischen
Gäste aufzuzeichnen? Die erste Frage kann natürlich im Rahmen dieser Arbeit nicht im Detail beantwortet werden, zumal die dazu notwendige Grundlagenforschung für das Frühneugriechische noch nicht geleistet wurde. Im Folgenden wird nur der größere Rahmen der methodologischen Herangehensweise skizziert, damit sich der Leser ein Bild machen kann, wie bei der späteren Darstellung und Auswertung des Materials vorgegangen wird. Die erste Frage betrifft die Phonologie des infrage kommenden Sprachpaares Frühneugriechisch-Frühneuhochdeutsch. Für das letztere sind einige Arbeiten vorhanden (s. Anm. 27), die Phonologie des Frühneugriechischen (und seiner Dialekte) wurde jedoch bis jetzt meines Wissens hauptsächlich im Bereich der Herausgabe von frühneugriechischen Texten behandelt.
Die Motivation der Forscher auf diesem Gebiet ist natürlich verständlich, sie wollen schließlich wissen, ob die in manchen Handschriften graphisch aufgewiesenen dialektischen Merkmale (HENRICH 2001 mit Besprechung einzelner Fälle und weiterer Bibliographie) zum ursprünglichen Text gehören, oder von späteren Handschriftenschreibern hinzugefügt wurden. Dies ist für den potentiellen Herausgeber solcher Texte eine wichtige Frage, für die er praktische Hilfe braucht (MOENNIG 2001 mit Diskussion der praktischen Konsequenzen für S. 174den Herausgeber). Solche Arbeiten können natürlich nicht ins Detail gehen, viele Fragen bleiben immer noch offen23.
Eine Grammatik des Mittel- oder Frühneugriechischen ist ebenfalls noch nicht vorhanden, es existieren nur Beschreibungen der Sprache einzelner Autoren oder einzelner Texte, geschweige denn Arbeiten über die Phonetik oder die Beziehung zwischen Graphem und Phonem im Frühneugriechischen dieser oder früherer Zeit24. Solche Arbeiten sind noch zu leistende Desiderata und werden angesichts der mangelnden Vorarbeiten als solche weiterhin gelten25.
Wenn man das oben erbrachte Beispiel als Aufhänger benutzt und das phonologische System des Frühneuhochdeutschen mit dem Neugriechischen26 vergleicht27, so stellt man fest, dass einige neugriechische Frikativa im Deutschen nicht vorhanden sind: die stimmlosen interdentalen /θ/ und /ɣ/, sowie das stimmhafte labiodentale /ð/. Hier würde man also größere Schwierigkeiten des Crusius’ erwarten: neben dem obigen Beispiel finden wir tatsächlich viele solche Fälle im vorhandenen handschriftlichen Material, die meisten von ihnen betreffen das interdentale stimmlose /θ/, das Crusius als das ihm bekannte S. 175labiodentale stimmlose /f/ rezipiert (s. auch MOENNIG 1994c), und werden ausführlicher weiter unten in der Beschreibung des Informanten Stamatios Donatos (s. S. 184 ff.) dargestellt und ausgewertet. Die mögliche Probleme Crusius mit der Rezeption des Frühneugriechischen /s/ bzw. /z/ bzw. des dialektischen [ʃ] werden ausführlicher weiter unten in der Beschreibung des Informanten Alexander Trucello (s. S. 218) dargestellt und ausgewertet. Das heißt aber nur, dass Crusius nur die tatsächliche lautliche Realisierung des stimmlosen interdentalen /θ/ nicht kannte bzw. zum ersten Mal bei der Begegnung mit griechischen Muttersprachlern kennen lernte. Ihm wohl bekannt war der griechische Buchstabe »Thita« dessen »Potestas« er in seiner Grammatik mit »th«28 angibt. Diese Schreibweise impliziert natürlich die auch heute im Rahmen des Griechischunterrichts bekannte Aussprache des Buchstaben »θ« als [t], gegebenenfalls mit einer leichten Aspiration [th]29.
Crusius konnte also das von seinen Informanten ausgesprochene /θ/ mit dem Schriftzeichen »θ« aufzeichnen, dieses ›Wiedererkennen‹ des ihm sonst unbekannten Lautes als das aus dem Schriftbild bekannte »θ« war vermutlich leichter, wenn ihm das vom Informanten ausgesprochene frühneugriechische Wort dank seiner Griechischkenntnisse bekannt war.
S. 176Aber auch der umgekehrte Fall ist möglich, dass Crusius nämlich »θ« statt »τ« bei seinen Aufzeichnungen verwendet, gerade weil für ihn beide Buchstaben den gleichen phonologischen Wert (»t« bzw. »th« = /t/) besitzen und bei unbekannten oder nicht deutlich ausgesprochenen frühneugriechischen Wörter verwechselt werden könnten. Auf solche Fälle werden wir ebenfalls weiter unten (S. 200-2) bei der Beschreibung des Materials aus dem Besuch des Stamatios Donatos treffen.
Folgende Bemerkung von PAINTER (1989: 143) über das Werk der deutschen Lesemeister des 16. Jh. kann hier treffenderweise als abschließendes Fazit dienen: »Aussagen über Stimmhaftigkeit gegenüber Stimmlosigkeit, lenis gegenüber fortis sind bei dem Stand der Wissenschaft zur Zeit des Entstehens der grammatischen Schriften der Lesemeister kaum zu erwarten. Das liegt außerhalb des Ziels ihrer Werke, die sich mit den Problemen des Lese- und Schreibunterrichts befassen und keine theoretische Abhandlung über die Lautlehre sein sollen.« Das gleiche gilt natürlich für Crusius, seine Aufzeichnungen können die viel später entwickelte Akribie moderner Transkriptionen überhaupt nicht erreichen, eine solche Akribie haben sie auch nie beansprucht. Der heutige Forscher muss aber mit dem auskommen, was in der Handschrift steht und manchmal nur mit Hilfe von Spekulationen interpretierbar ist.
4 Die einzelnen Personen
4.1 Übersicht über alle Informanten
MOENNIG (1997: 72 f.) zählt anhand der erwähnten (hier weiter oben, S. 161) Verzeichnisse des Crusius einen griechischen Besucher im Jahr 1557 in Memmingen und 58 griechische Besucher in Tübingen in den Jahren 1579-1606. In einem früheren Artikel (1994c) hat er Informationen über alle zypriotischen Besucher des Crusius in Tübingen gesammelt und aufgearbeitet. Nur MOENNIG 1997 (66 ff.) geht detaillierter auf den Bereich der Zusammenarbeit des Crusius’ mit seinen Informanten und des Erlernens der ›vulgaris lingua‹ ein, das ›Alphabetum‹ als daraus entstandenes lexikographisches Werk ist ihm unbekanntS. 177 (die Existenz des ›Alphabetum‹ wurde erst nach dem Verfassen dieses Artikels bekannt) und bleibt unberücksichtigt.
Die Besucher des Crusius’ und das diesbezügliche handschriftliche Material aus seinem Nachlass wurden gelegentlich in der Literatur erwähnt und ausgewertet, meistens mit einem historischen Schwerpunkt, so z. B. KRESTEN 1970 (über den Bericht des Leontios Philoponos über das Patriarchat von Konstantinopel), DYOVOUNIOTIS 1936 (Informationen über den Besuch von Andreas Argyros und Ioannes Tholoites mit der Überschrift »Ἐκκλησιαστικὴ Ἱστορία« [=Kirchengeschichte], allerdings ohne Kommentierung oder andere Bearbeitung) oder nur als ›curiosa‹ ohne weitere Kommentare (PAPAGEORGIOU 1882 über den Reisebericht des Iakovos Miloitis). Bis zu Moennigs Arbeiten war Crusius’ Zusammenarbeit mit den ›Graeci Homines‹ durch die Arbeiten von MYSTAKIDIS (hauptsächlich 1898, 1915, 1922, 1931, 1932) und die gelegentlichen Angaben von É. Legrand in seiner ›Bibliographiè Hellenique‹ bei der Beschreibung von Exemplaren aus der Sammlung Crusius’ und seine Monographie über Ioannes und Theodosius Zygomalas (1889) bekannt, Legrands Angaben basieren wiederum auf Material, das ihm Mystakidis zur Verfügung gestellt hatte.
Eine genaue Definition des Terminus ›Informant‹ ist jedoch an dieser Stelle notwendig, da, wie wir sehen werden, Crusius nicht von allen seinen Besuchern Informationen über die ›vulgaris lingua graeca‹ bekommen hat, d. h. es sind in manchen Fällen keine Nachweise solcher Informationen bis heute erhalten geblieben. Als Informanten des Crusius’ betrachten wir nur diejenigen Besucher, mit denen Crusius nachweislich Venezianer Volksdrucke gelesen und glossiert hat. »Nachweislich« bedeutet in diesem Fall, dass Crusius entweder die Befragung eines griechischen Besuchers aufgezeichnet hat und/oder einen spezifischen Text (bzw. Exemplar eines Textes) und den dazugehörigen ›Helfer‹ bei der Glossierung erwähnt30 oder linguistischS. 178 befragt hat, gleichgültig ob das Exemplar vorhanden oder verschollen ist.
Dies beschränkt die Zahl der Informanten in Tübingen auf 14 Personen. Der Teil des Materials aus dem ›Alphabetum‹, der auf Diskursen und Befragungen beruht und hier herausgegeben wird, geht wiederum nur auf vier Informanten zurück. Diese im Folgenden ›Hauptinformanten‹ genannten Personen werden detailliert beschrieben, für die übrigen zehn Informanten wird nur eine Übersicht in der Form einer Tabelle (Tab. 1, S. 179-80) gegeben. Das gleiche Prinzip, wie bei der Auswahl der Lemmata für die Teilausgabe des ›Alphabetum‹, wir auch hier verwendet: nur diejenigen Informanten, die Material zur gesprochenen Sprache beigetragen haben, werden detailliert beschrieben, der Rest liegt außerhalb des Fokus dieser Arbeit, wird aber der Vollständigkeit halber trotzdem in sehr komprimierter Form angeführt.

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Die Tabellen bestehen aus 13 und nicht 14 Spalten, wie die erwähnte Gesamtzahl der Personen es erwarten ließe, weil die Informanten Ioannes Tholoites und Andreas Argyros immer von Crusius zusammen erwähnt werden. In den Reihen der Tabelle werden alle erhaltenen (›A‹) und verschollenen (›B‹) Exemplare des Crusius’ und deren Erwerbsdatum angeführt. Das Zeichen (✓) in jeder Spalte bedeutet, dass der in der oberen Zeile angeführte Informant zusammen mit Crusius das an der ersten (von links nach rechts) Spalte genannte Exemplar gelesen bzw. glossiert hat. Für die Hauptinformanten, die gleichzeitig die ersten vier Informanten des Crusius waren (Stamatios Donatos, Andreas Argyrus, Alexander Trucello, Gabriel Calonas), wird diese Tätigkeit im Folgenden detailliert dokumentiert, die entsprechenden Belege für die übrigen Informanten sind weiter unten (S. 184 f.) an Ort und Stelle angegeben.
Die letzte Spalte jeder Reihe enthält die Anzahl der Informanten pro Exemplar. An der letzten Reihe der Tabelle wird die Anzahl der pro Informant glossierten Werke angegeben.
Aus dieser Tabelle können wir entnehmen, dass Crusius zusammen mit Gabriel Calonas die meisten (12) Texte gelesen hat, was sicherlich mit der guten Kommunikationsmöglichkeit mit Calonas (s. weiter unten S. 230 ff.) zusammenhängt. Der ›zweitbeste‹ Informant Ioannes Dondes (8 Texte) ist außergewöhnlich lange in Tübingen geblieben31, Andreas Darmarios (4 Texte) ist der bekannte Handschriftenhändler und -schreiber, der, wie Crusius selbst bemerkt, eine hohe Bildung vorzuweisen hatte.
Gerade dieser Andreas Darmarios32 und Patriarch Gabriel von Achrida (s. MYSTAKIDIS 1931/2.) sind die einzigen auch aus weiteren Quellen bekannten Personen, für alle anderen können wir meines Erachtens davon ausgehen, dass uns ohne Crusius’ Aufzeichnungen keine Informationen über ihre Existenz überliefert wären.
4.2 Erfasste Daten zu den Hauptinformanten
S. 182Folgende Daten werden im Folgenden aus dem bereits erwähnten (s. oben, S. 161) Teil des Kod. Mb 37 der UB Tübingen mit der Überschrift »Graeci Homines …« gesammelt und ausgearbeitet:
1. Persönliche Daten
– Äußere Beschreibung
2. Herkunft und Wohnsitz vor der Reise
3. Zweck der Reise
– Reiseroute
4. Bildung und Sprachkenntnisse, Kommunikation mit Crusius
5. Tätigkeit als Informant und erhaltenes Material
7. Auswertung In (1) werden alle Angaben Crusius’ über den Namen, die Familie und den Beruf des Informanten gesammelt; die für Crusius’ unabdingbare äußere Beschreibung wird ebenfalls hier dargeboten. Die Daten von (2) sind sehr wichtig für die Zuordnung von dialektischen Merkmalen in dem von jedem Informanten erhaltenen sprachlichen Material. Im Rahmen des Möglichen wird versucht, die Angaben der Informanten zu überprüfen, besonders wenn diese (wie im Fall von Stamatios Donatos’) mit unserem heutigen Wissen nicht übereinstimmen oder bereits von Crusius in Frage gestellt wurden; wie es sich erweisen wird, ist eine Überprüfung der Angaben der Informanten nicht immer erfolgreich. Der Zweck und die Reiseroute des Informanten, die ihn nach Tübingen führte, werden unter Punkt (3) angeführt.
Wichtige Details über die Sprachkenntnisse des Informanten und die darauf aufbauende Kommunikation während seines Aufenthaltes bzw. seiner Zusammenarbeit mit Crusius oder seiner Befragung werden im Punkt (4) angegeben. Im Anschluss daran (5) wird das erhaltene Material angeführt und die Art und Weise, wie es zustande gekommen ist, beschrieben (Befragung nach Gegenständen, Bildern usw., Glossierung usw.). Längere Äußerungen und Erzählungen des Informanten, die Crusius aufgezeichnet hat, werden hier präsentiert und gegebenenfalls kommentiert oder ausgewertet. Die Schilderung S. 183und Auswertung von Auffälligkeiten der Verschriftlichung wird ebenfalls hier geleistet. Eine zusammenfassende Auswertung schließt die Beschreibung jedes einzelnen Hauptinformanten als Punkt (7) ab. 4.3. Transkription der Handschrift Für die Wiedergabe der Aufzeichnungen des Crusius, insbesondere für die darin enthaltenen ›Lemmata‹ und ›Explicationes‹ gelten die gleichen konservativen Grundsätze, die für die Teilausgabe verwendet wurden (s. weiter unten, S. 248 ff.). Das gleiche gilt für alle verwendete ›Sigla‹. Bis auf die stillschweigende Auflösung der sehr häufigen Abbreviaturen des Originals wird überall die Schreibweise Crusius’ beibehalten. Längere und kürzere Belege aus der Handschrift werden kursiv und meistens in Klammer wiedergegeben; die entsprechende Stelle (die Abkürzung GH und die Seitenzahl) wird am Ende oder Anfang der Belege angegeben. Die Orthographie wird, falls nötig, in eckigen Klammern ([ ]) restituiert mit oder ohne den Zusatz lege. Mit einem Fragezeichen (?) werden problematische Stellen gekennzeichnet.
Für die Anführung von Lemmata aus dem ›Alphabetum‹ werden die Grundsätze der Edition benutzt, die Verweise auf kanonisierte Lemmata werden in kleineren Schrift und in eckigen Klammern mit einem Pfeil (→) angegeben. So soll der Leser im nächsten Beispiel das kanonisierte Lemma ροῦχο, τό der Teilausgabe (hier weiter unten ab S. 258) nachschlagen: ῥοῦχο, pannus. [→ ροῦχο, τό]
Was den Namen der Informanten angeht, so habe ich beschlossen, den von Crusius verwendeten lateinischen Namen überall zu verwenden. Dies mag für Personen griechischer Herkunft ungewöhnlich sein, schien mir aber methodisch sicherer, da wir nicht überall gesicherte Informationen über die tatsächliche griechische Form der Namen haben. Die von Crusius überlieferte griechische Form wird immer am Anfang der Beschreibung angegeben.
5 Die Hauptinformanten
5.1 Stamatius Donatos
S. 184Jahr: 1579 (21. - 27. Februar)
Name: Stamat{h}ius Donatos
Griechische Form: Σταμάθι Δωνᾶτος (Ipse vocatur
σταμάθι δωνᾶτος. GH 9) [Σταμάτης Δονάτος?]
GH 7-54
5.1.1 Persönliche Daten
Donatos wird von Crusius überall als »Stamathius« mit Vornamen genannt (Ipse vocatur σταμάθι δωνᾶτος. GH 9). Eine solche Form (Σταμάθιος) des Vornamens Σταμάτιος ist nicht belegt. Es handelt sich hier also aller Wahrscheinlichkeit nach um einen normalen ›Stamatios‹ (Σταμάτιος), was auch folgende Notiz in GH 53 bestätigt: Triduum apud M. Leonh. Engelh. fuit: qui contendit (.in litteris ad me .15. Mart. scriptis.) ei nomine Stamatio esse, non Stamathio. Crusius hat dementsprechend den Vornamen des Donatos’ (durch Streichung des ›H‹, s. Abb. 1, nächste S.) im Titelblatt seiner Aufzeichnungen korrigiert. Über die Probleme mit Donatos’ Herkunft siehe weiter unten, S. 186- 9.
Hier liegt also vermutlich eine Verwechslung in der Verwendung von /t/ und /θ/ vor, ein Problem, worauf bereits oben (S. 170 ff.) hingewiesen wurde. Eine undeutliche Aussprache des Donatos’ im Bereich des interdentalen /θ/ könnte natürlich hier unterstellt werden, dies kann aber nur als unbewiesene Spekulation gelten33.
S. 185 Bild* * *
Abb. 2: GH 7; Oben: Korrektur des Namens von Donatos’
Unten: Nachträgliche Verbesserung des Herkunftsortes des Donatos’
Seine Mutter (Φραγκοῦλα), seine zwei Brüder (der ältere: δήμητρι [lege Δημήτρη34], der jüngere: Ἄνδρια) leben seit 7 Jahren in türkischer Gefangenschaft in Konstantinopel, gefangen gehalten von Mehmi Celebi (GH 9); vor der Gefangenschaft waren sie Bauern (Ipsi, tempore suae libertatis, tractarunt bombyces et sericum, quotannis per .4. menses. Alias coluerunt vineas .4. et aliquot agros. GH 9). – Äußere Beschreibung Ungefähr 30 Jahre alt, von normaler Größe, in guter Verfassung, mit einem schwarzen kleinen Bart; häufig spricht er sein Gebet; er führt einen leichten Speer mit sich. (Valde humanus et pius vir, multum προσευχόμενος. Non est longus: est bono colore: habet barbulam nigram: nescio, num ultra .30. annos natus. Non habet gladium, sed κοντάριον ÷ levem hastam. GH 51).
5.1.2 Herkunft und Wohnsitz vor der Reise
S. 186Aus der Stadt Sithuni (= Σιθούνι/Σιτούνι/Ζητούνι?) (GH 9) (alternative Schreibweise in GH 15 Sethuni = Σηθούνι?) auf Zypern oder Thessalien (nachträgliche Korrektur des Crusius, s. Abb. 2); laut Donatos liege seine Stadt im Südwesten Zyperns: Sethuni respicit Asiam et Rhodum (GH 15). Nach der Eroberung Zyperns 1570 durch die Türken lebe er in Gefangenschaft zusammen mit seiner Familie in Konstantinopel (GH 9, s. oben 5.1).
An der Richtigkeit dieser Angaben des Donatos bestehen Zweifel. Eine Stadt mit diesem Name (Σιθούνι oder Σηθούνι oder Ζητούνι) und dieser Größe (…, est civitas maior, quam Tybinga: habuit .9. millia domorum, ἀνδρῶν καὶ γυναικῶν GH 9) ist in dieser Zeit im Südwesten (»respicit Asiam et Rhodum«) Zyperns nicht zu identifizieren35. Eine mögliche Identifizierung mit dem mittelalterlichen zypriotischen Ort Σιγούρι, das eine (überlieferte?) Variante Σιθούρι haben soll, wurde von Andreas Chatzisavvas bei MOENNIG 1994c vorgeschlagen36. Die geographische Stellung dieses Σιγούρι und seine Größe stimmen jedoch mit den von Donatos gelieferten Angaben zu seinem Σιθούνι nicht überein. Obendrein kennt der nachweisliche Zypriot Alexander Trucello37, der 1582 zu Gast bei Crusius war, einen solchen Ort auf Zypern nicht38. Die in dieser Zeit bekannte Stadt Ζητούνι (heute Lamia) in Zentralgriechenland wurde allerdings durchaus zu Donatos’ Angaben über die Größe seines »Sithouni« passen.
Auf die Idee, dass mit Donatos’ Herkunft irgendwas nicht in Ordnung sei, ist auch Crusius selbst gekommen. De Stamat{h}io Donato Cyprio ist nachträglich zu potius Citrio korrigiert (auf der ›Titelseite‹ S. 187der Eintragungen zu Donatos in GH 7, s. Abb. 2) mit der zusätzlichen Notiz κίτρος = πύδνα Thessaliae. Dieser Eintrag macht jedoch die Identifizierung des Herkunftsortes des Donatos für uns noch komplizierter: der Ort Κίτρος liegt in Nordgriechenland (in der Nähe des antiken Πύδνα, nördlich der heutigen Stadt Κατερίνη) und steht somit in keiner Verbindung mit dem erwähnten Ζητούνι (Lamia). Es handelt sich dabei um eine spätere Verbesserung, die aller Wahrscheinlichkeit nach auf Crusius’ eigenen Kenntnissen und nicht auf zusätzlichen Informationen beruht39; dies könnte als ein Hinweis auf ein mögliches Missverständnis seitens des Crusius interpretiert werden, das er nach seinem besten Wissen im nachhinein korrigiert haben möchte40.
Zieht man das aus der Befragung des Donatos’ stammende Sprachmaterial in Betracht, so wird der Verdacht der nicht-zypriotischen Herkunft des Informanten erheblich gestärkt. Es finden sich weder Zeichen einer Realisierung ›zypriotischer‹ Sprechlaute (Geminata oder Affrikate41 usw.), noch morphologische Besonderheiten des zypriotischen Dialektes oder dialektale Varianten42.
Nur wenige Wortformen können überhaupt mit dem zypriotischen Dialekt in Verbindung gebracht werden: die Form κρίας [→ κρέας, τό], die aber auch an anderen Orten Griechenlands zu finden ist, ein unsicherer Imperativ des Verbs φτειάζω [→ εὐθειάζω], die Form ξορδώνω [→ἐξορθώνω], die als Variante des zypriotischen ξορτώνω gelten kann43, und das problematische διασαξί [→ διασαξί (?)], das stark an das zypriotische γιασατζής erinnert, aber gleichzeitig sicheren türkischen S. 188Ursprungs ist (türk. yasak -si), und deswegen nicht als dialektalzypriotisch gelten kann.
Auf der anderen Seite treffen wir auf auffällige lexikalische Wortformen, die auf die Region Zentralgriechenland hinweisen: ἀγιτό τοῦ σπιτίου [→ ἀετός, ὁ], *ἀσπρόϊς [→ ἀσπρογῆ, ἡ] und πάφιλος [→πάφιλος, ὁ (?)], das ebenfalls türkischen Ursprungs ist. Diese sind dialektale Formen, die eigentlich sowohl in einer frühneugriechischen ›Koine‹ (wie wir sie aus den vorhandenen Textzeugen kennen) als auch im zypriotischen Dialekt keinen Platz haben können. Wir können allerdings nicht ausschließen, dass Donatos solche nicht-zypriotische Dialektformen in seinen Gefangenschaftsjahren in Konstantinopel oder anderswo erworben hat.44
Hat Donatos aus irgendwelchem Grund nicht die Wahrheit über seine Herkunft gesagt, so ist es uns heute nicht möglich, den Grund für eine solche Entscheidung zu ermitteln45. Crusius konnte seine Herkunft nicht eindeutig feststellen, da Donatos kein Empfehlungsschreiben oder Testimonium auf Griechisch46 mit sich führte47, ein Empfehlungsschreiben des Papstes aus Rom sei ihm nach eigener Aussage (GH 51-2) von belgischen Soldaten sogar zerstört worden, das einzige was Crusius sehen konnte, war ein Teil des noch vorhandenen Siegels des Papstes.48 Hat Donatos versucht, seine wahre Herkunft zu S. 189vertuschen, oder handelt es sich hier um die Abenteuer und Schwierigkeiten eines einsamen armen Reisenden in fremde Länder?49
Diese Detektivarbeit hat natürlich nur dann Sinn, wenn man anhand Donatos’ ›zypriotischer‹ Herkunft (und angesichts der größeren Mengen sprachlichen Materials, das aus seiner Befragung stammt) den Versuch unternehmen würde, Schlussfolgerungen über den von Donatos gesprochenen Dialekt zu ziehen. Dies ist meines Erachtens nicht möglich, bzw. hier wird kein solcher Versuch unternommen, weil keine hundertprozentige Sicherheit über Donatos’ zypriotische oder anderweitige Herkunft erlangt werden kann. Alle Schlussfolgerungen Crusius’ über die »zypriotische Sprache« des Donatos, seine Vermerke über den zypriotischen Ursprung bestimmer Wortformen u. ä. müssen von Fall zu Fall überprüft werden50.
Die Schwierigkeit, die Stadt Sithuni zu identifizieren, und die Abwesenheit von dialektalen Elementen lassen meines Erachtens erhebliche Zweifel an seiner zypriotischen Abstammung aufkommen. Donatos war lange Zeit in Europa unterwegs und wusste sicher Bescheid, wie man die besten Ergebnisse (beim Sammeln von Lösegeld) bei seinen Gastgebern erreichen konnte; aber auch ein Missverständnis seitens des Crusius während der ersten Begegnung mit Donatos kann nicht völlig ausgeschlossen werden.
5.1.3 Zweck seiner Reise
S. 190Er sammelt Geld (250 Dukaten), um seine Familie und sich selbst aus der türkischen Gefangenschaft zu retten. (… ut colligeret .250. Ducatos ad redimendum se, et matrem, et .2. fratres, Constantinopoli à Mehmi Celebi captivos detentos. GH 9) – Reiseroute
Konstantinopel; Ancona; Rom; Belgien; Polonia; Holandia; Cli-
5.1.4 Bildung und Sprachkenntnisse, Kommunikation
Des Lesens und Schreibens nicht mächtig (Ipse, nec legere, nec scribere, novit. GH 51). Er kannte einige lateinische, italienische und deutsche Wörter (alias latinis, alias Italicis … alias aliis verbis GH 51; Aliquot verba Germanica novit. GH 52). Bei der Kommunikation der beiden Männer wurde auch Gestik benutzt (saepius verò gestu, aut monstratione digiti, aut periphrasi verborum, indicavit. GH 51). Die Arbeit wurde im Arbeitszimmer des Crusius geleistet, sowohl Crusius als auch Donatos mussten dafür die meiste Zeit stehen53, cf. TG 189: Nec scribere, nec legere, sciebat: sed Meo Museo prope totos dies stans, mihi, quaecumque interrogabam: aut Graecobarbarè, aut Italicè, aut Latinis vocabulis utcumque, aut periphrasi monstratione digiti, aut gestu, libentißimè indicabat. Noverat paucula verba Germanica.
5.1.5 Tätigkeit als Informant und erhaltenes Material
S. 191Donatos kam nach Tübingen, just als Crusius umfangreiches Material zur ›vulgaris lingua‹ aus Konstantinopel bekommen hatte54; Crusius nutzt seinen griechischen Besucher wie ein »sprechendes Wörterbuch«: er fragt nach der Bedeutung von Wörtern und Donatos gibt Antworten (über die bei der Kommunikation benutzten Sprachen s. vorige S.), die Crusius dann zu Papier bringt. Diese Funktion des Informanten wird auch von Crusius selbst explizit geäußert: Incepi eo uti praeceptore Barbarograecae linguae ÷ ut esset is mihi loco lexici (GH 9, in margine; s. auch MOENNIG 1997: 67). Donatos hat anscheinend auch seinen Spaß bei der Sache gehabt: Ich hab im kain ruh gelassen: et ipse fuit πρόθυμος. schreibt Crusius gegen Ende seiner Aufzeichnungen über Donatos (GH 52, in margine).
Wie geht Crusius bei der Befragung des Donatos vor? Er fängt bei sehr ›banalen‹ Sachen, wie der Kleidung des Informanten oder, wie jemand es heute auch machen würde, mit dem Wetter, an:
ῥοῦχο, pannus. [→ ροῦχο, τό] φελλοῦδο, sammat, sericum villosum. [→ βελλοῦδο, τό] χονίσει, ningit. [→χιονίζω] μεγάλον κρίο, magnum frigus.[→κρύο, τό] (GH 9)
Crusius’ lenkt aber direkt danach seine Aufmerksamkeit auf »Loca Costantinopoleos« (in GH 9, in margine) also auf ›hochaktuelle‹ Themen dieser Zeit55.
ἐμίνης (.turcicè Emín.) ὁ τελώνης. καψὶ (.Turc.) ubi bombarbae conficiunt(ur). καπὶ (.Turc.) porta. columna purpurea Byzantii, vocatur μινόπετρα. γυναικοπάσαρ ÷ forum foeminarum, circa columnam Historiatam. Locus, ubi domus oratoris Romani, Daugpásar ÷ Gallinarum forum. Huic vicinum est forum, ubi esse genus praeciosissimarum mercium, ποιpásar ÷ ὅπου ποιοῦνται πάντα, ὅσα τεχνικὰ καὶ καλά. ταυτακαλά, forum cupediarium. (GH 9)
S. 192Wie es scheint hat auch Donatos dieses besondere Interesse von Crusius (und vielleicht seines Kreises) über die Türken entdeckt, daher auch die spezielle Erwähnung der Türken in seiner Danksagung (s. weiter unten, S. 194-5, Text [f]): »Gott möge Sie von allem Bösen und vor den Türken schützen«56.
Über die Einzelheiten der Befragung und die Methode, die Crusius benutzt hat, wird im Folgenden die Rede sein. Aus dieser Zusammenarbeit sind 2607 Eintragungen (jeweils Lemma, d. h. einzelnes Wort oder Wortgruppe und die jeweilige Explicatio dazu) in GH entstanden, die aus unterschiedlichen Bereichen des Lexikons nach Befragung und der Glossierung der vorliegenden Exemplare literarischer Texte stammen. Dieses Material bildet, wie bereits gesagt, den ersten Kern des ›Alphabetum vulgaris linguae graecae‹. Folgende Tabelle verschafft einen Überblick darüber: Werk (Exemplar) Anzahl der glossierten Wörter 1. Ἄνθος Χαρίτων (1546) [Α2] 344 2. Ἀπολλώνιος (1564) [A4] 1684 3. Λουκάνης Νικόλαος, Ὁμήρου Ἰλιάς μεταβληθεῖσα πάλαι εἰς κοινὴν γλῶσσαν … παρὰ Νικολάου τοῦ Λουκάνου … (1529) (verschollenes Exemplar) [B5] 66 4, Διήγησις εἰς τὰς πράξεις, τοῦ περιβόητου, στρατηγοῦ τῶν Ρωμαίων, μεγάλου Βελισαρίου (verschollenes Exemplar) [B1] 104
Anzahl: 2198
Dazu Wörter aus Befragung: 409
Summe: 2607
S. 193– Befragung nach Gegenständen Zuerst werden die Gegenstände in der Nähe der beiden Männer abgefragt und von Donatos interpretiert: folgende Randnotizen in GH geben uns einen Überblick über die Gegenstände:
Vestes (GH 9), Supellex hypocausti (GH 10), Quae in meo Museo57 (GH 16) und In meo Museo (GH 20), Testudo musica mea (GH 26), Domestica (GH 47).
Crusius muss dabei auf diverse Gegenstände gezeigt haben, die Donatos dann mit dem äquivalenten Wort benannt hat. Für die Interpretamente wird von Crusius meistens Latein benutzt, bei alltäglichen Gegenständen und Handlungen erwartungsgemäß das Deutsche (Schwäbische) (s. auch FAUST 1972). Z. B.:
ἀλευροστάσι, mael-kast, arca farinaria. [→ἀλευροστάσι, τό] GH 50: ἀνέμη, haspel, gyrgillus. [→ ἀνέμη, ἡ] ἀργαγλό, stul, daran man baendel würcket. würck-rahm. [→ ἀργαλειό, τό] ἀσβεσταρία, kalck-hütten. [→
ἀσβεσταρία, ἡ] (GH 49) Anschließend hat ihn Crusius durch sein Haus (Rursus Domestica. Circum ducente me ipsum per meam totum domum. Marginale Notiz in GH 49) und nach draußen, in den Hof und auf die Straße, geführt und dabei verschiedene Gegenstände notiert.
ὀφορὸς τῶν ἀγελάδων, stabulum vaccarum. [→ ὀφορός, ὁ (?)] βόδια, boves. [→ βόδιν, τό] χοιρμάνδρη, suile. [→ χοιρομάνδρι, τό] (GH 49) σφάλισμα, gatter. [→ σφάλισμα, τό] παράπορτα .2. gatter, einer ob dem andern. [→ παράπορτα, ἡ] ἀγιτὸ τοῦ σπιτίου, tota πλευρὰ (.latus.) domus. [→ ἀετός, ὁ] […] πλευραῖς [lege -ὲς] τοῦ σπιτίου, sunt altera duo (.ad dextram et sinistram.) latera domus. [→ πλευρά, ἡ] ἀνῶγι, superior contignatio. [→ ἀνώγαιον, τό] (GH 50)
– Sätze und Äußerungen Donatos hat bestimmt nicht nur auf Aufforderung Crusius’ zur Nennung von Gegenständen oder Interpretation von ›Vocabula‹ gesprochen, sondern hat zu Crusius (»zu« und nicht »mit« Crusius, weil esS. 194 sowieso keine Anzeichen oder Hinweise dafür gibt, dass Crusius überhaupt Frühneugriechisch sprechen konnte oder wollte) auch aus eigener Inititiative gesprochen. Crusius hat zwischendurch auch ganze Äußerungen von Donatos zu Papier gebracht. Sie werden hier probeweise wiedergegeben:
a. ἐγὼ θέλω νὰ πλυφῶ58, volo lavare. (GH 10) b. οἱ γυναῖκες πάντα ὄμορφες φέλουν [θέ-] νὰ εἶναι: mulieres semper volunt pulchrae esse. (GH 11) c. ἐγὼ εὔχομαι ἀπὸ τὸν θεὸν, χαιρετόσιν (?) πάντα ἐσὲν ἀπὸ τὸν θεὸν ὑγείαν. (GH 15, in margine: Propino) d. καλῶς νὰ σ’ εὕρω ἐσὲν τὰ ἀδέρφι [lege τ’ ἀδέρφι] τὸ λοιπὸ τὸ γλυκὸ. (GH 15, in margine: Sit saluti.) e. νὰ πάγω πρὸς νερούμ [lege νεροῦ μ’], vado mictum. νὰ χέσω, χέζειν. (beides GH 18, allerdings mit dem marginalen Vermerk: Non libenter dicebat. Ita modestus.) f. εὔχομεν εἰς τὸν θεὸν, τὸν μεγαλοδύναμον, τὸν Ἰησοῦν Χριστὸν, τὸν ὑιὸν τοῦ θεοῦ, τὸν μονογενῆ: εὔχομεν πάντας (.semper.) στὸν θεὸν ἀληθινὸν: καὶ ὃν θεὸς κατὰ τούτους τοὺς χριστιανοὺς καὶ μέναν ἑλλιπόντην [ἐλυπόντον?] γιὰ τὴν ἀγάπην τοῦ χριστοῦ, καὶ μὲν [κ’ ἐμὲν’] ἐλεημο||νη||σόνιν [ἐλεημονήσουν?], νὰ τοὺς δίδη ὃν Θεὸς πάνταν εὑλογίαν: καὶ νὰ τοὺς δίδη ὑγείαν, καὶ δύναμιν, καὶ ἀγάπη, καὶ ἀξωσίαν, καὶ χάριν, καὶ μόνοιαν, καὶ πολλοὺς χρόνους, μέραις [-ες], καὶ νύχθαις [-ες] εὑλογημέναις [-ες], ἀπὸ τὸν χριστὸν ἀγαπημένους: νὰ τοὺς φυλάει πάνταν (.semper.) ὀ Θεὸς ἀπὸ ὅλων τῶν κακῶν: καὶ ἀπὸ τούρκους, καὶ ἀπὸ ὅλους τοὺς κακοὺς ἀνθρώπους: ὅπου εἶναι εἰς τὸν κόσμον: καὶ νὰ τοὺς δώγη χάριν ὄν θεὸς μὲ τῆς [τὶς] ἀγκάλης [-ις] του ἀνοίχθαις [-ες]: καὶ τὴν ἁγίαν εὑλογημένην παραδεῖσον τοῦ Θεοῦ νὰ δώγη τοῖς [τὶς] ψυχαῖς [-ὲς] τοὺς ὄλους τοὺς χριστιανοὺς, καὶ ἑμὲν λοιπόντην ||dilexerunt||, καὶ μ’ ἐλεημονήσονην [ἐλεημονήσουν?], γιὰ τὴν ἀγάπη
S. 195 Bild* * * Abb. 3: Oben: GH 19, unten GH 20 mit längeren Äusserungen des Donatos
ἰησοῦ τοῦ χριστοῦ, τὸν ὑιὸν τοῦ Θεοῦ. (GH 19-20, s. Abb. 359) λοιπητὸς (?) ÷ ἀγαπητός. Sed plus est, quam ἀγαπητός. g. Proverb.(ium)60 γραῖκο à la tavola, Graeco à la mare ÷ nauta, Graeco marinari, vel bon marneri, Graeco à lo letto, Graeco spata la targa ÷ sunt fortes milites. ἕλληνọς61 στὴν τράπεζον, ἕλληνọς στὴν θάλασσαν,
S. 196 BildAbb. 4: GH 36, Proverbium
ἕλληνọς καλὸς ναύτης, ἕλληνọς καλὸς τῆς νυχθὸς τὸν στρώμαν (sic), ἕλλ.(ηνος) μαχαίραν (.σπαθὶν.) καὶ σκουτάριν. (GH 36, s. Abb. 4) h. μὴν κάμνης κακὸ, νὰ μὴν λάβης κακό (GH 40)
Auf eine weitere Kommentierung der hier präsentierten Texte wird hier verzichtet: haben die Besonderheiten von Text (e) ihren Ursprung in einer dialektischen Mundart des Donatos’, oder sind es vielmehr die praktischen Schwierigkeiten der Niederschrift, die den Text an vielen Stellen unverständlich machen? Ich kann erstnal keine endgültige und schlüssige Antwort dazu liefern. – Benutzung von Bildern In diesem Fall ist die Vorgehensweise überwiegend visueller Natur: es werden Bilder, die Crusius von S. Gerlach aus Konstantinopel bekommen hat (Habeo aliquot Iconas è Constantinopoli vestitus. GH 10)62, benutzt:
S. 197Aufgeschrieben als Äußerungen aus dem Mund von Donatos werden Vocabula equitis Turc. Zauschi picti (GH 10), Ad Iconem mulieris (GH 12), Ad virginis Iconem (GH 13) und Vocabula Ad Iconem Patriarchae (GH 12, es handelt sich hier um das in der Turcograecia, p. 106 veröffentlichte Bild, s. weiter unten, S. 353), z. B.:
καμιλαύγι, pileus Patriarchicus. [→ καμήλαυκι, τό] πατερίζα, sceptrum
Patriarchicum. [→ πατερίτσα, ἡ] μαῦρο, niger. [→ μαῦρος (app. fon.)]
ταφατὰ, vestis ex serico facta, ταφθά. [→ ταφτάς, ὁ] πανφόρεμα (lege πανο-), totum pallium. [→ πανωφόρεμα, τό] καμίλαβο (?), sub pileo Patriarchico dependens utrinque pannus. Item pileus Calogeri. [→ καμηλαύκι, τό] κροκάτο, rote farb. μέλανο, subnigrum. (GH 12)
Dazu ergreift Donatos die Initiative und erzählt weiter:
δώδεκα ἐκλερηκοὶν ἐκκλησιαστικοὶ εἶναι στὸ πατριαρχείο, ὅπου ἠποίγουνε τὸν πατριάρχην, καὶ τὸνστεφανώνουν τον: sunt .12. clerici in Patriarchatu, qui faciunt Patriarcham, et coronant eum. καὶ βάνουν του τὸ πετραχίλι [lege -χήλι] τοῦ πατριάρχη: et imponunt ei vestem, quae foramen habet, et caput ei inseritur: nec apparet, sed intra reliquum vestitum gestatur. (GH 12)
– Benutzung von Venezianer Volksdrucken In einer dritten Phase der Befragung des Donatos’ werden dann die Venezianer Volksdrucke, die Crusius besaß, als eine Art Lernbücher benutzt: Habeo aliquot BarbaroGraecos libellos, Venetiis excusos (marginale Notiz auf GH 13). Hiermit entstand der größte Teil des sprachlichen Materials. Crusius hatte zu diesem Zeitpunkt, wie bereits erwähnt (Kap. IV, S. 125 ff.), einige der Venezianer Volksdrucke seiner Sammlung alleine gelesen. Im Zuge der Befragung von Donatos griff Crusius auf die Volksdrucke zurück und fing an, die Texte zusammen mit ihm zu lesen.
des Patriarchen, weiter unten S. 353.
S. 198 BildDabei wurde eine Methode zum Lesen eines Textes mit einem griechischen Informanten benutzt, die bei den späteren Informanten weiter entwickelt und erweitert wurde. In der Zusammenarbeit mit Abb. 5: GH 31, Liste mit Glossen aus Apollonios S. 199Donatos hat Crusius die glossierten Wörter oder Wortgruppen aus den einzelnen Exemplaren zusammen mit den ›Explicationes‹ in der Form von ›καταλογάδην‹ Wortlisten in seinem Notizheft (wie z. B. in GH 31, s. Abb. 5, vorige S.).
Bei den späteren Informanten werden für die Glossierung keine Blätter mehr benutzt, die Interpretationen werden direkt interlinear oder marginal in den eigentlichen Exemplaren niedergeschrieben: der Lexikograph kann somit die unterschiedlichen Angaben von einzelnen Informanten miteinander vergleichen und eventuell kombinieren63. Gleichzeitig wird Zeit gespart, da das glossierte Wort nicht nochmals niedergeschrieben werden muss. Aus dem ersten ›Experiment‹ war im Nachhinein eine Methode geworden.
Die Kommunikation der beiden Männer muss dabei folgendermaßen funktioniert haben:
Crusius hat den Text aus dem Buch wohl laut vorgelesen. Dass Crusius, wie bei dem Griechischen die ›reuchlinische‹ (auch als ›neugriechische‹ bekannt) Aussprache des Griechischen benutzt hat (vgl. DRERUP 1930: 315 f.), hat erst diese Zusammenarbeit möglich gemacht. Dabei wurden die Wörter oder Wortgruppen, die ihm interpretationswürdig waren, höchstwahrscheinlich durch (mehrmalige?) Wiederholung herausgestellt. Der Informant hat daraufhin das Wort oder die Wortgruppe interpretiert; in Donatos’ Fall entweder durch eine Periphrase ins Frühneugriechische oder durch Benutzung einer anderen Sprache, kombiniert mit Gestik und Gebärden; ein Eindruck gewinnen wir aus folgenden Lemmata in GH 19:
γωνατίζει, flectit gemu, pectore scil. erecto. προσκυνεῖ, non flexo genu, caput et pectus inclinat, manibus in pectore complicatis.
S. 200Das Lemma γωνατίζει [γον-] stammt – laut Marginalnotiz – aus der 8. Seite des APOLLONIOS; dort lesen wir tatsächlich den Vers (237): ἐκεῖ τοῦ συναπάντιζε, καὶ ὀμπρός του γονατίζει (Orthographie restituiert von mir, im Text steht wie in GH γων-)64. Im Text kommt auf dieser Seite das Wort προσκυνεῖ nicht vor. Das Lemma προσκυνεῖ bzw. seine Explicatio ist hier eindeutig als eine zusätzliche Beschreibung (von Crusius) der von Donatos gezeigten Körperstellung (inclinat …) zu interpretieren.65
Donatos hat des öfteren Italienisch interpretiert, wie wir aus Crusius’ häufiger Benutzung der Abkürzung Ital. oder des Wortes Italicè neben der Interpretation erkennen können (z. B. δίχος, δίχα, senza Italicè. GH 16, γούργουθα, subitò, prestò Italicè. GH 20 u.v.m.). Seine Lateinkenntnisse waren offensichtlich nicht gut genug, um in genügendem Maße die Wörter interpretieren zu können: Non potuit Latinè declarare, sed gestum utcumque. (GH 20, gemeint ist eine Phrase aus Apollonios).
Auf diese Weise hat Crusius zusammen mit Stamatios Donatos Teile aus Ἄνθος Χαρίτων, Βελισάριος und die ᾿Iλιὰς von Nikolaos Loukanis, sowie den kompletten Ἀπολλώνιος aus der Ausgabe von 1564 gelesen. Im Fall des Apollonios hat Crusius seine Methode verbessert: die Seitenzahlen, in denen sich die gerade interpretierten Wörter befinden, werden am Rande notiert, da die Arbeit am Apollonios sich über mehrere Tage erstreckte66. – Auffälligkeiten der Verschriftlichung An einigen Stellen bei seinen Aufzeichnungen über Donatos ist folgende marginale Notiz aus der Hand des Crusius zu lesen: »φ, pro θ«. S. 201Hiermit wird die akustische Rezeption eines /f/ statt des erwarteten /θ/ signalisiert. Es handelt sich dabei um folgende Fälle:
παραφύρι, pars fenestrae, ein Leufer: pro, παραθύρι. (GH 10) ἐγὼ θέλω νὰ πλυφῶ, volo lavare. (GH 10) φρονὶ, θρόνος, solium, ubi Domini sedent. (GH 10) ἀστίφι, pectus. (GH 11) (Randnotiz: pro στῆθος) σπαφὶ, gladius. (GH 11) φικάρι, vagina. (GH 11) (Randnotiz: pro θήκη) οἱ γυναῖκες πάντα ὄμορφες φέλουν νὰ εἶναι: mulieres semper volunt pulchrae esse. (GH 11) (Randnotiz: φ , pro θ . φέλουν, pro θέλουν, ipse pronuntiabat.) σωθηκὰ, viscera, carnes intrinsecus. Ipse pronuntiat, σωφηκά. (GH 18) φήκη τοῦ λαβοῦτο, lautefuter. pro, θήκη. (GH 26) μάρθε, μὰ θὲ (.ipse dicit, φὲ.) sed vult. (GH 30) ὄρνιφες (.ὄρνιθες.) gallinae. (GH 49) φεμέλιο, θεμέλιος. (GH 50)
Cf. die Zusammensetzung in TG 188:
Cypricè τὸ θ, per f efferri. Ut, σπαφὴ, pro σπαθὴ, gladius. φηκάρι, pro θήκη, vagina. φρονὶ, θρόνος, solium. σωφικὰ, pro σωθικὰ, viscera. ὄρνιφες, pro ὄρνιθες, gallinae. Οἱ γυναῖκες πάντα ὄμορφες φέλουν νὰ εἶναι: mulieres semper volunt pulchrae esse. φέλουν, pro θέλουν.
Ähnliches berichtet Crusius auch über den Zyprioten Alexander Trucello67: τὸ θ. pronuntiat more Cyprio per φ. (GH 88).
Die Erklärung, die Crusius für diese Beobachtung liefert, geht von einer regionalen Besonderheit aus. Mit heutigen Begriffen ausgedrückt, glaubt Crusius, dass die Frikativa auf Zypern differenziert realisiert würden: das interdentale /θ/ werde als labiodentales /f/ realisiert. Ein solches Phänomen ist auf Zypern68 bekannt; ich glaube jedoch. dass es sich hier vielmehr um das bereits erwähnte (s. oben, S. 170 ff.) Problem der Verschriftlichung der Äußerungen der Informanten handelt.
S. 202Wie bereits MOENNIG69 bemerkt hat und weiter oben (S. 174 ff.) angeführt wurde, ist diese Verwechselung verständlich und auch zu erwarten. Hier geht es nicht so sehr um die Frage, ob Stamatios Donatos tatsächlich Zypriot war oder nicht, sondern um den Versuch, die Arbeitsweise des Humanisten und Lexikographen zu dokumentieren. Die editionstechnische Konsequenz dieser Besonderheit der Verschriftlichung ist es natürlich, dass die überlieferten sprachlichen Formen in ihrer Originalorthographie in der Teilausgabe ediert werden.
5.1.6 Auswertung
Crusius fand in Donatos einen willigen Helfer. Natürlich geschah das alles in gegenseitiger Übereinstimmung: Donatos hat bei Crusius übernachtet und gespeist; Crusius hat ihm geholfen, Geld zu sammeln. Dank dem deutschen Humanisten war es ihm erlaubt, vor der Kirche eleemosynam zu sammeln: Vesperi iterum ipse eleemosynam collegit, ante aliam Templi portam. .1. florenos. (GH 14)70.
Einen Eindruck von der Intensität der Arbeit der beiden Männer liefert folgende Tabelle:

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5.2 Andreas Argyrus und Lucas Argyrus
Jahr: 1581 (23. - 24. Januar)
Name: Andreas Argyrus
Lucas Argyrus
Dolmetscher: Ioannes Fridericus Weidner71
Griechische Form: κυρ-ἀνδρέας / κυρ-λουκᾶς ἀργυροῖ (GH 61)
GH 57-76
5.2.1 Persönliche Daten:
Es handelt sich um zwei Personen, um Lucas Argyrus, Sohn des Matthaius, und seinen Neffen Andreas (Venerunt ergo sic, ut dictum, ad me hi Graeci: Κυρ λουκᾶς, sexagenarius, semicanus: et κυρἀνδρέας, vir χαρίεις 36. annorum: D. Lucae è sorore nepos: cognomento ἀργυροῖ, de Argenteis: ex ins. Arcipelagi Σαντορήνη: cuius insulae castello S. Nicolai prefuerat D. Lucas, τοῦ ποτὲ ματθαίου ὑιὸς, tributarius Turcae. Sed ante triennium, pirata cum X. triremibus veniens, id castellum cepit, et destruxit funditus: καὶ τοὺς χριστιανοὺς ὅλους (.inquit D. Andreas.) τοῦ αὐτοῦ κάστρου αἰχμαλώτευσεν. GH 61, s. Abb. 6). Lucas Argyrus war als tributarius Turcae72 im Ort St. Nikolaus (Ἅγιος Νικόλαος?73) auf Santorini tätig.
Folgende Familienmitglieder (außer Lucas und Andreas, die in Europa jetzt unterwegs sind) leben in Gefangenschaft in Tripolis (GH 61, s. Abb. 4): ῥεγῖνα (Ρεγίνα), die Frau von Lucas; μανόλη, Manuel / ἀντώνιο (Μανώλης, Ἀντώνιος), die Söhne von Lucas und Regina (liberi ipsorum, also von Lucas); εἰρήνη (Εἰρήνη), die Schwester von Lucas; ἰωάννης τζίγης ( Ἰωάννης Τζίγης), der Ehemann von Εἰρήνη; S. 206 BildAbb. 6: GH 61: Notiz über die Famile der Argyri ἰωάννης, ματθαῖος, λουκᾶς (Ἰωάννης, Ματθαῖος, Λουκάς), die Kinder von Eirene und Ioannes. – Äußere Beschreibung Lucas ist 60 (sexagenarius GH 61), Andreas 36 (vir χαρίεις 36. annorum GH 61) Jahre alt. Beide sind von mittlerer körperlichen Größe; Lucas trägt einen Bart, seine Haare sind schwarz-grau; Andreas hat schwarze Haare und trägt einen schwarzen Bart, er ist in guter Verfassung und sehr höflich (Argyri, mediocris staturae viri sunt: Lucas, barbam et crines μελανόλευκος: Andreas verò, μελανόθριξ καὶ μελανοπώγων: bene coloratus in facie, humanissimus … GH 62). Sie haben schwarze Kleidungen an und tragen ihre Sachen in schwarzen Taschen mit; sie sind mit großen Gewehren bewaffnet, ihr Dolmetscher mit einem Schwert (Pallia nigra gestant, et sacculos. Item, scloppos πηχυαίους, uterque Graecus: solus verò Weidner, gladium GH 67).
5.2.2 Herkunft und Wohnsitz vor der Reise:
S. 207Von der Ägäisinsel Santorini (Σαντορίνη) (GH 61, s. oben 5.2.1.). 3 Jahre zuvor, im Jahr 1577 (s. Anm. 75), hatten Seeräuber mit 10 Schiffen den Ort überfallen und alle Bewohner in Gefangenschaft genommen. Seitdem leben alle oben erwähnten Familienmitglieder in Tripolis in Syrien (heute Libanon) (GH 61, s. oben.)
5.2.3 Zweck der Reise:
Sammeln das von den Piraten geforderte Lösegeld für sich selbst und ihre Familienangehörigen74: Quibus indicta est taxa 2.500 Cehinorum, sive tria millia Coronatorum, et septuaginta75. (GH 60). – Reiseroute Kreta (κρήτης); Zakynthos (σάτιφος); Ancona; Rom; Venedig; Gallia et Lutetia (Frankreich und Paris); Treveris (Trier); Moguntia (Mainz); Herbipolis, Wirtzburg (Würzburg); Augusta Vindelicorum (Augsburg); Ratisbona (Regensburg); Passavium (Passau); Saltzburg; Monacum (München); Constantia (Konstanz); Rotemburgum Neccari (Rotenburg / Neckar); Tybinga (Tübingen) (GH 62)
Weitere Ziele ihrer Reise: Auracum (Aurach in Franken?); Straßburg; Genf; rursus Galliam (Num Auracum (ibi noster princeps nunc: S. 208quem putabam Stutgardiae esse) petent. Deinde Argentinam, Genevam, et rursus Galliam. GH 62).
5.2.4 Bildung und Sprachkenntnisse, Kommunikation
Beide sind des Lesens und Schreibens mächtig. Lucas kann allerdings wegen Sehschwäche nicht schreiben: Senex, de imbecillitate visus conquaerens, nihil scripsit (GH 63). In Crusius’ Aufzeichnungen sind Texte von Andreas erhalten. Beim ersten Text handelt sich um eine Widmung, die er in eine von ihm an Crusius geschenkte Handschrift76 geschrieben hat:
τὸ αὕτο βυβλὴο ἐδοκὰ ἐγὼ ἀνδρέας, ἀργυρος καὶ ὠ θίος μοὓ ο
κύρ λουκάς δϊα μῒκρὴ θίμυσΐ του κυρίου, Μαρτηνόυ κρουσϋου
ἀξιοτάτου διδάσκαλου.
Εγὼ ανδρέας ἀργύρος ἐκ νυσιου σανδορήνη ἢ + (in margine: fort.
τοῦ) ἀρτζήπελάγου. (GH 63)
Lege: τὸ αὔτο βιβλίο ἔδωκα ἐγὼ ἀνδρέας ἀργυρός καὶ ὁ θεῖος μου ὁ κύρ-λουκᾶς
διὰ μικρὴ θύμηση τοῦ κυρίου Μαρτίνου Κρουσίου, ἀξιότατου διδάσκαλου. ἐγὼ
ἀνδρέας ἀργυρός, ἐκ νησίου σανδορίνη ἢ ἀρτζιπελάγου. Wie man auch aus Abb. 7 entnehmen kann, ist nur eine Kopie aus der Hand des Crusius erhalten, in der Orthographie des Originals. Warum hat sich Crusius diese Mühe gemacht und den Text ›diplomatisch‹ aufgezeichnet? Meines Erachtens betrachtet er diesen kurzen Text als einen interessanten Beleg der ›vulgaris lingua graeca‹, der seinen Platz (im Sinne einer Archivierung) zusammen mit den übrigen Notizen S. 209 BildAbb. 7: Ausschnitt aus GH 63, Kopie der Zueignungsschrift des Andreas
Argyros aus Crusius’ Hand
über die Person, die ihn geschrieben hat, haben muss und deswegen dort von seiner ursprünglichen Stelle kopiert wird. Dass Crusius die Orthographie überhaupt nicht verbessert, obwohl er meiner Meinung nach durchaus dazu in der Lage gewesen wäre, beweist ferner, dass er diesen Text eher als eine Art festzuhaltende ›Urkunde‹ (in etwa ›wie ein Grieche seine Sprache schreibt‹) betrachtet und nicht so sehr an dessen Inhalt oder, besser gesagt, seiner grammatischen Form interessiert ist.
Der eindeutig unerfahrene Schreiber kann einen einigermaßen syntaktisch einwandfreien Text produzieren, der die hier vorliegende Funktion trotz der Anorthographie voll und ganz erfüllt. Die schenkenden Personen sind genannt, Crusius wird gemäß seiner von den Griechen erkannten beruflichen Qualifikation (διδάσκαλος) benannt, der Herkunftsort des Schenkenden wird als zusätzliche Identifizierung am Ende ebenfalls angegeben. Andreas Argyrus erkennt also die hier von ihm erwartete Textart und produziert einen entsprechenden Text nach seinen Kenntnissen.
Wichtig scheint mir auch die Information, dass er diese Handschrift offenkundig deswegen besaß, weil er mütterlicherseits mit dem Schreiber Iacobus Episco(po)poulos aus Paris verwandt war (GH 63, s. S. 210Anm. 76). Auf ihrer Reise haben die beiden Griechen also die europäischen Orte besucht, in denen sie auf die Hilfe von verwandten griechischen Migranten rechnen konnten, etwas was übrigens bis in unsere Zeiten praktiziert wird. Andreas Argyrus besaß also diese Handschrift aller Wahrscheinlichkeit nach nicht als Reiselektüre, sondern als eine Art materielle Unterstützung seitens seines Verwandten in Paris.
Aus der Hand des Andreas Argyrus selbst ist folgende Notiz auf GH 59 (In margine: Manus D. Andreae Argyri ad me M. Crusium 23. Ianu. 1581. meridie.) erhalten (s. Abb. 8):
δοὒλ(ος) ταπήν(ος) τής κηρίοτί σου αδρε(ας) αργιρος ηνα δέ ετε καὶ να παρα καλή τον κ(ύριο)ν διά τή κειριωτήτα σου να λαβή τηναίωνηο ζοή αδρε(ας) αργήρ(ος) ἕκ νισή(ου) σανδορήνη λούκας αργίρος θή(ος) μου γραφό ἔγω ανδρεας ο ανοθε δί ταυτό
Lege: δοῦλος ταπεινὸς τῆς κυριότης σου, ἀνδρέας ἀργύρος· ἵνα δέεται καὶ νὰ
παρακαλῆ τὸν κύριον διὰ τὴ κυριότητά σου νὰ λάβη τὴν αἰώνιο ζωή.
ἀνδρέας ἀργύρος ἐκ νησίου σανδορίνη.
λούκας ἀργύρος θεῖος μου· γράφω ἐγὼ ἀνδρέας ὁ ἄνωθε δι<α>τ’ αὐτό. Die Ligaturen des Originals werden hier (entgegen der oben erwähnten Grundsätze der Transkription) angegeben, um dem Leser ein vollständiges Bild des Autographon zu geben. Die Verwendung von Ligaturen, wie wir sie von Berufsschreibern kennen, gehört zum normalen Schreiben auch eines unerfahrenen Schreibers, weil sie ein flüssigeres Schreiben erlauben und unabdingbarer Teil des Lese- und Schreibunterrichtes waren.
Versucht man anhand dieses und des vorigen Textes zu Schlussfolgerungen über Andreas’ Bildung zu kommen, so kommt man zu dem Ergebnis, dass er höchstwahrscheinlich keine ›höhere‹ Ausbildung im Sinne eines Studiums der griechischen Sprache genossen hat77. Er konnte lesen und schreiben und war durchaus in der Lage, Texte zu produzieren, die die Funktion, für die sie gedacht waren, erfüllt haben. S. 211 BildAbb. 8: Ausschnitt aus GH 59, Autographon von Andreas Argyrus
Ein weiterer Text des Andreas Argyros mit einer Aufzählung der Ägäisinseln in ›diplomatischer‹ Umschrift des Crusius ist in GH 63-5 überliefert, er wurde von Crusius in TG 206-8 veröffentlicht.
Beide Griechen sprechen außerdem Italienisch (Ipsi ambo etiam sciebant Italicè. GH 61). Die Kommunikation mit Crusius wurde auf Griechisch und Italienisch abgewickelt; Crusius sprach Griechisch (Graecè), die beiden Griechen Frühneugriechisch (vulgariter). Andreas Argyros konnte in etwa Griechisch und Latein verstehen. Da Crusius wegen der mangelnden Übung wohl nicht sehr fließend Italienisch reden konnte, wurde auch der Dolmetscher eingeschaltet; Crusius sprach mit ihm Deutsch und Latein, er hat auf Italienisch gedolmetscht (Locuti sumus inter nos, partim Graecè (.ipsi vulgariter. Andreas, quaedam veteris Linguae Graecae, ut et Latinae, intelligit.) partim Italice (.licet ego diu non exercuerim.) partim per Weidnerum cum eis egi: mihi Germanicè et Latinè (.loquaebatur cum eis Italicè.) interpretantem. GH 61-2)78.
5.2.5 Tätigkeit als Informant und erhaltenes Material
S. 212Als Informant agiert hauptsächlich Andreas, Lucas bleibt im Hintergrund und beantwortet nur nach Bedarf die Fragen des Crusius; die Arbeit findet während des Essens statt, auch davor und danach (Andreas … ex quo multa (sequaentur postea.) vulgaris linguae vocabula annotavi, tum in mensa, tum antea et postea: adiuvante etiam fideliter ipso Luca, qui paucioris est sermonis: sed ad quaesita, benignè respondet. GH 62-3). Für ihre Mühe bei der Interpretation der Vocabula und die von ihnen an Crusius geschenkte Handschrift wurden sie von Crusius entlohnt (ego eis .1. Italicum coronatum dedi: praesertim propter libellum mihi donatum, et multa vocabula explicata. GH 66).
Crusius hat zusammen mit den beiden Argyri folgende Texte interpretiert: Werk (Exemplar) Anzahl der glossierten Wörter 1. Γλυκύς Γιοῦστος, Πένθος Θανάτου, ζωῆς μάταιον καὶ πρὸς θεὸν ἐπιστροφή [A10] 37 2. *Μάρκος Δεφαράνας, Λόγοι διδακτικοὶ τοῦ πατρὸς πρὸς τὸν υἱόν [B7] 64 3. Μανουήλ Μαλαξός, Περὶ τῶν πατριαρχῶν ὁποῦ ἐπατριέρχευσαν ἐν τῇ καθολικῇ μεγάλη ἐκκλησία τῆς Κωσταντινουπόλεως […]79 65 4. *Ἱστορία φιλαργυρίας μετὰ τῆς περηφανίας [B4] 75
Anzahl: 241
Glossen: 241 Dazu Wörter aus Befragung 55 + 1480
Summe: 310
S. 213Im Gegensatz zu Donatos’ Besuch, wo die Wortlisten mit den Glossen und die Vocabula zusammen und gemischt mit den übrigen Notizen aufgezeichnet worden sind, hat Crusius hier seine Methode verbessert. Die interpretierten Wörter sind getrennt von den übrigen Notizen in pagg. 68-76 aufgezeichnet. Mit Überschriften werden Wörter unterschiedlichen Ursprungs (Texte oder Befragung) voneinander getrennt, für Glossen, die aus der Ἱστορία πατριαρχική stammen, schreibt Crusius am linken Rand die entsprechende Seitenzahl aus der Handschrift mit auf (s. Abb. 9, S. 214).
Da Andreas Argyrus, wie bereits oben erwähnt, selbst lesen konnte, verläuft seine Zusammenarbeit bei der Glossierung der Texte anders als bei Donatos. In der Überschrift, die den Wortlisten in GH 68 vorausgeht, lesen wir: SEQUUNTUR VOCABULA || ferè 300||, quae mihi praecipue à D. Andrea exposita sunt: saepe contextum libellorum inspiciente. Andreas liest demgemäß des Öfteren aus dem entsprechenden Buch des Crusius mit, seine Explicationes berücksichtigen den Gesamtkontext und sind daher präziser als die von Donatos. Dies heißt meines Erachtens nicht, dass Argyrus auch bei der Wahl der zu interpretierenden Vocabula mitgewirkt hat, es war weiterhin allein Crusius’ Aufgabe sie zu bestimmen.
Crusius hat wohl laut aus den Texten vorgelesen und die zu interpretierenden Wörter oder Wortgruppen, wie bei Donatos, hervorgehoben; Andreas Argyrus kann bei Bedarf den Originaltext konsultieren, er liefert seine Explicationes entweder auf Italienisch oder Griechisch bzw. Frühneugriechisch. S. 214 BildAbb. 9: GH 70, Wortliste aus der Befragung von Andreas Argyrus Abb. 10: Auszug aus GH 75, Vocabula aus der Befragung nach Gegenstän-
den von Andreas Argyrus
S. 215– Befragung nach Gegenständen Die Befragung nach Gegenständen wird hier ebenfalls praktiziert, als Aufhänger gilt die jeweilige Situation, in der sich die Männer befinden. In GH 75 (s. Abb. 10, S. 214) findet die Befragung während des Essens statt. Am 24. Januar haben Crusius und seine Gäste Fisch gegessen, Lucas Argyrus erklärt Crusius, welche Teile ein Fisch hat (In piscibus (habebamus .24. Ianu. apud me in prandio) partes sunt 1. κεφαλή 2. μέσο, medium corpus 3. ὀρὰ, cauda. D. Lucas dicebat. GH 75, s. Abb. 10, S. 214). Dieser mehr oder weniger improvisierte Anatomieunterricht wird ergänzt durch weitere Vocabula zum Thema Essen und Essensutensilien:
κουτάλι, coclear. [→ κουτάλι, τό] πισάρια, pisum, aerbis. [→ πισάρι, τό] τρισσοῦρι (Cyprice) poculum, ποτήριον. [→ τρισσούρι, τό (?)] τὸ χέρι [→ χέρι, τό] vel μανίκι [→ μανίκι, τό], τοῦ κουταλίου, stil des löffels. ζουμὶ [→ ζουμί, τό], suppen. σαβόρε[→ σαβόρι, τό], ius, brüe.
Weshalb Crusius das sonst nicht belegte τρισσούρι als »zypriotisch« bezeichnet, ist mir nicht klar, vermutlich hat einer der Informanten ihm diese Informationen gegeben. Die Fischsoße, die mit einem aus dem Italienischen übernommenen Lehnwort (σαβόρε = alt Ital. savore) wurde anscheinend mit Brot gegessen, denn ebenfalls in dieser Stelle lesen wir:
βαλεῖ ψωμὶ μέσσα εἰς τὸ μαγείρεμα [→ βάλλω], interere in iusculum, seu menestram.
Die nicht belegte Form βαλεῖ muss meiner Erachtens als ein akustisch nicht richtig rezipiertes νὰ βάλει ψ. interpretiert werden. – Auffälligkeiten der Verschriftlichung In nur einem Fall treffen wir auf sichere Hinweise für eine problematische akustische Rezeption seitens des Crusius’:
GH 74: μπόσκω, sylva, δάσσο, pronunt. φάσσο.
Das ursprüngliche Wort italienischen Ursprungs (μπόσκω [-ο] = ital. bosco) aus *HIST. PHIL. PER. (363 Κ’ εἰς τὴ Ρεβέννα βρέθηκε εἰς ἕνα S. 216μπόσκο μέσαν) wird neben dem lat. »sylva« mit dem frühneugriechischen Wort δάσσο [δάσο] (belegte Variante von δάσος, s. KR) ›Wald‹ interpretiert; das interdentale /ð/ wird von Crusius als labiodentales /f/ rezipiert, ein Problem, das bereits angesprochen wurde (akustische Rezeption des /θ/, s. weiter oben, S. 173 ff.). Es liegt jedoch die Vermutung nahe, dass hier die Verschriftlichung mit Hilfe von Andreas Argyrus gemacht worden ist; wäre Crusius allein vom Gehörten ausgegangen, hätte er vermutlich doch das von ihm gehörte φάσσο und nicht das ›richtige‹ δάσσο geschrieben.
5.2.6 Auswertung
Genau wie bei Donatos geschah die Zusammenarbeit beider Seiten im gegenseitigen Interesse. Crusius hat Informationen gesammelt, die Griechen bekamen finanzielle Unterstützung für die Erfüllung des Zwecks ihrer Reise (GH 66). Wegen des kürzeren Aufenthaltes der beiden Männer ist der Umfang des sprachlichen Materials viel geringer als bei Donatos81, dafür hat Crusius die Schriftproben aus der Hand von Andreas Argyrus bekommen, die Explicationes sind – auch wegen der besseren Verständigungsmöglichkeiten – präziser als bei Donatos.
War Crusius’ hauptsächliches Motiv bei der Befragung des Donatos’ so viel wie möglich über die ›vulgaris lingua graeca‹ zu erfahren (s. oben 5.1.6, S. 202 ff.), so nennt Crusius jetzt ein weiteres Motiv, das ihn zur Befragung seiner Besucher geführt hat. In GH 65 wird erklärt, warum Crusius Andreas Argyrus um die erwähnte Beschreibung der Ägäisinseln gebeten hat: Has mihi descripsit, quia rogaram: si quid de rebus Graeciae haberunt, mihi annotarent: ut Historiae Barbarograecae, quam Latinè converterem, addere possem: ut unà cum nomine ipso ipsorum exiret.
S. 217Crusius wünscht sich, dass die Historia Barbarograeca82, die er derzeit ins Lateinische übersetzte und später in seiner Turcograecia zusammen mit der Übersetzung herausgab, durch weitere Informationen über das zeitgenössische Griechentum ergänzt würde. Er führt, mit anderen Worten, die Befragung seiner Informanten dieses Mal eindeutig mit dem Plan der Veröffentlichung des Materials in der Turcograecia im Hinterkopf durch, der spontane Charakter der Befragung von Donatos (wo Crusius assoziativ von Thema zu Thema gesprungen ist) besteht nicht mehr, seine Aufzeichnungen sind diesmal besser sortiert.
5.3 Alexander Trucello
S. 218Jahr: 1582 (16. - 17. April)
Name: Alexander Trucello
Begleitende Personen: Martinus Rolleon83 und seine Frau
Griechische Form: τρουτζέλλο / τῷ ἀγαπητῷ εἁυτοῦ φίλῳ
Ἀλεξάνδρῳ τρουτζέλλῳ84
GH 79-90
5.3.1 Persönliche Daten
Trucello hat einen Bruder (Marcus) und eine Schwester (Helena), die in türkischer Gefangenschaft in Konstantinopel leben. (Anno 1582. die 16. April. mecum fuit, Alexander Trucello, τρουτζέλλο, Cyprius, Nicosiensis, eleemosynae colligendae causa. Nam Constantinopoli captivus detinetur frater eius Marcus, et soror Helena. Capti sunt, quando Nicosiam ceperunt Turcae. Cogitur ergo ipsos redimere .200. Zecchinis. Testimonium membraneum habet à Papa Gregorio 13°. datum anno .1580. novo Cal. Mart. Romae. GH 79).
Trucellos Vater und Mutter sowie zwei weitere Brüder und eine Schwester sind in türkischer Gefangenschaft gestorben (καὶ μοιλέει [μoῦ λέει?], ὄτι ὁ πατέρας μου ἐπάφενε (ἔθανε) καὶ ἡ μητέρα, καὶ δύο S. 219ἀδερφοί, καὶ μία ἀδερφὴ, εἰς τὰ χέρια τῶν τουρκῶ ἀπόθαναν σκλάβοι GH 8585).
Vor seiner Gefangenschaft war er als Bauer in Nicosia tätig gewesen, hatte Olivenöl, Baumwolle und allerlai früchten verkauft. (Graecus ante captivitatem exercuit culturam agrorum et fructuum: hat verkaufft öl, baumwollen, allerlai früchten, Nicosiae. GH 88). – Äußere Beschreibung: Ungefähr 40 Jahre alt, von aufrechter Haltung und mittlerer Größe; trägt einen schwarzen Bart (auff hofmaennisch gekürzt); hat ein dunkles Fell und dunkelfarbige Socken an (Vir est iusta staturae, barba nigra [in margine, rechts: auff hofmaennisch gekürtzt], pelle fusca, σαράντα χρόνους aetatis habens. GH 79; Alexandri vestitus, pallium nigrum, tibialia cerulea, pileus niger. Er ist auch nit gros. GH 90).
5.3.2 Herkunft und Wohnsitz vor der Reise
Aus Nicosia auf Zypern (GH 79, s. oben 5.3.1). Bei der Eroberung der Insel durch die Türken werden Trucello und seine Familie am 9. September 1570 in Nicosia versklavt. Über Trucellos Schicksal seit diesem Zeitpunkt sind wir sehr gut unterrichtet, da er Crusius in einer umfangreichen Erzählung seine Abenteuer geschildert hat. Diese Erzählung im ›Originalton‹ seines Besuchers hat Crusius in GH 80-87 aufgezeichnet86. Das besonders Aufregende für Crusius dabei muss gewesen sein, dass Trucello als Sklave in der türkischen Flotte gedient hat und Augenzeuge der Schlacht von Lepanto im Jahr 1571 geworden ist87.
S. 220Aus dieser Erzählung erfahren wir, dass Trucello nach der Niederlage der türkischen Flotte die Flucht nach Korfu gelingt; von dort aus fährt er, befreit aus der türkischen Gefangenschaft, nach Venedig und Europa.
5.3.3 Zweck seiner Reise
Von Venedig aus hat er, unter Vermittlung des venezianischen Botschafters, die Freilassung seiner Geschwister in Konstantinopel arrangieren können; seitdem versucht er, das Lösegeld (200 φλουρία) zusammenzutreiben (καὶ ἔστειλα εἰς τὸ βάϊλο τῆς βενετίας γραφὴ: … νὰ κάμη γιὰ ὄνομα θεοῦ νὰ μοὶ λύσει [μιλήσει] εἰς τὸν τοῦρκο, ἀπὸ τοὺς ἔχει σκλάβους, ἂ φελήσει [θελ-] (.si velit.) νὰ τοὺς κάμη ξαορά (.τάγλια, taglia, taleam.). ὁ βάϊλος, πὸ ἔκαμε αὐτόνε, ἀποὺ τὸ ἔγραψα … καὶ ἔκαμε τῇ [τὴ] ξαορὰ διακόσχα φλουρία … GH 85). – Reiseroute Venedig; Rom (ῥώμα); σένα τῆς τοσκάνας (Sienna); φιωρένζα (Florenz); μπολόγνα (Bologna); φερράρα (Ferrara); πάδοα (Padua); wieder Venedig; τρευίσο (Treviso); βιτζέντζα (Vicenza); βερόνα (Verona); βρέσσα (Brescia); μπέργαμο (Bergamo); εἰς τὴν μιλάνο Mailand; εἰς τὴν βιγάβανι (.non Genevam. Illic macht man Corellem.) (?); βάρα (?); εἰς τῆ [lege –η] βερζέλλι (?); τουρῖνο, ὅπου στέγη ὁ δούκας τῆς σαβόϊας (Torino); γένουα (Genua); δορτῶνα, ὅπου στέγη ἡ Μαδάμα δελλ λορένα (?); μπάρμα (Parma); μάντουα (Madua); über den Po wieder nach Venedig; wieder Treviso; τῆ [lege -η) σαραβάλα (?); λιγκαδόρα (?); εἰς τὸ ἰσπρούκκι. ὅπου στέγη ὁ δούκας (Innsbruck); μίνικο (München); ῥέσποργ (.Regenspurg.) (Regensburg); εἰς τὸ πάσσι, ὅπου στέγη ἐπίσκοπος (Passau); εἰς τὸ σάλτζβουρ (Salzburg); wieder München; εἰς τὴν ἀούστα (Augsburg); οὔλμα (Ulm). Alle Informationen aus Trucellos Reisebericht, GH 85-87.
5.3.4 Bildung und Sprachkenntnisse
Des Schreibens und Lesens nicht mächtig (Hortatus sum Alexandrum: ut mihi scribat vulgariter Graecè (.Venetiis, aut aliunde.) per aliquem S. 221(.quia ipse, nec legere, nec scribere, novit.) quia hoc Donatus et Argyri non faciant, cum tamen promiserint. GH 89).
Er spricht gut italienisch (Loquitur etiam bene Italicè. GH 88).
5.3.5 Tätigkeit als Informant
Crusius hat auch mit Trucellos Hilfe in bewährter Art und Weise versucht, literarische Texte zu glossieren; die Kenntnisse seines Informanten waren allerdings eher gering. (Quaesivi ex Alexandro quaedam vulgaria Graeca vocabula: quorum quaedam mihi exposuit, multa etiam ignorans. GH 88). Als einzige Texte werden ALEXANDROS [A1] (wo er aber die Bedeutung von vielen Wörtern nicht kennt: multa etiam ignorans, s. oben) und *RE SKOTSIAS [B9] (Interim vocabula mihi vulgaris linguae, ἐν ἱστορίᾳ τοῦ ρὲ τῆς σκότζιας, etc. explicavit. GH 90) genannt.
Crusius hat Trucello ebenfalls über seinen ersten Besucher Donatos befragt: laut Trucello befindet sich Donatos gegenwärtig in Innsbruck, ihm fehlt aus dem Lösegeld nicht mehr viel (Ait Alexander, Stamatium Donatum adhuc esse nunc Oeniponti: eique ad λύτρον deesse .50. Aureos. GH 89). Wie bereits erwähnt, kennt Trucello den Herkunftsort von Donatos auf Zypern nicht (GH 89, zitiert weiter oben, Anm. 41, S. 187). – Aufzeichnung von Erzählungen Dass die Glossierung mit Trucellos Hilfe anscheinend nicht geklappt hat, dürfte auch der Grund dafür gewesen sein, warum Crusius Trucellos Erzählungen aufgezeichnet hat. Neben der oben erwähnten ›Peregrinatio‹ – für ihre schriftliche Aufzeichnung waren 3 Stunden nötig (Ex hora autem .1a. usque ad .3a. et à .5a. usque ad .6am. excepi ego praecedentem Graecam narrationem, ex ore Alexandri, in hypocausto superiore, ubi .2. convictores mei habitant. GH 88-9) ‹ – ist eine weitere kürzere Erzählung Trucellos über einen Volkshelden von Famagusta namens »Marmaras« in GH 79-80 (s. Abb. 11) erhalten.
Aus beiden Erzählungen werden hier kurze Auszüge herausgegeben, damit der Leser sich ein Bild über die Verschriftlichung der S. 222 BildAbb. 11: Ausschnitt aus GH 79, Teil der Erzählung Trucellos über den
Volksheld ›Marmaras‹
Berichte machen kann. Die Erzählung über den Volksheld »Marmaras« ist in GH 79-80, den ersten beiden Seiten der Aufzeichnungen Crusius’ über Trucello, direkt nach einem ersten ›Absatz‹ über Trucellos Herkunft und Zweck seiner Reise überliefert88:
(In margine: De marmara Heröe. Decollatus est, cum esset conburendus: quia ὑποκρίσει multos Turcas occiderat) μαρμαρᾶς ἐβιέννε ||anderva|| εἰς τὸν πόλεμο καβαλλάρης μετὸ [μὲ τὸ] κοντάριο: καὶ ἐπίανε ἔναν τοῦρκο ἀποπάνω ἀπὸ τάλογο [τ’ ἄλογ.]: καὶ τὸν ἐξησέλλησε [ἐξι-] ἀπὸ τῆ σέλλα: καὶ τόνε ἐσύκονε [ἐσήκ.] με τὸν κοντάριο: καὶ τὸν ἔπερνε [ἔπαιρ-] μέσα εἰς τὴν ἀμόγουστο [Ἀμμ-]: καὶ τὸν ἔπερνε [ἔπαιρ-] ἄμπροστα τοὺς ἀφεντάδες. οὕτως ἄνδρας δυνατὸς ἤτανε. (GH 79)
Hier treffen wir auf bekannte zypriotische Formen (ἐξησέλλησε < ξησελλίζω, s. KR s.v. ξεσελίζω) aber auch auf Formen, die in Kr nicht thesauriert worden sind, wie die Verbform ἐβιέννε (< βγαίνω?), ἄμπροστα (< ἐμπρός). Dieser Text stellt eine verschriftlichte mündli- Abb. 12: Auszug aus GH 84, Teil von Trucellos »Peregrinatio«S. 223 Bild che Erzählung dar, daher verwundert uns überhaupt nicht, dass fast alle Sätze hier (und im nächsten Text) mit καί eingeleitet werden89.
Im Folgenden kleinen Auszug aus der »Peregrinatio« Trucellos (s. Abb. 12) geht es um seine Flucht vom Festland nach Korfu, was das Verlassen des osmanischen Gebiets und seine Freiheit bedeutete:
(In margine: Trucelli φυγὴ) καὶ ἐπήγα εἰς τὴν πρέβεσα [-ζα]: καὶ ἀπέκχι ἐπίγα [ἐπῆ-] σταϊάννινα [στὰ ἰάνν-]: καὶ ἀπέκχι ἐπήγα εἰς ἀγία μάβρα (.S. Mauram.) καὶ ἀπέκχι ἐπία ἔξι μέραις [-ες], νὰ πάω εἰς τὸ βότροντο, ἀποπιάνου [ἀπὸ πιάνου] τὰ ψάρια (.ubi capiuntur pisces.) καὶ τρῶν εἰς τοὺς κορφοὺς (.eduntur Corcyrae.). καὶ ἐκεῖ εὑρῆκα μία βάρκα: καὶ με ἐπέρασε εἰς τοὺς κορφοὺς: καὶ ἐγλύτοσα [-ωσα] με τῆ χάρι [-η] τοῦ δεσπότη χριστοῦ. καὶ ἀπέ||κ||χι ἐστάφηκα [ἐστάθ-] πολλαῖς [-ές] ἠμέραις [-ες] εἰς τοὺς κορφοὺς εἰσόστι νὰ εὐρήκω καράβη [-ι], νὰ παέννη||ω|| τῆ ||στῆ|| βενετία: εἰς τόσο ἀπὸ βεὸς [θε-] ||Deus|| S. 224ἀπόστειλε ἔναν καράβη [-ι] ἀπὸ τὴν κρήτη φορτομένον κραζζιὰ: καὶ ἐκεῖνο με σύκοσε [σήκω-], καὶ με ἐπήρε ὡς τὴν βενετία. (GH 84)
In unserer Präsentation wurden nur offensichtliche ›Fehler‹ Crusius’ restituiert: die Hyperkorrektismen bei der Endung -ές, andere ›falsch‹ geschriebene Endungen, zusammengeschriebene Wörter, (σταϊάννινα, ἀποπιάνου) die Crusius gewiss nicht richtig rezipieren konnte, weil er die einzelnen Elemente noch nicht beherrschte oder während der Verschriftlichung akustisch nicht rezipieren konnte; darüber hinaus treffen wir auf einen Fall (ἐστάφηκα) der bereits bekannten Verwechslung von φ und θ, allerdings könnte es sich hier um einen tatsächlichen Fall einer dialektischen Realisierung von θ als /f/ handeln90. Dieser Interpretation sind jedoch in diesem Fall Grenzen gesetzt: wenn wir davon ausgehen, dass unsere Analyse stimmt und Crusius sowieso das interdentale /θ/ nur als labiodentales /f/ akustisch rezipieren konnte, wie können wir sicher sein, dass er hier tatsächlich /f/ gehört hat? – Befragung nach Gegenständen In GH 90, der letzten Seite der Aufzeichnungen Crusius’ über Trucello ist eine kurze Liste mit 21 Vocabula aus der Befragung zu lesen. Wie bei Argyrus hat Crusius während des Essens Trucello befragt:
In mensa 16. April. μαγέρεμα, menestra, pulmentum. [→ μαγείρευμα, τό] φλαόνη, fladen, laganum. [→ φλαόνι, τό (?)] τυρὶν, caseus. [→ τυρίν, τό] μαραφόνη, kaeskraett. [→ μαραφούνι, τό]
– Auffälligkeiten der Verschriftlichung Über Trucellos Aussprache lesen wir folgende Notiz Crusius’ (s. Abb. 13):
S. 225 BildAbb. 13: Ausschnitt aus GH 88, Bemerkung über Trucellos Aussprache
__ __
(in margine: littera θ΄. 10. / στ. ) τὸ θ . pronuntiat more Cyprio per φ .
___ ____
Item pronuntiat τὸ ἱστία91, per σ 92 non per sch t. (GH 88).
More Cyprio per φ heißt im ersten Fall nichts Anderes, als dass Crusius bei Trucello genauso wie bei Donatos, (der angeblich auch aus Zypern kam, vgl. aber die oben erwähnten Zweifel an Donatos’ Herkunft [S. 186-7]), statt des erwarteten »θ« ein /f/ gehört hat. Dieses Problem wurde hier schon mehrmals angesprochen.
Etwas schwieriger zu interpretieren scheint mir der zweite Fall zu sein: Wir müssen zuerst herausfinden, welche Wortform mit ἱστία gemeint ist, da Crusius’ Bemerkung über Trucellos Aussprache nicht zusammen mit den Vocabula aus der Befragung aufgezeichnet worden S. 226war, sondern nach dem Ende der längeren Erzählung, direkt nach der bereits erwähnten Stelle (s. oben S. 221) über die erfolglose Glossierung des ALEXANDROS und die Notiz über Trucellos Italienischkenntnisse. Die Form ἱστία kommt allerdings in Crusius’ Aufzeichnungen über Trucello bis zu dieser Stelle nicht vor.
Die Form ἱστία kann nun auf zwei unterschiedliche Weisen interpretiert werden:
α) Als belegte Variante von ἑστία, ἡ; die häufigste Bedeutung lautet
›Kamin‹ oder einfach ›Feuer‹ (s. KR, s. v.). Vielleicht handelt es
sich hier also um eine Glosse aus ALEXANDROS (die Form ἱστία
ist dort vier Mal belegt [Verse 1595, 2069, 2247], in Crusius’
Exemplar ist aber an keiner dieser Stellen eine marginale oder
interlineare Glosse zu lesen).
β) Als Plural von ἱστίον, τό (›Segel‹); dies kann jedoch mit dem üb-
rigen Kontext der Aufzeichnungen des Crusius’ in keiner Weise
in Verbindung gebracht werden. Für ἱστία < ἑστία gibt es eine zusätzliche plausible Erklärung: Crusius hat mit seinem Informanten, wie bereits erwähnt, in seinem beheizten Zimmer (hypocaustum) gearbeitet, ἱστία könnte also ein Ausdruck Trucellos für den dort vorhandenen Kamin gewesen sein. Das Wort muss Crusius bereits bekannt gewesen sein, er hatte es bereits mit Donatos’ Hilfe in APOLLONIOS glossieren können: GH 22: τὴν ἰστία, ignem. [11.33/367]. Darüber hinaus setzt die Form ἱστία < ἱστίον eine gewisse Bildung voraus, die Trucello, wie wir gesehen haben (s. oben, S. 220-1), nicht besaß.
Ich interpretiere also die Form ἱστία als Variante von ἑστία, für mich kommt keine andere dialektale Form in Frage. Crusius notiert, wie Trucello das Wort bzw. die Konsonantengruppe ausgesprochen hat (mit »σ« statt mit »scht«), und benutzt dabei zwei unterschiedliche graphematische Systeme: das griechische (per σ) für Trucellos tatsächliche Aussprache und das frühneuhochdeutsche (non per scht) für die von ihm selbst erwartete.
Ein weiteres Problem ergibt sich aus der Tatsache, dass Crusius in seiner Notiz nur den griechischen Buchstaben σ für die graphematische Darstellung der Aussprache der Konsonantengruppe /st/ (inS. 227 ἱστία) benutzt. Bedeutet dies, dass Trucello tatsächlich ἱστία als »ἱσία«, ohne /t/ also, ausgesprochen hat? Ich glaube, dass dies hier nicht der Fall ist, sondern, dass Crusius sich hier eine kleine Unaufmerksamkeit geleistet hat93 und einfach σ statt στ (oder ς) geschrieben hat.
Welchen phonologischen Wert Crusius dem griechischen Buchstaben zuschreibt, können wir seiner Grammaticae Graecae, cum Latina congruentis, Pars Prima94 entnehmen: In der Auflistung der griechischen Buchstaben (S. 2) dort, lesen wir für σ:
Nomen Figura Potestas Sigma σ ς Σ s
Der lateinische Buchstabe »s«, der hier als Potestas95 von Sigma angegeben wird, entspricht im Frühneuhochdeutschen dieser Zeit dem stimmhaften frikativen Laut [z] (s. die entsprechende Tabelle in EBERT/REICHMANN/WEGERA 1993: 131). Crusius’ »per σ« bedeutet also – unter der Annahme, dass meine vorige Analyse stimmt –, dass er eventuell etwas wie [iztia]96 aus Trucellos Mund gehört hat.
Crusius’ »sch« wiederum (non per scht) entspricht mit ziemlicher Sicherheit dem stimmlosen, palatoalveolaren [ʃ] des Frühneuhochdeutschen seiner Zeit (EBERT/REICHMANN/WEGERA 1993 ebd.). Wir können also seine Bemerkung über Trucellos Aussprache folgendermaßen zusammenfassen: Statt des erwarteten [iʃtia] hörte er etwas wie [iztia]. Das heutige Zypriotische besitzt zwar einen Laut, den S. 228NEWTON (1972: 23) als »apico-domal, voiceless, rill fricative, fairly fortis when geminate or after a stop« beschreibt. Dieser ist jedoch kein Allophon von /s/ und ist nur in Lehnwörtern zu finden (s. die Beispiele in NEWTON 1972: 31). Belege für ein solches dialektales zypriotisches /š/ sind in Crusius’ Aufzeichnungen über Trucello zu finden: Auf GH 81 lesen wir ὁ μπασχᾶς (für ὁ πασᾶς < türk. paşa, die Variante μπασάς ist in Kriaras Lexikon belegt; auch GH 82). Diese Schreibung kommt zwar nur sporadisch vor – an anderer Stelle (GH 80) lesen wir ὁ μπασᾶς –, sie kann aber als Beweis dafür gelten, dass Crusius ein genaues ›Ohr‹ hatte, und solche lautlichen Differenzierungen, (die darüber hinaus auch in seinem eigenen phonologischen System vorhanden waren), rezipieren konnte. Ein anderer dialektaler zypriotischer Laut (/ç/ oder /č/, s. NEWTON 1972: 23-26) ist sogar regelmäßig in der Form ἀπέκχι (für ἀπέκει) in Trucellos »Peregrinatio« zu lesen.
Trucello muss meines Erachtens das Wort ἱστία normal ([istia]) ausgespochen haben; Crusius hat eine Aussprache mit einem [ʃ] Laut erwartet, weil dies der normale Fall im Frühneuhochdeutschen wäre. Er notiert also eine Abweichung der frühneugriechischen / zypriotischen Realisierung einer Konsonantengruppe durch seinen Informanten von seinem eigenen phonologischen System. Ich verstehe diese Notiz als einen Teil seines »Sprachunterrichts« des Frühneugriechischen, der, wie bereits erwähnt, mit Hilfe seiner Informanten stattgefunden hat. Eine solche Interpretation ist jedoch teilweise spekulativ, weil sie auf vielen nicht rekonstruierbaren Faktoren basiert.
Dieser Fall kann aber als exemplarisch für die bereits erwähnten Einschränkungen der hier versuchten Analyse gelten. Die Konstellation der ›ad hoc‹ Verschriftlichung des vom Informanten Gesprochenen, die eine Verifizierung des Gesagten durch Crusius nicht immer möglich machte, in Kombination mit dem privaten Charakter seiner Aufzeichnungen, die in sich nicht immer stimmig sind, machen es für uns sehr schwierig, immer konkrete Aussagen über das linguistische Material zu treffen.
5.3.6 Auswertung
S. 229Auch Trucello hat von Crusius finanzielle Unterstützung für sein Anliegen bekommen97. Da er anscheinend nicht in der Lage war, zusammen mit Crusius Texte zu glossieren, hat Crusius seine längere ›Peregrinatio‹ aufgezeichnet: dass er die Schlacht von Lepanto erlebt hat, war bestimmt Anreiz genug für Crusius, der an allen Informationen über das osmanische Reich interessiert war. Trucello und seine Peregrinatio werden in der Turcograecia nicht erwähnt, obwohl diese erst im Herbst 1583 in Druck (Mh 466.2, pag. 689, cf. WENDEBOURG 1986: 361) ging. Anscheinend hatte Crusius keine Zeit, um die umfangreiche Erzählung zu bearbeiten. Ob er einen solchen mehr oder weniger dialektischen Text genau rezipieren und interpretieren konnte (was in Crusius’ Fall eine lateinische Übersetzung bedeuten würde), ist zu bezweifeln. Einige marginale zusammenfassende Nebentitel beweisen jedoch, dass er den Gesamtinhalt richtig rezipiert hat.
Crusius’ Sprachkenntnisse haben von Trucello nicht wesentlich profitiert, vielmehr hat er sich durch die umfangreiche ›Peregrinatio‹ ein genaues Bild über das Schicksal der Christen im Osmanischen Reich machen können. Dies konnte meines Erachtens seine Motive für die Erlernung der ›vulgaris lingua‹ nur stärken, da solche Informationen in Crusius’ Zeit immense Popularität genossen haben98. Und Crusius besaß die Mittel, um solche Informationen archivieren zu können.
5.4 Gabriel Calonas
S. 230Jahr: 1582 (26. Juni - 2. Juli)
Name: Gabriel Calonas
Begleitende Person: Sebastianus Fadas99
Griechische Form: Γαβριήλ Καλωνᾶς
GH 95-123
5.4.1 Persönliche Daten
Calonas hat einen Bruder namens Antonius (Ἀντώνιος?). (καὶ αὐτὸς (scil. ὁ ἀδελφός) ἐγγυητὴς ἐγένετο περὶ ἐμοῦ, μετὰ ἄλλων τινῶν χριστιανῶν, διὰ ὀκτακοσίους τριάκοντα τρεῖς χρυσίους: ὅπερ ποιεῖ πεντήκοντα χιλιάδας ἀσπρῶν (sic). ἑξήκοντα δὲ ἄσπρα ποιοῦν ἓν χρυσίον οὐγγαρικὸν. Nomen eius fratri, est Antonius. GH 98100). Keine Angaben über weitere Familienmitglieder. Calonas war als Priester in Nordgriechenland tätig (ausführliche Informationen unter 5.4.2.) – Äußere Beschreibung 45 Jahre alt (Ait Gabriel se esse .45. annorum. GH 100).
Calonas’ προσωπογραφία (so Crusius in margine von GH 108, s. Abb. 14, S. 232) gibt Crusius Anlass zu Bereicherung seines frühneugriechischen Vokabulars101:
Calonas trägt einen schwarzen Mantel (ἀπανωφόρι [→ ἐπανωφόριον, τό], ἢ φέρενζε [→ φερετζές, ὁ]), der allerdings mit der Zeit dunkelblau geworden ist; darunter hat er eine Jacke (ἐσωφόρι, ἢ σωφόρι: [→ ἐσωφόρι, τό] ἕτεροι δὲ, ντουλαμᾶ [→ ντουλαμάς, ὁ]) und ein Hemd (χιτὼν [→ χιτών, ὁ]) an, auf dem Kopf einen Priesterhut (σοκαλίμαυχο [→ S. 231ἐσωκαμήλαυχον, τό]), keinen Hut, den die Laien normalerweise auf haben (σκούφια [→ σκούφια, ἡ]); zusätzlich trägt er einen in Leipzig gekauften Hut. Sein brauner Bart ist ziemlich lang und spitz; auf beiden Seiten trägt er auch einen Backenbart, so was tragen bis auf die ganz Alten die Laien auch nicht. (Habitus eius erat, qualis hodie Sacerdotum et Laicorum Graeciae. Longa manuleata nigra ||tunica|| (.ad caeruleum vergens, propter vetustatem.) ferè usque ad calceos, nomine ἀπανωφόρι, ἢ φέρενζε. Sub ea interior tunica, nigra, ἐσωφόρι, ἢ σωφόρι: ἕτεροι δὲ, ντουλαμᾶ. Sub ea, χιτὼν ÷ camisia, hemmet. ἐπὶ τῆς κεφαλῆς, pileolus + (In margine, links, senkrecht: + Huic postea pileum viatorium nigrum, Lipsiae emptum, imponebat.), capiti applicatus, ein heublin, habens crucem, als schwantz: qui dicetur σοκαλίμαυχο. τὸ σκούφια, est barbarum, et gestatur à Laicis. Barbam habebat castanei coloris, satis longam et acuminatam. De utroque κροτάφῳ, hatte er ein langes haar: sed Laici non gestant, nisi οἱ γέροντες. Indutus et caligis erat. GH 108-9 s. Abb. 14, S. 232). Er trägt Stiefel und nutzt einen Stock beim Gehen (Baculum longum, proficiscens gestabat GH 121).
Der bereits erwähnte (s. oben, S. 160-1) ›Hang zur Fremdbeobachtung‹ des Crusius’ wird hier zum vollen Einsatz gebracht. Die entzückenden Details über das entfärbte Kleid102 oder die Spitze des Priesterhuts (ein heublin, habens crucem, als schwantz) seines Gastes offenbaren meines Erachtens darüber hinaus eine gewisse Begeisterung über die Tatsache, dass ein orthodoxer Priester aus dem entfernten osmanischen Gebiet den Weg nach Tübingen gefunden hat.
Was die sprachliche Form dieser Beschreibung angeht, so zeigt die Auslassung der meisten Verbformen und die Verwendung von Substantiven ziemlich eindeutig, dass es sich hier um eher schnell aufgezeichnete Notizen handelt. Was uns besonders interessiert, sind die hier vorhandenen frühneugriechischen ›Vocabula‹, die mit Sicherheit aus der Befragung des Calonas’ stammen: deswegen wird der Informant hier viel detaillierter beschrieben als die anderen Hauptinformanten, die eher oberflächlich beschrieben werden.
S. 232 Bild* * *
Abb. 14: ›Προσωπογραφία Gabrielis‹. Oben: GH 108, unten Fortsetzung auf
GH 109
Ob Crusius diese Beschreibung im nachhinein aus dem Gedächtnis, ohne dass sein Informant anwesend war, geschrieben hat, oder ob der Informant anwesend ist und Crusius praktisch simultan die Befragung und seine Aufzeichnungen durchführt, lässt sich nicht mit hundertprozentiger Sicherheit rekonstruieren. Für den zweiten Fall sprechen einzelne sprachliche Details. In den Sätzen Sub ea, interior tunica, nigra, ἐσωφόρι, ἢ σωφόρι: ἕτεροι δὲ, ντουλαμᾶ wird das Synonym türkischen Ursprungs ντουλαμάς mit ἕτεροι δὲ (zu ergänzen durch ein verbum dicendi, etwa λέγουσι) nach einem Doppelpunkt eingeführt: es könnte Calonas sein, der hier spricht, und Crusius nimmt seine kommentarartige Erweiterung der Befragung im ›Originalton‹103 auf. Für die Sätze qui dicetur σοκαλίμαυχο. τὸ σκούφια, est barbarum, et gestatur à Laicis vermute ich ebenfalls, dass Calonas derjenige ist, der das Detail über die unterschiedliche Benennung der Kopfbedeckung für Laien und Priester erwähnt hat: Crusius behält in diesem Fall das Lateinische als Hauptsprache der Beschreibung, er übersetzt sozusagen S. 233simultan das von Calonas Gesagte ins Lateinische104.
Zu den drei Sprachen (Lateinisch, Griechisch, Frühneugriechisch), die Crusius in diesen Sätzen verwendet hat, kommt im folgenden Textabschnitt eine vierte (Frühneuhochdeutsch) hinzu: De utroque κροτάφῳ, hatte er ein langes haar: sed Laici non gestant, nisi οἱ γέροντες. Die Verwendung des fnhd. hatte er ein langes haar interpretiere ich mit FAUST (1972:141) als Zugriff auf die Muttersprache in dem Moment, wo das Lateinische (vielleicht wegen des Umstandes der schnellen Aufzeichnung) Crusius keinen entsprechend kurzen und genauen Ausdruck zur Verfügung stellt105.
Dieser mehrsprachige Text106, der aus der Verwendung aller dieser Sprachen entsteht, stärkt den Eindruck, dass diese Aufzeichnungen in Anwesenheit des Informanten entstanden sind und von Crusius im Sinne einer Archivierung von wichtigen Informationen (ohne wesentliche nachträgliche Bearbeitung) in seinem Notizheft zusammengebunden wurden.
5.4.2 Herkunft und Wohnsitz vor der Reise
Über Calonas’ ›Vita‹ und ›Peregrinatio‹ sind wir gut unterrichtet, da er, wie Trucello vor ihm (s. oben S. 221 ff.), sie Crusius in konzentrierter Form auf Griechisch erzählt hat; sie ist in GH 97-99 erhalten und wird weiter unten (S. 240-2) herausgegeben. Daraus erfahren wir, dass Calonas’ ursprünglicher Herkunftsort Korinth war, nach dreijährigem Aufenthalt und Ausbildung beim Patriarchat in Konstantinopel wurde er ἐφημέριος (›Priester‹, cf. GH 97: οἱ ἱερεῖς, οἱ λειτουργοῦντες ἐν τῷ ἱερῷ καλοῦνται ἐφημέριοι, ἐν παντοίῳ καιρῷ); er führte vor seiner Reise nach Europa im Dorf ὀρφάνη (heute Ορφάνι, Dorf zwischen S. 234Serres und Drama in Nordgriechenland) das Amt des ἔξαρχος καὶ τοποτηρητής für zwölf dem Patriarchat zugeordnete Gemeinden aus.
5.4.3 Zweck seiner Reise
Calonas sammelt Geld (833 χρυσείους = 50.000 ἄσπρων, GH 98), um die Kaution für seine Freilassung zurückzubezahlen; er wurde für 6 Monate in Serres inhaftiert, weil er geflohene italienische Gefangene aufgenommen und ihnen geholfen hatte. Einen Teil der Kaution hat er nach Veräußerung seiner Habe bezahlen können, für den Rest musste sein Bruder bürgen. Einen Teil des fehlenden Betrags (200 χρυσία) hat er von Italien aus seinem Bruder schicken können. Er ist zwei Jahre in Italien, ein Jahr in Polen und 6 Monate in Deutschland unterwegs (Ait, se plus biennio in Italia, unum annum in Polonia, nondum .6. menses in Germania, fuisse. GH 121). – Reiseroute Über Konstantinopel nach Italien; über βιαίναν (Wien), βοημίαν (Böhmen), πολωνίαν (Polen), σιλεσίαν (Schlesien) nach λιψίαν (Leipzig); über βιτεμπέργην (Wittenberg), ἐρφορδίαν (Erfurt), κωλωνίαν (Köln; Calonas berichtet, dass er dort nichts bekommen hat [ὅπου οὐδὲν ἐδόθη μοι], dazu kommentiert Crusius als bekennender Lutheraner quia papistae), φραγκοφορδίαν (Frankfurt), βορμοσίαν (Worms), αἱδελβέργην (Heidelberg), ἀργυρόπολιν (Straßburg), ἐσλίγγαν (Esslingen) nach τυβίγγαν (Tübingen) (GH 98-9, für den kompletten Text s. weiter unten S. 240-2).
5.4.4 Bildung und Sprachkenntnisse
Des Lesens und Schreibens mächtig. Ein Autographon des Calonas ist in GH 119 erhalten (s. Abb. 14): S. 235 BildAbb. 15: GH 119: Autographon des Calonas’
Abiturus hoc sua manu scripsit: πιστὸς κύριος ἐν πᾶσι τῆς [lege τοῖς] λόγοις αὐτοῦ καὶ ὅσιος ἐν πᾶσι τοῖς ἔργοις ἀυτοῦ. ἐγὼ γαβριἣλ ἱερεὺς καλωνᾶς, κορίνθιος, ἔγραψα εἰς μνημόσυνον τοῦ σοφωτάτου, καὶ τιμιωτάτου κυρίου μαρτίνου τοῦ S. 236κροσίου [sic] καὶ οἱ ἀναγινώσκοντες ἐῤῥωσθε [sic]. ἐν ἔτει ἀπὸ κυρίου αφπβ΄, ἐν μηνὶ ἰουλιου β΄. <Ligatur> Aus Crusius’ Hand darunter: ὁ γαβριὴλ ἱερομόναχος καὶ πρωτοσύγγελος πατριαρχικός. Dicebat, τὸ πρωτοσυγγ. nomen esse sine re: sicut alia multa Ecclessiasticarum dignitatum nomina.
Im Gegensatz zu den anderen Hauptinformanten spricht Calonas mit Crusius und Stephan Gerlach, der auch teilweise anwesend ist, Griechisch (Loquaebamur cum ipso, Gerlachius et ego, semper Graecè. GH 120). Graecè wird von Crusius immer und nur in der Bedeutung ›Griechisch‹ verwendet; das Frühneugriechische wird immer mit einem Zusatz (Adv. vulgariter, Adj. vulgaris, barbarograeca lingua usw.) bezeichnet. Es besteht daher für mich kein Zweifel, dass Crusius hier mit Calonas und Gerlach auf Griechisch und nicht Frühneugriechisch gesprochen hat. Gerlach kennt übrigens Calonas aus seiner Zeit in Konstantinopel (Haec annotavi noctu: in Museo meo colloquaentibus ipso et D. Gerlachio, qui eum novit Constantinopoli. Marginale Notiz in GH 100). Das intensive Gespräch mit Calonas auf Griechisch begeistert Crusius: Ich kam so gar darein: das mir der kopff vomm Griechischen vol war, und schwirmet (GH 120)107.
Calonas sprach ziemlich schnell und hatte offensichtlich einen Sprachfehler (Lispeln?), so dass er von Crusius nicht immer zu verstehen war: Ipse, celeriter loquaebatur, et aliquo modo ἐτραύλιζεν interdum. Ideo, δυσνοητότερος erat. Saepe, quando expeditè, εὐνόητος. (GH 120).
S. 237Calonas besitzt darüber hinaus ein liturgisches griechisches Buch108.
Crusius nennt explizit keine weiteren Fremdsprachenkenntnisse des Calonas’; sein Diener, Sebastianus Fadas, sprach jedoch Italienisch (Adolescens Cracoviensis, Sebastianus Fadas, paulum latinè, sed bene Italicè, sciebat. GH 120). Daraus können wir schließen, dass Calonas mindestens einigermaßen Italienisch sprechen konnte.
5.4.5 Tätigkeit als Informant
Crusius ist zusammen mit Calonas folgende Texte durchgegangen: Werk (Exemplar) Anzahl der glossierten Wörter 1. ῎Ανθος Χαρίτων [A2] nicht ermittelbar 2. *Βίος Ἀγίου Νικολάου [B2] 3. *Γαϊδάρου, λύκου κι ἀλουποῦς διήγησις ὡραῖα [B3] 4. Γλυκύς Γιοῦστος, Πένθος Θανάτου, ζωῆς μάταιον καὶ
πρὸς θεὸν ἐπιστροφή [A10] nicht ermittelbar 5. Δεφαράνας Μάρκος, Ἱστορία τῆς Σωσάννης [A12] 107 6. Δεφαράνας Μάρκος, *Λόγοι Διδακτικοὶ τοῦ πατρὸς
πρὸς τὸν ὑιὸν [B7] 7. *Διήγησις εἰς τὰς πράξεις, τοῦ περιβόητου, στρατηγοῦ
τῶν Ρωμαίων, μεγάλου Βελισαρίου [B1] 8. Θησέος καὶ Γάμοι τῆς Ἐμηλίας [A15] nicht ermittelbar 9. *Ἱστορία φιλαργυρίας μετὰ τῆς περηφανίας [B4] 10. ΣΠΑΝΟΣ [A13] 426 S. 238Werk (Exemplar) Anzahl der glossierten Wörter 11. Τριβώλης Ἰάκωβος,*Ἱστορία τοῦ Ῥὲ τῆς σκοτζίας [B9] 12. Τριβώλης Ἰάκωβος, *Ἱστορία τοῦ Ταγιαπιέρα [B10]
Summe der Glossen: 533
Dazu Wörter aus Befragung 38
Summe: 571
»Nicht ermittelbar« bedeutet, dass Calonas beim entsprechenden Text nicht der einzige Informant war und deswegen seine individuelle Partizipation nicht zu ermitteln ist. Mit ihm hat Crusius auf jeden Fall die meisten Texte (12) glossiert, etwas was sicherlich mit der einwandfreien Kommunikation mit ihm auf Griechisch zusammenhängt.
Der Fall der Glossierung des SPANOS muss besonders hervorgehoben werden. Calonas ist der einzige Informant für diesen Text. Dass Calonas anscheinend ohne Zögern (s. den entsprechenden Eintrag, weiter oben, Kap. IV, S. 140-1) diesen Text zusammen mit Crusius glossiert hat, beweist endgültig die auch von EIDENEIER in der Einleitung zu seiner Ausgabe (1977: 37) erwähnte Popularität dieses Textes in kirchlichen Kreisen109. Zur Person des im Text parodierten σπανός (›Bartlosen‹) liefert jedoch Calonas eine prosopographische Information, die sonst meines Wissens nicht belegt ist:
Ex D. Gabriele Calona Corinthii 28. Jun. 1582. Fuit hic vir (.fortè Graecus.) Venetiis, deformissimus: habens uxorem pulcherrimam: quam alius amans, non potiri valens, in maritum scripsit hunc librum. Unde: ille dolore et pudore mortuus est: et alter uxorem eius duxit. Sic puer audivit. (Verso des Titelblattes mit Abbildung des SPANOS, s. auch Kap. IV, weiter oben S. 140-1)
Diese Information über einen überaus hässlichen Griechen (?) in Venedig, dessen hübsche Frau von jemandem so sehr begehrt wurde, S. 239dass er eine ›giftige‹ Satire gegen ihren Mann geschrieben hat, mit dem Ergebnis, dass der Eheman vor lauter Betroffenheit gestorben ist und er die Frau heiraten konnte, zeigt meines Erachtens, dass für den Rezipienten dieses Textes im 16. Jh. die plausibelste Erklärung für eine solche grenzenlose Satire ihre Verbindung mit einer konkreten Person war. Wenn solche Informationen über den SPANOS tatsächlich zirkulierten (ich sehe keinen Grund, die Information von Calonas, dass er diese Interpretation als Kind gehört habe, zu bezweifeln110), so stellt vielleicht diese Information einen möglichen Anfang für die Forschung in diese Richtung dar.111 – Befragung nach Gegenständen Die Befragung findet diesmal auch während der Abreise von Calonas statt (GH 118, s. Abb. 16, S. 240):
(In margine links: Jul. 2., ante discessum, vocabula Βελισαρίου mihi stans explicavit. In margine rechts, senkrecht: Gabrielis discessus) Iul. 2 cum discederet in via.
τζουκαλᾶς, ὁ χυτροποιός, figulus. Meus vicinus. [→ τσουκαλάς, ὁ]
πάκαλος ÷ ὕπαγε καλῶς Abi feliciter.[→ ὑπάγω] Discedenti.
πετροκόποι, lapicidae. [→ πετροκόπος, ὁ]
Ante portam Neccaricam.
κτίσται, zimmerleut. [→ κτίστης, ὁ]
Nam aliquousque eum
κοπρία, fimus. [→ κοπριά, ἡ]
deduxi: quia Reutlingam,
ζῶα, bruta. [→ ζῶον, τό]
Ulmam, Augustam
γαϊδαρόγγατο, carduus, distel.
petiturus.
[→ γαϊδουράγγαθο, τό] S. 240 BildAbb. 16: Ausschnitt aus GH 118, Befragung von Calonas Dass Crusius Feder und Tinte mit sich genommen hat und diese ›Vocabula‹ tatsächlich unterwegs geschrieben hat, muss angesichts der Tintenflecke auf der Handschrift als sicher gelten. – Aufzeichnung von Erzählungen Crusius hat in GH 97-99 eine kurze ›Vita‹ bzw. ›Peregrinatio‹ des Calonas’ aufgezeichnet; diese wird im Folgenden ohne weitere Kommentare wiedergegeben. Im Gegensatz zu der bereits erwähnten (s. oben, S. 221 ff) Erzählung von Trucello, die Crusius wohl ohne Änderungen oder Verbesserungen aufgezeichnet hat112, kann man hier nicht die Möglichkeit ausschließen, dass Crusius in einzelnen Fällen das von Calonas Gesagte ›stillschweigend‹ verbessert hat.
Narravit ipse mihi haec de se .27. Iunii, die Mercurii GH 97 | Ἐπορεύθηκα ||ἐπῆγα|| ἐκ τῆς πατρίδος Κορίνθου εἰς τὴν κωνσταντινούπολιν: καὶ γέγονα ἐφημέριος (.οἱ ἱερεῖς, οἱ λειτουργοῦντες 5 ἐν τῷ ἱερῷ καλοῦνται ἐφημέριοι, ἐν παντοίῳ καιρῷ.) καὶ οὕτως ἐδιέτριφα ἔτη γ΄. ἐν τῷ πατριαρχείῳ. ἔπειτα ἐπορεύθηκα εἰς μακεδονίαν, εἰς φιλίππους (.ὅπου ποτὲ ὁ ἅγιος παῦλος ἔγραψε τὰς ἐπιστολάς. S. 241νῦν ἐστὶ πόλις ἔρημος: ἧς τῶν τειχῶν τὰ μὲν ἔπιπτε, τὰ δὲ ἵστανται.). ἔχει ιδ΄. κώμας, αἵ εἰσιν ὑπὸ τὸν μητροπολίτην. δώδεκα δέ εἰσι κῶμαι 10 τοῦ πατριάρχου, καλούμεναι σταυροπήγια (.ὅτε πάλαι τις χριστιανὸς βασιλεὺς ἐποίει ἱερὸν: ἔπηξεν ἐν τῷ βήματι αὐτοῦ σταυρὸν: καὶ διὰ τοῦτο καλεῖται σταυροπήγιον. ἐδωρεῖτο δὲ τὸ, τε ἱερὸν, καὶ τὴν κώμην, τῷ πατριάρχῃ.) καὶ ἤμην ἔξαρχος, καὶ τοποτηρητὴς τῶν ιβ΄. κωμῶν τοῦ πατριαρχείου. ἔπειτα ἔφυγόν τινες χριστιανοὶ ἰταλοὶ αἰχμάλωτοι ἐκ ταῖς 15 χερσὶ τῶν τούρκων: καὶ ἐλήλυθαν εἰς τήν μου οἰκίαν: καὶ ἐγὼ ἐξένισα αὐτούς. καὶ οὕτως ἐδείκνυσα τὴν ὁδὸν αὐτοῖς μετὰ τινὸς δούλου, καὶ ἐπορεύθησαν. ἔπειτα οὐκ οἶδα, τίς ἔλεξεν ἐχθρὸς τῷ κυρίῳ αὐτῶν βοεβόνδᾳ, ἤγουν ἐπάρχῳ. καὶ οὕτος ἐπορεύθη (.ἐληλυθε.) πρὸς τὴν ἐμὴν κώμην, καλουμένην ὀρφάνη [-ι], | GH 98 | ἔχουσαν υ΄. οἴκους 20 πάντας χριστιανῶν, ἀπέχουσαν γ΄. μικρὰ γερμανικὰ μίλια ἀπὸ τῶν φιλίππων. καὶ ἔλεξε: σὺ εἶ ὁ ἔξαρχος ἐν ταύτῃ τῇ κώμῃ; κἀγὼ ἔλεξα, ὅτι ἐγώ εἰμι. αὐτὸς δὲ ἐκέλευσε τοὺς δούλους αὑτοῦ, ἐμὲ δεσμεύειν. καὶ οὕτως ἐδέσμευσαν τὰς χεῖρας: καὶ ἐκόμισάν με πρὸς τὴν πόλιν σέρες [σέρρ-], ὅπου μητροπολίτης σερῶν [σερρ-]. ἔστι δὲ μεγάλη πόλις, 25 ἀπέχουσα τῶν φιλίππων Ϛ΄. μίλια μεγάλα γερμανικά. Seres, á Strymone abest 2. Germanica mill. parva. ἔῤῥιψεν με ἐν τῇ εἱρκτῇ. καὶ ἔμεινα μῆνας ἕξ. ἔπειτα ἔγραψα τῷ ἀδελφῷ μου ἐπιστολὴν: καὶ ἐλήλυθε πρός με: καὶ αὐτὸς ἐγγυητὴς ἐγένετο περὶ ἐμοῦ, μετὰ ἄλλων τινῶν χριστιανῶν, διὰ ὀκτακοσίους τριάκοντα τρεῖς χρυσείους: ὅπερ ποιεῖ 30 πεντήκοντα χιλιάδες ἀσπρῶν. ἑξήκοντα δὲ ἄσπρα ποιοῦν ἓν χρυσίον οὐγγαρικόν. Nomen eius fratri est Antonius. τὰ μὲν τριακόσια χρυσία ἔδωκα πρότερον, πωλήσας τὰ ἱμάτια, καὶ ὅσα εἶχον. τὰ δὲ πεντακόσια οὐκ εἶχον δοῦναι: καὶ ἐγένετο ὁ ἀδελφὸς ἐνέχυρον περὶ αὐτῶν. καὶ ἐπορεύθηκα εἰς κωνσταντ. καὶ ἔλαβον γράμμα παρὰ τοῦ πατριάρχου, 35 ζητείας καὶ ἐλεημοσύνης ἕνεκα, πρὸς πάντας τοὺς χριστιανούς. εἶτα ἐπορεύθηκα εἰς τὴν ἰταλίαν: καὶ ἐσύναξα ἐλεημοσύνην διακόσια χρυσία, καὶ ἀπέστειλα | GH 99 | πρὸς τὸν ἀδελφὸν μετὰ ἐμπόρων ἐξ ἐνετίας. ἔπειτα ἐλήλυθα εἰς βιαίναν, καὶ εἰς βοημίαν, καὶ εἰς πολωνίαν, καὶ εἰς σιλεσίαν, καὶ εἰς λιψίαν, καὶ βιτεμπέργην, καὶ ἐρφορδίαν, καὶ εἰς 40 κωλωνίαν (.ὅπου οὐδὲν ἐδόθη μοι. ||quia papistae||.) καὶ φραγκοφορδίαν, καὶ βορμοσίαν, καὶ αἱδελβέργην, καὶ ἀργυρόπολιν, καὶ ἐσλίγγαν, καὶ τυβίγγαν. καὶ νῦν οὐκ οἶδα, ποῦ πορεύω. ἀλλὰ θεοῦ εὐδοκοῦντος, βούλομαι πορευθῆναι πρὸς αὐγούσταν, εἰς τὴν σύναξιν τοῦ βασιλέως, καὶ τῶν ἡγεμόνων τῆς γερμανίας.
S. 242Crusius’ ergänzende Informationen, die er höchstwahrscheinlich durch Fragen an Calonas gewonnen wurden, werden in lateinischer Sprache notiert. Ich gehe davon aus, dass das Griechische hier den ›Originalton‹ von Calonas wiedergibt. Dies beweist, dass es für Leute mit einer gewissen Bildung doch möglich war, eine ›gelehrte‹ Form des Griechischen im 16. Jh. mündlich in einem Diskurs zu verwenden. Die Voraussetzung dafür allerdings ist, dass es keine andere Möglichkeit der Kommunikation mit ihrem Ansprechpartner möglich wäre. Die Vewendund einer gelehrten Form des Griechischen als eine mündliche Sprache ist konstellationsbedingt; die hier gegebene Konstellation lässt sich nicht einfach wiederfinden.
5.4.6 Auswertung
Calonas ist der einzige der vier Hauptinformanten, der eine mehr oder weniger höhere Bildung im Sinne von Griechischkenntnissen aufweisen kann. Dies führt zu einem relativ langen Besuch (8 Tage) und folglich zu einer sehr intensiven Kommunikation und Zusammenarbeit mit Crusius (12 glossierte Texte, viel mehr als alle andere Informanten113). Diese intensive Arbeit wird von Crusius erwähnt, anerkannt und belohnt ([…] .27. bac. quia totos ferè dies hosce, eum interrogando et discendo fatigavi. GH 120). Crusius hat sich sehr stark darum bemüht, dass Calonas so viele Almosen wie möglich für sein Anliegen sammeln konnte, wofür sich der Grieche anscheinend geschämt hat114.
S. 243Calonas sprach mit Crusius über sehr viele unterschiedliche Themen, nur ein kleiner Teil davon ist hier gemäß dem Ziel dieses Kapitels präsentiert worden. So berichtet er z. B. über zeitgenössische griechische Gelehrte (Georgios Aitolos, Damaskenos Studites115, den Autor von THESAVROS, den Crusius besaß [s. unten, Anhang 1, Kap. IV, S. 340 ff.], die Patriarchen Iosaph den II.116, Metrophanes den III.117 und Theoleptos den II.118 von Konstantinopel), aber auch über eine Theatervorstellung von Jugendlichen eines antiken Dramas auf Griechisch in Straßburg (Ait Argentinae κύκλωπα Euripidis actam esse ἑλληνιστὶ ab adolescentibus. GH 100) oder über Zweisprachigkeit in Albanien (ἡ χϊμάρα119, civitas Albaniae est: ubi loquuntur ἑλληνιστὶ et ἀλβανιστί. GH 102). Solche Informationen sind gewiss von großer Bedeutung für den heutigen Historiker, sie beweisen aber auch gleichzeitig Crusius’ Interesse an allem, was mit der griechischen Sprache zu tun hatte.
Von Calonas hat Crusius also in zweierlei Hinsicht profitiert: einerseits hat er mit seiner Hilfe viele und besonders schwierige (wie den SPANOS) frühneugriechische Texte glossiert, andererseits bietet ihm dieser Geistliche die Möglichkeit eines sehr umfassenden Informationsaustausches, weil er im Patriarchat von Konstantinopel ausgebildet worden ist und auf Griechisch mit Crusius zu sprechen in der Lage ist. Solche Informationen hatte Crusius bis zu Calonas’ Besuch nur per Brief aus Konstantinopel oder anderswoher bekommen können. Crusius’ Kenntnisstand bezüglich der ›vulgaris lingua‹ sowie des ›Griechentums‹ insgesamt ist nach Calonas’ Besuch stark erweitert worden.
6 Fazit
S. 244Die vier hier beschrieben Hauptinformanten sind es, die Crusius beim Erlernen der ›vulgaris lingua graeca‹ am meisten geholfen haben. Bis auf Alexander Trucello haben alle sehr intensiv mit Crusius Texte glossiert. Den größten Teil davon hat Stamatios Donatos geliefert; er kam zu einer Zeit nach Tübingen, als Crusius sich bereits in einer Phase des intensiven Lernens der ›vulgaris lingua‹ befand. Crusius hat die sich dadurch bietende Gelegenheit, mit einem Muttersprachler Rücksprache halten zu können, begeistert ausgenutzt. Donatos war bereitwillig, seine ›Explicationes‹ sind aber nicht immer genau. Zu der Zeit des Aufenthalts von Donatos hatte Crusius noch nicht den Entschluss gefasst, die Turcograecia zu veröffentlichen, daher ist die Befragung des Donatos weniger strukturiert als die der anderen Hauptinformanten verlaufen.
Dies ist nicht mehr der Fall beim Besuch des Andreas und Lucas Argyrus fast ein Jahr später. Crusius erhebt mit ihrer Unterstützung gezielt Material, das er später in der Turcograecia herausgibt. Da Andreas Argyrus des Lesens mächtig ist, verläuft die Zusammenarbeit mit ihm für Crusius unkomplizierter als mit Donatos.
Alexander Trucello besaß keine hinreichenden Kenntnisse, um zusammen mit Crusius frühneugriechische Texte zu glossieren. Die von ihm stammende umfangreiche Erzählung, die Crusius aufgezeichnet hat, ist jedoch ebenfalls wichtig und sollte in der Zukunft ausführlicher untersucht werden.
Gabriel Calonas war der einzige der Hauptinformanten, mit dem Crusius einwandfrei kommunizieren konnte: als Kleriker kann er eine einigermaßen hohe Bildung vorweisen. Von den zahlreichen Informationen des Calonas haben wir hier nur einen Bruchteil wiedergeben können. Calonas hat die meisten Texte mit Crusius glossiert, seine Informationen über den SPANOS können als Aufhänger für neue Forschungen bezüglich der Provenienz des Textes dienen.
Fußnoten
- Wie der Terminus ›Informant‹ hier verstanden und verwendet wird, wird weiter unten, S. 177-8 dargestellt. ↑
- Diese werden im Folgenden ›Hauptinformanten‹ genannt und werden sehr detailliert beschrieben, über den Rest wird nur ein kürzer Überblick geliefert. S. weiter unten 178-80, die Beschreibung erfolgt ab S. 184 ff. ↑
- So z. B. GEANAKOPLOS 1994: 45, BABCKOCK/SOSOWER 1994: 67. ↑
- Und die daraus entstandenen Veröffentlichungen des Crusius’, hauptsächlich die Turcograecia und sekundär die Germanograecia und die Annales Suevici. ↑
- Und für Forscher der Lokalgeschichte und Volkskunde von Tübingen und Schwaben sowie der Religionsgeschichte. ↑
- Ein Überblick über alle nachgewiesenen Informanten des Crusius ist bei MOENNIG 1997: 72 f. zu lesen; s. auch die Tabelle 1 weiter unten, S. 179-80. Alle Besucher des Crusius, die nach 1585 bei ihm waren, werden von ihm in entsprechenden Eintragungen in seinen Tagebüchern beschrieben. ↑
- Welche Daten von uns aus der Handschrift gesammelt und ausgewertet werden, wird weiter unten, S. 182 angeführt. ↑
- »Befragung (engl. survey, interview) Verfahren der linguistischen Datenerhebung, die sich auf die Antworten von Informanten auf direkte, explizite Fragen stützt. Eine B. kann mündlich durch Interviews und schriftlich z.B. durch Fragebögen erfolgen; […] (Lexikon Sprache: Befragung, S. 1 ff. Digitale Bibliothek Band 34: Metzler Lexikon Sprache, S. 1276 (vgl. MLSpr, S. 98 ff.). ↑
- »Informant (lat. informare ›unterrichten, schildern‹. Auch: Gewährsperson) Sprecher einer Sprache, der einem Linguisten als Informationsquelle dient, z.B. (a) bei der Erforschung unbekannter Spr., (b) bei der Erfassung bestimmter sprachlicher Phänomene, […]« (Lexikon Sprache: Informant, S. 1 ff. Digitale Bibliothek Band 34: Metzler Lexikon Sprache, S. 2940-1 (vgl. MLSpr, S. 205 ff.). ↑
- (Lexikon Sprache: Feldforschung, S. 1 ff. Digitale Bibliothek Band 34: Metzler Lexikon Sprache, S. 4176 (vgl. MLSpr, S. 298 ff.). ↑
- Man kann dazu vielleicht den Fall des Humanisten Hans Dernschwam zählen, der nach einem Aufenthalt von 1553-55 in Konstantinopel und der Türkei sich nur mit der Beschaffung von griechischen Handschriften, aber nicht mit der zeitgenössischen griechischen Sprache beschäftigt hat. S. REDDIG 1990 wo auch weitere Bibliographie zu Dernschwam. ↑
- Wo Crusius seit 1554 Rektor in der Lateinschule war. Seine Griechische Grammatik wurde zum ersten Mal 1558 gedruckt, der Ruf nach Tübingen erfolgte im Jahr 1559. ↑
- Die in Verbindung mit der Kompilierung des ›Alphabetum‹ steht, wie wir gesehen haben (Kap. III, S. 95 ff.) und weiter unten (S. 184 ff.) ausführlich analysieren werden. ↑
- Im Rahmen des theologischen Dialogs mit dem Ökumenischen Patriarchat. S. weiter oben Kap. II, S. 69 ff. ↑
- Obwohl er überhaupt nicht an dem Erlernen der ›vulgaris lingua graeca‹ (wie bereits MOENNIG 1997: 48 bemerkt hat) interessiert war bzw. kein weiteres Lesematerial dazu besaß. ↑
- Es handelt sich hier um den Besuch des Stamatios Donatos, des ersten Besuchers von Crusius in Tübingen, über ihn ausführlich weiter unten, S. 184 ff. ↑
- Es handelt sich hier um die Befragung des Donatos’ nach Gegenständen im Haus des Crusius, s. ausführlicher weiter unten, S. 193 ↑
- ›Konjektur‹ im textkritischen Sinne wäre auch ein geeigneter Terminus, s. die einleitende Notiz des ›Alphabetum‹ (in quibusdam conjecturam secutus) weiter oben, Kap. III, S. 107. ↑
- Ich kann die Entstehung dieser merkwürdigen Form nur dadurch erklären, dass Crusius den Anfangskonsonanten nicht rezipiert hat und die Form ohne diesen aufschreibt. ↑
- δίπλα, ἡ wird auch als kanonisiertes Lemma in der Teilausgabe verwendet. Über die Prinzipien der Teilausgabe, s. weiter unten, Kap. VI, S. 248 ff. ↑
- Und weiter dazu, welches war das phonologische System des Crusius, welche war seine Muttersprache? Crusius war geborener Franke (geboren in der fränkischen Schweiz), hatte in der Nähe von Ulm gelebt und in Ulm und Straßburg studiert, seit 1554 lebte er in Memmingen und seit 1559 in Tübingen. ↑
- Dieses Problem wurde ebenfalls von MOENNIG 1994a angesprochen, s. weiter unten Anm. 69. ↑
- S. dazu z. B. die Diskussionsbeiträge in HENRICH 2001: 72-3. ↑
- Auch in diesem Bereich sind andere europäische Sprachen und Literaturen viel weiter (s. z. B. für das Frühneuhochdeutsche und seine Dialekte FREUND 1991, TAUBER 1993, THIES 1989, WIESINGER 1996). ↑
- Die Themenkomplexe der Beziehung zwischen der Schriftsprache und Orthographie der Handschriften und der performativen Sprechkunst des ästhetischen Vortrages der frühneugriechischen literarischen Texte hat ebenfalls erst neulich das Interesse der Forscher geweckt (s. EIDENEIER 2000, TOUFEXIS 2000). Im Jahr 2004 hat ein Forschungsprojekt an der Universität Cambridge angefangen, mit dem Ziel eine Grammatik des Frühneugriechischen zu verfassen. ↑
- Angesichts der bereits geschilderten Forschungslage im Bereich der Phonologie des Frühneugriechischen bleibt dem Forscher keine andere Wahl, als das Neugriechische als ›tertium comparationis‹ zu benutzen. ↑
- Eine lückenlose Behandlung dieser Thematik ist natürlich im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich. Meine Angaben basieren hauptsächlich auf EBERT/ REICHMANN/WEGERA 1993 und PAINTER 1989: 170 ff. und für das Frühneuhochdeutsche und auf HOLTON/MACKRIDGE/PHILIPPAKI-WARBURTON 1997: 3 ff. für das Neugriechische. ↑
- So Crusius selbst in seiner Martini Crusii Grammaticae Graecae, cum Latina congruentis, pars prima (Basileae: Per Ioannem Oporinum, 1562; mehrere Editionen im 16. Jh. vorhanden), pag. 17. Die Bezeichnung »Thita« ist auch ebd. zu lesen. S. auch weiter unten S. 227. ↑
- Über die Aussprache des Griechischen zu Zeiten des Crusius’ bzw. über Crusius’ Behandlung der Aussprache in seiner Grammatik, s. DRERUP 1930: 315 ff. DRERUPS Aussage (1930: 315) »von ihm wissen wir, daß er auch die neugriechische Umgangssprache in der vollkommensten Weise beherrschte, so daß er von einem geborenen Griechen kaum zu unterscheiden war […]« lässt sich überhaupt nicht beweisen und erweist sich im Vordergrund des weiter unten präsentierten Materials als nicht haltbar. Crusius war jedoch einer der wenigen, die die neugriechische Aussprache in Deutschland tatsächlich gehört hatten. ↑
- Entweder im Exemplar selbst oder in seinen Tage- bzw. Notizbüchern. So haben wir auch Informationen über die Glossierung von Texten, deren Exemplare mittlerweile verschollen sind. ↑
- Weil sein Begleiter Kosmas Papadatos in Tübingen getauft wurde, s. auch MOENNIG 1997: 68. ↑
- Über Darmarios s. hauptsächlich KRESTEN 1967, 1974, 1976 UND 1980 sowie CHICO 1993, GARCIA 2000, SOSOWER 1993. ↑
- Donatos wird überall von Crusius als Stamathios verzeichnet, was als ein starkes Indiz auf eine solche undeutliche Aussprache des Donatos gelten könnte. ↑
- Ich interpretiere diese Form als Akkusativ und Antwort auf eine entsprechende Frage, die eins zu eins niedergeschrieben wurde. Vgl. das oben erwähnte σταμάθι. ↑
- Auch mündliche Information des zuständigen Amtes der Republik Zypern an Hans Eideneier. ↑
- S. die Anmerkung (Nr. 14), die Andreas Chatzisavvas in MOENNIG 1994c hinzugefügt hat. ↑
- S. ausführlicher weiter unen, S. 218 ff. ↑
- GH 89: Cum Donatum dicerem Sithuneum esse: nescire se Alexander eum locum in Cypro dicebat: sed scire op. Zetuni (Sethuni) in Graecia (GH 89). Trucello war Zyrpiot aus Nicosia. Über Trucello siehe weiter unten 218 ff. ↑
- Cf. dazu die Scholia in Demosthenem (scholia vetera, ed. M. R. Dilts, Teubner) 1,61,1: Πύδνα, τὸ Κίτρος. Ob Crusius allerdings Zugang zu diesen Scholien hatte, habe ich nicht feststellen können. ↑
- Dieser Eindruck wird durch den von MOENNIG 1994c: 277 zitierten Eintrag Crusius’ in seinem Tagebuch aus dem Jahr 1586 gestärkt. ↑
- S. dazu Crusius’ Notizen über die Aussprache von Alexander Trucello, hier weiter unten, S. 225 ff. ↑
- Für einen Überblick über die Phonetik des (heutigen) Zypriotischen, s. MENARDOS 1969, NEWTON 1972. ↑
- Die Form ξορτώνω ist allerdings laut Kriaras’ Lexikon nicht nur auf Zypern belegt. ↑
- Oder umgekehrt, dass er auch auf Zypern gewesen ist. ↑
- Auf der anderen Seite war es erklärtes Ziel des Donatos Geld zu sammeln. Das ließe sich viell. leichter erreichen, indem man einen plausiblen Grund vorweisen könnte. Die in 1570 erfolgte und in Europa bekannte Eroberung Zyperns von den Osmanen wäre ein solcher Grund. ↑
- In Rom sei ihm jedoch ein Testimonium des Patriarchen Hieremias mit einem Empfehlungsschreiben des Papstes zwangsweise ausgetauscht worden. S. weiter unten, Anm. 48. ↑
- Er hatte jedoch ein Schreiben des dem Crusius bekannten Ioannes Pappus aus Straßburg (GH 9) und diverse Empfehlungsschreiben aus europäischen Städten, die er besucht hatte: Clivensis etiam Ducis, et Treverensis Electoris, et civitatum, et honestorum hominum, commendationes scriptas, habet. (GH 52) ↑
- GH 51-2: Ivit Romam: ubi Papa ei testimonium dederat, et aliquis cardinalis: sed Milites in Belgio, lacerarunt (.remanente ei tum plumbeo signaculo, in quo est nomen Gregorii .XIII.) dicentes, tale testimonium nihil valere. Ait, Patriarchae Hieremiae Byzantini testimonium, sibi Romae ademptum esse: quasi Papae testimonium, ei utilius futurum esset. ↑
- Donatos war auf alle Fälle vorsichtig, was die Offenlegung des von ihm gesammelten Geldes anging: in seinem Notizbuch sollten nicht alle von ihm gesammelten Summen aufgeschrieben werden: Item libellum [scil. habet], in quo, quid in singulis locis acceperit, scriptum est. Sed non vult, omnia inscribi. (GH 52) ↑
- Sehr gewagt und mit dem über Donatos vorhandenen Material nicht zu vereinbaren sind die Ausführungen von SIAPKARA-PITSILLIDOU/PERNOT 1952: 21 f., die im Gedicht 137 ihrer Ausgabe unseren Donatos identifiziert haben will. ↑
- Graftum/Herzogtum Kleve, S. Lexikon des Mittelalters (CD-ROM Ausgabe, Verlag J. B. Metzler 2000, LexMa 5, 1212-3), s.v. Kleve. ↑
- S. Lexikon des Mittelalters (CD-ROM Ausgabe, Verlag J. B. Metzler 2000, LexMa 9, 22-24), s.v. Westfalen »Als territorialübergreifender Raumbegriff bis 1803 verwendet, bezeichnet W. am Ausgang des Mittelalters das Gebiet zw. IJssel/Rhein (mit einem ostwärts vorgelagerten Streifen) und der Weser sowie zwischen dem Höhenkamm des Sauerlandes und der Nordsee (ausschließl. Frieslands). Daneben wird seit dem Spätmittelalter die Bezeichnung Hzm. W. für die Territorialherrschaft des Ebf.s v. Köln innerhalb W.s s. der Lippe gebräuchl.« ↑
- In Crusius’ Zeiten wurden keine Schreibtische, sondern Schreibpulte zum Schreiben verwendet. ↑
- S. oben, Kap. III, S. 95. ↑
- Über den theologischen Dialog als Motivation des Crusius s. oben, Kap. II, S. 69 ff. Die Unterstreichungen sind auch im Original vorhanden. ↑
- νὰ τοὺς φυλάει πάνταν (.semper.) ὀ (sic) Θεὸς ἀπὸ ὅλων τῶν κακῶν: καὶ ἀπὸ τούρκους … (GH 51) ↑
- Crusius nennt sein Arbeitszimmer »Museum«. ↑
- Zu den Problemen mit Donatos’ Aussprache, siehe hier weiter unten, S. 200 ff. ↑
- In margine: Eius gratiorum actio pro munere. S. Abb. 3. ↑
- In margine: Rex Hispaniae, libenter habet Graecos et Albanos milites, in Sicilia. ↑
- Crusius Schrift in diesem Fall erlaubt keine sichere Lesung. ↑
- Über diese Bilder erfahren wir mehr in TG 188: Die 19. Decemb. 1578. D. Gerlachius mihi X. Icones, colorib. à Gallo (qui solus tunc Constantinopoli pictor erat) depictas, dedit: uno Coronato illic emptas. Eae sunt 1. Zauschus, eques Turcicus. 2. Patriarcha Byzantinus. 3. Calogerus, seu Monachus Graecus. 5. Civis Graecus. 6. Mulier Graeca. 7. Virgo Graeca. 8. Doctus, aut nobilis, Graecus. 9. Persa vulgaris. 10. Sacerdo Turcicus. S. auch hier das im Anhang der Teilausgabe dargestellte Bild ↑
- Im Fall von Donatos kam offensichtlich Crusius noch nicht auf die Idee, die eigentlichen Exemplare zu benutzen. Die später übliche Erwähnung des Informanten auch im Titelblatt des jeweiligen Exemplars wird für Donatos in keinem der benutzten Exemplare erbracht. Für ein Fall aus der THESEIS mit Kombination der Angaben von unterschiedlichen Informanten, s. weiter unten, Anhang 1, unter [A15] 2 i), S. 345. ↑
- KECHAGIOGLOU 2004 ediert den Vers in seiner Ausgabe (als Παραλλαγή E, basierend auf der Ausgabe von 1524) folgendermaßen: εκεί του ᾿συναπάντηξε, και ομπρός του γονατίζει (die Variante συναπάντιζε des Ausgabe 1564 wird nicht im Apparat verzeichnet). ↑
- Cf. auch das Zitat aus TG 189 oben, S. 190. ↑
- Begonnen haben die beiden Männer am 22.2.1579 (pagg. 1.4); am 23.2. wurden die pagg. 4-8 bearbeitet, am 24.2. die pagg. 9-22, am 25. die pagg. 23-42 und am 26. die pagg. 43-60. Vgl. auch die Tabelle weiter unten, S. 203-4. ↑
- Der bei ihm am 16. April 1582 zu Besuch war; s. ausführlich weiter unten, S. 221 f. ↑
- Siehe MOENNIG (1994c) 265 und 278. ↑
- Vgl. MOENNIG (1994c: 265): »O Crusius μαθαίνοντας τα ελληνικά του 16. αι. είχε σημείο αναφοράς τη φωνητική ποικιλία των Γερμανικών και της τοπικής διαλέκτου. Στα φωνητικά αυτά συστήματα τα οδοντικά τριβόμενα, ηχηρά και άηχα, είναι άγνωστα. Είναι λογικό, λοιπόν, ότι ο Crusius άκουγε χειλοδοντικά τριβόμενα, γιατί αυτοί ήταν οι πιο συγγενικοί φθόγγοι που του ήταν οικείοι από τα γνωστά του φωνητικά συστήματα.« ↑
- Das war das zweite Mal, dass Donatos Geld sammeln durfte. Crusius hat ihm auch persönlich Geld gegeben (Donavi ei .1. Gülden Taler GH 53), sowie Empfehlungsschreiben für seine weitere Reise. ↑
- Aus Leipzig; der Dolmetscher sprach mit den beiden Griechen Italienisch: Interpretem habebant hi .2. Argyri secum, Ioann. Fridericum Weidnerum Lipsensem, procerum iuvenem, Lat. et Italicè scientem: nacti eum Wirceburgi. (GH 61) ↑
- Gemeint ist hier wohl ein Mitglied der Gemeinde, der im Auftrag der türkischen Verwaltung die Steuer eingezogen hat. ↑
- Ich habe diese Information nicht verifizieren können. ↑
- Andreas Argyrus kehrte im Jahr 1585 nach Tübingen in Begleitung eines anderen Griechen, des Priesters Ioannes Tholoites, zurück. Er berichtet, dass inzwischen Lucas sich (und seine Familie?) freigekauft hat und in Venedig glücklich lebt (Ait suum propinquum, D. Lucam Argyrum Sandorineum, Venetiis vivere, senem. Ambo ante .4. annos hic erant, et libertate nunc gaudent. GH 147). ↑
- Informationen aus einem Empfehlungsschreiben des Papstes Gregor XIII., den die beiden Griechen mit sich geführt haben und Crusius niedergeschrieben hat: Inter quos est Lucas de Argenteis, natione Graecus, servus humilis V.E. qui cum esset dominus in temporalibus castelli S. Nicolai insulae Santorinae circa Archipelagum: anno 1577. oppressus fuit à decem triremibus Turcicis. Captum fuit dictum eius castellum, cum omnibus suis pertinentiis. Adducti sunt in Tripolin Syriae, in misserimam captivitatem: uxor eius cum liberis, sororius, soror, cum tribus nepotibus. Quibus indicta est taxa 2.500 Cehinorum, sive tria millia Coronatorum, et septuaginta. (GH 60, in margine: Verba ex litteris papae Greg. XIII). ↑
- Epicteti libellum Graecum, Lutetiae 1580. ab Iacobo ἐπισκοπόπουλο (sic) (.cuius, et D. Andreae, matres, cognatae sunt.) minutis litteris in 8a. forma eleganter descriptum, et alba membrana (.cum Regis Gallorum insignibus, ex auro impressis.) ligatum (GH 63). Vgl. GH 177: 5. Epicteti Enchiridion, eleganter Graecè scriptum, pulchrè in membrana ligatum: mihi 23. Ianu. 1581, à .2. Graecis, domi meae hospitibus, Luca et Andrea Argyris, ex ins. Santorina ortis, donatum. Erwähnt auch bei SCHMID 1902: 78. Kein entsprechender Eintrag bei WILHELMI 2002 gefunden. Bei VOGEL/GARDTHAUSEN 1966: 154 ist ein Ἰάκωβος 'Επισκόπουλος ὁ Κρής ebenfalls aus dem 16. Jh. belegt. ↑
- Sonst hätte er solche ›Fehler‹ nicht machen können. Man kann meines Erachtens darauf verzichten, die ›Fehler‹ hier aufzuzählen, das Gesamtbild ist eindeutig. ↑
- S. auch FAUST 172: 145, wo Crusius Kommunikation mit den Argyris beschrieben wird. ↑
- Cod. Tyb. Mb 18 = TG 107-184. ↑
- Lemmata vermerkt in GH 71 mit der Randnotiz Def. Log. et alia; nähere Zuordnung unmöglich, da das Exemplar verschollen ist. ↑
- Etwas mehr als ein Zehntel der von Donatos gelieferten Glossen und Vocabula. Andreas Argyros hat jedoch das ›Versäumte‹ bei einem zweiten Besuch (zusammen mit I. Tholoites) im Jahre 1585 nachholen können. ↑
- Es handelt sich um die Ἱστορία Πατριαρχική (s. Kap. III, S. 97), die in der TG von Crusius herausgegeben wurde. ↑
- Es handelt sich um einen Franzosen, den Trucellus in München getroffen hat. (Comes eius, Gallus, vocatur Martinus Rolleon, von Orlientus. Monaci eum convenit. Uxorem habet. GH 87) ↑
- Vgl. die ›gelehrte‹ Form in der Aufschrift eines gedruckten Porträts des Crusius’, das Crusius an Trucello geschenkt hat: τὴν εἰκόνα τοῦ προσώπου μου (.excusam.) Alexandri paravi et dedi, hac inscriptione … τῷ ἀγαπητῷ εἁυτοῦ φίλῳ, Ἀλεξάνδρῳ τρουτζέλλῳ, ἐκ νικοσίας κύπρου ὁρμωμένῳ: κᾀμοὶ φιλικῶς ἐν τῷ οἴκῳ μου, ἐν τυβίγγῃ, τῇ .15. Ἀπριλλίου αφπβ΄ ἐντετυχότι. (GH 89-90). Um auf Nummer sicher zu gehen, falls Alexander das Geschenk auf seiner Reise verlieren würde, hat ihm Crusius auch eine Kopie gegeben: Dedi et alteram, τὴν αὐτὴν τῷ εἴδει, εἰκόνα, cum breviore inscriptione, sed tamen eisdem sententiae: ut, si unam ommitat, alteram habebat (GH 90). ↑
- Es handelt sich hierbei um eine umfangreiche ›Peregrinatio‹ des Trucello, die Crusius aufgezeichnet hat. S. weiter unten, S. 223-4 und MOENNIG 1994c: 266 und 271. ↑
- Kurze Abschnitte von Trucellos Erzählung hat MOENNIG 1994c: 271-2 herausgegeben. ↑
- Über die Schlacht von Lepanto als Aufhänger zu Crusius’ Entscheidung die ›vulgaris lingua graeca‹ zu lernen s. weiter oben, Kap. II, S. 67 f. ↑
- Diese Erzählung wird auch von MOENNIG 1994a: 266 erwähnt. Sehr lohnenswert wäre die Suche nach weiterem Material über diesen Helden in der Form von Volksliedern oder weiteren Erzählungen, die aber im Rahmen dieser Arbeit nicht geleistet werden kann. ↑
- Über die Funktion von καί in der Erzählprosa des Mittelalters und der Neuzeit s. EIDENEIER 1989. ↑
- Crusius sah auch bei Trucello seine bereits erwähnte These (s. oben, S. 201-2) bestätigt. ↑
- Im Original wird für στ der Buchstabe Ϛ von Crusius benutzt. Dies kommt in Crusius’ Handschrift sehr häufig vor. Die marginale Notiz στ. (von Crusius im Nachhinein als zusammenfassender Nebentitel dieser Stelle hinzugefügt) lässt darüber hinaus keinen Zweifel an der Richtigkeit dieser Lesung. ↑
- Ich lese an dieser Stelle σ mit einem darüber liegenden Strich. Crusius benutzt diesen Strich, wenn er einzelne griechischen Buchstaben aufschreibt (vgl. die Schreibungen für φ und θ in Abb. 13). Ob diese Schreibweise eine Besonderheit von Crusius ist oder eine verbreite Konvention seiner Zeit darstellt, habe ich nicht herausfinden können. ↑
- Die für einen Text, der als Privatnotizen gedacht war, vollkommen verständlich ist. Ich sehe mich in meiner Interpretation zusätzlich durch die bereits erwähnte marginale Notiz »στ« (s. oben Anm. 58) bestärkt. ↑
- Martini Crusii Grammaticae Graecae, cum Latina congruentis, pars prima (Basileae: Per Ioannem Oporinum, 1562); mehrere Editionen im 16. Jh. vorhanden. ↑
- Ich verstehe hier Potestas als Bezeichnung für den phonetischen Wert (= Aussprache) dieses griechischen Buchstabens. Crusius liefert auf Seite 4 seiner Grammatik weitere Informationen über die besondere Aussprache einiger weiterer Konsonantengruppen. ↑
- Die phonetische Notation wird an dieser Stelle nur als Klarheit schaffende Konvention verwendet, sie erhebt keinen Anspruch auf Genauigkeit. ↑
- Laut GH 88 hat Trucello und sein französischer Mitstreiter vor der Kirche Almosen annehmen dürfen; Crusius hat auch von anderen Stellen finanzielle Unterstützung organisiert. ↑
- S. oben, Kap. II, S. 63 ff. ↑
- Aus Krakau in Polen. Er spricht ein bisschen Latein und gut Italienisch. (Adolescens Cracoviensis, Sebastianus Fadas, paulum latinè, sed bene Italicè, sciebat. Vestitus longa tunica, alba, lanea.GH 120) ↑
- Auszug aus einer ›Peregrinatio‹ Calonas’, die er Crusius erzählt hat. Der ganze Text wird weiter unten (S. 240-2) wiedergegeben. ↑
- Der Gesamttext der Beschreibung wird wie üblich erst am Ende des Absatzes wiedergegeben. ↑
- Dieses Detail wird aber im ›Alphabetum‹ nicht erwähnt, s. Teilausgabe [→ ἐπανωφόριον, τό]. ↑
- Über Calonas’ Sprachkenntnisse s. weiter unten, S. 234 ff. ↑
- Dass Crusius dies sehr gut konnte, beweisen seine Predigtnachschriften in griechischer Sprache, s. WILHELMI 2002: 27-183, und weiter oben, Kap. II, S. 28. ↑
- Das fnhd. wird ebenfalls um Klarheit über den beschriebenen Gegenstand zu verschaffen (χιτὼν ÷ camisia, hemmet oder ein heublin, habens crucem, als schwantz) verwendet. ↑
- Über Crusius’ Mehrsprachigkeit insgesamt s. die kompetente Darstellung von FAUST (1972). ↑
- MOENNIG (1997:67) deutet diesen Passus als Indiz für Crusius’ heranwachsende Sprachkenntnisse im Bereich des »contemporary Greek«. Wie erwähnt, steht Graecè bzw. Griechisch hier ohne Zweifel für Griechisch. Ich habe darüber hinaus keine Nachweise finden können, dass Crusius ernsthaft den Versuch unternommen hat, das Frühneugriechische mündlich oder schriftlich zu verwenden. Zum gleichen Ergebnis kommt auch FAUST (1972: 148). Dass er unter Umständen in der Lage wäre, einzelne lexikalische Elemente in der Kommunikation mit seinen Informanten zu benutzen, würde ich als wahrscheinlich ansehen. Ich habe jedoch auch dazu keine Nachweise finden können. ↑
- Crusius hat in GH 105 den Titel notiert: Librum habebat secum Graecum, 4ae. formae, à littera A. usque ad Σ. ἅπαντα δυάδια: cuius titulus, rubris litteris maiusculis αἱ θεῖαι λειτουργίαι. τοῦ ἁγίου ἰωάννου τοῦ χρυσοστόμου. βασιλείου τοῦ μεγάλου. καὶ ἡ τῶν προηγιασμένων. Γερμανοῦ ἀρχιεπισκόπου Κωνσταντινουπόλεως, ἱστορία ἐκκλησιαστικὴ, καὶ μυστικὴ θεωρία. In fine verò, minusculis nigris. Ἐν ῥώμῃ χιλιοστῷ φκστ΄: μηνὸς ὀκτωβρίου, δεξιότητι Δημητρίου Δουκᾶ τοῦ κρητός. Es handelt sich um LAYTON 1994: Nr. 33 = BH I Nr. 76. ↑
- Über Crusius’ sonstige Beschäftigung mit dem Spanos s. weiter oben, Kap. IV, S. 140 ff. ↑
- Andreas Argyrus andererseits, der von Crusius ebenfalls nach der Bedeutung des Wortes σπανός befragt wurde, nennt nur die richtige Interpretation des Wortes an Crusius (s. weiter oben, Kap. IV, S. 141). ↑
- Die neuesten Forschungen über den Spanos vermuten jedoch darunter eine versteckte anti-jüdische Satire (unveröffentlichte Dissertation von Tassos Karanastassis an der Aristoteles Universität Thessaloniki). ↑
- Denn bei einem stark dialektisch geprägten Text wäre er dazu überhaupt nicht in der Lage dies zu leisten. ↑
- S. die Tabelle mit der Übersicht über alle Informanten weiter oben, S. 179-80. Der Informant, der 8 Texte mit Crusius glossiert hat, Ioannes Dondes, blieb 54 Tage in Tübingen. ↑
- 28. autem Iun. schedam ad ambas superiores mensas miseram ego: rogans nobiles, honestisimmos, et doctis. iuvenes: quia grande λύτρον colligere cogatur, et D. D. Stephano Gerlachio bene notus sit: darent ipsi quoque ei ἐλεημοσύνην. Noluit ipsemet mensas illas accedere, dicens: αἰσχύνομαι πορεύεσθαι. Sic etiam 29. Iun. nolebat ipse ante Templum stare: metuens, se irrideri: donec vix ei persuasi. GH 120. ↑
- S. PODSKALSKY 1988: 101 ff. mit weiterer Bibliographie. ↑
- Patriarch von Konstantinopel von Sommer 1556-Januar 1565 (PODSKALSKY 1988: 398). ↑
- Patriarch von Konstantinopel von Januar 1565 - 4. Mai 1572 und 23. November 1579 - 9. August 1580 (PODSKALSKY 1988: 111 Anm. 468 und 398). ↑
- Es handelt sich um den Archimandriten und späteren Patriarchen Theoleptos II.; durch ihn gelang 1581 das erste Antwortschreiben Hieremias in die Hände des polnischen Hofpredigers Stanislaus Sokolovius. S. PODSKALSKY 1988: 114. ↑
- Heute noch Χιμάρα, große griechischsprachige Gemeinde in Albanien. ↑